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Forschungsgegenstand Kunstgewerbeschulen

Kunstgewerbeschulen waren berufsbildende Aus- und Fortbildungseinrichtungen für kunstgewerbliche Tätigkeitsfelder, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in öffentlicher und privater Trägerschaft entstanden. Die Gründungen erfolgten als Reaktion auf das schlechte Abschneiden deutscher Produkte im internationalen Wettbewerb, besonders auf der Weltausstellung in London 1851. Kunstgewerbeschulen sollten helfen, die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Industrieerzeugnisse zu erhöhen, indem sie eine Qualitätssteigerung herbeiführen, in einem weiteren Sinne aber auch der Geschmacksbildung der Käuferschaft zuarbeiten sollten. Unter den Bedingungen der Massenproduktion setzten sie die Tradition (kunst-)handwerklicher Schulung fort, die seit dem 18. Jahrhundert an Sonntags- und Fortbildungsschulen, Handwerkerschulen, Kunst- oder Zeichenschulen bestand. 

Im lockeren Rahmen des Berufsschulwesens waren Kunstgewerbeschulen sehr unterschiedlich organisiert, wobei die Besonderheiten des lokalen Wirtschaftslebens einen Einfluss auf die Ausgestaltung hatten. Leitfach war zunächst das Zeichnen, später fand eine Ausdifferenzierung in die heute noch gängigen kunstgewerblichen Felder Glas-, Textil., Metall-, Keramik- und Holzgestaltung statt. In unterschiedlichen Kombinationen und Schwerpunktsetzungen reichte das Fächerspektrum von dekorativem Zeichnen und Malerei (Grafik, Werbung, Wandmalerei) über Modellieren, Möbelentwurf, Buch- und Emailkunst bis hin zu Fotografie und Architektur (Gebäudeentwurf und Raumkunst). 

Kunstgewerbeschulen bildeten ihre Klientel entweder im Volltagsunterricht in einem meist dreijährigen Kurs für kunsthandwerkliche Tätigkeitsfelder aus, wobei die Aufnahmebedingungen variierten. Oft wurden eine bereits begonnene oder absolvierte Lehrzeit und das erreichte 15. Lebensjahr vorausgesetzt. Darüber hinaus boten die Schulen Beschäftigten im Kunsthandwerk eine Weiterbildung in berufsbegleitenden Abendkursen. Auch angehende Zeichenlehrer:innen, v.a. des Volks- und Realschulwesens, besuchten Kunstgewerbeschulen. Auf diese Weise gab die Schulform Frauen, die eine Berufstätigkeit anstrebten, zu einem historisch frühen Zeitpunkt die Möglichkeit zu Ausbildung und Lehrtätigkeit. 

Kunstgewerbeschulen wurden staatlich und städtisch finanziert und erhoben Schulgeld. Aufgrund ihrer Stellung zwischen Kunst und Gewerbe konnten sie wechselnden Ministerien (Kultusministerium/Handelsministerium) unterstehen. Neben ihrer berufsbildenden Funktion und den wirtschaftspolitischen Interessen, die ihre Gründung motivierten, waren sie Schauplatz und Experimentierfeld der kultur- und stilkritischen Reformbewegungen (Kunstgewerbebewegung) des ausgehenden 19. Jahrhunderts und standen mit reformerischen Gesellschaftsinitiativen dieser Zeit in enger Verbindung. Ihr Bildungsanspruch korrespondierte mit einer institutionellen und personellen Verbindung mit dem Handwerk und der Industrie, mit Kunstgewerbemuseen, an die sie angebunden sein konnten, sowie mit kunstgewerblichen Vereinigungen. 

Das Forschungsnetzwerk "Die deutschen Kunstgewerbeschulen: künstlerisch-handwerkliche Ausbildungsinstitutionen im langen 19. Jahrhundert" untersucht die facettenreiche Geschichte der Kunstgewerbeschulen interdisziplinär als Gegenstand der Bildungs- und Schulgeschichte, der Kunst- und Designgeschichte, der Wirtschafts- und Konsumgeschichte, der Architekturgeschichte sowie der Kultur- und Sozialgeschichte.