Dr. Michael Hagemeister - Forschungsprojekt

Anti-modernes Andersdenken in Russland

Die Vorstellung einer bedrohten oder bereits verlorenen ursprünglichen Ganzheit und Einheit, die es zu bewahren bzw. wiederherzustellen gilt, ist eine der dominierenden Ideen des philosophischen, theologischen, politischen und ästhetischen Denkens in Russland vom frühen 19. Jahrhundert bis in die postsowjetische Gegenwart. Mit seinem Insistieren auf Ganzheit(lichkeit) oder Integrität (cel’nostʼ, celost’nostʼ) wendet sich dieses Denken zum einen gegen die westeuropäische Moderne, verstanden als Auflösung und Zerstörung der „ganzheitlichen Kultur“ (celostnaja kul’tura) des christlichen Mittelalters, ein Kulturtypus, der sich nach Auffassung bereits der slawophilen Romantiker und retrospektiven Sozialutopisten in idealer Weise in Byzanz und in der Moskauer Rus’ ausgeprägt hatte. Zum anderen gerät dieses Denken gerade durch seinen Ausschließlichkeits- und Universalitätsanspruch nur allzu oft in Konflikt mit dem herrschenden Diskurs der Macht (des Staates, der institutionalisierten Kirche, der offiziellen Ideologie). Damit erweist es sich als Andersdenken (inakomyslie) in Bezug sowohl auf den fremden ‚Westen‘ als auch auf die im eigenen Land akzeptierten und propagierten Normen bzw. (Selbst-) Beschreibungen der Gesellschaft. Das Projekt will diesen mehrfachen Bezügen nachgehen und die wesentlichen Konzepte des Andersdenkens mit seinen Annahmen, Traditionen und Diskursbesonderheiten, die bisher in ihrer Gesamtheit nicht erforscht sind, untersuchen. Die Rekonstruktion der „inneren Zusammenhänge“ zwischen Ansätzen, die auf den ersten Blick wenig gemein haben und daher auch nicht gemeinsam analysiert wurden, verspricht nicht nur Aufschluss über einen bestimmten für Russland höchst spezifischen Denktypus, sondern damit auch Erkenntnisse über zentrale Grundmuster und Besonderheiten der russischen Kultur jenseits der überkommenen westlichen Interpretationsmodelle und Zuschreibungen. Ausgehend von der dualistisch konstruierten Kulturtypenlehre Pavel Florenskijs und Aleksej Losevs wird im ersten Teil der Studie nach den Impulsen und Zielvorstellungen ihrer „monistischen Weltanschauung“ gefragt, doch auch nach Parallelen bei anderen Denkern wie Vladimir Solov’ev, Aleksandr Bogdanov, Nikolaj Berdjaev und Valerian Murav’ev. Wie das synthetisch-holistische Streben nach Aufhebung aller Trennung als alternatives Denken in der Abgrenzung und Affinität auf die „offizielle“ Ideologie und Religion bezogen war und wie es trotz Marginalisierung und Unterdrückung in der Sowjetzeit als Unterströmung weiterwirkte, wird ebenfalls zu untersuchen sein. Der zweite Teil befasst sich mit der Aktualität dieses Denkens im postsowjetischen Russland, wo es nicht nur in engen Zirkeln auf mitunter hohem theoretischem Niveau diskutiert wird („Neo-patristische Synthese“, „politischen Hesychasmus“, „Neo-Byzantinismus“), sondern gerade auch in trivialisierter Form (Filme, Zeitschriften) höchst populär ist. Zum Verständnis des heutigen Russland liegt in der Analyse dieses Denkens daher ein wichtiger Schlüssel.