Landschaft Machen.

Ein archäologisches Landschaftsprojekt und Lehrgrabung in Sant'Antioco, Sardinien

 

Ansprechpartnerin: Jun. Prof. Dr. Constance von Rüden

 

 



Blick vom Villaggio nach Südosten
Blick vom Villaggio nach Südosten

 

Im Sommer 2017 konnte das landschaftsarchäologische Feldprojekt in Sant’Antioco, einer Insel im Südwesten Sardiniens, in Kooperation mit dem Kulturverein Il Calderone erstmals in Angriff genommen werden. Insbesondere der südliche Abschnitt der Insel um die Canai-Ebene bietet eine erstaunliche Dichte prähistorischer und nuraghenzeitlicher Strukturen und damit eine nahezu perfekte Ausgangslage für die Untersuchung einer nuraghischen Mikroregion und ihres Siedlungssystems unter einem landschaftstheoretischen Ansatz. Dort war und wird es Studentinnen und Studenten möglich sein die Überreste der sogenannten Nuraghen und weiterer zugehöriger Strukturen in und um die Canai-Ebene zu dokumentieren und somit erste praktische Fähigkeiten für ihre zukünftig eigenständigen Forschungen zu erlernen.

 



Fragestellung und Herangehensweise


Im Vordergrund der Arbeiten steht vorerst die Auffindung und Identifikation der prähistorischen Wohn-, Ritual- und Bestattungsplätze, sowie die chronologische Zuordnung der einzelnen baulichen Strukturen. Durch großflächige Surveys, Prospektion, Fernerkundung und Grabungen in und um die Canai-Ebene sollen die Strukturen in Beziehung zu ihrer Umgebung gesetzt werden, wodurch Siedlungs-, Nutzungs- und Mobilitätsdynamiken greifbar werden. Mittels eines praxistheoretischen Ansatzes erfolgt in den kommenden Jahren zudem auf Basis einer Rekonstruktion der Ressourcenwahl, sowie der Erschließung von Wegenetzen und Siedlungsweisen eine Annäherung an die Erfahrungen und die Lebenswelten der damals dort lebenden Menschen.



Dokumentation der architektonischen Strukturen des Villaggio
Dokumentation der architektonischen Strukturen des Villaggio

 

Neben klassischer Felddokumentation stehen bei der Aufnahme einzelner Strukturen und ganzer Landschaften vor allem auch Computer-gestützte Methoden im Mittelpunkt. Die Befunde werden daher nicht nur zeichnerisch und fotografisch dokumentiert sowie detailliert vermessen, sondern im Anschluss auch durch digitale Geländemodelle und 3D-Dokumentationen ergänzt.

 

Drohnenflug für das 3D-Modell
Drohnenflug für das 3D-Modell

Kampagne 2017: Gruttiacqua


Nach einer ersten Geländebegehung 2016 konnte im Sommer 2017 auch dank der Fritz Thyssen Stiftung eine Pilotstudie durchgeführt werden. Das untersuchte Areal beschränkte sich dabei zunächst auf das Gebiet um Gruttiacqua am südwestlichen Rand der Canai-Ebene, das aufgrund seiner großen Anzahl prähistorischer Strukturen vermutlich eine der Hauptagglomerationen der Region darstellt. Dabei wurde die erstaunliche Funddichte und besondere Erhaltung des sogenannten östlichen „villaggio“ deutlich, sodass die Arbeiten sich im Laufe der Feldkampagne vermehrt auf diesen Bereich konzentrierten und dieser in mühevoller Kleinstarbeit, finanziell unterstützt von der Kommune Sant’Antioco, vom Macchiabewuchs befreit wurde. Eine Umfassungsmauer im südöstlichen Teil sowie mehrere Bauten im Inneren des Plateaus zeigen Parallelen zu früh- und mittelbronzezeitlichen sowie früheisenzeitlichen Fundorten in Sardinien und sprechen, genau wie die technischen Details und Bauweise, für ihren Ursprung in einer nuraghischen Bautradition. Weiterhin wurde das nahegelegene Gigantengrab Su Niu de Su Crobu, ein megalithischer Grabtypus der Bronzezeit, dokumentiert.


SfM des Gigantengrabes Su Niu de Su Crobu
SfM des Gigantengrabes Su Niu de Su Crobu

Kampagne 2018: Fernerkundung, Survey und Interviews


Dank der Unterstützung des Projektes „Iglesiente“ unter der Leitung von Bärbel Morstadt konnten bereits im Frühjahr 2018 einige Nuraghen der Canai-Ebene durch Luftbildaufnahmen von Baoquan Song dokumentiert werden, was gerade bei den zum Teil nur sehr schwer zugänglichen Bauten von großem Vorteil ist. Während der eigentlichen Kampagne im September wurden schließlich die Arbeiten auf dem sog. „villaggio“ fortgesetzt. Erneut mit Unterstützung der Kommune konnte nun auch der nördliche Rand des Plateaus von der Macchia befreit, dokumentiert und in das bereits 2017 erstellte 3D-Modell integriert werden. In diesem Zusammenhang wurden auch die Oberflächenfunde aus 2017 und 2018 im Magazin der örtlichen Soprintendenz systematisch aufgenommen. Dadurch konnten deutlich zwei Hauptnutzungsphasen identifiziert werden, eine nuraghische und eine rezente. Zusätzlich war es möglich eine erste makroskopische Differenzierung der verwendeten Tonrezepturen der nuraghischen Phasen vorzunehmen, die als Grundlage einer petrographischen und chemischen Untersuchung der ebenfalls in diesem Jahr genommenen Proben dienen soll. Letztere werden im Rahmen der Masterarbeit von Marie Usadel in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bergbau-Museum durchgeführt, die die Frage der potentiellen lokalen Ressourcen und der Aufbereitungstechniken des Tons diskutieren soll.
Darüber hinaus wurde ein systematischer Survey, auch dank der engagierten Mitarbeit von Barbora Weissova, in der heute landwirtschaftlich genutzten Canai-Ebene begonnen und dabei konnten Fundplätze von der (Sub)Ozieri-Phase (neolithisch/chalkolithisch) bis zur römischen Zeit identifiziert werden. Ziel ist es auf Basis der aufgefundenen Fundkonzentrationen ein besseres Verständnis der räumlichen Anordnung von Fundorten und der diachronen Veränderungen des Siedlungssystems zu gewinnen. Der dabei zentrale Kontakt zu den Feldbesitzern und deren Familien wurde uns dank unseres Partners, des Kulturvereins Il Calderone ermöglicht, der daher unsere Arbeit in großem Maße befördert hat und ohne den das ganze Projekt nicht durchzuführen wäre.


Systematischer Survey 2018
Systematischer Survey 2018

 

Im Laufe der Arbeiten vor Ort wurden zudem einige ausgewählte nuraghische Fundorte im Zuge einer Prospektion besucht, darunter die Nuraghen Sa Pruna, Su Fraizzu, Gruttiacqua, Montarveddu, Porta Triga und Serra Nuarxis. Sofern es sowohl ihre Erhaltung als auch der Bewuchs erlaubte, wurde die Architektur der einzelnen Bauwerke durch Skizzen, Photographien und Beschreibungen festgehalten. Zudem wurden eine erste Ansprache des Baumaterials vorgenommen, Proben entnommen und Referenzmaterial gesammelt. Von besonderem Interesse war dabei der Vergleich des Baumaterials mit der lokalen Geologie oder die Variabilität des Baumaterials innerhalb einer Nuraghe. Zudem ist auf Grundlage dieser Daten eine audio-visuelle Untersuchung der Nuraghenkomplexe der Canai-Ebene das Ziel der Masterarbeit von Tim Klingenberg. Ergänzt wurden die Prospektion und Fernerkundung der Canai-Ebene im Oktober 2018 durch einen LiDAR-scan des südlichen Inselabschnittes durch die Firma Airborne Technologies, der dank der großzügigen Unterstützung der Fondazione di Sardegna sowie ergänzenden Mitteln der Fakultät für Geschichtswissenschaft finanziert werden konnte und in den kommenden Monaten ausgewertet werden soll. Dank der RUB Research School Plus war es möglich die Arbeiten vor Ort zu begleiten.
Die Arbeit auf Sant’Antioco bietet neben dem rein archäologischen Erkenntnisgewinn auch eine Möglichkeit die Beziehungen zwischen Wissenschaft und lokalen Interessen, im Sinne einer ‚Community Archaeology‘, zu erforschen. Dieser besondere Zugang ergibt sich auch aus der Tatsache, dass die erste Initiative für das Projekt von der lokalen Kulturstiftung Il Calderone ausging, weshalb die lokalen Akteure einen bedeutenden Grundpfeiler des Forschungsvorhabens einnehmen. Aus diesem Grund wurde in diesem Jahr eine Pilotstudie durch Antonia Davidovic-Walter und Maja Gori vorgenommen, die im Sinne einer qualitativen Studie Interviews mit Funktionsträgern der lokalen Gemeinde, mit Angestellten des lokalen Museums sowie mit Mitgliedern der Kulturstiftung Il Calderone führten. Damit soll unter anderem ein besseres Verständnis für die Interessen, Beweggründe und Ideen der lokalen Partner*innen gewonnen werden.

 

Constance von Rüden, unter Mitarbeit von Tim Klingenberg, Kevin Spathmann und Marie Usadel