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Wodurch entsteht Prosopagnosie?
In der neurologischen Fachliteratur finden sich vergleichsweise wenig Berichte über Prosopagnosie. Ein Teil der Patienten leidet nach einer Hirnverletzung, z. B. durch einen Unfall mit Kopfverletzung oder einen Schlaganfall unter der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen. Man spricht dann von einer erworbenen Prosopagnosie. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Hirnschädigung unter Prosopagnosie zu leiden ist relativ gering, da die Schädigung zum einen nur einen relativ kleinen Teil des Gehirns betreffen darf, diesen aber (aller Wahrscheinlichkeit nach) in beiden Hirnhälften. Demgegenüber gibt es Berichte über eine Anzahl von Menschen, die von Geburt an keine Gesichter erkennen können. Häufig wird bei solchen Menschen schon früh eine Auffälligkeit in der Entwicklung festgestellt. Ein guter Teil dieser Patienten leidet unter Autismus oder dem Asperger Syndrom. Dabei handelt es sich um tiefgreifende Beeinträchtigungen der normalen Kindesentwicklung mit Auffälligkeiten im sozialen und emotionalen Bereich, oft einhergehend mit Verzögerungen in der motorischen Entwicklung und oft einhergehend mit einer geistigen Behinderung. Letzteres ist aber längst nicht immer der Fall. Manche Patienten mit Autismus oder vor allem dem Asperger Syndrom entwickeln normale oder gar weit überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten, die dann relativ geringen sozialen und emotionalen Fähigkeiten gegenüberstehen. Worin der Zusammenhang zwischen Autismus / AS und Prosopagnosie besteht ist nicht klar. Eine denkbare Erklärung wäre ein genetischer Defekt, der sich auf die Ausreifung unterschiedlicher Gehirngebiete auswirkt und deshalb verschiedene Fähigkeiten beeinträchtigt. Es lässt sich aber nicht ausschließen, dass eine zuerst vorhandene Prosopagnosie sich auch auf die Entwicklung emotionaler, sozialer und vielleicht auch kognitiver Fähigkeiten auswirkt. Ein Kind, das keine Gesichter erkennt, kann deshalb vielleicht seine Eltern nicht so gut von anderen Menschen unterscheiden, hat später weniger Freunde und entwickelt vielleicht statt dessen Interessen und Fähigkeiten, die sich von denen der meisten anderen Menschen unterscheiden. Bisher gibt es nur sehr wenige Berichte über Patienten mit Prosopagnosie, die neurologisch völlig unauffällig sind. Das kann vielleicht daran liegen, dass ein ansonsten völlig gesunder Mensch nie auf die Idee kommt, dass er eigentlich keine Gesichter erkennen kann, da er ja nie die Erfahrung gemacht hat, Menschen am Gesicht zu erkennen.

 

 

 

 

 

01.10.200224.04.2002

klinische-neuropsychologiechologie
Prof.Dr.Irene Daum

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