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2005

Jochen Malmsheimer

Kabarettist und Autor

Jochen Malmsheimer studierte Germanistik und Geschichte an der RUB. Sein Steckenpferd war die Mediävistik, dennoch hat er nach acht Semestern das Studium abgebrochen und sich für eine Ausbildung zum Buchhändler entschieden. Parallel dazu hielt er bereits kabarettistische Lesungen. Seit 1995 ist Malmsheimer hauptberuflicher Kabarettist.

 

Das war eine Riesen Sauerei – das ganze Gelände war ja schon eingeebnet und alles voller Dreck.

RUB Alumni: Wie sind Sie nach Bochum gekommen?

Jochen Malmsheimer: Über meinen Vater. Er hat 1967 als Doktorand am geologischen Institut der Ruhr-Uni angefangen und da ist er auch geblieben bis er emeritiert wurde. Wir sind aus Essen nach Querenburg gezogen und da bin ich mitgekommen, weil ich erst sechs war. Seit dem bin ich hier.

RUB Alumni: Und wie sind Sie dazu gekommen gerade an der RUB zu studieren?

Jochen Malmsheimer: Durch meinen Vater bestand ja schon mal die Nähe zur Universität. So bin ich einer der Wenigen, die sich nie in der Architektur verirrt haben, weil ich da als Kind drin groß geworden bin. Ich hab schon in den langen Gängen Fußball gespielt. Die Uni war dann das Nächste vor Kopf und was ich studieren wollte, konnte ich hier gut studieren. Warum sollte ich dann woanders hin? Das habe ich schon zur Bundeswehrzeit gemacht. Da war ich bereits 15 Monate ganz weit weg und dann sehr froh, als ich Moritz Fiege aus der Ferne grüßen sah und wusste, ich bin wieder zu Hause.

RUB Alumni: Mit wie viel Jahren waren Sie das erste Mal in der Uni?

Jochen Malmsheimer: Mit sechs. Meine Mutter war berufstätig, da bin ich oft mit dem Vater in die Uni gefahren und hab da gespielt. Ich kannte all die Professoren, Dozenten, auch viele von den Studenten und war da der Kleine. Da  hab ich viel entdeckt. Die Erwachsenen waren total beschäftig und da standen viele tolle Apparate rum und Sachen, mit denen man Unfug machen konnte – da habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich fand auch die Architektur damals sehr beeindruckend, das war enorm. Da gab es ja noch keinen Campus und nichts. Selbst die Studenten kamen mit Gummistiefeln. Das war eine Riesen Sauerei – das ganze Gelände war ja schon eingeebnet und alles voller Dreck. Also, traumhaft! Schöner kann es gar nicht sein!

RUB Alumni: Was hat Sie denn letztlich dazu bewogen, Ihr Studium abzubrechen?

Jochen Malmsheimer: Zwei Sachen: das Erste war, dass ich den Fehler gemacht habe „Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften“ intensiver zu belegen und das ist eine Sache, die mir mit einer derartigen Akribie den Spaß am Lesen genommen hat, das ich wirklich entlustet worden bin. Und zum anderen, dass ich immer mehr gejobbt habe, weil ich ein bisschen Geld brauchte und somit immer weniger studierte. Der Job war zwar furchtbar, aber sehr lukrativ. Dann schleicht sich das so ein und plötzlich ist alles vorbei. Das war sehr blöd. Außerdem wollte ich mich mehr auf Mediävistik konzentrieren. Das ging aber so wie ich das gerne wollte, hier damals nicht mehr so richtig gut. Dazu hätte ich die Uni wechseln müssen, aber das wollte ich nicht. Erst mal weil ich hier dran gehangen habe und weil ich emotional gebunden war - wie man so sagt -  da meine Freundin hier war. Also warum sollte ich dann woanders hingehen? Ich kannte das von der Bundeswehrzeit wie das so ist, wenn man sich so weit auseinander bewegt, das ist nicht gut.

RUB Alumni: Und was für ein Job war das?

Jochen Malmsheimer: In der Küche der Augusta Krankenanstalten, an einer Spülmaschine, die so groß ist wie unser Haus. Naja, nicht ganz (lacht). Das war sehr lustig, weil man da auch so Dinge findet wie Oberkieferteile und Prothesen, die die Oma rausgenommen hat - und alles ab in die Maschine, aber die Zähne sind dann immerhin sauber. Wenn die Sachen aus der Maschine rauskommen, sind die circa 100 Grad heiß. Ein Job der intellektuell nicht sehr anspruchsvoll war, aber körperlich hochanstrengend, weil es eben sauheiß war und deshalb das Einsortieren in einer atemberaubenden Geschwindigkeit abläuft. Außerdem sind das ja 15 Stationen à 80 Betten, da kommt also riesig was zusammen. Aber es war eine lustige Truppe. Wir arbeiteten abends von fünf bis acht und das gab ´ne satte Kohle. Fünf Tage die Woche und ab 8 gehörte der Abend dann mir. Aber für die wissenschaftliche Karriere war das dann nicht  mehr direkt förderlich.

RUB Alumni: Und wie sind Sie dazu gekommen, dann eine Ausbildung zum Buchhändler zu machen?

Jochen Malmsheimer: Ich fand das eigentlich ziemlich naheliegend. Irgendetwas, das mit lesen zu tun hat. In der Buchhändlerklasse waren dann alle nur Mädchen und entweder 16 oder 18 und ich mit 26 Jahren dazwischen. Unsäglich. Da musste ich wieder Diktate schreiben und so was.
Aber Buchhändler schien mir am passendsten - wobei das ja auch ein Euphemismus ist, es ist wird ja nicht gehandelt, die Preise stehen ja fest. Mit 30 hatte ich dann also einen Beruf – ein Alter in dem die ersten schon anfangen, sich auf den Ruhestand vorzubereiten.

RUB Alumni: Und wie ging Ihre kabarettistische Laufbahn los?

Jochen Malmsheimer: Ich glaube, das  war das erste Mal ´92, in einer Kneipe in Bochum. Es gibt ja in Buchhandlungen immer diese Lesungen – allein diesen Begriff, finde ich schon unerträglich. Zunächst mal muss einer nicht beides können: schreiben und lesen. Aber: dann muss man es auch nicht machen. Und bei den Autoren, die ich in meiner Lehre kennen lernen durfte, war es eben so. Das waren zum Teil begabte Schreiber, aber mit der Leserei hatten sie es nicht so, meinten aber, es machen zu müssen. Unerträglich! Das musste anders werden. Man muss dabei rauchen dürfen, man muss ´n Glas Bier trinken dürfen, man muss es sich gemütlich machen – warum also nicht in einer Kneipe? Da ist doch alles da. Also las ich im Puvogel – das ist heute der irische Pub an der Propsteikirche in der Innenstadt. Im Endeffekt wurde da eine Veranstaltungsreihe raus. Eine Reihe mit nur einem Gesicht fand ich aber ziemlich langweilig. Da habe ich einen Kollegen gefragt, ob er Lust hätte mitzumachen und dann wurde das ein Selbstläufer. So haben wir uns jeden ersten Sonntag im Monat fremde Texte zu einem Thema gesucht. Die einzigen Bedingungen waren, dass sie sprachlich relevant und komisch sein mussten. Das war ´n Kracher. Später haben wir die Boxenanlage nach draußen stellen müssen - das war unglaublich - die Leute standen bis auf die Straße!
Einmal haben wir einen Roman von 300 Seiten komplett vorgelesen, von morgens zehn bis abends halb elf. Mit Schauspielern vom Schauspielhaus, Freunden von uns und Kneipenbekanntschaften. Jeder bekam ein Kapitel aufgedrückt und dann haben wir es wie in der Schule gemacht: Doppelstunde, zwei Mal 45 Minuten, kurze Pause zum Pinkeln und dann große Pause – „alle auf den Hof!“ Da haben wirklich welche den ganzen Tag durchgehalten. Einige fingen schon morgens an Guinness zu trinken und haben beeindruckenderweise bis abends durchgehalten und sind dann komatös im Liegend-Transport nach Hause gefahren.
Das war also Tresenlesen. Dann kam eine Agentur und fragte, ob wir das nicht kultivieren wollten und das taten wir. Meine Eltern waren schockiert, dass der Junge mit 34 sagt „jetzt mal was ganz anderes“. Aber als es dann ging, war alles in Ordnung.

RUB Alumni: Wie lange arbeiten Sie ungefähr an einem Programm?

Jochen Malmsheimer: Das ist ganz schlecht zu sagen. Sie werden mit Sicherheit auch fragen, was mir die Zeit an der Uni gebracht hat und das war, mir in einer bestürzenden Offenheit meine Defizite aufzuzeigen. Ich habe festgestellt, dass ich ausschließlich unter Druck arbeiten kann. Das heißt in der Nacht vor Abgabe. Das hat sich aber leider auf mein berufliches Schaffen übertragen. Ich gehe oft wochenlang schwanger mit irgendwelchen Ideen, ohne auch nur einen einzigen Buchstaben auf´s Papier zu kriegen. Das gipfelt dann in der Depression, dass ich nichts kann und dass das, was ich kann, kompletter Dreck ist. In den letzten paar Tagen wird dann alles mit einer Art Schreibdurchfall hingerotzt und nicht mehr überprüft – nur noch weg damit. Jeder Profi wird Ihnen sagen: „So geht das nicht, man muss recherchieren, Notizen machen, dann muss man es durchgehen, liegen lassen und noch mal durchlesen“. Und genau das alles kann ich überhaupt gar nicht. Bei solchen Sachen falle ich meiner Umwelt total auf den Sack, weil ich für das tägliche Geschäft nicht zur Verfügung stehe. In der Zeit bin ich quasi ein Betreuungsfall und fühle mich auch selber richtig scheiße. Dann kann man nur noch hoffen, dass es einer Überprüfung Stand hält. Bislang hat es geklappt, aber das ist natürlich nichts, worauf man sich verlassen kann.

RUB Alumni: Für das Hörspiel „Die Brautprinzessin“ haben Sie mit Béla B. zusammen gelesen. Wie war  das?

Jochen Malmsheimer: Unsere Aufnahmen wurden montiert, weil Béla in Hamburg gelesen hat und ich hier. Kennen gelernt haben wir uns erst, als wir gemeinsame Leseveranstaltungen gemacht haben. Da campierten die 16jährigen Bemalten vor der Hütte. Ich saß da mit meinem Büchlein auf dem Schoß und er rückte – wie man sich das vorstellt - mit Bodyguards und Management an. Aber er ist ein sehr, sehr netter, zurückhaltender Mann. Und er hat seinen Job gut gemacht.

RUB Alumni: Gehen wir noch mal zurück zur Unizeit: Stört es Sie, dass Sie Ihren Abschluss nicht mehr gemacht haben?

Jochen Malmsheimer: Es stört mich schon. Ich hasse offene Enden – in der Literatur bin ich ein Freund der Ellipse. Ich liebe es, wenn die Dinge geschlossen sind. Dabei geht es mir nicht um den Zettel an der Wand, ich brauche keine akademischen Würden. Nur so ein offenes Ende kann ich nicht haben. Aber es ärgert mich auch nur ganz selten.

RUB Alumni: Nachholen würden Sie ihn also nicht ...

Jochen Malmsheimer: Vielleicht wenn ich mal ganz alt und klapprig bin und nicht  mehr auf der Bühne stehen kann. Ich habe ja die Lust an der Sache nicht verloren. Linguistik und Mediävistik sind nach wie vor meine Steckenpferde. Aber dann würde ich es nur für mich machen, damit ich das Gefühl habe, dass der Knoten geschlossen ist.

RUB Alumni: Vermissen Sie etwas aus Ihrer Studienzeit?

Jochen Malmsheimer: Den Austausch fand ich toll: wir haben den Iwein zu acht Mann zu Hause bei ´nem Kasten Bier auf mittelhochdeutsch gelesen und haben uns totgelacht. Das ist so eine wunderbare Sprache! So komisch! Das Mittelalter war offenbar eine relativ lakonische Zeit, die Menschen haben unter unsäglichen Drangsalen gelitten, sie haben sich gegenseitig in Stücke gehauen, haben das aber alles mit einer unglaublichen Lakonik hingenommen. Wenn Sie sich mal die Buchmalereien aus dem 11. Jahrhundert anschauen, die Gesichter sind immer alle entspannt, auch wenn denen grad der Arm abgehackt wird. Sagenhaft! Grafisch konnten die schon Mimik darstellen, haben es aber nicht gemacht. Und wenn man die Literatur liest: da war es genauso. Das waren wunderbare Momente, diese Literatur zu erschließen und hinter die Mechanik der Sprache zu steigen. Das ist etwas, was ich bisweilen vermisse.

RUB Alumni: Wenn Sie an der Stelle des Rektors oder des Kanzlers wären, würden Sie etwas anders machen? Hätten Sie Ideen oder Vorschläge?

Jochen Malmsheimer: Ich persönlich habe mich in den ersten Tagen und Wochen sehr verloren gefühlt. Man steht vor einer riesigen Maschinerie, die aus sich selbst genügsam funktioniert und man kommt da als Außenseiter hin und muss sich innerhalb kürzester Zeit etablieren. Studienanfänger sollten die Möglichkeit haben sich zu beraten und beraten zu lassen. Ansonsten kann ich das schlecht beurteilen, weil ich da solange raus bin.

RUB Alumni: Und wie denken Sie über die Debatte um Studiengebühren?

Jochen Malmsheimer: Ich bin der Auffassung, dass grundsätzlich alles was mit Bildung zu tun hat, frei sein müsste. Das fängt für mich im Kindergarten an und reicht bis zum Abschluss des Hochschulstudiums. Das müsste der Staat seinen Insassen zur Verfügung stellen und wenn er das nicht leisten kann, ist das eine Offenbarung. Dann muss man eben irgendwas abschaffen, von mir aus Müllabfuhr oder Bundeswehr – das spielt keine Rolle. Das ist aber eine grundsätzliche Überlegung, inwiefern das dann real machbar ist, weiß ich nicht. Aber ich halte Studiengebühren für eine Frechheit, weil das – ob man das will oder nicht – Leute davon separiert, die es sich tatsächlich nicht leisten können. Ich bin ja das beste Beispiel dafür, was es bedeutet, wenn man nebenbei noch arbeiten muss. Und ein Langzeitstudent ist ja nicht weil er lange studiert ein fauler Sack. Es gibt bestimmt immer irgendwelche Nassauer – aber denen kann man eh nicht Herr werden und außerdem glaube ich, dass die in der Menge untergehen. Ich finde die Regelstudienzeit in Ordnung, für diejenigen, die nachrücken. Es kann natürlich nicht sein, dass da Leute 35 Semester studieren. Ich finde es nicht verkehrt, wenn man ab einer gewissen Zeit mal fragt „wie is´ denn nu´?“ Aber dass da Strafgelder eingeführt werden, finde ich unmöglich. Es geht hier um den Erwerb von Bildung und das mit wirtschaftswissenschaftlichen Maßstäben zu bemessen, halte ich für einen Affront. Es gibt viele Dinge, die sich nicht in Euro und Cent abmessen lassen und die trotzdem sehr wesentlich sind. Bildung tut extrem Not. Und wenn man ein Berufsleben schon mit 20.000 Euro Schulden beginnt, ist das infam!

RUB Alumni: Gibt es noch etwas, was Sie sich gerne an der Uni anschauen würden?

Jochen Malmsheimer: Ja, den Teilchenbeschleuniger! Das fände ich großartig! Wenn mir das mal einer erklärt, das fände ich grandios. Ich finde es toll, wenn erwachsene Menschen auf einem Bildschirm ein Lichtpünktchen sehen und völlig in Ekstase geraten.
Das ist auch so eine Sache: wenn ich noch mal anfangen würde, würde ich Physik studieren. Das hat mich immer schon interessiert. Zwar habe ich keinerlei mathematische Fortbildung, die mich in irgendeiner Art und Weise dazu berechtigen würde so was zu tun, aber die Zusammenhänge faszinieren mich total. Vielleicht eher auf philosophischer Ebene als auf wissenschaftlicher, mathematischer, physikalischer Ebene, sondern eher, was die Welt im Innersten  zusammenhält - das finde ich spannend.

RUB Alumni: Was würden Sie gerne den heutigen Bochumer Studierenden mit auf den Weg geben?

Jochen Malmsheimer: Sich vor allen Dingen nicht entmutigen zu lassen, von wem auch immer. Weder von einer verkorksten Architektur noch von irgendwelchem Gesockse das meint, sich einmischen zu müssen. Außerdem muss man heute ja sehr flexibel sein. Das wird von vielen als Bedrohung empfunden, weil man sich nicht sicher sein kann. Auf der anderen Seite birgt das ja auch eine Menge Möglichkeiten. Zum Beispiel zu studieren, was man wirklich möchte, ohne den Blick darauf zu werfen, was das hinterher mal abwirft. Wenn man sich auf irgendetwas wirft, wovon man jetzt gerade weiß, dass die Ertragslage am Arbeitsmarkt vielleicht gut ist, hat sich das in 5 Jahren doch mit Sicherheit geändert. Ich glaube, dass man anders mit seinem Studium umgehen wird und dann vielleicht auch erfolgreicher ist. Sie sollten sich diesem künstlichen Druck nicht aussetzen. Wenn es so weit ist, existiert der so nicht mehr. Ich würde jedem empfehlen, etwas zu tun, woran er Spaß hat, denn dann wird´s auch gut. Das würde ich zumindest meinen Kindern empfehlen.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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