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2005

Christoph Böll

Filmemacher

Christoph Böll studierte ab 1972 an der RUB vier Semester Mathematik und Philosophie und acht Semester lang Deutsch und Geschichte. Noch vor seinem Abschluss entschied er sich Filmemacher zu werden. Während seiner Zeit an der RUB engagierte er sich beim Studienkreis Film (SKF), bei dem er auch Geschäftsführer war. Während seiner Zeit beim SKF drehte er bereits 25 Super8 Filme und wurde dort bei Vorführungen mit Publikumspreisen ausgezeichnet. 1983 brachte er seinen ersten Film, „Der Sprinter“, in die Kinos.

Der erste [Film] hieß: „A604“ – das war meine Zimmernummer, der zweite hieß: „Wie schön ist doch der Blick aus meinem Fenster“.

RUB Alumni: Warum haben Sie in Bochum studiert?

Christoph Böll: Zunächst mal bin ich durch's Abi gefallen und meine Freundin ist nach Bochum gegangen und studierte dort Psychologie. Im Jahr darauf bin ich ihr dann von Köln aus gefolgt.

RUB Alumni: Warum haben Sie Ihr Studium der Mathematik und Philosophie abgebrochen?

Christoph Böll: Ich war schon wegen Mathe durch das Abitur gefallen, von daher war es einfach bekloppt. Dann habe ich in Köln Ersatzdienst gemacht und danach habe ich in Bochum mit Deutsch und Geschichte angefangen. Das habe ich 8 Semester lang, bis zu meinem 28 Lebensjahr studiert. Und dann habe ich mir gedacht: „So, jetzt werde ich Regisseur“.

RUB Alumni: Sie haben während Ihrer Zeit beim SKF bereits 25 Super8 Filme gedreht - was für Themen hatten die Filme?

Christoph Böll: Ja, in den ersten 10 Jahren habe ich ziemlich viele Super8 Filme gedreht. Die Filme waren für mich wie ein Spiegel und ein Tagebuch. Das heißt: ich habe gefilmt, mir das Ergebnis angesehen und dann dachte mir „Ach! So bist Du also drauf.“ Zum Beispiel wohnte ich als Erstbezügler in dem Studentenwohnheim Querenburger Höhe 100 und da habe ich drei wunderbare Filme gedreht. Der erste hieß: „A604“ – das war meine Zimmernummer, der zweite hieß: „Wie schön ist doch der Blick aus meinem Fenster“ und der dritte hieß: „Wie ich mir eine Nacht lang die Uni ansah, an Hans Albers dachte, ans Meer fuhr und mein Studium aufgab.“ So waren diese ganzen Filme. Sehr privat. Tagebuchfilme im Prinzip.

RUB Alumni: Der Schriftsteller Heinrich Böll war Ihr Onkel... Hat das irgendeine Auswirkung auf Sie bzw. Ihre Arbeit gehabt? Oder denken Sie es liegt in der Familie kreativ zu sein?

Christoph Böll: Nein, ich glaube, dass jeder Mensch kreativ ist. Die Frage ist nur, ob man sich in dieses Abenteuer stürzt. Eigentlich heißt das, dass man seiner Emotionalität vertraut. Wenn ich mich an irgendwelche Regeln halte, dann kann ich mich auch so durch's Leben leben. Natürlich ist das auch etwas anders, wenn man Böll heißt. Mein Onkel bekam ja '72 den Nobelpreis und da war er natürlich schon ein Star und da kann man nicht sagen, dass man das nicht spürt oder so. Man ist dann einfach ein Böll. Das ist natürlich auch eine Schwierigkeit, weil man von außen wie mit einem Firmennamen versehen und irgendwie verwurstet wird, ohne dass man was dazu getan hat.

RUB Alumni: Das ist Ihnen also schon passiert…

Christoph Böll: Ja, klar. Man war ja einfach ungefragt Böll. Ich hab meinen Onkel total gern gehabt und es war auch spannend so einen berühmten Menschen zu kennen, weil ich dann merkte, wie normal die eigentlich sind. ...das die auch Zahnschmerzen und schlechte Laune haben oder zu viel rauchen, dass das eben nicht nur so ein Glanz ist, sondern, dass das eigentlich wirklich etwas ganz normales ist.

RUB Alumni: Mochten Sie seine Werke?

Christoph Böll: Das ist eine schwierige Frage. Es gab früher einen Konflikt zwischen meinem Vater, dem Bruder meines Onkels, und meinem Onkel. Mein Vater war älter und für ihn war mein Onkel halt der kleine Heinrich und so nahm er ihn nicht so ganz ernst. Die haben sich oft gestritten. Das war ein kleiner Zwiespalt für mich – politisch war ich eher bei Heinrich, aber emotional eher bei meinem Vater. Ich konnte den Konflikt eigentlich nie lösen. Deswegen habe ich nie die Bücher gelesen, weil ich mich damit gar nicht auseinander setzen konnte. Im Nachhinein hab ich ein paar Bücher gelesen, aber damals fiel mir das total schwer.

RUB Alumni: Hat Ihr Onkel mal Filme von Ihnen gesehen?

Christoph Böll: Es kann sein, dass er den Sprinter noch gesehen hat. Aber wie er ihn wenn fand, weiß ich nicht.

RUB Alumni: Und Ihre Familie – stand die immer hinter Ihnen und Ihrem Karrieregang?

Christoph Böll: Die Karriere war ja eine großes Auf und Ab – aber ich habe meine Familie so gesehen, eigentlich nie gefragt. Zumindest die Basisfamilie. Ich glaube die haben oft gedacht „der ist ein bisschen bekloppt“, aber meine Frau stand immer hinter mir. Sie selbst ist auch Malerin und hat bei Hänner Schlieker gemalt. Das waren teilweise harte Zeiten, z.B. bei diesem Sisi Film. Du denkst du bist am Ziel deiner Träume und dann… Dann habe ich bei Ulla Kock am Brink die Texte geschrieben. Das war die absolute Flucht, weil ich einfach nicht wusste was ich machen sollte.

RUB Alumni: Wenn Sie heute noch mal Ihre Karriere beginnen würden, wie würden Sie das dann angehen?

Christoph Böll: Kann ich ganz schlecht sagen. Ich wäre damals z.B. auch nie auf die Idee gekommen, nach München zur Filmhochschule zu gehen. Ich war ja gar nicht so ein Filmfreak, deswegen war es ganz gut, da so reinzuwachsen. Also, ich bereue nichts, ich kann mir durchaus denken, dass ich es noch mal so machen würde.

RUB Alumni: Würden Sie denn auch sagen, dass Ihr Studium hilfreich war für Ihre jetzige berufliche Tätigkeit?

Christoph Böll: Mir war diese ganze akademische Laufbahn ehrlich gesagt zu unemotional, nie unter einem Lustprinzip. Das habe ich selbst aber auch erst im Nachhinein gemerkt. Daher fand ich es eben klasse, dass dieser „akademische Kasten“ immer noch diese Schlupflöcher ließ, wie der SKF oder das Musische Zentrum mit dem Hänner Schlieker. Ein unglaubliches Angebot. Was zum anderen hier an der Uni auch besonders wichtig war, waren die von Walter Niesel veranstalteten Selbsterfahrungsgruppen. Das war im Haus der Freunde. Wenn man die Uni nicht nur als Ort des „Zuballerns“ mit Wissen sieht, sondern auch als Ort des Findens – dann hat die Uni wirklich schon einiges geboten.

RUB Alumni: Was würden Sie den heutigen Studierenden hier an der Uni mit auf den Weg geben?

Christoph Böll: Sie sollen das alles nicht so ernst nehmen. Die sind alle noch so jung und es wird noch so viel passieren. Diese ganze akademische Laufbahn, ist nicht immer so wichtig. Was das betrifft hatte ich auch ein witziges Erlebnis: Mich hat jemand gefragt, ob ich einen Filmkurs machen würde. Dafür war ich in der Verwaltung und die fragten mich, ob ich einen akademischen Abschluss habe und dann ob ich denn ein Abiturzeugnis hätte. Da habe ich geantwortet: „Nee, das habe ich irgendwann mal verbrannt.“ Das war der Frau so peinlich, dass ich so was gemacht habe. Das war so vollkommen absurd. Da habe ich mich gefragt „Was soll so ein Lappen? Der ist doch nichts wert!“ Ich denke man soll viel eher dem Leben vertrauen, wo es einen hintreibt.

RUB Alumni: Sie haben Ihr Abiturzeugnis tatsächlich verbrannt?

Christoph Böll: Ja, ich habe alle meine Zeugnisse mal irgendwann verbrannt. Das ist noch gar nicht so lange her, drei oder vier Jahre. Da habe ich mich gefragt, wozu ich das alles aufheben soll. Da haben wir dann so ein Osterfeuer gemacht.

RUB Alumni: Vermissen Sie etwas aus Ihrer Zeit an der RUB?

Christoph Böll: Vermissen ... sagen wir mal so: Es gibt viele Dinge und Situationen, die ich nicht missen möchte. Aber vermissen – es war eine wichtige Zeit für mich und die habe ich abgeschlossen und deswegen vermisse ich eigentlich nichts.

RUB Alumni: Verbindet Sie denn noch etwas mit der Uni?

Christoph Böll: Ich verbinde damit den Anfang meiner Karriere...z.B. dieser Film „Wie schön ist doch der Blick aus meinem Fenster“ – das ist ein unglaublich schöner und für mich sehr wichtiger Film. Es war ja damals auch eine ganz andere Stimmung hier. Damals galt die Uni noch als Selbstmord-Uni. Ich habe das selbst nicht so empfunden, aber dennoch auch mal so was mitbekommen. Man denkt eigentlich immer, dass es sich in dem Alter um eine Aufbruchsstimmung handelt, aber gerade da erlebt man eben viele Brüche und neue Dinge und wir vergessen häufig, dass das Scheitern zum Leben dazu gehört.

RUB Alumni: Wenn Sie Ihre Zeit hier an der Uni kurz zusammenfassen müssten, wie würden Sie das machen?

Christoph Böll: Da würde ich sagen, dass es spannend war. Bochum war auch für mich, weil ich von Köln kam, zuerst mal der totale Hammer. Die Leute hier waren so was von anders. Deswegen war es schon eine unglaubliche Erfahrung an sich: „Bochum“. Und die Uni ebenso. Es war außerdem eine sehr lebendige und eine sehr neugierige Zeit.

RUB Alumni: Was würden Sie als Rektor oder Kanzler anders machen wollen? Oder was hätten Sie früher anders machen wollen?

Christoph Böll: Aus der heutigen Zeit, kann ich das schlecht beurteilen. Damals war Professor Ewald Rektor der Uni. Der war ein guter Typ. Der hat den Kohlen-Keller-Club gegründet. Da konnte jeder hin kommen und mit ihm quatschen. Damals gab es z.B. Proteste gegen ein Hochschulrahmengesetz, da hatten die Studenten gegen protestiert und Rahmen gebaut, unter denen man gebückt her gehen musste. Da hab ich einmal den Ewald beobachtet, wie er einen Gast durch die Uni führte und sich ganz selbstverständlich auch bückte und durch dieses Hindernis ging. Der ging nicht außen rum oder ließ jemanden holen der das abbaute, sondern machte mit.

RUB Alumni: Besitzen Sie denn noch einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit?

Christoph Böll: Meine Filme natürlich und meinen Studentenausweis. Ich habe eine Schatzkiste und da habe ich den gefunden.

RUB Alumni: Von Ihren bisherigen Projekten – welches war bisher Ihr Lieblingsprojekt?

Christoph Böll: Das ist schwer zu sagen. Zum Beispiel „Der Sprinter“ – das war mein erster Film, den ich zusammen mit einem Kollegen, den ich im Studienkreis Film kennen gelernt hatte gedreht habe. Das war quasi mein Studienabschluss. Das war natürlich sehr wichtig: ein Drehbuch zu schreiben, die Finanzierung zu schaffen und das dann auch ins Kino zu bringen. Aber es gibt eben auch sehr viele Sachen, wo man sehr drum gekämpft hat – wie zum Beispiel dieses Sissi Projekt. Da habe ich 7 Jahre für gekämpft und gerackert und dann habe ich den Film endlich gedreht und dann ist er gefloppt. Ich habe eben viel gelernt, durch diese ganzen Prozesse, die ich da mitgemacht habe. Mein erster Film hieß „Christkind kommt“, das war eine satirische, kleine Geschichte. Da habe ich bei einem Festival vom SKF den ersten Preis vom Publikum gewonnen. Das war eine Initialzündung ehrlich gesagt. Heute mache ich ganz andere Sachen – auf DV.

RUB Alumni: Welche Projekte stehen denn noch an? Gibt es Ideen? Derzeit arbeiten Sie an einem Horrorfilmprojekt...

Christoph Böll: Derzeit passieren viele Dinge. Gerade das Digitale Video bietet die Möglichkeit sehr schöne Bilder zu machen, wirklich Kino. Das verfeinere ich gerade. Außerdem begleite ich seit einem Jahr Jungendliche, für ein Horrorfilmprojekt. Dazu haben wir ein Drehbuch entwickelt und ich hoffe, dass wir demnächst einen Horrorfilm draus machen. Ich war nie scharf auf einen Horrorfilm, aber es war deren Idee und dann finde ich das auch gut.

RUB Alumni: Und wie ist es zu der Arbeit mit den Jugendlichen gekommen?

Christoph Böll: Die Stadt Witten hatte mir einen Preis verliehen. Lang lebe die Stadt Witten! (lacht) Und dann fragte mich jemand aus Sprockhövel, ob ich ein Projekt mit Jugendlichen machen könnte. Dabei ging es dann natürlich nicht darum ein Buch von mir zu machen, sondern eine Geschichte der Kids. Dann haben die sich echt hingesetzt und ein Buch entwickelt, mit der Unterstützung eines Drehbuchautoren, den ich noch dazu geholt habe. Der hat sich auch an den Wünschen der Jugendlichen orientiert und die verschiedenen Rollen auf sie abgestimmt.

RUB Alumni: Was verbindet Sie mit der Uni?

Christoph Böll: Also, ich war nie über die Uni verbittert – aber ich glaube, dass das bei vielen Menschen so ist und die verwechseln dann die eigene Verbitterung mit der Institution, die sie auf ihren wahren Weg geführt hat. Es ist ja eine Herausforderung, wenn einen etwas ärgert dagegen anzukämpfen. Mir wurde damals deutlich, dass wenn ich mich anstrengte, ich in einer Seminararbeit eine eins schreiben konnte. Da dachte ich mir irgendwann: „so einfach ist das – man muss also nur lesen, lesen, tausend Quellen haben, dann kriegt man ´ne eins“ und auf einmal erschien mir das total banal. Das hat mich irgendwie etwas irritiert und hat dann ehrlich gesagt auch den Reiz für mich verloren. Ich bin einfach kein Akademiker.

RUB Alumni: Vielen Dank für das Gespräch.