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pix Systematische Theologie - Ethik
Prof. em. Dr. Christofer Frey
         
 
 
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Bemerkungen» Systematische Theologie - Ethik

A. Hat Luther vom 'papierenen Papst' (als der zum bloßen Gesetz gewordenen Bibel) gesprochen? Das fragen manche Kollegen.

Eine leider nur privat zugängliche Datei von Luthers Werken erlaubt im Programm <textpad> folgende Schritte:

1. Suche nach Absätzen mit 'pap.r', 'pap..r' (eine wildcard: i oder y; zwei wildcards: pi oder ie). Ergebnis der doppelten Suche (in 40 sec): 607 Absätze in der gesamten WA.

2. Dieses Ergebnis nach 'babst', bapst' durchsuchen (ba.st - mit wildcard): Es kommen nur 21 (markierte) Absätze in Frage.

3. In allen Absätzen stehen die beiden Lexeme nicht zusammen und bilden deshalb nicht den gesuchten Ausdruck.  

4. Der Ausdruck 'papierener Papst' wird Luther fälschlich zugeschrieben.

 

B. Hat sich Kant jemals auf den Psalm 23 bezogen und den hohen Wert der vier Wörter "du bist bei mir" hervorgehoben?

1. Predigten im Internet führen immer wieder ein angeblich von Kant stammendes Zitat in zwei Varianten oder in indirekter Zitation:

„Ich habe in meinem Leben viele kluge und
gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen
allen nichts gefunden, was mein Herz so still
und froh gemacht hätte wie die vier Worte
aus dem 23. Psalm: >Du bist bei mir<.“

"Alle Bücher, die ich gelesen
habe, haben wir diesen Trost nicht gegeben, den mir dies Wort der Bibel gab.“

Das Zitat ist in eher evangelikalen Spruchsammlungen und neuerdings auch in katholischen Gemeinden in Süddeutschland beliebt.

2. In der Akademieausgabe der Werke Kants (digitalisiert) findet sich nichts dergleichen oder auch nur eine ähnliche Aussage. Sie wäre Kant nur in seiner pietistischen Jugendzeit zuzutrauen, in der er aber noch nicht so viele Bücher gelesen haben könnte. Auch die CD von C. Worm findet nichts dergleichen.

3. Das Zitat wäre leichter auf Briefpartner Kants zurückzuführen - Collenbusch, Lavater, Jung-Stilling, aber auch Herder. Noch lässt sich kein Nachweis führen.

4. Eine - wenngleich schwache - Möglichkeit könnte sich daraus ergeben, dass Jung-Stilling in ihrer Nachbarschaft geboren wurde. Könnte er in seiner Biographie dieses Bekenntnis abgelegt haben? Immerhin schreibt er 1789 an Kant:

"Gott, wie ruhig, wie voller seeligen Erwartung können Sie dem Abend Ihres Lebens entgegengehen! Gott mache ihn heiter und voller Empfindungen der frohen Zukunft, leben Sie wohl, grosser edler Mann!" [Briefe an Kant, hg. v. J. Zehbe, Göttingen 1971, S. 74]

Und Kant antwortet u.a.:

"Bey der Rechtschaffenheit der Denkungsart und dem lebhaften Antheil an allem Guten, den Ihre an mich erlassene Briefe atmen, kan es nicht fehlen, daß die Ruhe der Seele, welche Sie mir am Abende meines Lebens nicht ohne Grund zuzuschreiben belieben, ihre eigene Tage, deren Sie noch viele erleben mögen, erheitern (sic!)." [Immanuel Kant, Briefe, hg. v. J. Zehbe, Göttingen 1970, S. 135]

5. Ein Hinweis auf die Herkunft könnte sich aus der Rückverfolgung des Zitats im Internet ergeben: Im Jahre 2001 findet sich der offenbar erste Beleg in einer Beerdigungspredigt in Hilchenbach. Zwei Jahre später wird es in Heidelberg aufgenommen und 2005 in der (katholischen) Prokathedrale in Stuttgart, von wo es offenbar via Internet in katholische Gemeinden eingewandert ist. Um 2010/2011 taucht es sehr häufig in protestantischen Predigten auf.  Der Prediger des Jahres 2001 ließ mich wissen, dass sich das Zitat in den Unterlagen der Verstorbenen fand; am Rande war 'Kant' angegeben. 

6.  Außerhalb des Internets fand sich nun (Februar 2013) ein Hinweis: Das Bayerische Ev. Kirchengesangbuch von 1994 führt das angebliche Kant-Zitat an. Der Evg. Presseverband Bayern als Herausgeber antwortet mir bis jetzt nicht auf meine Frage, woraus dieses Zitat genommen wurde.


C. Im Luther-Jahr treten viele Chöre auf und empfehlen ihre Beiträge zum Luther-Jahr mit

"Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Werk gewonnen...".

Dieses angebliche Luther-Zitat ist in der gesamten Weimarer Ausgabe der Werke Luthers allerdings nicht nachweisbar und wird Luther fälschlicherweise zugeschrieben. Lediglich 5 Stellen mit 'erkiesen' sind nachzuweisen - es handelt sich um Richter- oder Partnerwahl (usw.)

Mörike, Werke und Briefe, Bd. 19,1 (Briefe 1868-1875), S. 545 und 547 weisen dei Quelle des gedichts nach: Erdmann Neumeister, Geistliche Kantaten 1705.




 
 
 
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Letzte Änderung: 24.04.2002 | Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik