RUB » Fakultät für Geschichtswissenschaft  » Forschungsprofil » Gesellschaftsentwürfe und Raumstrukturen

Forschungsschwerpunkte der FakultÄt:
Gesellschaftsentwürfe und Raumstrukturen

Der Forschungsschwerpunkt verknüpft die Untersuchung von Räumen mit den Methoden der Archäologien, der Kunstgeschichte und der Geschichte. Seit etwa 20 Jahren haben sich insbesondere in der Kunstgeschichte und der Archäologie neben Herangehensweisen, die durch kunstwissenschaftliche Methoden charakterisiert sind, naturwissenschaftlich-technische Analyseverfahren etabliert (z.B. Archäometrie). Beide Aspekte werden in Bochum in international herausragender Weise vertreten, wobei durch die Nähe entsprechender Partnerinstitute (insbesondere Deutsches Bergbaumuseum) besonders der zweite einen weithin profilbildenden Charakter angenommen hat.
Die verschiedenen disziplinären Ansätze werden in dem Schwerpunkt zueinander in Bezug gesetzt und erweitert um die historische Sicht sinnvoll miteinander verschränkt. Ziel ist es, durch die Bündelung dieser Aspekte, die heute isoliert voneinander arbeiten, eine grundlegende Neuorientierung der historischen Forschung zur Sachkultur und zur künstlerischen Hochkultur zu bewirken. Seit der Öffnung der historischen Disziplinen zur Kulturwissenschaft und zur Anthropologie stellt sich Raum als eine Grundkategorie zum Verständnis von Gesellschaft dar. Jeder soziale Austausch vollzieht sich in Räumen und wird durch räumliche Dispositionen strukturiert. Durch Funktion und Gestalt von Räumen werden Interaktionen gerahmt, erzeugt oder beschränkt, werden Ansprüche visuell dargestellt und legitimiert. Es kann sich bei solchen Interaktionen um Kommunikations-, Wahrnehmungs- oder Erinnerungsprozesse handeln, sie können in real gestalteten, bildlich dargestellten, imaginären, virtuellen oder Herrschaftsräumen unterschiedlicher Ausdehnung angesiedelt sein, diese im Bewusstsein der Betrachter/innen erst erzeugen oder auch immer wieder und weiter festigen.
Im Teilprojekt „Konfiguration von Räumen“ steht vor allem der Raum in seiner physischen und bildlichen Ausgestaltung im Vordergrund, werden architektonisch konzipierte Räume ebenso betrachtet wie deren – i. d. R. auf die Nutzungsart bezogene – Ausgestaltung. Das Teilprojekt „Imperienvergleich“ verbindet diesen Ansatz mit der Untersuchung des historischen Bezugs von Raum und Herrschaft.


Teilprojekt „Konfiguration von Räumen“


Antike sowie vor- und frühgeschichtliche Kulturen (Institut für Archäologische Wissenschaften) Ein zentraler Aspekt ist die materielle Ausgestaltung historischer Räume, z.B. von Wohn-, Stadt- oder Nekropolenräumen zur konkreten Nutzung, aber auch ideell, symbolisch durch künstlerische Werke. Interpretiert werden hier antike Bildwerke ebenso wie gestaltete Räume in ihren historischen Kontexten. Eine pionierhafte Stellung hat die Bochumer Archäologie auf diesem Gebiet durch die Entwicklung neuartiger technologischer Verfahren zur Rekonstruktion fast verlorener antiker Malerei und zur Strukturierung der umfangreichen Quellengattungen im Rahmen digitaler Materialvorlagen erlangt.
Arbeitsgebiete sind v. a. die Erforschung antiker Nekropolen, der Bestattungspraktiken und der bildlichen Ausgestaltung, (Prof. Bergemann, Prof. von Graeve, Dr. Kreuz, Prof. Lohmann, Dr. Weber-Lehmann), die Rekonstruktion und Erforschung der antiken Malerei (Prof. von Graeve, Dr. Weber-Lehmann), die Erforschung des antiken Porträts (Prof. Bergemann, Prof. von Graeve) sowie Arbeiten zum Thema “Romanisierung” im Rahmen des fakultätsübergreifenden Projekts “Imperienvergleich” (s. u.) (Prof. Bergemann, Prof. Ebel-Zepezauer). Mehrere der genannten Gebiete wurden und werden von verschiedenen Drittmittelgebern gefördert (u.a. DFG, Henkelstiftung, Krupp-Stiftung, Thyssenstiftung).

Ein zweiter Aspekt, der in seiner Fragestellung mit dem „Imperienvergleich“ (vgl. unten) eng verzahnt ist, ist der konkrete Umgang mit, das Leben und Wirtschaften in sowie die Herrschaft über größere und kleinere Räume. Angesprochene Problemfelder sind u.a. Urbanistik, antike Wirtschaft, antike Landwirtschaft, antike und moderne Kolonialismen (vgl. etwa die Miletgrabung, die Surveys in Milesia und Mykale bzw. Gela (Sizilien) und die Grabungen in Spanien und NRW). Der Schwerpunkt wird in der in hohem Maße profilierten feldarchäologischen Sparte der Klassischen Archäologie und der Ur- und Frühgeschichte thematisiert (u. a. Luftbildarchäologie Mitteleuropas und Chinas, Dr. Song). Ein Alleinstellungsmerkmal hat in diesem Zusammenhang die Vernetzung mit den naturwissenschaftlich archäometrischen Methoden der Fakultät für Geowissenschaften und dem Deutschen Bergbaumuseum gewonnen.

Moderne (Kunsthistorisches Institut) Analog zu und im Vergleich mit den Archäologien verfolgt die Kunstgeschichte die Frage, wie sich die Bedingungen für die materielle Gestaltung von konkreten oder medial erzeugten Räumen wandeln und in welcher Weise Räume als materielle, soziale und symbolische Konstruktionen erfahrbar und dargestellt werden. Dabei zielt das Verständnis von Raum als Interaktionsfeld nicht nur auf die ästhetische Ausstattung von Räumen und auf die Differenzierung unterschiedlicher Raumtypen, sondern auch auf die emotionale Besetzung und gesellschaftliche Kontrolle von Räumen im Spannungsfeld von Exklusion und Integration.

Das Teilprojekt verbindet Forschung und Lehre und strukturiert darüber hinaus zahlreiche Kooperationen. In der Forschung konzentrieren sich hier die Aktivitäten von Mitgliedern des Kunstgeschichtlichen Instituts. Diese behandeln u.a. die Geschichte der Interieurdarstellung (Prof. Söntgen) und der Herausbildung öffentlicher Stadträume (Prof. Steinhauser), die Denkmalkultur im öffentlichen Raum (Prof. Hoppe-Sailer; Prof. Erben), die Architekturwahrnehmung und –theorie (Prof. Erben, Jun.-Prof. Ruhl). Durch eine Juniorprofessur (Prof. Ruhl) und eine 2005 eingerichtete Merkator-Professur (Prof. James-Chakraborty) ist die Architekturgeschichte, für die die Fragestellung des Forschungsschwerpunkts von zentralem Interesse ist, in breitem Umfang am Institut verankert.

In der Lehre im Fach Kunstgeschichte werden kontinuierlich Veranstaltungen zum Thema des Schwerpunkts abgehalten; dieser Focus soll in Zukunft noch verstärkt werden. Dabei stellt es sich als ein primäres Anliegen dar, daß im Rahmen des Forschungsschwerpunktes inhaltliche Grundlagen erarbeitet werden, die in den geplanten Masterstudiengang “Museumskultur” (zusammen mit der Archäologie, den Medienwissenschaften und Museen im Ruhrgebiet) integriert werden. Versteht man das Museum als öffentlichen Raum für den Erwerb, die wissenschaftliche Erschließung und Systematisierung sowie die Präsentation von Kunstwerken und historischer Reliktüberlieferung, so liegt die inhaltliche Relevanz des Forschungsschwerpunktes für den Masterstudiengang auf der Hand.


Teilprojekt “Imperienvergleich”


Gegenstand sind politische, religiöse oder wirtschaftliche Machtbildungen mit überregionalem Einfluss und effizienter Gestaltungskraft im sozial-politischen Umfeld. Bildung und Zerfall solcher Imperien war in allen Epochen ein wichtiger Aspekt globaler Transformationen in machtpolitischer, kultureller, sprachlicher und ökonomischer Hinsicht.
Der zeitliche Rahmen umfasst antike, mittelalterliche und neuzeitliche Reichsbildungen bis zum 21. Jahrhundert. Der räumliche Zuschnitt ist auf sämtliche Weltregionen gerichtet, wobei großer Wert auf die Einbeziehung außereuropäischer nicht-westlicher, im besonderen ostasiatischer Imperien (China, Japan, Korea) gelegt wird.
Der Schwerpunkt verknüpft Raum und Herrschaft miteinander. Es sind daher sowohl die Archäologien und die Kunstgeschichte als auch alle Teilgebiete und Epochen der Geschichte sowie die Regionalgeschichten eingebunden (Proff. Bergemann, von Graeve, Lohmann, Ebel-Zepezauer, Erben, Hoppe-Sailer, Eder, Günther, HD Oberweis, Walz, Bösch, Weber, Ziegler, Wala, Fieseler, Adanir). Der vergleichende Ansatz wird durch Beteiligungen über die Fakultätsgrenzen hinweg – Romanistik (Proff. Arnscheid, Lebsanft, Tietz), Amerikanistik (Prof. Freitag), Orientalistik und Islamwissenschaft (Prof. Reichmuth), Komparatistik (Prof. Schmitz-Emans), Koreanistik (Prof. Eggert), Japanologie (Prof. Mathias), Sinologie und Geschichte Chinas (Prof. Roetz) – fruchtbar gemacht. Hinzu kommt Kontakte mit den Universitäten Essen, Münster, Leipzig und Wien.

Die Aktivitäten haben bereits zu drittmittelgeförderten Projekten geführt und werden seit dem vergangenen Semester über ein interdisziplinären Kolloquium zusammengefasst. Die Beantragung differenzierter Verbundforschung, etwa eine Forschergruppe, wird derzeit vorbereitet.


Einbindung in das RUB-Projekt „Globaler Wandel“


Dieser Forschungsschwerpunkt steht mit seinen Teilprojekten zu historischen Räumen und ihrer Konfiguration bzw. zu Großreichen im Zentrum des Korbes II des geplanten Kompetenz-Clusters zum Thema „Global Change“. Es findet Konsens in dieser Arbeitsgruppe, dass er neben den sprachlichen und literarischen Aspekten, die von der Fakultät V eingebracht werden, konstitutiv und unverzichtbar für die historische Dimension des Oberthemas sein wird.