Transformationsprozesse in der ḥanafitisch-māturīditischen Theologie des 6./12. Jahrhunderts: Das Kitāb al-Kifāya fī l-hidāya fī ʿilm al-kalām des Nūr ad-Dīn aṣ-Ṣābūnī (gest. 580/1184)

Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen Transformationsprozesse, wie sie in der ḥanafītisch-māturīdītischen Theologie des 6./12. Jahrhunderts zu beobachten sind. Ausgehend vom Kitāb al-Kifāya fī l-hidāya fī ʿilm al-kalām, einer systematisch-theologischen Schrift des in Buḫārā wirkenden Nūr ad-Dīn aṣ-Ṣābūnī (gest. 580/1184), und den Berichten des ašˁaritischen Theologen Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 606/1210) über persönliche Begegnungen mit aṣ-Ṣābūnī soll analysiert werden, welche Veränderungen die māturīdītische Theologie gegenüber den Lehren ihres Gründers Abū Manṣūr al-Māturīdī (gest. 333/944) durchlaufen hat. Dazu soll zunächst eine textkritische Edition des Kitāb al-Kifāya auf der Grundlage mehrerer Handschriften erarbeitet werden. Anschließend soll der Inhalt dahingehend untersucht werden, inwieweit einerseits noch ältere māturīdītische Gedanken, wie sie etwa in den Schriften Abū l-Muʿīn an-Nasafī’s (gest. 508/1114) formuliert sind, aufgegriffen werden, andererseits aber, besonders im Bereich der Ontologie, auch Transformationen stattgefunden haben. Dies erfordert auch eine nähere Betrachtung der Entwicklung der ašʿarītischen Theologie, die von ar-Rāzī vermutlich unter philosophischem Einfluss gegenüber den älteren ašʿarītischen Entwürfen stark modifiziert wurde. Es ist zu prüfen, ob eine vergleichbare Entwicklung auch in der māturīdītischen Schule stattgefunden hat.
Durch die Arbeit an diesem Projekt wird ein weiterer Originaltext aus der ḥanafītisch-māturīdītischen Tradition zur Verfügung stehen, der zudem aus einer Zeit stammt, in der sich die ḥanafītischen Lehrtraditionen aus Samarkand auch in Buḫārā etablieren konnten, die für die frühere Zeit zwischen beiden Städten bezeugten Unterschiede in der Lehre also offenbar überwunden waren. Wie dem Text ar-Rāzī’s entnommen werden kann, scheint darüber hinaus gegen Ende des 6./12. Jahrhunderts, also lange vor den Harmonisierungbestrebungen in Osmanischer Zeit, eine Aufweichung der Argumentationslinien beider sunnitischer Schulen stattgefunden zu haben, so dass die geplante Studie auch einen Beitrag zur Erforschung der Relation zwischen Ašʿariyya und Māturīdiyya leisten soll.

Projektlaufzeit: 01. 09. 2018 – 31. 08. 2021


Kontakt: Dr. Angelika Brodersen