Johann Gottfried Herder

Klassiker der Kultur- und Bildungsphilosophie II:
Johann Gottfried Herder

Johann Gottfried Herder (1744-1803), Philosoph und Theologe, geboren in Mohrungen (Ostpreußen), verweist in seinen "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" von 1784/85 auf jene Bildungsgeschichte, die das hauptsächliche Medium ist, in welchem unser menschliches "Sich-Aufarbeiten" in historischen Prozessen statthaben kann. In einer signifikanten Steigerung der Bilder spricht Herder deshalb gar von der "goldenen Kette der Bildung". Die ebenso bewahrende, Altes aufgreifende wie schöpferisch verändernde Anverwandlung der kulturellen Tradition ermöglicht eine "zweite Genesis" des Menschengeschlechtes durch "Kultur und Aufklärung": der Mensch, physisch vorhanden, muss sich in der Kultur gleichsam noch einmal selbst erfinden.

Die "goldene Kette" der kulturellen Bildung
So gern der Mensch alles aus sich heraus hervorzubringen wähnet; so sehr hängt er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von anderen ab. Nicht nur Philosophen haben die menschliche Vernunft, als unabhängig von Sinnen und Organen, zu einer ihm ursprünglichen, reinen Potenz erhoben, sondern auch der sinnliche Mensch wähnet im Traum seines Lebens, er sei alles, was er ist, durch sich selbst geworden. [...]
Schränkte ich aber beim Menschen alles auf Individuen ein und leugnete die Kette ihre Zusammenhanges sowohl untereinander als mit dem Ganzen: so wäre mir abermals die Natur des Menschen und seine helle Geschichte entgegen: denn kein einzelner von uns ist durch sich selbst Mensch geworden. Das ganze Gebilde der Humanität in ihm hängt durch eine geistige Genesis, die Erziehung, mit seinen Eltern, Lehrern, Freunden, mit allen Umständen im Lauf seines Lebens, also mit seinem Volk und den Vätern desselben, ja endlich mit der ganzen Kette des Geschlechts zusammen, das irgend in einem Gliede eine seiner Seelenkräfte berührte. So werden Völker zuletzt Familien: Familien gehen zu Stammvätern hinauf: der Strom der Geschichte enget sich bis zu seinem Quell und der ganze Wohnplatz unserer Erde verwandelt sich endlich in ein Erziehungshaus unserer Familie. [...]
Alle Erziehung kann nur durch Nachahmung und Übung, also durch Übergang des Vorbildes ins Nachbild werden; und wie könnten wir dies besser als Überlieferung nennen? Der Nachahmende aber muss Kräfte haben, das Mitgeteilte und Mitteilbare aufzunehmen und es, wie die Speise, durch die er lebt, in seine Natur zu verwandeln. Von wem er also? Was und wie viel er aufnehme? Wie er es sich zueigne, nutze und anwende? Das kann nur durch seine, des Aufnehmenden, Kräfte bestimmt werden; mithin wird die Erziehung unseres Geschlechts in zwiefachem Sinn genetisch und organisch: genetisch durch die Mitteilung, organisch durch die Aufnahme und Anwendung des Mitgeteilten. Wollen wir diese zweite Genesis des Menschen, die sein ganzes Leben durchgeht, von der Bearbeitung des Ackers Kultur oder vom Bilde des Lichts Aufklärung nennen, so steht uns der Name frei; die Kette der Kultur und Aufklärung reicht aber sodann bis ans Ende der Erde.
[...]
Bleibt der Mensch unter Menschen: so kann er diesen bildenden oder missbildenden Kultur nicht entweichen: Tradition tritt zu ihm und formt seinen Kopf und bildet seine Glieder. Wie jene ist, und wie diese sich bilden lassen: so wird der Mensch, so ist er gestaltet. [...]
Die Philosophie der Geschichte also, die die Kette der Tradition verfolgt, ist eigentlich die wahre Menschengeschichte, ohne welche alle äußeren Weltgegebenheiten nur Wolken sind oder erschreckende Missgestalten werden. Grauenvoll ist der Anblick, in den Revolutionen [hier wohl auch wörtlich zu verstehen: Umdrehungen] der Erde nur Trümmer auf Trümmern zu sehen, ewige Anfänge ohne Ende, Umwälzungen des Schicksals ohne dauernde Absicht! Die Kette der Bildung allein macht aus diesen Trümmern ein Ganzes, in welchem zwar Menschengestalten verschwinden, aber der Menschengeist unsterblich und fortwirkend lebt. Glorreiche Namen, die in der Geschichte der Kultur als Genien des Menschengeschlechtes, als glänzende Sterne in der Nacht der Zeiten schimmern! Lass es sein, dass der Verfolg der Äonen manches von ihrem Erfolg zertrümmerte und vieles Gold in den Schlamm der Vergessenheit senkte; die Mühe ihres Menschenlebens war dennoch nicht vergeblich: denn was die Vorsehung von ihrem Wert retten wollte, rettete sie in anderen Gestalten. Ganz und ewig kann ohnedies kein Menschendenkmal auf der Erde dauern, da es im Strom der Generationen nur von den Händen der Zeit für die Zeit errichtet war und augenblicklich der Nachwelt verderblich wird, sobald es ihr neues Bestreben unnötig macht oder aufhält. Auch die wandelbare Gestalt und die Unvollkommenheit aller menschlichen Wirkung lag also im Plan des Schöpfers. Torheit musste erscheinen, damit die Weisheit sie überwinde: zerfallende Brechlichkeit auch der schönsten Werke war von ihrer Materie unzertrennlich, damit auf den Trümmern derselben eine neue bessernde oder bauende Mühe der Menschen stattfände: denn alle sind wir hier nur in einer Werkstätte der Übung. Jeder Einzelne muss davon und da es ihm sodann gleich sein kann, was die Nachwelt mit seinen Werken vornehme, so wäre es einem guten Geist sogar widrig, wenn die folgenden Geschlechter solche mit toter Stupidität anbeten und nichts Eigenes unternehmen wollten. Er gönnet ihnen diese neue Mühe: denn was er aus der Welt mitnahm, war seine gestärkte Kraft, die innere reiche Frucht seiner menschlichen Übung.
Goldene Kette der Bildung also, du, die die Erde umschlingt und durch alle Individuen bis zum Thron der Vorsehung reicht, seitdem ich dich ersah und in deinen schönsten Gliedern, den Vater- und Mutter-, den Freundes- und Lehrer-Empfindungen verfolgte, ist mir die Geschichte nicht mehr, was sie mir sonst schien, ein Gräuel der Verwüstung auf einer heiligen Erde. Tausend Schandtaten stehen da mit hässlichen Lobe verschleiert: tausend andere stehen in ihrer ganzen Hässlichkeit daneben, um allenthalben doch das sparsame wahre Verdienst wirkender Humanität auszuzeichnen, das auf unserer Erde immer still und verborgen ging und selten die Folgen kannte, die die Vorsehung aus seinem Leben, wie den Geist aus der Masse hervorzog.


Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784/85). Neuntes Buch. In: Sämtliche Werke. Herausgegeben von B. Suphan, Bd. 13, Berlin 1887 (343 ff., gek.)