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2005

Dr. Norbert Lammert

Präsident des Deutschen Bundestages

Prof. Dr. Norbert Lammert studierte von 1969 bis 1972 an der RUB und in Oxford Politikwissenschaft, Soziologie, Neuere Geschichte und Sozialökonomie und schloss 1972 sein Studium als Diplom-Sozialwissenschaftler in Bochum ab. 1975 promovierte er zum Dr. rer. soc. an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der RUB. Seit 1980 gehört Herr Prof. Dr. Lammert dem Deutschen Bundestag an. Von 1989 bis 1998 war Herr Prof. Dr. Lammert parlamentarischer Staatssekretär in verschiedenen Bundesministerien. Seit 2005 ist er Präsident des Deutschen Bundestages. Seit 2008 ist er Honorarprofessor der RUB.

Es gab regelmäßig die schiere Fassungslosigkeit, dass ein ausgewiesener 'Schwarzer' ausgerechnet Sozialwissenschaften studierte.

RUB Alumni: 1969 haben Sie bei uns angefangen zu studieren, als einer der ersten hier an der Bochumer Uni.

Dr. Lammert: Ein paar andere waren schon da, als ich anfing.

RUB Alumni: Gab es damals Überlegungen, nicht in Bochum zu studieren?

Dr. Lammert: Nein, eigentlich nicht. Ich bin Bochumer und hatte hier die typischen Probleme wie die Suche nach einer Bude etc. nicht. Zweitens gab es damals, wenn man Sozialwissenschaften studieren wollte, überhaupt nur zwei Möglichkeiten: Bochum oder Konstanz.

RUB Alumni: Konstanz wäre natürlich sehr weit weg gewesen...

Dr. Lammert: ...und es gab auch für mich nichts was für Konstanz anstelle von Bochum gesprochen hätte. Damals waren diese beiden Neugründungen die einzigen Universitäten, die ein integriertes sozialwissenschaftliches Studium anboten. Darauf kam es mir an.

RUB Alumni: Gibt es aus dieser Zeit eine nette Anekdote oder Geschichte, die Ihnen einfällt, wenn Sie an Ihr Studium zurückdenken?

Dr. Lammert: Es gab regelmäßig die schiere Fassungslosigkeit, dass ein ausgewiesener 'Schwarzer' ausgerechnet Sozialwissenschaften studierte.

RUB Alumni: Warum?

Dr. Lammert: Wir reden über die Zeit Ende der 60er, Anfang der 70er, da war Sozialwissenschaft das Theologiestudium für die 68er Bewegung. Dass ich als 'Schwarzer' freiwillig ein 'rotes' Studium belegte, galt als objektives Kuriosum und subjektive Verirrung. Später, im Rahmen meiner freiberuflichen Tätigkeiten vor der Wahl in den Bundestag, wurde häufig spekuliert, wo ich politisch einzuordnen sei. Ich hatte damals einen Vollbart, der das Klischee des Sozialwissenschaftlers hinreichend bediente…

RUB Alumni: Lange Haare denn wenigstens auch?

Dr. Lammert: Meine sind früh ausgefallen, da war nicht viel zu machen. Die schönste Spekulation lautete: "So wie Sie aussehen, sind Sie ein Linker, so wie Sie reden, sind Sie ein Liberaler, aber dass Sie überhaupt hier auftreten dürfen, könnte ein Indiz dafür sein, dass Sie vielleicht doch eher ein Konservativer sind."

RUB Alumni: Gibt es denn auch noch irgendwie etwas, was sie aus Ihrer Studienzeit besitzen, einen Gegenstand?

Dr. Lammert: Ja! Ich habe noch den berühmten Plastikausweis der ersten Generation von RUB-Studenten…

RUB Alumni: Den Plastikausweis?

Dr. Lammert: Den kennen Sie wahrscheinlich gar nicht mehr! Angeblich waren das damals, "die ersten computerlesbaren Ausweise". Diese Lochkarten-Ausweise hatten aber ein Format, für das man fast eine eigene Aktentasche brauchte, und dann wurde auf dieses Gerät in jedem Semester neu eine Marke geklebt.

RUB Alumni: Gibt es ein Motto für Ihr Studium, wenn Sie es in ein paar Worten zusammenfassen?

Dr. Lammert: Nein, allenfalls, wenn auch nur begrenzt originell: Politik ist keine Wissenschaft und Politik als Wissenschaft ist keine Politik. Das sind eben zwei ganz unterschiedliche Sachverhalte, über die man da redet.

RUB Alumni: Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Ihrem Studium und Ihrer jetzigen beruflichen Tätigkeit?

Dr. Lammert: Jedenfalls hat die Beschäftigung mit Geschichte, Staatsrecht, Sozialökonomie und (der damals wie heute unbeliebten) Statistik der praktischen politischen Arbeit nicht geschadet. Sozialwissenschaftler haben, was ich ausdrücklich nicht exklusiv meine, eine mindestens ebenso geeignete Ausbildung wie Juristen für die damit verbundenen Aufgabenfelder.

RUB Alumni: Wenn Sie heute Kanzler oder Rektor wären, was würden Sie gerne besser machen?

Dr. Lammert: Mir fällt zur Reform des deutschen Hochschulwesens manches ein. Ich bin eine Reihe von Jahren im Bildungsministerium gewesen, daher weiß ich, wie lange es dauert, bis nahe liegende Veränderungen auch bei intelligenten Menschen mehrheitsfähig werden. Vieles was ich damals, Anfang der 90er Jahre, als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium beim Deutschen Hochschulverband oder in Hochschulrektorenkonferenzen vertreten habe, wurde als eine Variante von Blasphemie behandelt. Das Auswahlrecht von Hochschulen beispielsweise für ihre Studierenden wollten die Hochschulrektoren ums Verrecken nicht. Studiengebühren galten als Kulturschande und Zivilisationsbruch. Das hat mich immer ebenso beeindruckt wie frustriert.

RUB Alumni: Jetzt ist dieses Thema plötzlich ganz aktuell und es scheint manchmal so, als ob man darüber noch nie nachgedacht hätte.

Dr. Lammert: Ich könnte insofern, statt eines Verbesserungsvorschlages, als Motivationshilfe für amtierende Rektoren oder Kanzler diese Lebenserfahrung beisteuern: Das, was heute blockiert wird, wird in zehn Jahren für eine schiere Selbstverständlichkeit gehalten.

RUB Alumni: Gibt es denn etwas, was sie vermissen, wenn Sie an Ihre Studienzeit zurückdenken?

Dr. Lammert: Ja, die Begeisterung für Oxford.

RUB Alumni: Also wenn Sie an Bochum zurückdenken, dann denken Sie an die Begeisterung für Oxford?

Dr. Lammert: Nein, Sie haben ja gefragt, was ich vermisse!

RUB Alumni: Okay, was vermissen Sie insgesamt an Ihrer Studienzeit!

Dr. Lammert: Ich bin während meiner Studienzeit in Oxford gewesen. Das ist zu Bochum ein maximaler Kontrast. Auf beiden Seiten war das, was man jeweils spezifisch hatte, übertrieben. Das, was in Oxford zu verschult war, war in Bochum zu wenig entwickelt. Der Beliebigkeit in Bochum stand eine vergleichsweise extreme Disziplin in Oxford gegenüber. Der Unübersichtlichkeit in Bochum stand eine fast schon niedliche Organisation in den einzelnen Colleges gegenüber.

RUB Alumni: Gibt's denn dabei auch irgendetwas, was Sie vermissen, wenn Sie an die Bochumer Universität und Ihre Studienzeit zurückdenken?

Dr. Lammert: Ja, ich bin beispielsweise nicht sicher, ob ich das gesamte Studium wirklich lieber in Oxford als in Bochum absolviert hätte. Meinen eigenen Bedürfnissen kamen die Bochumer Verhältnisse eigentlich durchaus sehr entgegen. Auf Dauer hätte mich möglicherweise die College-Disziplin genervt.
Allerdings hat Oxford entschieden mehr britische Premierminister produziert, als die Bochumer Uni Kanzler. Selbst wenn man die Kanzler der Uni mitzählt.

RUB Alumni: Würden Sie heute eigentlich noch mal Sozialwissenschaften studieren?

Dr. Lammert: Ja! Es gibt wenige Studiengänge, in denen eine solche Bandbreite von Themen und Orientierungen ermöglicht wird.

RUB Alumni: Apropos Orientierung: Haben Sie lange gebraucht, um sich hier zurecht zu finden, beispielsweise bei dem Geschosssystem?

Dr. Lammert: Haben Sie schon jemanden gefunden, der das Geschosssystem überhaupt durchschaut hat?

RUB Alumni: Ich verlaufe mich immer noch! Das heißt, Sie haben sich, wie alle, auch verlaufen?

Dr. Lammert: In meiner Studienzeit hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass es auf dem weitläufigen Gelände der Universität eine ganze Reihe von Räumen gibt, die bis heute nicht gefunden worden sind.

RUB Alumni: Gibt es etwas, was Sie gerne den Studenten heute mit auf dem Weg geben würden?

Dr. Lammert: So was wirkt ja leicht etwas onkelhaft! Aber es gibt eine allgemeine Empfehlung und eine studienbegleitende. Die allgemeine Empfehlung ist, sich bei der Entscheidung für ein Studienfach nicht vorrangig an dem später angestrebten Beruf zu orientieren, sondern an Interesse und der Begabung, was ja nicht dasselbe ist. Deswegen ist meine dringende Empfehlung, sich ganz nüchtern zu fragen, was interessiert mich wirklich und was kann ich? Die zweite, studienbegleitende Empfehlung: Sprachen! Heute würde ich ein bisschen weniger belegen in der Bandbreite und dafür eine zweite oder dritte Fremdsprache systematisch erlernen. Die Gelegenheiten, das hinterher zu tun, sind gering.

RUB Alumni: Herr Dr. Lammert, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Dr. Lammert: Gerne!

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