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2004

Prof. Dr. Klaus Kocks

Berater Unternehmenskommunikation

Prof. Dr. Klaus Kocks studierte zwischen 1970 und ´76 Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Germanistik und Philosophie an der RUB. Nach seinem Staatsexamen wurde er mit einer Dissertation über Bertolt Brecht promoviert und übernahm zunächst einen Lehrauftrag an der Ruhr-Universität. Ab 1981 war Prof. Kocks in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verschiedener Unternehmen tätig. Heute ist er geschäftsführender Gesellschafter von Cato - Sozietät für Kommunikationsberatung und dem Meinungsforschungsinstitut Vox Populi.

Da ich mich mehr in der Cafeteria aufgehalten habe als in den Hörsälen, wusste man ja in welche Cafeterien man gehen konnte.

RUB Alumni: Wieso haben Sie Bochum als Studienort gewählt?

Prof. Kocks: Aus keinem inhaltlichen Kriterium. Es war nah an meinem Heimatort und ein junger, frischer Studienort. Trotz der Baustelle, die die RUB damals war, habe ich sie als extrem angenehme, produktive Universität kennen gelernt. Das ganze Meckern über die Provisorien ist im Grunde genommen nur Ausdruck von Sozialromantik. Für die Qualität Ihres Studiums ist es egal, ob man sich in Heidelberg am Schloss entlang drückt oder ob man durch Querenburg mit Gummistiefeln läuft. Wir haben damals sehr gut in Querenburg leben können und nur gelegentlich etwas darunter gelitten, dass es nach einem Kneipenbesuch so lange dauerte, aus der Stadt bis nach Hause zu kommen. Aber ich fand es anregend. Das Grundstudium habe ich im Wesentlichen verplempert, man könnte auch sagen „studium generale getrieben“ oder auch „die Kneipenszene hinreichend berücksichtigt“. Im Hauptstudium aber habe ich konzise, angestrengt und gut arbeiten können. Auch weil ich ordentlich betreut worden bin, von der damaligen Generation der Assistenten. Da war natürlich der Kontakt besser, als wenn man einen Professor hat, der bereits ein oder zwei Generationen weiter ist. So herrschte auch ein anderes Sozialklima. Der für diese Altersgruppe typische soziale Wettbewerb wurde intellektuell ausgetragen. Die Frage des Rankings in den Peer-Groups hing davon ab, ob man doof war oder nicht und nicht davon, ob man einen Porsche fuhr. Das habe ich als sehr angenehmes Milieu empfunden.

RUB Alumni: War Ihr Studium in Ihrer weiteren Laufbahn von Nutzen?

Prof. Kocks: Meine Feinde sagen, es sei erstaunlich, dass ich mit dem Wenigen, das ich gelernt habe, zurechtkomme. Ich habe mit einem geisteswissenschaftlich, pädagogisch orientierten Studium eine Industriekarriere gemacht und habe alles davon brauchen können. Damit will ich nun nicht sagen, dass die Betreuung von Vorständen ein sonderpädagogisches Problem ist – obwohl, vielleicht ist es so -  sondern, dass ich die – in Anführungsstrichen – „Zwecklosigkeit“ meines Studiums zum großen Vorteil habe nutzen können. Die heutigen Studienreformen halte ich hingegen fast geschlossen für dummes Zeug. Diese BA-Isierung, die wir derzeit erleben, ist nicht mal unter funktionalem Aspekt richtig. Dieser Beschluss, die Bildung in eine Ausbildung zu wandeln, wird von Ministerialbürokratien oder Eierköpfen aus manchen Vorständen getroffen, die aber keine Ahnung davon haben, was der wirkliche Wirtschaftsprozess ist. Das hat kafkaeske Züge.

RUB Alumni: Wenn Sie sagen, Sie können die „Zwecklosigkeit“ Ihres Studiums verwenden – wie kann man das verstehen?

Prof. Kocks: Es gibt eben einen riesigen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung: Sie können einen gebildeten Menschen ausbilden, Sie können aber bei einem „nur“ ausgebildeten Menschen, der ein Idiot ist, die Bildung nicht nachholen. Das ist auch eine Lebensentwicklungsfrage. Und da verschiebt sich nun etwas. Ich sehe das bei den Studien meiner Kinder, z.B. steigt die Kontrollintensität. Zu meiner Zeit hätte ich eine Präsenzliste aus gesellschaftspolitischen Gründen nicht akzeptiert. Das hätte kein Prof gewagt, mit so einem paramilitärischen Instrument zu kommen. Wir haben ein Verschulungskonzept, das dem eigentlichen Bildungskonzept einer Universität widerspricht und es wird lediglich durchgängiger als die alten Universitäten Mittelmaß erzeugen, aber auch nicht mehr. Ich habe ja nun 20 Jahre Berufspraxis in der Großindustrie hinter mir und ich nehme lieber einen Archäologen, dem ich beibringe, wie er einen Artikel zu schreiben hat, als einem strohdummen Kommunikationswissenschaftler, der die Bildungsgeschichte nicht noch mal nachholen kann, wenn er dreißig ist. Da läuft meiner Ansicht nach im Prinzip was falsch. Das können Sie heute aber sehr schlecht diskutieren, weil die Mittelknappheit der Universitäten zu solchen Veränderungsprozessen genutzt wird und der Lehrkörper, insbesondere die Professoren, nicht protestieren. Können Sie sich einen Luhmann vorstellen, der mit einer Anwesenheitsliste durch seine Vorlesung läuft?

RUB Alumni: Wie sind Sie denn überhaupt auf Ihre Fächerkombination gekommen?

Prof. Kocks: Ich habe diese Fächer studiert, weil das mein Spätpubertätsprofil war. Ich hab das studiert, was ich an der Schule konnte. Kopfrechnen: schwach; Religion: sehr gut. Das war keine falsche Entscheidung. Vielen Studierenden die mich heute fragen was die Kriterien sind, rate ich, dass sie radikale Neigungsentscheidungen machen sollen.

RUB Alumni: Wenn Sie heute noch mal studieren würden, würden Sie noch mal das gleiche studieren?

Prof. Kocks: Aus heutiger Sicht würde ich Jura studieren und Strafverteidiger werden. Jedoch hat mein Sohn, den ich sehr schätze, gerade nach erfolgreicher Zwischenprüfung sein Jurastudium abgebrochen und meinte, dass er so einen Stumpfsinn noch nie gesehen hätte und studiert jetzt Publizistik und Politik. Aber auf jeden Fall würde ich studieren und wer mich fragt, ob er an irgendeiner Privathochschule in zweieinhalb Jahren diesen oder jenen Abschluss kriegen soll, dem rate ich davon ab und rate den Leuten lang, ausführlich, bildungsorientiert zu studieren und sich vor dem 30igsten Lebensjahr keine Gedanken über Berufe zu machen.

 RUB Alumni: Wenn Sie sagen „lang und ausführlich studieren“ – wie denken Sie dann über Studiengebühren?

Prof. Kocks: Die halte ich für völlig richtig. Aus folgendem Grund: Wer nicht bereit ist, diesen geringen Obolus zu bezahlen, der sollte auch nicht die öffentliche Einrichtung wahrnehmen können. Ich halte sie deshalb für richtig, weil sie die Fehlallokation von Bildungsmitteln verhindern. Ich komme aus sozusagen einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnisse und ohne den sozialdemokratischen Impuls, dass man zu Bildung einen freien Zugang haben muss, hätte ich auch nicht studieren können. Aber ich habe in den Semesterferien gearbeitet und ich hätte mir immer die Studiengebühren leisten können. Bei diesen Verhältnissen handelt es sich nicht um die Wiedereinführung einer Klassengesellschaft wie bei irgendwelchen Privatuniversitäten. Wem es nicht 500 Euro wert ist, dass der Staat ihm dieses Angebot macht, der soll wirklich bei McDonalds Hamburger braten.

RUB Alumni: Würden Sie wieder in Bochum studieren?

Prof. Kocks: Ja. Die Stadt romantisiere ich überhaupt nicht, an der Uni hat sich viel verändert, meine Studentenkneipe gibt es nicht mehr – aber ich würde wieder an solch eine Uni wie die RUB gehen. 

RUB Alumni: Wie sind sie dazu gekommen, dann in den PR-Bereich einzusteigen?

Prof. Kocks: Ich war mit 27 Jahren Studienrat und Lebenszeitbeamter und meiner Frau, die auch Lebenszeitbeamtin war, und mir war klar „das ist jetzt das Ende des Lebens – ab heute ist alles berechenbar.“ Da haben wir einen Entschluss gefasst: Der erste der einen anderen Job hat, geht raus. Ich wurde dann Ghostwriter bei der Ruhrkohle AG in Essen. Das war also nicht vorsätzlich, sondern eher dem Impuls geschuldet, denn „Lehrer“ ist ein extrem einsamer Beruf, weil er selten mit Erwachsenen zu tun hat und wenn nur mit anderen Insassen dieser Sozialpsychiatrie. Das war mir zu geregelt, zu behördenhaft, zu verkindernd.

RUB Alumni: Wie würden Sie Ihren heutigen Beruf knapp beschreiben?

Prof. Kocks: Ich bin Berater für Unternehmenskommunikation. Ich erzeuge wünschbare Wirklichkeiten.

RUB Alumni: Wie machen Sie das?

Prof. Kocks: Das sage ich Ihnen nicht (lacht). Im  Grunde ist es nichts anderes als Inszenierungen sozialer Kommunikation. Das sind nicht-fabriziert wirkende Fabrikate.

RUB Alumni: Sie haben das Buch für „Thank you for smoking“ promotet – halten Sie die Darstellungen für realistisch?

Prof. Kocks: Ja. Es wird vom Publikum für Satire gehalten – in Wirklichkeit ist es eine Dokumentation.

RUB Alumni: Wie würden Sie Ihr Studium zusammenfassen?

Prof. Kocks: Befreiend, inspirierend, disziplinierend, prägend.

RUB Alumni: Haben Sie lange gebraucht das Geschoss-System zu durchschauen?

Prof. Kocks: Nein. Da ich mich mehr in der Cafeteria aufgehalten habe als in den Hörsälen, wusste man ja in welche Cafeterien man gehen konnte. Ich habe GC bevorzugt, weil sich in GB oder GA Leute trafen, die auch schon morgens um 8 in Vorlesungen gingen und das ist mir, glaube ich, nie passiert.

RUB Alumni: Was würden Sie aus heutiger Sicht an Stelle von Rektor oder Kanzler ändern?

Prof. Kocks: Das Erfolgskriterium heißt Wettbewerb. Es ist ein schlechtes Kriterium, aber es ist das einzige. Man wird den Wettbewerb steigern müssen und muss somit für bestimmte Abschlussprüfungen Standardisierungen erreichen. Das gilt auch für Schulen. Das Zentralabitur halte ich für richtig, obwohl Sie wissen, nach allem was ich gesagt habe, dass ich keine normierte Erziehung haben will. Aber Sie müssen ein Wettbewerbskriterium entwickeln. Da ist ein Scoring der Universitäten ganz wichtig. Dann sehen wir, dass wir im Süden dieser Republik, bei den Spätzle- und Knödelessern, drei Eliteuniversitäten haben - egal was das jetzt heißt - wir haben sie hier oben nicht. Exemplarisch ist auch das amerikanische System. Das müssen Sie weiß Gott nicht mögen und Sie können sich auch gesellschaftskritisch so einstellen, aber wenn die 95% aller Nobelpreise abräumen, dann ist das zumindest ein Indiz. Auch Lehrkräfte sollten wettbewerblicher nebeneinander gestellt werden. Ganz pragmatisch betrachtet: wer im Semester drei Leute promoviert, der hat eben vier Sekretärinnen und wer in zehn Jahren einen promoviert, der hat eben keine und soll das Tippen selbst lernen.

RUB Alumni: Was würden Sie den heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?

Prof. Kocks: Macht das, was Ihr mögt, sonst habt Ihr keine Chance, um wirklich gut zu werden. Ich halte die zweckrational angestrebten Studiengänge für nicht empfehlenswert. Tut das, was ihr könnt und tut es anständig. Die Orientierung darauf, möglichst schnell einen möglichst beschissenen Abschluss zu machen, halte ich für völlig falsch, weil Ihr Bildungsgeschichte nicht nachholen könnt.

RUB Alumni: Und möglichst schnell einen sehr guten Abschluss?

Prof. Kocks: Warum möglichst schnell? Was soll das? Wer soll Ihnen das denn belohnen? Dass Sie nicht wirklich in eine Materie eingetaucht sind, aber dafür 1,5 Jahre früher in irgendeinem Beruf sind – das ist doch alles dummes Zeug. Ein Studium ist die einmalige Chance, auch entwicklungspsychologisch innerhalb eines Lebens, den Horizont über die eigene Kinderstube wirklich aufzureißen. Wenn ich da ein quantitatives, betriebswirtschaftliches Effizienzkriterium dran hefte, komme ich auf diese Leute im Berufsleben, die 23 sind, mit 10 Jahren Auslandserfahrung und drei Abschlüsse haben. Da kann ich nur sagen: eine biographische Katastrophe. Diese Leitbilder helfen meiner Meinung nach nicht zu einer wirklichen Karriere, denn das sind die Leute die mit 34 ihre Sinnkrise kriegen und sie dann nicht lösen können.

RUB Alumni: Verbindet Sie noch etwas mit Bochum oder der Bochumer Uni?

Prof. Kocks: Ja, diese Art von frecher Ruhrgebietsmentalität mit einem aggressiven Bildungsanspruch. Mit meinem Bochumer Studium verbinde ich einen bodenständigen und radikalen Bildungsanspruch. Es hat mich nicht sofort in Elitekarrieren entlassen, aber es hat mir persönlich für mein Leben sehr genutzt – selbst wenn ich heute arbeitslos wäre, hätte ich nicht das Gefühl, dass die Uni vergebens war.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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