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Forschung

Konzeption des Faches

Im Mittelpunkt von Lehre und Forschung stehen die deutsche und europäische Kultur-, Sozial und Wissensgeschichte vom Anfang des 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts. Dabei wird ein dezidiert geschlechtergeschichtlicher Ansatz verfolgt. Das Augenmerk richtet sich insbesondere auf die Geschichte der Normierung von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit", Medizin- und Körpergeschichte, Mentalitäts- und Alltagsgeschichte, historische Kriminalitätsforschung, Geschichte des Krieges und der Gewalt, sowie auf die Erforschung der Genese und Mechanismen von Wissen und Wissenstransfer.

Aktuelle Forschung
Prof. Dr. Maren Lorenz

Körperbeherrschung. Konfessionalisierte Ehegerichtsbarkeit in den Hohenloher Territorien zwischen (bevölkerungs-) politischem Verfahren und persönlichem Konflikt, 1648–1806

DFG-Projekt (Sachmittel)

Die DFG finanziert drei Mitarbeiter*Innenstellen sowie Sachmittel für drei Jahre. Das Forschungsprojekt wird voraussichtlich im Februar 2022 seine Arbeit aufnehmen und besteht aus den folgenden Teilprojekten:

TP 1: Kommunizieren und Re(a)gieren. Konsistoriales Verwaltungshandeln als gouvernementaler Prozess und multilaterale Interaktion, 1648-1806

TP 2: (Im-)Potenz und (Un-)Fruchtbarkeit vor hohenlohischen Kirchengerichten. Zur Rolle der Fortpflanzung für die territoriale Sexualitätspolitik, 1648-1806

TP 3: Ehedispense als Medium der Konfessions- und Bevölkerungspolitik im Spiegel hohenlohischer Pfarrberichte und Ehegerichtsakten, 1648-1806

Das Projekt verbindet die geschlechter- und körpergeschichtliche Dimension mit dem praxeologischen Ansatz der neueren Verwaltungs- und Landesgeschichte. Die Bedeutung der relationalen Kategorie Geschlecht wird für die Konstituierung und Stabilisierung von Herrschaft und Staatlichkeit im Sinne der Foucaultschen Gouvernementalität und Biopolitik überprüft. (Geschlechter- und Körpernormen, Selbst- und Fremdzuschreibungen im frühneuzeitlich konfessionalisierten Staatsbildungsprozess).

Anhand bisher nicht untersuchter Ehegerichtsverfahren vor den konfessionell heterogenen hohenlohischen Konsistorien der verschiedenen Linien (1648 bis zur Mediatisierung 1806) sollen die konkreten Wege und Formen der Stabilisierung frühmoderner Staatlichkeit und die Durchdringung aller Lebensbereiche, bis auf die Ebene des Körpers des Individuums untersucht werden.

Das Fehlen einer intermediären Schicht wie Niederadel oder Landstände ermöglicht die Analyse des direkten Eingreifens der Herrscher und ihrer Räte in das (Familien-)Leben der Untertanen. Konkret sollen die auf Ehe-, Sexualität und Fortpflanzung bezogenen Verfahren einerseits auf ihre bevölkerungspolitische Bedeutung hin untersucht, andererseits der Charakter und die Rolle von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern sowie generellen Ehevorstellungen für die verschiedenen Verfahrensbeteiligten herausgearbeitet werden.

An dieser Schnittstelle von emotionalisierten und strategischen Konflikten um das Auflösen bzw. Eingehen einer Ehe, lässt sich die Gemengelage administrativer Verfahren, herrschaftlicher Interessen und formal nicht-staatlicher Instanzen wie Familie, Nachbarschaft, Arbeitsumfeld und Gemeinde nachverfolgen und beschreiben. Hierbei wird zwischen der Ordnungsfunktion von Sexualitätspolitik in Form bevölkerungspolitisch motivierter Ehebeschränkungen bzw. Ehebeförderung auf der einen und der theologisch motivierten Unzuchtsbekämpfung auf der anderen Seite zu unterscheiden sein.

Besonderes Augenmerk kommt dabei 1. den vielfältigen, teilweise konkurrierenden Normen und Verwaltungspraktiken, u.a. der Einholung externer Berichte und Gutachten durch Mediziner, Juristen und Theologen zu. 2. stehen die Beamten und Pfarrer im Fokus, fungierten diese doch als Scharnier zwischen Untertanen und Herrschern. Und 3. gilt es, den Einfluss der konfessionell konkurrierenden Interessen der verschiedenen hohenlohischen Linien dabei mit zu berücksichtigen.



Erfassung und Aufarbeitung der Sammlungsbestände des Frauenarchivs an der Ruhr-Universität Bochum seit 1978

Projekthomepage

Projektlaufzeit: 01.04.2022 – 31.12.2022

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Maren Lorenz & Dr. Muriel González Athenas

ProjektmitarbeiterInnen:

  • Katja Teichmann (wissenschaftliche Mitarbeiterin)
  • Charlotte Kaiser (wissenschaftliche Hilfskraft)

Kontakt: digitalisierung-lieselle@ruhr-uni-bochum.de

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Dr. Daniela Rüther
„Die andere Seite der Ladentheke. Verkäuferinnen in Großbetrieben des Lebensmitteleinzelhandels in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts“

DFG-Projekt: Eigene Stelle

In der Corona-Krise erlebte das traditionell vorwiegend weibliche Verkaufspersonal im Lebensmitteleinzelhandel eine bis dahin nicht gekannte gesellschaftliche Anerkennung. Welche Rolle die Verkäuferinnen für den Aufstieg der heute dominierenden Großfilialbetriebe zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielten, ist bis dato unerforscht. Denn das in Deutschland noch vorherrschende Narrativ zur Erfolgsgeschichte der Großbetriebe im Lebensmitteleinzelhandel, die als Wegbereiter der modernen Massenkonsumgesellschaft gelten, rückt die Effizienz und Wirtschaftlichkeit dieser Betriebsform in den Mittelpunkt und blendet den eigentlich elementaren Faktor aus: die Frauen hinter der Ladentheke. Mit dem Forschungsvorhaben sollen die Verkäuferinnen in den Filialen der damals sogenannten Massenfilialbetriebe erstmals in den Blick genommen und das noch vorherrschende Narrativ dekonstruiert werden. Die empirische Erforschung des weiblichen Verkaufspersonals soll Erkenntnisse generieren, die nicht nur zu einem differenzierteren Bild der Verkäuferin führen werden, sondern auch zur weiblichen Erwerbstätigkeit insgesamt. Das Projekt leistet insofern auch einen Beitrag zur neu belebten Geschichte der Arbeit(swelten) in Deutschland.



Impression aus dem ersten Lockdown. Sie zeigt, dass das ‚generische Maskulinum‘ die nach wie vor zentrale Geschlechterdimension für die Filialgeschäfte schlicht ausblendet.
Impression aus dem ersten Lockdown. Sie zeigt, dass das ‚generische Maskulinum‘ die nach wie vor zentrale Geschlechterdimension für die Filialgeschäfte schlicht ausblendet.
© Daniela Rüther

Projektlaufzeit: 36 Monate
Projektleiterin: Dr. Daniela Rüther
Kontakt: Daniela.Ruether [at] rub.de



Christina Schröder (M.A.)
Dissertationsprojekt: Der weibliche Körper als Objekt politisch-dynastischer Verhandlungen – Perspektiven auf angebliche und tatsächliche Schwangerschaften hochadeliger Witwen im 17. und 18. Jahrhundert (Arbeitstitel)

Das Promotionsprojekt „Der weibliche Körper als Objekt politisch-dynastischer Verhandlungen – Perspektiven auf angebliche und tatsächliche Schwangerschaften hochadeliger Witwen im 17. und 18. Jahrhundert“ [Arbeitstitel] untersucht in geschlechtergeschichtlicher und körperhistorischer Perspektive und ausgehend von den Ansätzen der Neueren Kulturgeschichte Fälle schwangerer oder vermeintlich schwangerer Witwen. Hierbei wird versucht, die vielfältigen Selbst- und Fremdwahrnehmungen in den Blick zu nehmen, denen der hochadelige weibliche Körper im besonderen Zustand zwischen Gewissheit und Ungewissheit, sichtbaren, spürbaren und unsichtbaren Zeichen und zwischen abschließender Bestätigung oder Verneinung der Schwangerschaft ausgesetzt war. Ausgehandelt wurde dieser Prozess häufig im Spannungsfeld zwischen der somatischen Wahrnehmung und dem somatischen Wissen der Frau auf der einen und dem gelehrten Wissen der häufig zu Rate gezogenen Ärzte und Hebammen auf der anderen Seite.

Im Mittelpunkt des Promotionsvorhabens sollen Fälle von Witwen stehen, die bis zum Tod ihres Ehemannes kein Kind zur Welt gebracht hatten oder zum Zeitpunkt des Todes keinen lebenden Erben vorweisen konnten und somit die ‚Pflicht’ der Sicherung des Fortbestands der Familie bislang nicht erfüllt hatten. Es wird davon ausgegangen, dass vor dem Hintergrund des hohen dynastischen, familiären und öffentlichen Stellenwertes, den Nachkommen für den Hochadel in der Frühen Neuzeit hatten, eine auch nur zunächst vermutete Schwangerschaft einer kürzlich verwitweten Fürstin eine Erweiterung ihres individuellen Handlungsspielraums als nun potentielle Fortführerin der jeweiligen Linie zur Folge hatte. Weiterhin soll der Vermutung nachgegangen werden, dass der bloße Verdacht einer bestehenden Schwangerschaft bereits zahlreiche politisch-dynastische Prozesse und Verhandlungen verschiedener AkteurInnen und Institutionen in Bezug auf Macht-, Erb- und Herrschaftsansprüche in Gang setzte. Gleichzeitig ermöglicht die intensive Beschäftigung mit einzelnen Fällen aus dem 17. und 18. Jahrhundert die zeitgenössischen Diskurse über die Themenkomplexe Fruchtbarkeit, Fortpflanzung, Schwangerschaft und Nachkommen sowie die Verhandlung derselben nachvollziehen zu können. Hier möchte die geplante Untersuchung einen Beitrag zur noch lückenhaften Geschichte des adeligen weiblichen Körpers und dem Umgang mit adeligen Schwangerschaften leisten. Außerdem sollen neue Erkenntnisse über die bislang nur in Ansätzen erforschten Lebenswirklichkeiten fürstlicher Witwen gewonnen werden.