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2009

Ibrahim Ismail

Sportpädagoge

Ibrahim Ismail studierte von 2002 bis 2008 Sportwissenschaft an der Ruhr-Universität. Schon während seines Studiums arbeitete er als Sportpädagoge mit benachteiligten Jugendlichen. Für seine Diplomarbeit „Streetwork im sozialen Brennpunkt – Perspektiven einer zeitgemäßen Sozialarbeit“ erhielt er 2008 den Universitätspreis des Rotary Clubs Bochum-Hellweg. Heute koordiniert er das daraus hervorgegangene Projekt „Rückenwind“, ist Vorstandsvorsitzender der Bildungseinrichtung Paidaia e.V. und arbeitet als Sportlehrer am Berufskolleg Opladen.

Sport ist in diesem Bereich ganz wichtig, weil es oft die einzige Ebene ist, auf der man mit diesen Jugendlichen kommunizieren kann.

RUB Alumni: Herr Ismail, schon während Ihres Studiums haben Sie sich für benachteiligte Jugendliche engagiert; mittlerweile ist aus dieser Tätigkeit eine preisgekrönte Diplomarbeit und ein ambitioniertes Projekt hervorgegangen. Möchten Sie uns etwas darüber erzählen?

Ismail: 2005 habe ich angefangen, in Wuppertal-Vohwinkel, einem sozialen Brennpunkt, mit sozial benachteiligten männlichen Jugendlichen zu arbeiten. Anfangs habe ich alles gemacht, was man aus der herkömmlichen Sozialarbeit so kennt: Sport- und Freizeitangebote, Fußball, Phantasialand, usw. Dann habe ich aber mit der Zeit gemerkt, dass diese Bespaßung die Jugendlichen nur davon abhielt, sich mit ihren eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen. Ich wollte aber etwas Positives bewirken, ein positives soziales Miteinander. Also habe ich zunächst Baseball und andere Sportarten genutzt, um meine Position als Betreuer und Pädagoge zu stärken. Und dies habe ich dann anschließend in einen anderen Bereich weitergetragen, der als Schlüssel gilt, wenn es darum geht, Jugendliche aus ihrer Benachteiligung herauszuholen: in den Bereich der Bildung.

Für die Jugendlichen, mit denen ich gearbeitet habe, bedeutete Bildung „Schule“, aber dort entwickelten sie aufgrund ihres Versagens nur Minderwertigkeitsgefühle, so dass sie natürlich überhaupt nicht empfänglich für Bildung waren. Also musste ich nach neuen Zugängen suchen, so entstand mein Projekt „Neue Wege“.

Ich habe die Jugendlichen von der praktischen Tätigkeit (u.a. Sport) zur Auseinandersetzung mit theoretischen Inhalten im sogenannten „Seminar“ überführt. Im Seminar habe ich mit der Geschichte von Muhammad Ali begonnen, der dank seines starken Willens und trotz seiner gesellschaftlichen Benachteiligung erfolgreich war und eine Legende wurde. Mit dieser Person konnten sich die Jugendlichen identifizieren. Als ich von Che Guevara erzählte, habe ich einen Trick angewandt: ich sagte ihnen, dass 20 Prozent meiner Geschichte gelogen sei und gab ihnen die Aufgabe herauszufinden, was wahr sei und was nicht. Da haben die gebrannt! Ich habe sie auf Möglichkeiten hingewiesen, sich zu informieren, auf Bibliotheken, das Internet usw. Und tatsächlich haben sie anschließend Bücher gelesen und sich kundig gemacht. Einer von ihnen, der noch nie ein Buch in der Hand gehabt hatte, hatte die ganze Nacht durchgelesen und präsentierte am nächsten Tag die Lösung. Bei Vielen war es mir gelungen, sie zu aktivieren.

Später haben wir auch Themen behandelt wie „Menschenrechte“, „Demokratie“, „Terrorismus“, oder „Karl der Große“ – das alles mit Jugendlichen, die zumeist verhaltensauffällig waren, die mit Bildung nichts am Hut hatten, bei denen es als uncool galt, irgendetwas an Wissen preiszugeben, geschweige denn, einen geraden deutschen Satz zu sprechen.

In einem nächsten Schritt habe ich acht Jugendliche ausgewählt, die beim Sport und im Seminar ein gewisses Potenzial zeigten und  sozial benachteiligt und/oder schwierige familiäre Lebensverhältnisse hatten. Desweiteren  war es wichtig, dass sie bei anderen Kindern und Jugendlichen  im Stadtteil Akzeptiert waren und eine Vorbildfunktion hatten, also die besonders dominanten. Diese waren besonders empfänglich für martialische Männerbilder, für das Machohafte. Also habe ich sie als Pädagoge dort abgeholt, wo sie standen. Ich bediente mich dabei eines pädagogischen Tricks. Ich bot ihnen eine   „paramilitärische Einzelkämpferausbildung“ an. Was die Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten war, dass es sich im Grunde bei der Ausbildung um Elemente aus dem Abenteuer- und Erlebnissport handelte. Die Jungs waren begeistert und haben im Rahmen der Ausbildung Bücher gelesen, topographische Karten analysiert, Kompasskunde, Strategien, Diskussionsformen, Teamarbeit etc. behandelt.  Am Schluss bestand jeder die Prüfung. Sie hatten monatelang eigenständig Theoretisches gelernt und dieses Wissen in der Praxis angewandt und so die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, sich langfristig mit einer Sache zu beschäftigen, um weiterzukommen. Ich führte ihnen vor Augen, dass das, was sie geleistet hatten, real war und ihnen auch Spaß gemacht hat. Ich offenbarte ihnen, dass ich einen Trick angewandt habe, damit sie diese  Erfahrungen machen konnten. Keiner der Jugendlichen war nachtragend, ganz im Gegenteil, sie erkannten, dass sie ohne diesen pädagogischen Trick die Ausbildung nicht durchlaufen hätten. Ihnen wurde klar, dass es möglich ist, sich von der bequemen Opferrolle zu befreien und aus ihrer Benachteiligung herauszukommen, wenn sie selbst bereit sind etwas dafür zu tun.  

In einem darauffolgenden Schritt bildete ich die Jugendlichen zu Multiplikatoren aus. Diese Jungs haben das Projekt dann als Multiplikatoren weitergeführt und schließlich über 64 Kinder in Gruppen weiterbetreut, Aktionen und Projekte im Stadtviertel realisiert usw. In der Folge veränderte sich das Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen im ganzen Quartier und auch die örtliche Polizei beobachtete zum Projektende eine deutlich gesunkene Gewaltbereitschaft.

Von den ursprünglichen acht Jungs hat einer eine Ausbildung gemacht, sieben haben die gymnasiale Oberstufe erreicht, wovon bereits vier das Abitur gemacht haben und einer davon hat sich jetzt schon für ein Jurastudium eingeschrieben.

RUB Alumni: Das ist ein toller Erfolg!  Und wo bleibt bei dieser Sozialarbeit der Sportwissenschaftler?

Ismail: Sport ist in diesem Bereich ganz wichtig, weil es oft die einzige Ebene ist, auf der man mit diesen Jugendlichen kommunizieren kann. Bildung haben sie nicht, das Einzige was sie tagtäglich machen, ist mit dem eigenen Körper den anderen beweisen wie stark sie sind, um Anerkennung zu bekommen. Das ist der verzweifelte Akt, mit der Umwelt in Kontakt zu bleiben. Und wenn sie jeden Tag ihren Körper instrumentalisieren, nicht mehr sensibel zu ihrem eigenen Körper sind, dann ist es erforderlich, dass der Sportwissenschaftler versucht, diese Sensibilität zum Körper wieder herzustellen. Zur Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung gehört ganz klar auch der Körper, nicht nur der Kopf, das wird heute leider oft vergessen.

Der Sportwissenschaftler und Pädagoge sollte diese Ebene also nutzen, um mit den Jugendlichen zu kommunizieren, ihnen Handlungsfelder zu bieten, wo sie Sozialverhalten lernen und letztendlich auch den Weg zur Bildung finden, über den Sport.

RUB Alumni: Schließlich haben Sie darüber Ihre sportwissenschaftliche Diplom-Arbeit geschrieben …

Ismail: Ja, irgendwann hatte ich einen Vortrag an der Uni gehalten und das Neue Wege-Projekt vorgestellt. Daraufhin schlugen Prof. Schmidt-Millard und Prof. Beckers vom Lehrstuhl für Sportpädagogik/Sportdidaktik vor, dass ich das Ganze wissenschaftlich bearbeite. In meiner Diplomarbeit „Streetwork im sozialen Brennpunkt – Perspektiven einer zeitgemäßen Sozialarbeit“ habe ich ein Handlungskonzept entwickelt, mit dem man diese Jugendlichen erreichen und fördern kann.

RUB Alumni:  Und wie ging es danach weiter?

Ismail: Jetzt bin ich Lehrer am Berufskolleg Opladen. Dort gebe ich viel Unterricht zur Persönlichkeitsbildung. Außerdem habe ich jetzt auch einen Lehrauftrag an der Sportfakultät der RUB. Meine Diplom-Arbeit habe ich weiterentwickelt zum Konzept „Rückenwind“. Gemeinsam mit vielen Mitstreitern der sportwissenschaftlichen Fakultät und weiteren Personen aus den Bereichen der Pädagogik, der freien Wirtschaft sowie dem Justiz- und Kulturwesen haben wir den Paidaia e.V. gegründet (paideia, griech. Bildung, Erziehung, Anm. d. Red.), der „Rückenwind“ deutschlandweit bekannt machen und etablieren möchte.

RUB Alumni: Wie funktioniert „Rückenwind“?

Ismail: Mit „Rückenwind“ wollen wir benachteiligte  Jugendliche aktivieren und stärken, sie für Bildung empfänglich machen und sie auffordern, aktiv am Leben teilzunehmen und sich ihren Problemen zu stellen. Das läuft über ein persönliches Verhältnis zu einem „Personal Coach“, der bei der Qualifikation und Bildung hilft, sowie zu einem Trainer, der die körperliche Aktivität fördert, denn da haben die Jugendlichen schnelle Erfolgserlebnisse.

RUB Alumni: Was ist denn eigentlich mit den benachteiligten Mädchen? Mit dem „paramilitärischen“ Angebot erreicht man sie wohl nicht …

Ismail: Nein, das ist nur für die Jungs. Die Mädchen habe ich auf anderem Wege erreichen können, in Zusammenarbeit mit einer Streetworkerin. Der Bedarf ist unglaublich hoch für diese Mädchen, sie haben zehnmal mehr Probleme, z.B. werden viele zu Hause festgehalten und dürfen nicht raus. Das ist nicht sichtbar. – Wenn dagegen männliche Jugendliche auffällig werden, dann reagiert man schnell, dann werden auch Gelder freigemacht.

RUB Alumni: Was sieht „Rückenwind“ für die Mädchen vor?

Ismail: Derzeit sind wir dabei eine Studie zu erstellen, die sich mit Mädchen aus solchen sehr patriarchalischen Elternhäusern befasst. Wir sprechen auch mit den Vätern. Bei den Jungen war die ganze empirische Untersuchung schon vorhanden, die zweite Säule für die Mädchen wird jetzt erst aufgebaut. Wir haben bereits acht Mädchen ins nähere Blickfeld gefasst, die sich für die Multiplikatorenausbildung eignen würden. Wir möchten das konzeptionell auf eine solide Basis stellen. Daher sind für uns die Ergebnisse der Studie wichtig.  Wir möchten keinen reaktiven Aktionismus.

RUB Alumni: Arbeitet der Paidaia e.V. interdisziplinär?

Ismail: Ja, mit Psychologen, Juristen, Sportwissenschaftlern, Sozialarbeitern, der Polizei, Journalisten, Tänzern, Künstlern, die alle den Jugendlichen helfen werden, sich zu profilieren.

RUB Alumni: Wie hat Ihr Studium an der RUB Sie auf Ihre Arbeit vorbereitet?

Ismail: Sehr gut! Die Sportfakultät in Bochum ist für mich wirklich die beste Fakultät Deutschlands in punkto Sportwissenschaft und insbesondere Sportpädagogik. Ich bin jetzt viel unterwegs und habe so die Vergleichsmöglichkeit mit anderen Sportfakultäten, und da merke ich einfach, dass wir hier die Möglichkeit hatten, in Ruhe viel zu lernen. Die Professoren kannten uns sogar mit Namen und die Seminare waren nicht zu groß, so dass wir wirklich noch einen Bezug zum Dozenten bekamen. Und auch jetzt beim Projekt „Rückenwind“ ist die Fakultät ja noch fest eingebunden.

RUB Alumni: Ihr Studium ist zwar noch nicht so lange her, aber vermissen Sie schon etwas, wenn Sie daran zurückdenken?

Ismail: Ich werde sicher die Nähe zu den Kommilitonen vermissen. Es war unglaublich schön, an dieser Fakultät Student zu sein. Die Studierenden untereinander sind sich sehr nahe gekommen und wir haben ja auch sogar mit den Dozenten Sport gemacht. Ich hatte immer das Gefühl, ein Teil des Ganzen zu sein. Sehr praktisch war auch, dass man an der RUB vieles online erledigen konnte.

RUB Alumni: Fällt Ihnen im Zusammenhang mit Ihrem Studium eine schöne Anekdote ein?

Ismail: Beim Schwimmen hat mir mal ein Dozent gesagt, „Ismail, du schwimmst wie ein Mähdrescher.“ Zum Glück konnte er mir dann aber doch noch etwas beibringen, so dass ich es später besser hinbekommen habe.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!

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