Ernst Cassirer

Klassiker der Kultur- und Bildungsphilosophie V:
Ernst Cassirer

Der Kulturphilosoph Ernst Cassirer (1874-1945), der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste (er ging nach Schweden und dann in die USA), veröffentlichte sein an ein breiteres Publikum gerichtetes Werk "An Essay on Man" 1944 auf Englisch, nachdem er zuvor als Hamburger Hochschullehrer in umfassendster Gelehrsamkeit fast die gesamte deutsche Geistesgeschichte in seiner Muttersprache aufgearbeitet hatte. In diesem rückübersetzten "Versuch über den Menschen" sucht Cassirer den spezifischen Charakter der kulturellen Welt im Unterschied zu den Gegenständen und Abläufen des natürlichen Universums zu charakterisieren. Die eigentliche kulturelle Tätigkeit des Menschen liegt für ihn darin, dass dieser seine Welt als ein Symbolsystem erschafft. Cassirer sagt über den Menschen:

"Er lebt nicht mehr in einem bloß physikalischen, sondern in einem symbolischen Universum. Sprache, Mythos, Kunst und Religion sind Bestandteile dieses Universums. [...] Statt mit den Dingen hat es der Mensch nun gleichsam ständig mit sich selbst zu tun. So sehr hat er sich mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, dass er nichts sehen oder erkennen kann, ohne dass sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe".

Cassirer macht gewisse typische Weisen der Symbolisierung aus, um die sich eine "Philosophie der symbolische Formen" zu bemühen hat. Symbolische Formen sind die von ihm selbst erzeugten Erfahrungsmedien wie Sprache, Mythos, Kunst und Religion, mit denen der Mensch sich der Welt erkennend und bewältigend zuwendet (bei Kant waren dies eher naturwissenschaftlich inspirierte Kategorien gewesen). Diese produktive symbolvermittelte Aktivität ist der Kern von Cassirers Kulturbegriff; die kulturelle Arbeit eröffnet gar, wie es schließlich heißen wird, den "Prozess der fortschreitenden Selbstbefreiung des Menschen". Zur "Bildung", zur Selbsterweiterung und Selbsterzeugung aufgefordert, muss der Einzelne die Gehalte der Tradition verinnerlichen und sich zu eigen machen. Unser Protagonist wird zu einem bestimmten Zeitpunkt dann womöglich zu neuen Beiträgen zum Gesamtprozess auf der Höhe des von der kulturellen Arbeit erreichten Niveaus und darüber hinaus fähig. Er kritisiert die Tradition jetzt vielleicht und schafft Neues, aber erst einmal als ein Teil des bis dato entwickelten Ganzen, dem er sich aussetzen muss. Dieser doppelte Umstand erzeugt die kulturtypischen Prozesse von Tradition und Traditionskritik; er erweist alles Erkennen und Handeln als immer schon eingelassen in eine kollektiv tragende Sphäre der Kultur.

Ernst Cassirer, Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur, Frankfurt (Fischer) 1990; Hamburg (Meiner) 1996 (Zitat 49 f.)