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2005

Prof. Dr. Gerd Fußmann

Direktor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik

Prof. Dr. Gerd Fußmann studierte in Darmstadt und Bochum Physik. 1974 schloss er sein Studium an der Ruhr-Universität Bochum erfolgreich mit der Promotion ab. Bis 1992 war er Prof. Dr. Fußmann wissenschaftlicher Angestellter am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP). Hier arbeitete er an verschiedenen Fusionsexperimenten. Außerdem war er Lehrbeauftragter an der Universität Augsburg und hat sich dort auch habilitiert. Seit 1993 ist Prof. Dr. Fußmann ordentlicher Professor am Lehrstuhl für experimentelle Plasmaphysik an der Humboldt-Universität Berlin. Im selben Jahr übernahm er außerdem die Leitung des Bereichs Plasmaphysik und wurde zum Direktor und zum wissenschaftlichen Mitglied des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik berufen. Prof. Dr. Fußmann ist Mit-Herausgeber der Zeitschrift "Contributions to Plasma Physics" und Sprecher des DFG-Fachkollegium 308 "Optik, Quantenoptik und Physik der Atome, Moleküle und Plasmen".

Die automatische Toilettenspülung alle 15 Minuten hat mir erhebliches Kopfzerbrechen bereitet!

RUB Alumni: Sie haben in Darmstadt Ihr Studium begonnen und sind dann im weiteren Verlauf nach Bochum gewechselt. Was waren damals Ihre Beweggründe, nach Bochum zu wechseln?

Prof. Dr. Fußmann: Prof. von Butlar ging damals von Darmstadt nach Bochum, wo er einen Ruf angenommen hatte, und ich hatte vor, bei ihm meine Diplomarbeit anzufertigen. Das war im Bereich Kernphysik, die zur damaligen Zeit noch sehr en vogue war. Später habe ich mich dann jedoch für die Plasmaphysik entschieden und bei Prof. Schlüter meine Diplomarbeit gemacht.

RUB Alumni: Fällt Ihnen eine nette Anekdote ein, wenn Sie an Ihre Bochumer Zeit zurückdenken?

Prof. Dr. Fußmann: Eine vielleicht auch historisch interessante Geschichte fällt mir da ein. Zur damaligen Zeit kamen gerade die Taschenrechner auf, und ich erinnere mich noch ziemlich genau, dass ich mit unserem Assistenten, Dr. Himmel, zusammen saß. Dr. Himmel hatte ein Angebot für einen solchen Taschenrechner, aber gleichzeitig noch ein weiteres Angebot für einen mechanischen Rechner, eine kleine Mühle ähnlich einer Pfeffermühle, an der man drehen musste, und dann spuckte sie bei Multiplikation und Division die Ergebnisse heraus - und zwar auf acht Stellen nach dem Komma. Der Texas-Taschenrechner brachte es aber nur auf sechs Stellen. Da gab es im Institut eine große Beratung, was denn nun für ein Rechner gekauft werden sollte, ob der Texas-Rechner, der natürlich alle möglichen Vorteile hatte, oder diese Mühle. Dr. Himmel votierte, wegen der acht Stellen, für die Mühle, aber die Mehrheit stimmte dann doch für den Texas-Rechner. Die waren damals noch sehr teuer, ich glaube 1300,- DM. Das war eine Sensation, dass man zum ersten Mal Sinus, Kosinus und Exponentialfunktionen mit Hilfe eines solchen Taschenrechners so einfach berechnen konnte. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie schnell sich das alles verändert hat. Welche Vorzüge wir heute haben durch unsere schnellen und einfach zu bedienenden Computer.
Mir fällt noch eine weitere Geschichte ein. Zur damaligen Zeit ging alles noch ein bisschen primitiver zu und auch die Wirren der Nachkriegszeit waren noch ein wenig zu spüren. Das äußerte sich unter anderem darin, dass vielerorts die Kohle wild abgebaut worden war und Hohlräume unter der Erde entstanden waren. Eines Morgens war eine Frau, ganz in der Nähe der Universität übrigens, beim Wäscheaufhängen plötzlich verschwunden. Der Boden hatte sich aufgetan und sie war sechs Meter in die Tiefe gestürzt. Spätestens dann wusste man, wo man war: Man war im Ruhrgebiet angekommen.

RUB Alumni: Können Sie Ihr Studium in der damaligen Zeit an der Ruhr-Uni in einigen Sätzen beschreiben?

Prof. Dr. Fußmann: Ich bin 1968 nach Bochum gekommen, das war ja bekanntlich der Anfang der „wilden Jahre“. Das war auch in Bochum zu spüren. Bochum war sogar, was die Studentenbewegung anbelangt, ziemlich aktiv. Ich habe da damals auch ein bisschen dran teilgenommen, allerdings nicht so intensiv, wie das in anderen Bereichen, beispielsweise in der Soziologie, die Regel war. Ich erinnere mich, dass wir auch einmal zum Bochumer Verein gezogen sind. Rudi Dutschke war damals in der Stadt. Auch die Arbeiter des Bochumer Vereins sollten an unserem Protestmarsch teilnehmen und sich die studentische Auffassung der Welt zu Eigen machen. Das ist aber ziemlich kläglich gescheitert. Die Arbeiter haben es vorgezogen, weiter zu arbeiten. Es waren tatsächlich wilde Jahre: fast täglich gab es an der Universität eine Kundgebung oder eine Protestveranstaltung. Die Professoren hatten einen schweren Stand - überall Aufruhr und Protest. Im physikalischen Institut dagegen hatten wir Studenten untereinander und mit den Dozenten und Assistenten ein gutes Verhältnis. Es gab auch sehr schöne Feste. Wir hatten sogar einen Gesangsverein. Da trafen wir uns einmal in der Woche im kleinen Kreis mit Gitarre und haben gesungen. Das ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Bei mir im Institut wüsste ich keinen, den ich für so etwas begeistern könnte.

RUB Alumni: Wie lange hat es denn gedauert, bis Sie das Geschosssystem in Bochum durchschaut haben?

Prof. Dr. Fußmann: Das weiß ich nicht mehr so genau, weil es doch schon eine Zeit her ist. Aber ich weiß noch, dass das Ganze ziemlich undurchsichtig war. Es waren ja auch noch nicht alle Gebäude fertig, was die Sache noch ein wenig komplizierter gemacht hat. Die Stellen, die man brauchte, hatte man schnell gefunden. Unten im Gebäude NB gab es übrigens eine Kantine, so dass wir meistens gar nicht zur Mensa gegangen sind, die damals noch in ziemlicher Entfernung lag (das heutige Bibliotheksgebäude in der Hustadt, Anm. d. Red.).

RUB Alumni: Besitzen Sie denn noch heute Gegenstände aus Ihrer Studienzeit?

Prof. Dr. Fußmann: Den Doktorhut habe ich natürlich noch und Fotos aus der damaligen Zeit, außerdem einige Versuchsprotokolle. Ein Messprotokoll habe ich noch, das mir damals erhebliches Kopfzerbrechen bereitet hat. Da gab es auf dem Schreiberprotokoll merkwürdige Schwingungen mit einer Periode von 15 Minuten. Ich konnte mir zunächst gar nicht erklären, wo diese langsamen Oszillationen herkommen konnten. Schließlich stellte sich heraus, es war die Toilettenspülung im Gebäude. Jede 15 Minuten wurden alle Toiletten gespült, damit fiel der Wasserdruck etwas ab und die Kühlung wurde geringer. Das war der Grund für die Schwankungen.

RUB Alumni: Sie sind heute ja immer noch im universitären Bereich beschäftigt. Was würden Sie in der heutigen Zeit initiieren, wenn Sie Kanzler oder Rektor einer Universität wären, vor allem vor dem Hintergrund der allgemeinen Kostenproblematik?

Prof. Dr. Fußmann: Aufgrund der Finanzprobleme denke ich, dass wir um Studiengebühren nicht herum kommen. Das machen andere Länder ja nun auch schon seit vielen Jahren, und ich sehe ja was es für ein Problem ist, an den Universitäten die Gelder aufzutreiben, die man braucht. Es muss ja nicht so radikal sein, wie in den USA. Außerdem sollte man Hochbegabte auf jeden Fall fördern. Aber die Freizügigkeit, wie wir sie jetzt haben, können wir uns in Zukunft, glaube ich, nicht mehr leisten. Dass die Studiengebühren direkt den Universitäten zur Verfügung gestellt werden sollten ist selbstverständlich. Was ich bei uns an der Humbolt-Universität bedauere, ist die nüchterne Verabschiedung unserer Diplomanden und Doktoranden. Das wird in den USA viel besser gemacht, und es gibt dort auch ein viel größeres Zugehörigkeitsgefühl zur jeweiligen Universität. Als Ergebnis spenden dort die ehemaligen Studierenden gerne für ihre Universität und unterstützen sie in allen Belangen. Das fängt meines Erachtens damit an, dass man eine gewisse Würde und Feierlichkeit in die Abschiedsveranstaltungen für abgehende Diplomanden und Doktoranden bringt. Es ist aber schwer, so etwas einzuführen, wenn keine Tradition vorhanden ist. Von daher freut es mich, dass ich nun als ehemaliger Student der Bochumer Universität angesprochen wurde. Nebenbei gesagt, ich hatte eine wirklich schöne Zeit in Bochum.

RUB Alumni: Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie an Ihre Studienzeit in Bochum zurückdenken?

Prof. Dr. Fußmann: Die Feiern, die wir hatten und die damalige Kameradschaft, die heute in diesem Maße nicht mehr gegeben ist. Wir hatten ein sehr gutes Einvernehmen untereinander und auch ein sehr harmonisches Verhältnis zu den Professoren.

RUB Alumni: Verbindet Sie denn heute noch etwas mit der Bochumer Universität?

Prof. Dr. Fußmann: Ich kenne noch eine Reihe von Kollegen, die in Bochum sind, auch wenn viele erst nach meiner Zeit berufen worden sind. Bei der Emeritierung von Prof. Wiesemann habe ich die Festrede gehalten und zu meinem ehemaligen Chef Prof. Hans Schlüter habe ich immer noch einen freundschaftlichen Kontakt. Mit einem der neueren Professoren, Prof. Schlickeiser, sitze ich bei der DFG im Ausschuss. Etwa alle drei Jahre komme ich zum Kolloquium oder in irgendeiner anderen Angelegenheit nach Bochum.

RUB Alumni: Wenn Sie heute noch mal studieren würden, welches Fach würden Sie heute belegen?

Prof. Dr. Fußmann: Ich denke, ich würde mich wieder für Physik entscheiden. Ich bin da sehr gut mit gefahren, und es hat mir auch immer viel Spaß gemacht. Bevor ich angefangen habe zu studieren, hatte ich mit der Psychologie geliebäugelt, aber ich bedauere es rückblickend nicht, dass ich mich für Physik entschieden habe. Man gewinnt einen tiefen Einblick in die Natur und erfährt etwas über die Welt, die hinter den Erscheinungen steht. Es ist ein wirklich interessantes Gebiet, wenngleich man nicht so leicht ans Geld kommt, wie in anderen Bereichen. Als Betriebswirt oder Jurist ist es einfacher, in hohe Positionen aufzurücken und entsprechendes Geld zu verdienen. Ich bin da aber nicht traurig drum, ich komme mit meinem Einkommen zurecht.

RUB Alumni: Würden Sie denn auch wieder Bochum als Universität wählen?

Prof. Dr. Fußmann: Ja, das würde ich. Ich bin in Bochum sehr gut aufgenommen worden und habe dort auch viel gelernt. Ich denke, der Ruf von Bochum ist eher noch besser geworden in den letzten Jahrzehnten.

RUB Alumni: Interessant ist dann ja, dass Bochum in den entsprechenden Rankings eher im hinteren Drittel zu finden ist…

Prof. Dr. Fußmann: Das ist dann auch eine Frage der Kriterien, die in diesen Rankings herangezogen werden. Ich weiß nicht, ob das immer sinnvoll zugeht. Bei der Einwerbung von Drittmitteln mag Bochum vielleicht etwas schlechter wegkommen, aber ob das so maßgeblich ist? Ich komme mit vielen Leuten zusammen, unter anderem in der Max-Planck-Gesellschaft, und habe über Bochum eigentlich immer nur Gutes gehört. Als ich in den achtziger Jahren noch beim IPP in Garching war, haben wir jedes Jahr eine Menge Leute eingestellt, circa 20 Postdoktoranden. Die kamen aus den verschiedensten Universitäten, und im Laufe der Zeit wusste man, an welchen Universitäten nur Einser vergeben wurden und wo es etwas kritischer zuging. Die Leute aus Bochum waren gute Wissenschaftler, die hatten eine gute Ausbildung genossen.

RUB Alumni: Was würden Sie denn gerne den heutigen Bochumer Studierenden mit auf den Weg geben, als Tipp von Prof. Fußmann?

Prof. Dr. Fußmann: Ich würde Ihnen den Rat, den Marc Aurel vor fast 2000 Jahren seinem Neffen gab, ans Herz legen wollen: „Wenn Dir eine Sache sehr schwierig vorkommt, darfst Du nicht gleich denken, dass sie dem Menschen unmöglich ist. Du solltest vielmehr denken, wenn sie dem Menschen möglich ist, dann auch Dir!“ Wenn man Chancen und Verstand hat, muss man auch beides nutzen, das gilt heute wie damals.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.

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