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2005

Christian Hirdes

Kabarettist

Christian Hirdes studierte Germanistik und Anglistik an der RUB. Parallel zum Studium begann er seine kabarettistische Karriere und gab das Studium auf. Lieder und Gedichte schrieb er immer schon und ist seit 2001 hauptberuflicher Kabarettist.

 

 

 

Wenn ich diesmal reinhaue und soundsoviele Scheine mache, kann ich mich anschließend direkt zur Prüfung anmelden. Fehlt ja gar nicht mehr sooo viel.

RUB Alumni: Warum haben Sie damals Bochum als Studienort gewählt?

Christian Hirdes: Ich kam aus Mülheim und wählte eine Uni in der Nähe, da ich anfangs noch zu Hause wohnen wollte und musste. Meine Eltern wollten mich zwar gern finanziell unterstützen, konnten das jedoch erst, nachdem meine beiden älteren Brüder fertig versorgt waren. Bis dahin wäre eine eigene Wohnung also nur komplett auf eigene Faust finanzierbar gewesen, was ich aus Zeitgründen nicht für sinnvoll hielt. Ich schaute mich in Essen, Duisburg und Bochum um, ohne so recht zu wissen, was meine Kriterien waren oder sein sollten - und entschied mich dann aus dem Bauch raus für Bochum. Ich glaube, weil mir irgend so ein Info-Heftchen für Erstis von irgendeiner Fachschaft sympathisch war.

RUB Alumni: Warum haben Sie Ihr Studium nicht abgeschlossen?

Christian Hirdes: Am Anfang war ich noch ganz gut im Soll, dann ging’s langsam aber sicher und dann mehr und mehr abwärts: Angefangene und nicht beendete Kurse, angefangene und nicht beendete Hausarbeiten, kein Druck, keine Motivation, vor allem kein Glaube an den Abschluss und die berufliche Perspektive. Ab ca. 2001 gab ich den Plan, noch fertig zu werden, auf. Ich weiß noch, dass ich gegen Ende von Semester zu Semester dachte: „Wenn ich diesmal reinhaue und soundsoviele Scheine mache, kann ich mich anschließend direkt zur Prüfung anmelden. Fehlt ja gar nicht mehr sooo viel.“ Am Ende hab ich dann aber wieder nur einen einzigen Schein gemacht, und im nächsten Semester ging das Spielchen von vorne los. So entwickelte sich das Studium zum Fiasko, aber parallel die Kunst zur Perspektive.

RUB Alumni: Möchten Sie Ihren Studien-Abschluss mal nachholen?

Christian Hirdes: Keine Ahnung, was die Zukunft bringt. Im Moment fehlt mir der Abschluss nicht. Wenn es aber irgendwann mal erforderlich wäre, etwas anderes zu machen, und wenn es dann die Möglichkeit gäbe, das Studium noch fortzuführen und zu ende zu machen, vielleicht. Zumal: Wenn ich dann mal reinhaue und  ein paar Scheine mache, kann ich mich ja anschließend direkt zur Prüfung anmelden. Es fehlt ja gar nicht mehr sooo viel.

RUB Alumni: Wie kam es zu Ihrem „Bühnenleben“?

Christian Hirdes: Ich habe schon immer Lieder und Gedichte geschrieben und auch den Drang gehabt, damit aufzutreten. Die Form hat sich im Laufe der Zeit eher zufällig ergeben, die Zugehörigkeit zu Genres wie Kabarett oder Comedy auch. Mit ca. 19 ging ich zum ersten Mal in dieser Art auf eine Bühne: Da wollte ich eigentlich noch Rockstar werden, aber die damalige Freundin meines kongenialen Musikerfreundes und Bandkollegen, für den ich meine neuen Lieder immer in Rohversionen am Klavier auf Kassetten aufnahm, hörte eine solche Kassette und schlug mir vor, es damit mal solo  zu versuchen. Sie hatte auch direkt kurzfristig den ersten Gig anzubieten, und der funktionierte super.
So wurden meine Auftritte mit meinen Liedern und Texten vom Spaß und Hobby zum Nebenjob und dann zur beruflichen Perspektive. Seit 2001 bin ich Künstler von Beruf, seit etwa 2003 geht das auch gut. In den letzten Jahren - sag ich mal provozierend - bin ich total erfolgreich. Als Aussage eines Künstlers, der kein berühmter Superstar ist und daher öffentlich immer als auf dem Weg befindliches Nachwuchstalent wahrgenommen und dargestellt wird, muss das komisch wirken, aber ich sehe das so und versuche es immer wieder zu vermitteln: Nicht nur Atze Schröder und Michael Mittermeier können davon leben, sondern auch 1000 andere, die man nicht kennt. Und ich hab einige Kleinkunstpreise in den letzten Jahren gewonnen, hab immer mal wieder Fernseh- und Radiopräsenz, mache zur Zeit so zehn bis 20 Auftritte im Monat, mal vor 20, mal vor 200 Leuten. Für mich ist das „total erfolgreich“.

RUB Alumni: Ist Ihr „Künstlerleben“ anders?

Christian Hirdes: Einerseits ist mein jetziges Leben nicht total anders als das Studileben, da ich immer noch unorganisiert bin, gern lange schlafe und abends lange wach bin, da ich immer noch viel Zeit am Klavier und am Schreibtisch kreativ verbringe und wenn ich eine Idee habe, alles andere stehen und liegen lasse. Aber andererseits gibt es zwei Unterschiede.
Erstens: Ich arbeite  insgesamt viel mehr als früher. Das liegt daran, dass ich diese Arbeit nun gern und motiviert mache, da es zugleich mein Beruf und Hobby und Lebensinhalt ist.
Und zweitens: Ich fühle mich viel wohler und fleißiger, da ich Nächte, in denen ich in meinem kleinen Kellerstudio an irgendetwas kreativ rumwerkle, um es vielleicht am nächsten Tag zu verwerfen, im Nachhinein nicht mehr als Zeitverschwendung sondern einfach guten Gewissens als Arbeitszeit ansehe.

RUB Alumni: Was fällt Ihnen für eine nette Anekdote ein, wenn Sie an Ihre Uni-Zeit zurückdenken?

Christian Hirdes: Das Seminar „Kreatives Schreiben“. Der leitende Professor erzählte in der ersten Sitzung, ein Student habe kürzlich einen Zettel mit der Aufschrift „Sogar Jesus zeigte sich seinen Jüngern hin und wieder persönlich“ unter seiner Bürotür durchgeschoben. Man hätte also da schon ahnen können, was folgte: Die erste Sitzung war auch die letzte. Das Seminar wurde erst zu einem Blockseminar plus Tutorium umgebaut, weil dem Prof der allwöchentliche Termin doch nicht passte, dann wurde der „Block“ selbst mehrmals verschoben und schließlich ganz abgesagt. Es blieb bei ein paar Sitzungen mit Tutoren, das eigentliche Seminar fand de facto nicht statt, sollte aber trotzdem angerechnet werden. Den Dozenten selbst bekam ich nach der einen ersten Sitzung nur noch einmal zu sehen, in seiner ausnahmsweise tatsächlich mal nicht kommentarlos gestrichenen Sprechstunde, wo wir mein Hausarbeitsthema besprachen. Die Arbeit gab ich später im Büro ab, als ich dann aber Monate danach meinen Schein abholen wollte, war der Prof inzwischen nicht mehr an der Uni tätig: „Das ging ja nicht mehr mit dem, der war ja nie da.“ Eine Sekretärin gab mir seine Privatnummer und wünschte mir mitleidig viel Glück. Und tatsächlich bekam ich nach langem  telefonischen Nachhaken - unter anderem hatte ich mehrmals seine Mutter am Apparat - eines Tages einen Schein geschickt: glatte Eins, kommentarlos. Der Typ muss noch chaotischer und fauler gewesen sein als ich, sehr sympathisch. Keine Ahnung, ob er meine Arbeit jemals gelesen hat. Dabei war sie super.

RUB Alumni: Wenn Sie Ihr Studium in vier Worten zusammenfassen würden, wie würden Sie das machen?

Christian Hirdes: Cafete, Kultur, Kurse, Chaos

RUB Alumni: Wie lange hat es gedauert, bis Sie das Geschosssystem der Universität durchschaut haben?

Christian Hirdes: Ich glaube, zwei Semester. Am Anfang kam es mir zwar surreal vor, dass die für mich relevanten Gebäude GA und GB an manchen Tagen nur bis Ebene 04 und an anderen bis 05 hinunterreichten, aber das hab ich halt so wahrgenommen und dann einfach akzeptiert. Als ich zum ersten Mal mit dem Auto zur Uni kam und dadurch von hinten an die Gebäude ranfuhr, hab ich das mit der unterschiedlich tiefen Nord- und Südseite verstanden. Vielleicht gibt’s für andere Phänomene ja auch so einfache Erklärungen.

RUB Alumni: Welchen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit besitzen Sie noch heute?

Christian Hirdes: Jede Menge Uni-Kram. Ein Ordner mit meinen gesammelten Hausarbeiten steht noch zwischen den anderen Ordnern im Büro, ein paar Bücher, die Eindruck machen könnten, zieren das Regal, der Rest ist auf dem Speicher: Reader, Bücher, Aufzeichnungen. Ach so, und die ganzen über die Semester angesammelten Uni-Tassen hab ich natürlich noch. Die sind ständig im Einsatz. 

RUB Alumni: Wenn Sie in der heutigen Zeit Rektor bzw. Kanzler wären, was würden Sie ändern?

Christian Hirdes: Das kann ich beim besten Willen nicht beurteilen, weil ich erstens nicht weiß, wie der Uni-Alltag heute so ist, und zweitens, was man so als Rektor oder Kanzler überhaupt für Möglichkeiten und Kompetenzen hat. Man kann ja z.B. bestimmt nicht Studiengänge komplett reformieren.

RUB Alumni: Wie sehen Sie die Debatte um Studiengebühren?

Christian Hirdes: Mein Modell ist erstens total subjektiv, weil es auf den Erfahrungen eines Menschen beruht, der nur gut arbeiten kann, wenn man ihm in den Hintern tritt. Und zweitens ganz schön anmaßend – gerade weil ich ja Studienabbrecher bin – aber das Modell sähe so aus:

Straffe, klar durchstrukturierte, übersichtliche, verschulte Studiengänge in einer dann realistischen Regelstudienzeit, die gebührenfrei sein muss. Gebühren bei Überschreitungen dieser Zeit oder bei Zweitstudiengängen finde ich dann okay bzw. leider einfach unumgänglich. Denn wenn wir in Deutschland im Angesicht der globalen neoliberalen Diktatur nicht 20 Jahre vorm Rest der Welt den Bach runtergehen wollen, müssen wir erst mal mitspielen - und das heißt auch, zu kostspielige soziale Errungenschaften wie das gebührenfreie Langzeitstudium abzuwerfen. Sorry, ist meine Meinung.

RUB Alumni: Was vermissen Sie aus Ihrer Zeit an der RUB?

Christian Hirdes: Gute, lange Gespräche mit netten Leuten, mit viel Kaffee und vielen Zigaretten in der GB-Caféte, wo man sich zu meiner Zeit noch nicht ums Rauchverbot geschert hat. Da gab’s gewisse feste Lücken im Stundenplan und damit verbundene feste Verabredungen, auf die ich mich immer sehr gefreut habe.

RUB Alumni: Was verbinden Sie und was verbindet Sie heute mit Bochum und der Bochumer Universität?

Christian Hirdes: In Bochum wohne ich ja seit 1995 und bin auch nach dem Studium hier hängengeblieben. Die Verbindung besteht also nach wie vor und hat sich verfestigt. Heimat bleibt Mülheim, aber Wurzeln geschlagen hab ich hier. Dagegen ist die Verbindung zur Uni ein bisschen abgerissen. Hin und wieder gibt es Kontakt, etwa zu BOSKOP. 

RUB Alumni: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrem Studium und Ihrer jetzigen beruflichen Tätigkeit?

Christian Hirdes: Auf jeden Fall. Erstens durch das studentische Kulturleben, auch hier sei wieder BOSKOP genannt, in deren Dunstkreis ich nicht die ersten, aber frühen Auftrittserfahrungen sammelte. Zweitens habe ich aber auch inhaltlich eine Menge im Studium gelernt, das mich künstlerisch mitgeprägt hat. Als sprachverliebter Verfasser von Reimgedichten haben mich sowohl das Literatur- als auch das Sprachwissenschaftsstudium beeinflusst. Das meiste war natürlich unnötiger Ballast, aber es taten sich eben auch immer mal wieder horizonterweiternde Schätze auf, Erkenntnisse wie: „Guck mal an, der Dichter-Kollege da im 14. Jahrhundert hat auch schon so was gedacht oder gefühlt wie ich manchmal.“ Oder: „Guck mal an, auch andere Leute beschäftigen sich exzessiv mit belanglosen, sprachlichen Spitzfindigkeiten - und können damit als Linguistik-Professoren sogar Geld verdienen.“

RUB Alumni: Würden Sie noch einmal studieren? Und wenn, welches Fach würden Sie heute wählen bzw. empfehlen und warum? Würden Sie auch wieder in Bochum studieren?

Christian Hirdes: Zwecks Berufsfindung würde ich nicht noch einmal studieren - oder zumindest erst eine Ausbildung machen. Aus persönlichem Interesse würde ich gern z.B. ein bisschen Wirtschaft studieren, um in der Hinsicht ein Basiswissen zu kriegen. Ich hab da meine subversiven Gedanken und Theorien und wundere mich, dass sonst keiner drauf kommt, kann sie aber nicht fundiert vertreten.  Und ich frage mich einfach, ob ich spinne oder ob alle anderen spinnen. Insofern würde statt eines Studiums vielleicht auch ein einmaliges Kneipengespräch mit einem Wirtschaftswissenschaftler reichen.

RUB Alumni: Was haben Sie demnächst vor? Gibt es ein neues Programm? Was können Sie uns daraus verraten?

Christian Hirdes: Zunächst laufen das über Jahre gewachsene alte Programm und ein paar Nebenprojekte nach wie vor weiter. Aber jede Menge neues Material liegt in der Schublade und wird hin und wieder ein bisschen eingespielt. Mein neues  Soloprogramm soll daraus nach jetziger Planung irgendwann im Laufe von 2007 entstehen, und nach jetziger Planung wird es auch irgendwie ganz anders sein als das aktuelle. Aber mehr kann ich noch nicht verraten.

RUB Alumni: Was würden Sie gerne den heutigen Bochumer Studierenden mit auf dem Weg geben?

Christian Hirdes: Wenn’s heute immer noch so ist wie damals, sage ich mal folgendes als Rat:  Wenn Sie (ich bleibe widerwillig mal beim Sie) ein Problem mit Eigenmotivation und Arbeitsmoral haben, studieren Sie irgendeinen verschulten, uninteressanten, karriereförderlichen Käse, sonst versacken Sie. Oder Sie studieren was interessantes, aber dann nur zum Spaß, so lange es geht, bis es zu teuer wird. Und machen dann anschließend beruflich was ganz anderes. Sollten Sie aber doch ein geisteswissenschaftliches Studium mit dem Zweck des Abschlusses verfolgen, versuchen Sie nicht, Ihre Studienordnung zu verstehen. Vereinfachen Sie stattdessen Ihre Situation, indem Sie genau eine qualifizierte Person fragen, was Sie an Kursen/Scheinen/Stunden/Praktika zusammensammeln müssen. Eine. Und richten Sie sich dann danach. Fragen Sie keinesfalls eine zweite Person, denn diese wird ihnen eine andere Antwort geben als die erste, und dann werden Sie verwirrt sein und eine dritte fragen und eine dritte Antwort bekommen undsoweiter. Und machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie nach drei Jahren Studium denken, dass Sie jetzt in den großen Körper Ihres Fachgebietes an verschiedensten Stellen sehr ausgiebige Nadelstiche gesetzt, aber immer noch nicht den geringsten Überblick über das Große Ganze haben. Das ist in diesen Fächern so.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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