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2012

Sanda Grätz

zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

1979 war Sanda Grätz die erste Absolventin des Faches Elektrotechnik an der RUB. Unter ihren Kommilitonen war sie als Frau allein auf weiter Flur, aber sie schwärmt noch heute von dem guten Zusammenhalt, den sie während ihres Studiums erlebte. Nach einer Zwischenstation an der Bergischen Universität Wuppertal fand sie ihre berufliche Heimat an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dort arbeitete sie lange Jahre als Wissenschaftlerin am Rechenzentrum und im Bereich medizinische Datenverarbeitung. Seit 2004 ist Sanda Grätz Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

[Beim Doppelkof] habe ich eine ganze Menge gelernt: wie man flucht, wie man raucht und wie man Karten spielt.

RUB Alumni: Frau Grätz, was und wann haben Sie an der RUB studiert?

Grätz: Ich bin in Rumänien geboren und aufgewachsen. Im Herbst 1972 kam ich nach Deutschland und wollte mein Studium der Elektrotechnik nahe meinem Wohnort Wuppertal fortsetzen. Zunächst musste ich eine Sprachprüfung ablegen, aber das war nicht schwierig, weil ich mehrsprachig aufgewachsen war. 1973 habe ich angefangen an der RUB zu studieren, ich war die einzige Studentin an der Fakultät für Elektrotechnik.

RUB Alumni: Was haben Sie für Erinnerungen an ihr Studium?

Grätz: Für mich bedeutete das Studieren in Deutschland schon eine Umstellung. Aus Rumänien war ich es gewohnt, sehr verschult zu studieren. In Deutschland wurde viel mehr Selbständigkeit und Eigenstudium verlangt, das hat mich erst einmal irritiert. Ich habe ein Semester gebraucht, um mich an die andere Kultur des Studierens zu gewöhnen. Zum Glück waren Kommilitonen und Professoren da, die mir geholfen haben. Irgendwann hat es aber auch richtig Spaß gemacht: ich bin in einer Lerngruppe von sieben Kommilitonen gelandet, wir haben gemeinsam studiert und oft zusammen in der Cafeteria gesessen und Doppelkopf gespielt. Da habe ich eine ganze Menge gelernt: wie man flucht, wie man raucht und wie man Karten spielt.

RUB Alumni: Auch wie man betrügt beim Kartenspielen?

Grätz: Ja, natürlich (lacht)! Ich habe alle Tricks drauf.

RUB Alumni: Waren Sie Ihr ganzes Studium über allein unter Männern?

Grätz: Ja – und ich möchte kein Semester missen. Ich habe sehr viel Solidarität erfahren, erstaunlicherweise. Ich bin aber auch mit zwei Brüdern aufgewachsen und daher war ich es gewohnt mit Männern umzugehen. Meine Brüder waren auch diejenigen, die mich motivierten, eine technische Laufbahn einzuschlagen. Ich war zwar immer sehr gut in Mathe und Physik, aber meine Sprachbegabung war auch sehr stark – ich spreche sechs Sprachen – es hätte auch nahegelegen, diese Richtung einzuschlagen.

RUB Alumni: Können Sie sich noch an eine Anekdote aus Ihrer Studienzeit erinnern?

Grätz: Es gibt eine Geschichte, die mich sehr geprägt hat und die ich nie vergessen werde: Ich saß in der Vorlesung „Regelungstechnik“, die von Prof. Schneider gehalten wurde. Nach einigen Vorlesungen rief der Professor mich zu sich und sagte: „Mädel, ich beobachte Sie jetzt schon seit einigen Wochen. Sagen Sie Ihrem Freund, dass, wenn er nicht selber kommt und mitschreibt, er nicht zur Prüfung zugelassen wird.“ Ich war ganz perplex und erwiderte: „Aber Herr Professor, ich bin doch diejenige, die studiert.“ Da wurde er noch unwirscher und sagte: „Mädel, Du gehörst an den Kochtopf!“

RUB Alumni: Au wei!

Grätz: Damals war ich eine 21jährige Studentin und wusste gar nicht, wie mir geschieht. Das war bezeichnend für die Vorurteile gegenüber Frauen in technischen Studiengängen. Ich hatte danach Angst, dass mich der Professor in der Klausur durchfallen ließ und ging natürlich mit Bedenken in die Prüfung. Aber ich schrieb eine Drei. Ich mochte das Fach Regelungstechnik und konnte mir gar nicht erklären, warum er mich so heruntergeputzt hatte.

RUB Alumni: Das war hoffentlich der einzige Vorfall?

Grätz: Ja, das war der einzige, der wirklich sehr einprägsam war. Natürlich gab es die typischen Bemerkungen der männlichen Kommilitonen, wenn man bei den Praktika die falsche Strippe in die falsche Buchse gesteckt hatte, aber da ich mit zwei Brüdern aufgewachsen war, wusste ich das zu nehmen. Für die Klausuren brauchte ich keine Hilfe, für die praktische Seite der Technik schon, weil ich von meiner Kindheit her keinen Bezug dazu hatte. In diesem Bereich habe ich sehr viel Unterstützung von meinen Kommilitonen bekommen. Ich habe sie aber auch eingefordert! Da kann man nicht abwarten wie ein Mauerblümchen.

RUB Alumni: Es gibt ja auch Vorschläge, Männer und Frauen in bestimmten Bildungsabschnitten zu trennen.

Grätz: Also das befürworte ich nicht, ich bin für die Koedukation. Ich glaube, dass sowohl Frauen als auch Männer schon in jungen Jahren lernen müssen, miteinander umzugehen, da sind auf beiden Seiten Vorurteile, die es zu überwinden gilt. Ich habe immer sehr gerne mit Männern zusammengearbeitet, auch weil ich es gewohnt war.

RUB Alumni: 1979 haben Sie Ihr Studium abgeschlossen. Wie haben Sie den Moment der Zeugnisübergabe in Erinnerung?

Grätz: Der Dekan sagte mir, ich sei der erste weibliche Absolvent der Elektrotechnik an der RUB und überreichte mir einen Strauß roter Rosen. Eine davon habe ich gepresst und bis heute aufgehoben (lacht). Ich fand es seltsam, dass diese Tatsache so herausgehoben wurde, ich kam aus dem Osten und dort belegten Frauen häufiger technische Studiengänge. [An der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der RUB sind heute 16 % der Studierenden Frauen, Projekte wie „SPW – Technik für Schülerinnen“ verfolgen das Ziel, den Frauenanteil an den ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten der RUB zu erhöhen; Anm. d. Red.]

RUB Alumni: Wie ging es nach dem Diplom beruflich für Sie weiter?

Grätz: Zunächst war ich ein Jahr lang wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universität Wuppertal, im Fachbereich Sicherheitstechnik. Später bin ich an das Rechenzentrum der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf gewechselt und habe mich dort lange mit der Bearbeitung medizinischer Daten befasst. Das entsprach letztendlich auch der Richtung, die ich zuvor mit meiner Diplomarbeit eingeschlagen hatte: ich hatte die Software für die Verbindung zweiter PCs geschrieben, damals ein revolutionäres Thema!

RUB Alumni: Dann waren Sie ja im doppelten Sinne Pionierin …

Grätz: Ja (lacht).

RUB Alumni: Heute sind Sie Gleichstellungsbeauftragte, wie kam es dazu?

Grätz: Ich bin seit 40 Jahren Mitglied der SPD und habe mich dort immer sehr für Frauen engagiert. An der Düsseldorfer Uni war ich auch im Personalrat der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tätig und hatte mich für die Wahl einer Gleichstellungsbeauftragten eingesetzt. Als mich die Frauen der Hochschule fragten, ob ich kandidieren würde, habe ich mir überlegt, was ich bewegen kann, zum Beispiel Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten – genau die Dinge, bei denen ich selber einen Mangel empfunden hatte. Zunächst wusste ich darüber hinaus nicht genauer, was Gleichstellung im engeren politischen Sinne an einer Hochschule bedeuten könnte. Mich selber hielt ich für emanzipiert genug. Dann stellte ich fest, dass es natürlich noch viele Baustellen gibt. Zum Beispiel gehen in den Fächern viele Promovendinnen auf dem Weg zur Promotion verloren, oder die promovierten Frauen machen nicht bis zur Habilitation weiter.

RUB Alumni: Warum brechen so viele Frauen ihre Wissenschaftskarriere ab?

Anke Godbersen: Sie brechen ab, weil sie einen Horror haben vor diesem sehr steinigen Weg zu Habilitation und Hochschulkarriere. Und genau in dieser Zeit steht auch die Familiengründung an und viele denken, sie müssen sich entscheiden zwischen Familie und Wissenschaftskarriere. Natürlich ist es auch nicht leicht, das muss man schon sagen! Aber es ist möglich: Wir haben an der Düsseldorfer Uni ein sehr gut funktionierendes Mentoring-Programm eingerichtet für Promovendinnen und Habilitandinnen [solche Programme gibt es auch an der RUB, Anm. d. Red.], damit können wir den Wissenschaftlerinnen vor allem die Angst vor diesen Themen nehmen. Wenn die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist, kann man Wissenschaftskarriere und Familie managen, es braucht natürlich auch die Mitarbeit der Partner. Dank der Hilfe der Stadt Düsseldorf bauen wir jetzt schon den dritten Kindergarten während meiner Amtszeit, insgesamt haben wir fünf KiTas auf dem Campus der Universität. Das ist auch ein wichtiger Punkt für mich: Für Eltern die entsprechenden Bedingungen herstellen, so dass sie beides machen können: berufstätig und Eltern sein, egal ob für Mütter oder Väter.

RUB Alumni: Was ist mit den Vätern?

Grätz: Die Partner müssen sich auch an der Familienarbeit beteiligen, es reicht nicht, das Kind zum Kindergarten zu bringen und sich dann nicht weiter zu kümmern. Wir machen an der Düsseldorfer Uni auch viel Väterarbeit: Wir holen die Väter aus der Anonymität der Hochschule heraus und regen dazu an, sich zu treffen und gemeinsam mit den Kindern etwas zu unternehmen.

RUB Alumni: Väter müssen ihre Rolle auch neu definieren.

Grätz: So ist es. Wir haben jetzt im sechsten Jahr einen Väterkalender herausgebracht, mit schon eingetragenen Ferienzeiten, so dass sie präsent haben, wann es Zeit ist, einen Urlaubsantrag zu stellen. In dem Kalender porträtieren wir Väter mit Vorbildfunktion, Professoren, Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter mit ihren Kindern. Oft haben die Leute ein Aha-Erlebnis: „Ach, den kenne ich doch, der hat zwei Kinder, das habe ich nicht gewusst.“ Und: „Wenn der sich schon outet, dann gehe ich vielleicht auch mal zum Väterstammtisch in die Mensa.“

RUB Alumni: Väter müssen sich „outen“!?

Grätz: Ja, das ist ein Outing! Das ist lange ein Tabu gewesen, „Familie“ hat bis vor einigen Jahren in der Hochschule nicht stattgefunden. Man musste alles irgendwie nebenher organisieren. Wie viele Frauen habe ich in Senats- oder Gremiensitzungen gesehen, die sich mit den Worten „Ich muss mein Kind aus dem Kindergarten abholen“ um 16 h wegschlichen. Nie habe ich einen Mann gesehen, der aufstand und sagte, er müsse jetzt sein Kind abholen. Natürlich gab es auch Professoren, die das Kind zu Hause hatten und von morgens bis abends wurde ihnen der Rücken von der Ehefrau freigehalten. Heute haben wir eine neue Generation von Vätern, deren Partnerinnen sind gut ausgebildet und wollen auch arbeiten. Und da sieht die Sache dann anders aus.

RUB Alumni: Wie können die Hochschulen unterstützend einwirken?

Grätz: Ich kämpfe dafür, dass Sitzungen idealerweise vormittags stattfinden oder bis 16 h, maximal 17 h beendet sind, damit auch Teilzeitbeschäftige und Eltern sich in der Hochschulselbstverwaltung engagieren können. Da hilft natürlich auch die flexible Arbeitszeit.

RUB Alumni: Möchten Sie abschließend den heutigen Studierenden noch etwas mit auf den Weg geben?

Grätz: Es muss alles auch ein bisschen Spaß machen. Ich hatte ein Studium, das mir wirklich Spaß gemacht hat, und so sollte es auch sein. Ich spreche jetzt nicht vom Lernen, ich meine das Drumherum: die Zusammengehörigkeit, die Teamarbeit, das bringt einen auch weiter. Gerade in den Lerngruppen übt man schon im Kleinen für das, was später im Beruf kommt: Bin ich ein Leader-Typ oder eher ein gutes Teammitglied? Und ob es sich dabei nun um Männer oder Frauen handelt, das ist gar nicht so wichtig.

RUB Alumni: Führen Sie doch das „Drumherum“ noch ein wenig aus, haben Sie auch mal gefeiert?

Grätz: Absolut, das gehörte dazu! Unsere Lerngruppe nannten wir zum Beispiel „Zeche Caroline III/IV“, nach einer Bochumer Zeche, in der der Vater eines Kommilitonen gearbeitet hatte. Jeder in dieser Gruppe hatte einen Posten: Einer war „Obersteiger“, der andere war „Sicherheitsbeauftragter“ und so weiter. Ich war „Kauenwärterin“ (lacht), und wenn ich zu spät zur Vorlesung kam, strich man mir meine „Seifenrationen“. Während des ganzen Studiums hat uns eine Kladde begleitet, in der der „Obersteiger“ die sogenannten Vergehen notierte. Und beim Doppelkopf hatten wir einen Wanderpokal in Form eines Kohlebriketts; nach jahrelangem Bemühen konnte ich ihn ergattern und bewahre ihn noch heute auf!

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch!

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