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2009

Marit Rullmann

Philosophin

Nach ihrer Buchhändlerlehre studierte Marit Rullmann von 1982 bis 1987 an der Ruhr-Universität Philosophie, Alt- und Neugermanistik. Heute ist sie freiberuflich tätig als Dozentin, Autorin und Philosophin. Außerdem ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin beim DGB-Bildungswerk NRW und befasst sich dort mit Projekten zum Thema Gender und Bildung.
Foto: Werner Schlegel

 

 

Irgendwann schrieb ich dann selber Bücher. Das war nicht so geplant, es hat sich so ergeben.

RUB Alumni: Seit 20 Jahren organisieren Sie Philosophische Cafés – heißt das, man sitzt gemütlich zusammen bei Kaffee und Kuchen und denkt ein bisschen nach?

Rullmann: Ganz genau das. Vor genau 20 Jahren, 1989, habe ich mit einer Kollegin das erste Philosophische Café in Gelsenkirchen und ein halbes Jahr später in Bochum durchgeführt. Und das mache ich heute noch, auch in vielen anderen Städten. Die Intention ist, der Philosophie in einem schönen Ambiente einen öffentlichen Raum zu verschaffen. Wir wollen in einer lockeren Atmosphäre mit den Menschen über anspruchsvolle Themen reden – nicht nur, aber auch. Wie das in der Philosophie so ist. Das Konzept geht auf: Das zeigen die Teilnehmerzahlen und die Diskussionen, die während der Philosophischen Cafés entstehen.

RUB Alumni: Gehen Sie dann in ganz normale Cafés in der Stadt?

Rullmann: Die Veranstaltungen finden in örtlichen Cafés statt. In Gelsenkirchen sind wir in der glücklichen Lage, eine wunderschöne Jugendstilvilla zur Verfügung zu haben, eigentlich ein Seniorenwohnheim mit einem öffentlichen Café und einem Raum, den man abtrennen kann, so dass man genügend Ruhe hat. In Bochum waren wir in unterschiedlichen Räumen, im Café Regenbogen in Dahlhausen oder auch im Tucholsky – da war es aber dann zu laut.

RUB Alumni: Sie scheinen ein besonderes Verhältnis zu Büchern zu haben…?

Rullmann: Ja, tatsächlich: Vor meinem Studium habe ich eine Buchhändlerlehre gemacht und lange in Bibliotheken gearbeitet. Auch während meines Studiums habe ich als Buchhändlerin mein Geld verdient. Irgendwann schrieb ich dann selber Bücher. Das war nicht so geplant, es hat sich so ergeben.

RUB Alumni: Die Bücher schreiben Sie dann als freiberufliche Philosophin?

Rullmann: Ja, das ist meine Tätigkeit im freiberuflichen Bereich, neben meinem „Brotberuf“. Manchmal ergeben sich auch Veröffentlichungen durch Vorträge, die ich halte.

RUB Alumni: Mit welchen Themenbereichen befassen Sie sich als Philosophin?

Rullmann: Ein Themenbereich kreist um Philosophinnen, das ist ja ein lange verdrängtes Kapitel in der Geschichte der Philosophie gewesen, quasi eine Marktlücke. Zum Beispiel habe ich zwei Bände über Philosophinnen von der Antike bis zur Moderne veröffentlicht. Ich habe mich mit Martha Nussbaum oder Luce Irigaray beschäftigt, auch mit Hildegard von Bingen, Simone de Beauvoir und mit Hannah Arendt. Im Zuge dessen habe ich zusammen mit meiner Kollegin Annegret Stopczyk u.a. auch eine Wanderausstellung mit dem Titel „Philosophinnen – Liebhaberinnen der Weisheit“ konzipiert.

Ein anderer Schwerpunkt ist das Thema Geschlechterdifferenz: „Frauen denken anders“ – das war ein weiterer Buchtitel – herausgebracht zusammen mit meinem Mann Werner Schlegel. Dort untersuche ich, wie sich das unterschiedliche Denken und Handeln von Frauen und Männern in der Philosophie bemerkbar macht. Das ist ein Thema mit dem ich mich aktuell wieder beschäftige, im Zusammenhang mit  der modernen Hirnforschung. Es gibt so viele Schnittmengen zwischen Lernen, Philosophieren, Hirnforschung und meinen anderen Schwerpunktthemen.

Andere Themen sind Ethik und Sprachphilosophie aber auch Randthemen wie Reisen oder Erinnerung. Sehr interessant war auch ein Auftrag zum Thema „Putzen aus philosophischer Sicht“. Manchmal werden Themen an mich herangetragen und dann macht es besonderen Spaß, sich damit zu beschäftigen.

RUB Alumni: Das klingt sehr vielfältig, nach sehr vielen Querverbindungen.

Rullmann: Ich arbeite interdisziplinär. Natürlich habe ich kein Universalstudium absolviert, habe also an vielen Stellen nicht die notwendigen Fundamente, aber es gibt ja auch eine Menge Kollegen und Kolleginnen, die ihre jeweiligen Fachbereiche verständlich vermitteln können. Natürlich dilettiere ich in den Neurowissenschaften, aber das ein oder andere verstehe ich und kann es sinnvoll für das Philosophieren anwenden. Das finde ich einfach spannend.

RUB Alumni: Denken Sie, dass Ihr Studium Sie auf Ihre heutige Tätigkeit gut vorbereitet hat?

Rullmann: Ich fürchte, dass die Antwort leider überwiegend negativ ausfällt. Ich will mal an ein paar Punkten schildern, was mir nach dem Studium alles gefehlt hat:
Man könnte ja meinen, wenn man Autorin ist, dann hätte man das Schreiben an der Uni gelernt. Das konnte man leider vollkommen vergessen. Ich hatte eine einzige Dozentin, die schreiben konnte, die schrieb auch für die ZEIT. Die Art des wissenschaftlichen Argumentierens, die wir an der Universität gelernt haben, ist zwar eine Grundlage, aber  nicht geeignet zum Schreiben von Büchern oder anderen Texten. Ich publiziere ja auch in wissenschaftlichen und anderen Medien. Und das war am Anfang schon eine ziemliche Katastrophe, was da von den Lektorinnen alles angemerkt wurde. Formulieren habe ich erst von meinem Mann gelernt, der Journalist ist. Wenn ich heute etwas irgendwo hinschicke, kommt es nicht mehr ganz so rot wieder zurück.

RUB Alumni: Sie sind ja jetzt auch einige Jahre im Geschäft.

Rullmann: Ja genau, einige Jahre im Geschäft, das ist auch so eine Sache, die uns damals im geisteswissenschaftlichen Studium gefehlt hat: der Bezug zur Arbeitswelt. Mir war damals ziemlich schnell klar, dass ich nicht an die Schule gehen wollte. Aber auf etwas anderes als eine Wissenschafts- oder Lehrerlaufbahn vorbereitet zu werden, das war nicht vorgesehen. Weder auf eine freiberufliche Tätigkeit, also auf eine Existenzgründung etc., noch auf andere Tätigkeiten, die nahe gelegen hätten. Also zum Beispiel eine Moderationsausbildung, Organisation, Management – das fehlte komplett.

RUB Alumni: Heute vermittelt der Optionalbereich entsprechende Zusatzqualifikationen, aber den gab es damals ja noch nicht. Trotzdem sind Sie ja heute tätig als Projektmanagerin im Bildungsbereich.

Rullmann: Ja, ich habe ja auf dem zweiten Bildungsweg studiert, hatte also schon vor dem Studium etliche Jahre gearbeitet und zwar in verschiedenen Tätigkeiten und Funktionen, in Bibliotheken, auch in leitender Funktion. Das hat mir das Ganze natürlich sehr erleichtert.

RUB Alumni: Sie waren auch Projektmanagerin der Lokalen Agenda 21 (Programm, das eine Kommune in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln soll, Anm. d. Red.) in Gelsenkirchen.

Rullmann: Ja, ich habe drei Jahre lang zusammen mit einem Kollegen die Lokale Agenda in Gelsenkirchen aufgebaut. Heute bin ich dort noch ehrenamtlich eingebunden und ab und zu kooperieren wir in bestimmten Projekten.

RUB Alumni: Ist „Nachhaltigkeit“ nicht ein Thema, über das man auch philosophisch nachdenken kann?

Rullmann: Auf jeden Fall, vor allem weil der Begriff „Nachhaltigkeit“ insbesondere im Projektbereich inzwischen zu einem schwammigen „Unwort“ geworden ist. Das Problem bei der Bewertung von Nachhaltigkeit ist ja die Frage, welche Indikatoren man heranzieht. Der Dreiklang von ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit ist sehr wichtig, wenn wir nur über ökonomische und nicht über ökologische Nachhaltigkeit reden, dann ist das zu einseitig. Und wenn man die soziale Nachhaltigkeit vernachlässigt, geschieht es zum Beispiel, dass es Menschen gibt, die trotz acht Stunden Arbeit am Tag nicht ihren eigenen Lebensunterhalt erwirtschaften können. Im Projektgeschäft wird Nachhaltigkeit zwar stereotyp eingefordert, aber nur einseitig angewandt.

RUB Alumni: Nachhaltigkeit erfordert also eine ganzheitliche Sicht, und die ist in unserer komplexen Welt, wo alles immer komplizierter und kleinteiliger wird, nur schwer einzulösen.

Rullmann: In der Tat, aber natürlich sollten wir den Anspruch haben, komplexe Systeme auch komplex zu beurteilen, das gilt z.B. für den Klimawandel wie für die sogenannte Finanzkrise. Wir kommen nicht darum herum, uns mit schwierigen Problemen zu beschäftigen, zu denen es keine einfachen, schwarz-weißen Antworten gibt.

RUB Alumni: Ist das nicht etwas, das man gerade in einem geisteswissenschaftlichen Studium lernt?

Rullmann: Ja, das ist etwas, das man lernen sollte. Ob man es wirklich lernt, das hing jedenfalls bei mir sehr stark mit einzelnen Dozenten und Professoren zusammen. Ich hatte ganz tolle, bei denen man das sehr gut lernen konnte, aber ich habe auch das Gegenteil kennengelernt. Da wäre der Erkenntnisgewinn auch nicht kleiner gewesen, wenn ich nur ein bestimmtes Buch gelesen hätte.

RUB Alumni: Welche Lehrenden haben Sie besonders geprägt?

Rullmann: Zum Beispiel war Professor Norbert Rath für mich ein ganz wichtiger Lehrer. Heute arbeitet er im Bereich Sonderpädagogik an einer Hochschule in Münster und wir haben noch ab und zu Kontakt. Der Sprachwissenschaftler Professor Ilpo Piirainen war  wichtig für mich, ebenso wie die Komparatistin Frau Dr. Bogumil. Außerdem die Professoren Bernhard Waldenfels und Frithjof Rodi. Von allen habe ich auf die eine oder andere Weise viel gelernt.

RUB Alumni: Was bedeutet Ihnen Ihr Studium heute?

Rullmann: Es war eine bedeutende Weichenstellung für mein gesamtes weiteres Leben, wenn auch in indirekter Weise: Denn das Thema, mit dem ich mich in den letzten zwanzig Jahren beschäftigt habe – was Frauen zur Philosophie beigetragen haben – kam ja in meinem Studium überhaupt nicht vor!

RUB Alumni: Gibt es einen Ort auf dem RUB-Campus, mit dem Sie besondere Erinnerungen verbinden?

Rullmann: Ich fand das Tropenhaus immer schön. Ansonsten, besondere Erinnerungen … zu meiner Zeit waren die Cafeterien in einem schlimmen Zustand, ich hoffe, dass sich das jetzt ein bisschen gebessert hat.

RUB Alumni: Haben Sie die neu renovierte Mensa schon kennengelernt? Sie ist 2006 nach dreijähriger Umbauzeit neu eröffnet worden und ist jetzt sehr schön, mit einer Kaffeebar, in der man vielleicht auch mal ein Philosophisches Café stattfinden lassen könnte …

RUB Alumni: Rullmann: Ja, das wäre doch mal eine Idee! – Die neue Mensa kenne ich noch nicht, ich werde sie mir aber auf jeden Fall mal ansehen.

RUB Alumni: Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie an Ihre Studienzeit an der Bochumer Uni zurückdenken?

Rullmann: Die Zeit, zu lesen, zu studieren, sich mit Dingen zu beschäftigen, ohne dass ein konkretes Ziel oder ein Arbeitsauftrag dahintersteht. Und natürlich auch mit anderen inhaltlich zu diskutieren, das ist ja im normalen Berufsalltag kaum möglich.

RUB Alumni: Diese Antwort zieht sich durch alle Interviews, die ich bisher geführt habe.

Rullmann: Das kann ich mir vorstellen! (lacht)

RUB Alumni: Gab es zu Ihrer Zeit an der RUB Dinge oder Umstände im Studienbetrieb, die Sie als veränderungswürdig betrachtet haben?

Rullmann: Ein großes Problem war damals, dass man an Literatur, die man brauchte, nicht sehr gut herankam. Da war ich privilegiert, weil ich in meiner vorherigen Arbeitsstelle, der Stadtbibliothek Gelsenkirchen, die Fernleihe nutzen konnte. Ich weiß nicht, inwieweit das jetzt besser geworden ist. Ansonsten hätte ich noch anzumerken, dass die Dozentinnen und Dozenten auf jeden Fall pädagogisch geschult sein müssten. Zum Teil herrschten da noch vorsintflutliche Lehrmethoden, ganze Vorlesungen wurden über Jahre nicht verändert. Als die Studierendenzahlen so stark angestiegen waren, hatten wir auf einmal „Seminare“ mit 100 Teilnehmern. Das geht natürlich in keinem Fach. Es gab damals auch so gut wie keine Tutoren, insgesamt müsste man zu einer besseren Vermittlung kommen und eine größere Methodenvielfalt einsetzen.

RUB Alumni: Da tut sich in den letzten Jahren sehr viel, die Studiengebühren werden dafür verwendet, die Lehre zu verbessern. Es sind zum Beispiel sehr viel mehr Tutoren geschult und eingestellt worden. Es gibt zurzeit auch einen Universitätspreis, der innovative Lehrformen an der Uni prämiert.

Rullmann: Donnerwetter!

RUB Alumni: Die Ruhr-Universität arbeitet also an diesem Thema. Zum Beispiel gibt es auch ein Schreibzentrum an der Ruhr-Universität, das Studierende dabei unterstützt, wissenschaftliches Schreiben zu lernen.

Rullmann: Das ist toll.

RUB Alumni: Möchten Sie den heutigen Bochumer Studierenden etwas mit auf den Weg geben?

Rullmann: In solchen Ratschlägen bin ich nicht besonders gut. (lacht) Wichtig ist glaube ich, dass man das, was man studiert und machen will, gerne macht. Das sollte man nicht aus den Augen verlieren, sonst gibt es irgendwann Probleme.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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