Überarbeitete Fassung des Aufsatzes in: T. Fischer, R. Seising (Hg.): Wissenschaft und Öffentlichkeit. Frankfurt/M. (Lang) 1996, S. 173-198.

 

Die Verantwortung der Wissenschaft

Ein Rückblick auf das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich technischen Welt (1970–1980)

M.Drieschner

 

Dieses mit der Person Carl Friedrich von Weizsäckers untrennbar verbundene Max-Planck-Institut war schon zu den Zeiten, als es noch arbeitete, eine Legende in der Öffentlichkeit. Davon hat sich bis heute die Nachricht gehalten, daß mit der Schließung dieses Instituts (oder genauer, der Weizsäckerschen Abteilung) zum 30.6.1980 ein hoffnungsvoller Ansatz der Wissenschaft, ihre eigene Verantwortung wahrzunehmen, von außen abgewürgt worden sei. – Richtig ist daran, daß tatsächlich die Max-Planck-Gesellschaft mit der Emeritierung Weizsäckers seine Abteilung geschlossen hat, gegen den Wunsch aller am Institut Tätigen einschließlich Weizsäckers; und daß zu diesem Entschluß fraglos auch beigetragen hat, daß der Mehrheit der maßgeblichen Leute in der Max-Planck-Gesellschaft das, was in dem Institut gemacht worden war, überwiegend nicht gefallen hat. Bei näherem Hinsehen wird man aber auch feststellen, daß die Sache im Detail viel komplizierter und verwickelter war, und daß die großen Fragen der Verantwortung der Wissenschaft von dem Institut auch nicht gelöst worden wären, wenn es weiterbestanden hätte.

Die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft, aus deren Diskussion dieses Institut entstand, ist auch heute nicht weniger brisant als Ende der 60er Jahre. Da sich mit seiner Tätigkeit und vor allem seinem Ende die eher romantische Vorstellung verbindet, daß sein Erfolg nur von außen verhindert worden sei, kann ein Rückblick auf die Geschichte dieses Instituts sicher auch dazu dienen, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten einer derartigen Unternehmung etwas nüchterner abzuschätzen.

Den Ursprung des Gedankens an ein solches Institut muß man an das Ende des Jahres 1938 datieren, als Otto Hahn die Möglichkeit entdeckte, daß Atomkerne sich spalten konnten und dabei Energie freisetzen. Carl Friedrich von Weizsäcker, der als einer der ersten von diesen Experimenten erfuhr, sah sofort die ungeheuren Möglichkeiten, die eine technische Anwendung dieser Entdeckung bieten könnte, und zugleich der baldige Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war voraussehbar – die ungeheuren Gefahren, die darin steckten, daß man diesen Prozeß zum Bau von Bomben von bis dahin ungeahnter Explosivkraft verwenden konnte.

Carl Friedrich von Weizsäcker war dann, aufgrund seiner Mitarbeit an der Entwicklung der Atomkern-Physik und Kerntechnik, zutiefst davon überzeugt, daß Wissenschaftler die Verantwortung für die Folgen ihrer Entdeckungen zu übernehmen hätten. An die Öffentlichkeit trat Weizsäcker mit dieser Überzeugung weithin sichtbar im Jahr 1957 in der „Göttinger Erklärung“ von 18 bekannten Physik-Professoren, in der sie die Politik der Bundesregierung kritisierten. Franz Josef Strauß war kurz zuvor Verteidigungsminister geworden und strebte offensichtlich energisch eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr an. Bundeskanzler Adenauer unterstützte diese Tendenz und verteidigte seine Unterstützung öffentlich mit dem Argument, daß ja Atomwaffen nur die konsequente Fortsetzung der Artillerie seien. Das gab den Anstoß dazu, daß sich die genannten 18 Fachleute auf diesem Gebiet zusammentaten und eine Erklärung veröffentlichten, in der sie nicht nur über die Gefährlichkeit von Atomwaffen und ihre unvergleichlich große Wirkung aufklärten und aus politischen Gründen von einer Bewaffnung der Bundeswehr mit solchen Waffen abrieten, sondern in der sie auch persönlich erklärten: „Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichneten bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen.“ – Weizsäcker hatte diese Erklärung sehr sorgfältig formuliert (in der diplomatischen Tradition, in der er aufgewachsen war), und der Teil mit der persönlichen Verpflichtung war ihm daran besonders wichtig. Er schildert das sehr eindringlich in seiner „Selbstdarstellung“[1]

Aus der Zusammenarbeit dieser 18 entstand im Anschluß an die Göttinger Erklärung die „Vereinigung deutscher Wissenschaftler“ (VDW), in der die Naturwissenschaftler ihre politische Verantwortung dadurch wahrnehmen wollten, daß sie fachlich unbestreitbare Studien lieferten zu Themen, die politisch kontrovers diskutiert wurden, ähnlich wie die Aufklärung über die unvergleichliche Wirkung von Atomwaffen in der Göttinger Erklärung. Im Jahre 1961 trat die VDW mit einer solchen Studie an die Öffentlichkeit: Die Bundesregierung hatte ein Gesetz über den Bau von Luftschutzräumen vorgeschlagen, mit einer technischen Begründung. Die VDW ließ von einer Kommission aus Mitgliedern und Mitarbeitern in einjähriger Arbeit ein Gegengutachten „Ziviler Bevölkerungsschutz heute“ anfertigen. Aufgrund dieses Gegengutachtens mußte die Bundesregierung ihre Vorschläge sehr weitgehend modifizieren. Im Max-Planck-Institut kursierte später die Geschichte, daß in der Regierungsvorlage auch ausgerechnet worden sei, wie heiß es in einem Bunker mit sehr dicken Betonwänden in unmittelbarer Nähe der Explosion einer Atombombe werden könne. Die Regierungsvorlage hatte den Anstieg der Temperatur für 24 Stunden nach der Explosion berechnet und befunden, daß die Temperaturen durchaus erträglich sein würden; die VDW-Kommission brach die Rechnung nicht nach 24 Stunden ab, sondern rechnete weiter und stellte fest, daß im Verlauf von einigen Tagen die Temperatur so angestiegen sein würde, daß alle Bunkerinsassen durchgegart wären. – Schnitzer dieser Art sind natürlich für ein Gegengutachten ein gefundenes Fressen.

Die VDW erreichte daraufhin, daß eine Stiftung eine kleine Arbeitsgruppe finanzierte, die nach allen Regeln der naturwissenschaftlichen Kunst die Folgen eines Atomkriegs für die Bundesrepublik in Abhängigkeit von den verschiedensten Modellen für den Verlauf eines solchen Krieges untersuchte. Dafür wurde eine „Forschungsstelle der VDW“ in Hamburg eingerichtet, unter Leitung von Horst Afheldt und unter der Oberaufsicht von Carl Friedrich von Weizsäcker. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind in der umfangreichen Studie „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“[2] im Jahre 1971 veröffentlicht worden.

Zwei Mitarbeiter dieser Forschungsstelle, Jürgen Heinrichs und Otto Kreye, koordinierten außerdem eine Studie auf einem ganz anderen Gebiet, nämlich dem „Welternährungsproblem“, wie das damals hieß.[3] Dieses Problem war nicht allzu lange Zeit vorher, nach der Vollendung der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien, ins Bewußtsein der Öffentlichkeit getreten. Der Vorspann zu dem Buch beginnt: „Der Hunger ist heute das Weltproblem Nummer eins. Jahr für Jahr verhungern allein 3.500.000 Kinder in den sog. »Entwicklungsländern«.“ – Außerdem trat um diese Zeit, Ende der sechziger Jahre, gerade das Problem der Umweltzerstörung ins Bewußtsein: zunächst vor allem Lärm und Abgase von Autos in den Städten und Zerstörung der Struktur durch den Versuch, die Städte „autogerecht“ zu machen. Dazu kam dann die Vergiftung von Wasser und Luft durch Abfälle und Pestizide. Auch zu diesen Problemen bereitete die VDW eine Studie vor.

In der Forschungsstelle der VDW in Hamburg arbeiteten inzwischen fünf Wissenschaftler und eine Sekretärin, finanziert nur jeweils von Jahr zu Jahr durch Stiftungsmittel der Oskar-Mahr-Stiftung. Es war klar, daß in dieser Weise niemand auf Dauer würde arbeiten können, und daß daher die Arbeit der Forschungsstelle, wenn sie überhaupt weitergehen sollte, auf eine neue finanzielle Basis gestellt werden mußte.

Inzwischen kamen auch von anderer Seite Vorschläge zur Gründung eines Instituts, das sich mit „Futurologie“, „Planungswissenschaft“, „Technology Assessment“, „Friedensforschung“ u.ä. beschäftigen sollte. Man muß sich einmal die öffentliche Diskussion Ende der 60er Jahre vor Augen führen: Die Studentenrevolte erregte Aufsehen – so etwa die Demonstrationen beim Besuch des persischen Schahs, bei denen am 2. Juni 1967 in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. In den USA beschäftigte die Menschen der Streit über den Vietnamkrieg, der auch die europäische Studentenrevolte ausgelöst hatte, und zugleich die ersten Veröffentlichungen der großen „think tanks“, politischer Planungs- und Vorhersageinstitutionen, die mit großem Aufwand versuchten, die Zukunft in den Griff zu kriegen. Hermann Kahn, einer der Großen dieser Branche, hatte gerade mit seinem Buch „Ihr werdet es erleben“[4] in Deutschland Furore gemacht, in dem er den unaufhaltsamen Fortschritt zu einer paradiesischen Welt voraussagte. Kurz darauf brach die Umweltdiskussion los und machte die Kahnschen Thesen zu Makulatur. Zu derselben Zeit schien sich im Ost-West-Konflikt eine Entspannung anzubahnen, seit 1967 insbesondere im „Prager Frühling“; die Hoffnung auf diese Lockerung wurde aber jäh zunichte gemacht durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im August 1968.

In dieser Situation gab es viele Pläne für Planungsinstitute – vor allem wohl inspiriert von der Hoffnung, die Zukunft durch Prognose und Planung technologisch in den Griff zu bekommen. Daß derartige Pläne auch an Weizsäcker herangetragen wurden, lag nahe, einerseits wegen seiner Rolle als geistiger Vaterfigur des bundesrepublikanischen Deutschland, andererseits wegen seiner Fähigkeit, verschiedene weit entfernte Gedankenstränge zusammenzuführen, vor allem aus Naturwissenschaft, Politik und Philosophie, und wegen seiner vorliegenden Erfahrung mit der kleinen Forschungsstelle der VDW. Unter anderem plante der damalige Generalsekretär der Max-Planck-Gesellschaft, Friedrich Schneider, ein Institut, das die Wissenschaftspolitik und die Politikberatung durch die Wissenschaft theoretisch fundieren sollte, und schlug Weizsäcker vor, sich dieser Pläne anzunehmen.

Es ist einleuchtend, daß ein Max-Planck-Institut Weizsäcker besonders verlockend erschien. Er kannte ja Max-Planck-Institute aus eigener jahrelanger Mitarbeit sehr gut und hatte vorher oft betont, wie sehr er die Vorteile eines solchen Instituts zu schätzen wußte. Es war und ist bis heute die Politik der Max-Planck-Gesellschaft, ein neues Institut um einen „verdienten Gelehrten“ herum zu gründen, so daß dieser die Möglichkeit hat, seine Forschungen mit von ihm ausgewählten Mitarbeitern ganz unabhängig nach seinem Gutdünken auszuführen. Die Max-Planck-Gesellschaft wählt die Gelehrten, denen sie in dieser Weise ein Institut anvertraut, besonders sorgfältig aus, gibt ihnen dann aber vollkommene Freiheit und alle einigermaßen erschwinglichen Möglichkeiten an die Hand, wirklich unbehindert und effektiv zu forschen – angefangen von der genügenden Anzahl von Wissenschaftlerstellen über Bibliotheks- und Hilfskräfte, angemessene Gebäude und wo nötig Werkstätten, bis hin zum Wagen mit Chauffeur für den Direktor. Der Direktor ist dann in seinen Entschlüssen beinahe unangreifbar, solange er tätig ist, dafür wird aber – jedenfalls nach der Selbstinterpretation der Max-Planck-Gesellschaft – beim Weggang eines Direktors sehr sorgfältig geprüft, ob das Institut unter einem Nachfolger genau so oder in ähnlicher Weise weitergeführt werden kann, oder ob es eher geschlossen werden sollte.

Die Überlegungen zu einem solchen Institut, das um Weizsäcker herum gegründet werden sollte, schlugen sich in öffentlichen Äußerungen nieder, lange bevor der konkrete Plan der Institutsgründung öffentlich bekannt war. Von Georg Picht, Weizsäckers Jugendfreund und Weggefährte, der selbst eine „Forschungsstelle der evangelischen Studiengemeinschaft“ in Heidelberg leitete, erschien 1967 ein Büchlein „Prognose – Utopie – Planung“; Weizsäcker hielt 1968 vor dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft einen Vortrag „Über die Kunst der Prognose“.[5]

Gründung

Unter diesem Aspekt der Prognose und Planung war die Gründung des Instituts dann in der Max-Planck-Gesellschaft sehr umstritten. In Ihrem Entscheidungsgremium, dem Senat, sitzen traditionsgemäß neben wissenschaftlichen Mitgliedern der Max-Planck-Gesellschaft etwa in gleicher Anzahl auch Vertreter „der Wirtschaft“, also Vorstände und Aufsichtsräte großer Unternehmen, und einige wenige Vertreter der staatlichen Verwaltung. Unter den Wirtschaftsvertretern waren es vor allem die Fürsten der chemischen Industrie, Carl Wurster von der BASF und Karl Winnacker von Höchst, die von einem solchen Institut Einflüsse auf die Politik fürchteten, die ihren Interessen zuwiderlaufen könnten. – Von dem späteren Institut hätten sie in dieser Richtung nichts zu befürchten brauchen, aber es ist anzunehmen, daß sie, hätten sie gewußt wie das Institut wirklich würde, es ebenso sehr abgelehnt hätten.

Weizsäcker wollte sich in seinen Vorschlägen für die Institutsgründung möglichst viel Freiheit vorbehalten, da er selbst noch keine genauen Vorstellungen davon hatte, wie das Institut schließlich aussehen sollte. Die Fortführung der Arbeiten aus der Forschungsstelle der VDW waren natürlich geplant, im übrigen dachte er einerseits an Politikberatung – wobei ihn allerdings die Wissenschaftspolitik am wenigsten interessierte –, daneben auch an sehr prinzipielle Analysen von Politik mit Einschluß vor allem von Ökonomie, aber auch Soziologie, Psychologie und einer „historischen Anthropologie“, wie er sie später im „Gartenbuch“[6] ausgeführt hat. Daneben wollte er auf jeden Fall, als „Bedingung für sein eigenes Überleben“, wie er es nannte, seine Arbeit an den Grundlagen der Physik bzw. an der „philosophischen Physik“ weiterführen. Weizsäcker hatte wohl, von seiner Natur und seiner gewohnten Arbeitsweise her, von vornherein im Sinn, sich mit diesen Themen vor allem selbst zu beschäftigen und darüber zu schreiben. Im Institut wollte er sich, neben einem „Apparat“, der ihm die technische Seite der Arbeit erleichtern würde, auf Gesprächspartner stützen, von denen er im Gespräch Informationen und Meinungen über Themen einholen konnte, mit denen er sich gerade beschäftigte. Das entsprach ja auch der ursprünglichen Konzeption der Kaiser-Wilhelm- bzw. Max-Planck-Institute, die um den jeweiligen Direktor herum errichtet wurden. So war auch dieses Institut von Anfang an sehr stark auf die Person Weizsäckers zugeschnitten worden; schon vor der Gründung wurde ausdrücklich die Möglichkeit diskutiert, das Institut wieder zu schließen, wenn für Weizsäcker kein geeigneter Nachfolger gefunden würde.

Weizsäcker wollte zunächst mit 15 wissenschaftlichen Mitarbeitern eine „mehrjährige Planungsphase“ durchlaufen, nach der das Institut dann ausgeweitet werden sollte auf bis zu 60 wissenschaftliche Mitarbeiter. Diese anfänglichen 15 Mitarbeiter standen beinahe alle schon aus Hamburg bereit: Von der Forschungsstelle der VDW zunächst deren Leiter Horst Afheldt – nach Alter und Stellung zwischen Weizsäcker und der Schar der 30- bis 35-jährigen übrigen Mitarbeiter. Er brachte seine Mitarbeiter Utz Reich, Philipp Sonntag, Otto Kreye und Jürgen Heinrichs mit. Dazu kamen aus dem philosophischen Seminar in Hamburg Gernot Böhme, Wolfgang Krohn, Wolfgang van den Daele, Klaus Michael Meyer-Abich, Walter Schindler, Folker Fröbel und Michael Drieschner, dazu kamen gleich zu Anfang Walter Bonhoeffer und etwas später die beiden Physiker Lutz Castell und Kai Drühl.

Ein entscheidender Aspekt schon in der Gründungsphase war der Einfluß der linken Studentenbewegung. Die Mehrheit der Mitarbeiter am philosophischen Seminar in Hamburg zählte sich selbstverständlich zur Linken und bekämpfte das Establishment. Weizsäcker hatte die studentischen Angriffe an der Universität relativ gut überstanden, wenn man bedenkt, daß er doch ein herausragender Repräsentant des so bekämpften professoralen Establishments war. Ich erinnere mich an die Sitzung eines „Tribunals“ von aufmüpfigen Studenten, das öffentlich speziell über Weizsäckers Verhalten zu Gericht sitzen wollte und ihn dazu eingeladen hatte. Er erschien tatsächlich zu der Sitzung und schlug sich diplomatisch sehr geschickt gegen die studentischen Tribunalisten, die ihm in diesem Punkt nicht gewachsen waren, und dies vor einem Publikum, das halb und halb mit ihm sympathisierte. Aber man merkte ihm die ungeheure Anstrengung an, die ihn diese Diplomatie kostete, angesichts des ganz und gar undiplomatischen, betont ruppigen Benehmens der übrigen Diskussionsteilnehmer, das ihm angesichts seiner eigenen Umgangsformen und Gewohnheiten sichtbar zuwider und strapaziös war. Ähnliches – vielleicht nicht ganz so extrem – hat sich später in Diskussionen innerhalb des Instituts zugetragen, mit ähnlichem Effekt: Weizsäcker war meistens der diplomatisch Geschicktere, aber sichtlich angestrengt und angewidert. Dabei war ihm die Kritik, die die linken Studenten an den bestehenden Verhältnissen äußerten, durchaus einleuchtend. Er schreibt, daß sie seinen Vorbehalten, die er seit jeher gegen die bestehenden Verhältnisse gehabt hätte, durchaus entsprach; nur war ihm der Stil natürlich sehr konträr, und gegen die von den Linken erhoffte und propagierte Lösung der Probleme war er mindestens so skeptisch wie gegen die der konservativen Gegenseite.

Einige dieser Linken kamen also mit ans Institut. Weizsäcker hatte zwar diese Stimme des Zeitgeistes aus dem Chor der Stimmen seines Instituts keinesfalls ausschließen wollen, er wurde aber dann wohl von der Entwicklung überrollt, als diese linken Stimmen das Institut sehr stark bestimmten.

Das Institut war bei der Gründung sehr auf Weizsäcker zugeschnitten gedacht, es wurden aber auch Kooperationen mit verschiedenen anderen relativ etablierten Gelehrten erwogen. Daß sie nicht zustande kamen, lag vielleicht zum Teil an dem Einfluß der linken Mitarbeiter, der schon vor der Gründung sehr sichtbar wurde; es lag aber sicher mindestens ebenso sehr an Weizsäckers persönlichem Schwergewicht, dem sich keiner der gleichaltrigen und einigermaßen gleichgewichtigen Kooperationspartner aussetzen wollte. Es war z.B. zunächst daran gedacht, das neue Institut in Heidelberg zu gründen, da dann eine relativ enge Zusammenarbeit mit Georg Picht und seinem ähnlich konstruierten Institut möglich gewesen wäre. Picht hat sich in diesem Sinne zunächst an den Vorgesprächen beteiligt, war dann aber Ende 1968 plötzlich nicht mehr daran interessiert.

Da außerdem der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Adolf Butenandt, Interesse daran geäußert hatte, Weizsäcker in der Nähe seiner Münchner Generalverwaltung zu haben, lag es nahe, das Institut in der Nähe von München anzusiedeln – nicht in München selber, da für Weizsäcker die Ruhe auf dem Land und die Möglichkeit zu Spaziergängen wichtig war. Unter diesem Gesichtspunkt wurde in Starnberg die im Jahr 1903 von dem Jugendstil-Architekten Richard Riemerschmid für den eigenen Gebrauch gebaute Villa gemietet. Sie stand auf einem Bergvorsprung hoch über dem Städtchen Starnberg und war bis dahin eine romantische Ritterburg in einem verzwickten Stilgemisch gewesen, mit einem dicken Turm, dessen oberstes Zimmer mit Fernblick über die Alpenkette sich sehr gut als Zimmer des Direktors geeignet hätte. Leider war es kurz vorher an einen Baulöwen verkauft worden, der es zwar nicht abreißen durfte, der es aber durch den Umbau in ein Wohnhaus so zurichtete, daß die alte Ritterburg-Romantik nicht mehr zu erkennen war. Immerhin, es bot eine ruhige Arbeitsatmosphäre und zunächst auch genügend Platz für das ganze Institut; und ein bißchen spiegelte die erhabene Position des Hauses auch das Bewußtsein der Mitarbeiter.

Ich schildere diese Äußerlichkeiten, da sie alle zusammen schließlich den Erfolg oder Mißerfolg des Unternehmens „Verantwortung der Wissenschaft“ ausmachen. Ein solches Institut, da mögen die Pläne noch so systematisch und von hehren Motiven begleitet sein, ist ein konkretes Gebilde mit ganz konkreten Mitarbeitern mit eigenen Schwächen und Stärken und einer ganz konkreten Umgebung, von der natürlich auch die Arbeit abhängt.

„Planungsphase“

Schon vor der offiziellen Gründung des Instituts am 1.1.1970 begannen wir mit großem Enthusiasmus und ebenso großer Naivität, seine künftige Arbeit zu planen. An diesem Institut sollte nun alles anders sein als in der bisher üblichen Wissenschaft, besser natürlich. Gedacht war daran, in mehreren Einzelprojekten jeweils ein akutes Thema zu behandeln, so wie z.B. in der Forschungsstelle das Problem der Kernwaffen und das der „Ernährungskatastrophe“ angegangen worden war. Diese Projekte sollten um einen relativ kleinen Kern aus Philosophen herumgruppiert sein, der zugleich die einzelnen praktisch orientierten Projekte in einen allgemeineren Zusammenhang einordnen sollte. Nach Weizsäcker sollte zunächst die Hauptfrage sein: „Wonach muß man eigentlich sinnvollerweise fragen?“[7], oder die Frage nach dem „umgreifenden Zusammenhang der Fragen“[8].

An Projekten bot sich zunächst die Fortsetzung des in der Forschungsstelle schon Begonnenen an, nämlich 1. die Fertigstellung der schon weit fortgeschrittenen, vor allem von Afheldt, Reich und Sonntag verantworteten Studie „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“; 2. die Fortsetzung der Untersuchungen der „Ökonomie der Entwicklungsländer“ durch Kreye und Heinrichs, zu denen sehr bald Fröbel stieß; 3. eine Studie zum „World Order Models Project“ des World Law Fund, dessen europäische Gruppe Weizsäcker mit Afheldt leitete; der erste Arbeitsbericht nennt 4. die Mitarbeit in einer OECD-Kommission über „New Ideas in Science Policy“ und 5. die Mitarbeit an einer Beratung der Bundesregierung „Förderung der Friedensforschung der Bundesrepublik“. Die beiden letzteren gehörten zur Politikberatung über Wissenschafts- und Technikförderung, zu der Weizsäcker immer wieder aufgefordert wurde. Er hatte vorgesehen, daß Krohn und van den Daele ihn in dieser Arbeit unterstützen sollten; zu der so gebildeten Arbeitsgruppe stieß später Böhme hinzu.

Zu diesen übernommenen Projekten sollte dann ein weiteres im großen Gebiet der Umweltprobleme kommen, um dessen Formulierung sich Meyer-Abich und Bonhoeffer kümmern sollten. Der Gruppe der Philosophen gehörten Schindler und zunächst Böhme, außerdem Drieschner als Physiker an. Sehr bald spielte die „Physikergruppe“, ergänzt um Castell und Drühl, eine relative Sonderrolle neben dem übrigen Institut. Um den Zusammenhang der reinen Theoretiker mit den praxisorientierten Projekten zu fördern, sollte jeder dieser Theoretiker etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit einem der an praktischen Problemen orientierten Projekten widmen. Auf diese Weise kam Böhmes Verbindung mit Wissenschaftspolitik zustande, Schindlers praktische Tätigkeit bestand zunächst darin, daß er als persönlicher Referent Weizsäcker unterstützte, während ich mich an der Arbeit der Umweltgruppe beteiligte; ich hatte schon vor Gründung des Instituts und auch noch in seiner Anfangszeit kritische Gutachten zum erwartbaren Fluglärm durch den damals geplanten neuen Flughafen Hamburg-Kaltenkirchen erstellt. Im ersten Tätigkeitsbericht an die Max-Planck-Gesellschaft vom Juni 1971 sind außerdem zwei weitere Gruppen genannt, an die ich mich ohne die Lektüre dieses Berichts kaum erinnert hätte: nämlich – dort nach „Umwelt“ und „Entwicklungsländer“ als dritte genannt – eine Arbeitsgruppe zum gruppenpsychologischen Thema „Konfliktlösung durch Kompromiß“, in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie; das hing offenbar mit den beiden Psychoanalytikern zusammen, Bartning und Zacharias, die in der Anfangszeit als Gäste am Institut waren. Als vierte Gruppe wird eine genannt, die soziale Selbstbestimmung an Beispielen studieren wollte; als Beispiel sind tansanische Dorfgemeinschaften genannt, – das Thema sollte eine Verbindung zur Entwicklungsländer-Gruppe herstellen. Das war wohl nur ein Gedanke, der gerade bei der Abfassung des Berichts akut war; später tauchte er nicht mehr auf.

Für diese Anfangszeit war überhaupt charakteristisch die Flut von neuen Gedanken und mehr oder weniger verrückten Ideen, die teils schnell wieder verschwanden, wie die Sache mit dem tansanischen Dorf, teils schließlich zu jahrelanger Projektarbeit führten. Meine Erinnerung an die ersten ein bis zwei Jahre des Instituts ist vor allem geprägt vom Eindruck eines ungeheuren Chaos, das einerseits sehr anregend war, andererseits aber beinahe unerträglich anstrengend in der Konzentration auf die mögliche Entscheidung, was nun zu verfolgen sei und was nicht. Keiner von uns tatendurstigen jüngeren Mitarbeitern hatte ja die geringste Erfahrung darin, wie man so etwas angeht und wie man es gar praktikabel macht, und auch Weizsäcker war nach Temperament und Erfahrung nicht der Mann, der einen solchen Wespenschwarm von losgelassenen Enthusiasten zu bändigen vermochte hätte. Dabei standen uns eigentlich alle Möglichkeiten offen; die Max-Planck-Gesellschaft war bereit, für einige Zeit jedenfalls, praktisch alles zu finanzieren, was von Weizsäcker gutgeheißen würde. Und Weizsäcker selbst war bereit – teils aus Unfähigkeit, die Dinge in die Hand zu nehmen, teils aus liberaler Experimentierfreude – praktisch alles, was sein enthusiastisches Gefolge da aushecken würde, auch zu decken.

Charakteristisch für die Atmosphäre, in der in diesen Sitzungen diskutiert wurde, war mir vor allem ein Vorschlag von Utz Reich, der sich gar nicht auf die wissenschaftlichen Inhalte bezog: Man solle doch alle Gehälter in einen großen Topf werfen und dann gleichmäßig an alle Mitarbeiter neu verteilen, differenziert höchstens nach Bedarf z.B. entsprechend der Zahl der Kinder oder der sonst unterstützten Personen. Reich hat diesen Vorschlag wohl durchaus ernst gemeint; jedenfalls hat Weizsäcker ihn ernst genommen und in einer längeren Rede dargelegt, warum er sich wohl kaum an einer solchen Teilung beteiligen könnte, zumal er wohl der hauptsächliche Zahler bei diesem Projekt wäre. Es war aber unabhängig davon sofort klar, daß so weit die Freundschaft auf gar keinen Fall gehen würde. Es wurden zwar sehr eifrig Fragen des Zusammenwirkens erörtert: neben den Möglichkeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit an den Projekten auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Mitbeteiligung aller an der Wissenschaft oder wenigstens an der Verwaltung des Instituts. Aber das geschah doch alles in der für ein wissenschaftliches Institut wohl allein möglichen spielerischen Weise, bei der von vornherein klar ist, daß das Privatleben im weitesten Sinn die Sache des einzelnen Wissenschaftlers bleibt – abgesehen natürlich von freundschaftlichen Kontakten auch unter den Mitarbeitern des Instituts –, und daß das Zusammenwirken sich auf die theoretische Erörterung im Institut beschränken mußte. Außerdem zeigten sich sehr schnell die praktisch unüberwindlichen Probleme der interdisziplinären Forschung; doch davon wird später die Rede sein müssen.

Die Konsequenzen dieser anregend-chaotischen Diskussionen machten sich bei der Planung der künftigen Wissenschaft nicht sofort konkret bemerkbar, dagegen wurden sie sofort sichtbar bei der Verwaltung des Instituts. Es fing damit an, daß gemäß den Partizipations-Idealen der 68er bei der Institutsverwaltung jeder für alles zuständig sein sollte. Die Mitarbeiter der Bibliothek, die Sekretärinnen und übrigen nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter zogen sich sehr bald aus den entsprechenden Plenumssitzungen zurück, da ohnehin nur die Wissenschaftler redeten, während die übrigen wohl mit nüchternerem Realitätssinn sahen, daß das zu nichts führen konnte. – Selbst die eifrigsten Theoretiker der Partizipation sahen dann recht bald, daß so selbst ein Institut, das eigentlich ganz anders sein sollte als alle bisherigen, nicht zu verwalten war. In vielen Diskussionen, die selbst nicht weniger mühsam waren als die Diskussionen über das wissenschaftliche Programm, schälte sich im Laufe der Zeit dann eine Institutssatzung heraus, die immer noch viele Elemente der Mitbestimmung enthielt, aber im übrigen dann doch ein solides Stück Organisationsarbeit zeigte. Bis es soweit war, vergingen allerdings mehrere Jahre, und man kann an dieser Entwicklung den Weg von einer allgemeinen Anarchie zu einem gesetzlichen Zustand verfolgen, wie er als Modell auch in philosophischen Geschichtsentwürfen vorkommt.

Die Anarchie dieser Institutsarbeit hat durchaus auch praktische Probleme mit sich gebracht, z.B. bei der Arbeitszeit: Zu schöpferischer wissenschaftlicher Arbeit im Sinne der Forderung der 68er gehörte natürlich auch die freie Wahl von Ort und Zeit für die Arbeit. Es haben einige zu Hause gearbeitet, andere auch im Institut, aber davon einige wieder vorwiegend nachts und am Wochenende – Wissenschaftler natürlich; die nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter waren selbstverständlich an die üblichen Arbeitszeiten gebunden. Da die Ausflugsgebiete um München am Wochenende normalerweise überfüllt waren, arbeiteten viele Wissenschaftler am Wochenende und nahmen sich dafür während der Woche frei. Das führte dazu, daß z.B. am Mittwoch früh um acht eine Gruppe fröhlicher Freizeitmenschen mit großem Hallo zum Skifahren aufbrach, während die gewöhnlichen Sterblichen gerade mit ihrer ohnehin nicht besonders geliebten Arbeit beginnen mußten – ein unhaltbarer Zustand, wie alle Beteiligten sehr schnell einsehen mußten.

Die kleine Szene scheint mir ganz charakteristisch für die fröhliche Unbefangenheit und zugleich höchst gefährliche Naivität, mit der diese junge Mannschaft an das Geschäft der Weltveränderung heranging.

Abteilung Habermas

Schon bei der Gründung des Instituts war von den verschiedensten Seiten die Notwendigkeit einer Ergänzung durch zusätzlichen Sachverstand empfunden worden, insbesondere aus den Gebieten der Ökonomie und Soziologie. Ein Soziologe, der geeignet schien und evtl. auch verfügbar sein würde, war Albrecht Wellmer, damals noch Assistent bei Habermas. Auf einer Rundreise zur Erkundung dieser und ähnlicher Möglichkeiten kam Meyer-Abich ins Gespräch mit Habermas, der seinen Wunsch betonte, weiter mit Wellmer zusammenzuarbeiten. Dadurch kam es zu dem Gedanken: „Wenn schon Wellmer, warum nicht gleich Habermas?“. Habermas, daraufhin befragt, willigte überraschenderweise ein – nach unserem Eindruck vor allem deshalb, weil er den ewigen Streit mit seinen linken Studenten in Frankfurt leid war und eine Zeit lang in Ruhe arbeiten wollte. Da er nur als gleichrangiger Direktor neben Weizsäcker eingestellt werden konnte, wurde ihm auch dieselbe Arbeitsmöglichkeit zugestanden, mit derselben Anzahl von Stellen wie Weizsäcker, d.h. unter anderem 15 Wissenschaftler.

Habermas begann seine Arbeit am Institut mit seinen Mitarbeitern am 1.9.1971. Das Institut war damit doppelt so groß geworden.

Weizsäcker hatte praktisch nur nach „linken“ Soziologen gesucht, da ihm das – sicher mit Recht – der einzige Typ von Soziologen schien, der von seinen bisherigen Mitarbeitern akzeptiert werden würde. Daß Habermas außerdem Philosoph war, erwies sich als ein einzigartiger Glücksfall für die Zusammenarbeit im Institut, auch wenn sie anders und wesentlich spärlicher zustande kam als erhofft.

Erst als Habermas schon da war und intensivere Gespräche über das Arbeitsprogramm begannen, stellte sich heraus, daß die beiden Gruppen am Institut über die Ziele und Arbeitsweise des Instituts vollkommen gegensätzliche Ansichten hatten: Weizsäcker war mit seiner Gruppe angetreten, um endlich mit der Hilfe von wissenschaftlichem Sachverstand die großen in der Politik relevanten praktischen Probleme unserer modernen Welt anzugehen. Wir interpretierten unseren Schritt von der Universität in das Institut fundamental als einen Schritt von der Theorie zur Praxis. Habermas dagegen hatte seine Lehrtätigkeit an der Universität mit den ständigen Auseinandersetzungen mit den Studenten als irritierend praxisnah empfunden und wollte nun an dem Institut endlich in Ruhe an den großen Theorien arbeiten. Seine Mitarbeiter hatten den Eindruck gewonnen, daß ihre politische Aktivität keinen befriedigenden Erfolg gebracht hatte, und wollten ihre politische Effektivität dadurch verbessern, daß sie in dem Max-Planck-Institut nun ein „Theoriedefizit“ ausgleichen würden. – Auf diesen fundamentalen Auffassungsunterschied läßt sich sicher ein großer Teil der Konflikte, die teils heilsam, teils auch nur ermüdend waren, zurückführen.

Habermas merkte natürlich sofort, daß die Juristen, Philosophen und Physiker um Weizsäcker bei den gesellschaftswissenschaftlichen Themen, denen sie sich im Institut zuwandten, nur dilettieren konnten, und verabscheute das Unhandwerkliche ihrer Arbeitsweise. Als – schon einige Jahre später – von einigen Wohlmeinenden die „Beförderung“ einer Sekretärin auf eine Bibliotheksstelle vorgeschlagen wurde, entfuhr Habermas der Stoßseufzer: „Nun laßt doch wenigstens einen Menschen einmal das arbeiten, was er gelernt hat!“.

Anders als die einen eher lässigen Schreib- und Arbeitsstil gewohnten Physiker und Mathematiker hielt Habermas viel von handwerklicher Sorgfalt beim Schreiben. Ein Naturwissenschaftler kann es sich erlauben, im Stil und Aufbau seines Textes eher schlampig zu sein, weil die Formeln, an denen er sich festhalten kann, die Exaktheit des Arguments gewährleisten. Ein Soziologe, zumal wenn er eher geisteswissenschaftlich arbeitet und außerdem eine sehr umstrittene – eben die marxistische – Richtung vertritt, hat allen Anlaß, auf die handwerkliche Sorgfalt bei der Textgestaltung, bei der Recherche und bei den Anmerkungen größten Wert zu legen. Habermas wurde so zum wachen Gewissen des ganzen Instituts, was die Sorgfalt der wissenschaftlichen Arbeit angeht.

Die Habermas-Gruppe („die Habermäuse“) brachten den fertigen Plan dreier Arbeitsbereiche mit, die später mit den folgenden Stichworten charakterisiert wurden: 1. „Krisenpotentiale spätkapitalistischer Gesellschaften“ – eine vorwiegend ökonomische Untersuchung, die zeigen sollte, daß die kapitalistische Wirtschaft auf Krisen zusteuert, die sie nicht bewältigen kann; die Gruppe sagte mit als erste die steigende Arbeitslosigkeit voraus, unter der wir bis heute leiden. 2. „Krisenbehandlung durch den Staat“ – mit der Erwartung, daß die Studie ergeben würde, daß der Staat die kapitalistischen Krisen nicht würde beherrschen können. Und 3. „Protest- und Rückzugspotentiale von Jugendlichen“ – eine psychologische und sozialpsychologische empirische Studie über Jugendliche mit der Untersuchung von moralischen Motivationen, im Gefolge vor allem von Lawrence Kohlberg. An dieser Studie von Rainer Döbert und Gertrud Nunner-Winkler war das „Design“ interessant, nicht auf leicht formalisierbare Fragebögen zum Ankreuzen zurückzugreifen, sondern sehr wenig formalisierte längere Interviews nachträglich auszuwerten. – Ich war an diesen Projektarbeiten nur sehr entfernt beteiligt, es hat daher wenig Sinn, daß ich mich inhaltlich weiter dazu äußere. Daneben gab es aber, wenn auch nur selten und kurzfristig, philosophische Kolloquien, die für mich viel von dem Frust der übrigen Institutsarbeit kompensierten. Hier wurde vielleicht der interdisziplinäre Ansatz des Instituts am fruchtbarsten, wo es sich im Prinzip um Diskussionen innerhalb einer Disziplin handelte, aber zwischen Richtungen, die so verschieden waren, daß sie im normalen Wissenschaftsbetrieb auch der Philosophie wohl kaum in so intensive Diskussionen geraten wären. Weizsäcker, im Grunde seines Herzens Naturwissenschaftler, aber umfassend orientiert in der Philosophiegeschichte und der geistigen Tradition, mit Erfahrung und einem gewissen Ehrgeiz in Diplomatie und Politik; Habermas auf der anderen Seite, vor allem moralisch orientierter Marxist, im Grunde seines Herzens Philosoph in der Tradition des deutschen Idealismus, Soziologe der Frankfurter Schule und die Politik vor allem theoretisch betrachtend. Beide gingen mit großem Respekt füreinander auf die jeweils andere, sehr fremde Position ein und versuchten auf das Intensivste, sich jeweils in eigenen Worten die Position des Anderen klar zu machen, unterstützt von Mitarbeitern, die überwiegend ein wenig auch in der anderen Denkweise beheimatet waren.

Abgesehen von diesen intensiven und auch sehr fruchtbaren Verständigungsbemühungen war es doch offensichtlich, wie gegensätzlich Habermas’ und Weizsäckers Temperament war. Soziologen aus der Umgebung von Habermas charakterisierten den Unterschied so, daß Habermas eben eher ein Kleinbürger sei – peinlich auf die Beachtung der Regeln bedacht, eher ängstlich gegenüber der Verwaltung; während Weizsäcker im Gegensatz dazu eher ein Großbürger sei – souverän und diplomatisch gegenüber den Verwaltungsbeamten, sie mit seiner Verachtung fürs Detail oft auch vor den Kopf stoßend. Für den Umgang der beiden Direktoren miteinander prägte ein Biologe aus der Weizsäcker-Umgebung das Bonmot, sie seien eben wie zwei Alpha-Männchen in einer Affenhorde, zwischen denen es keine Über- und Unterordnung gäbe. Sehr liebevoll charakterisiert Weizsäcker in seinem Bericht über das Institut[9] das wissenschaftliche Über-Ich und das moralische Herz von Habermas.

Habermas machte das gleichgültig-liberale Gewährenlassen Weizsäckers bei der Mitbestimmung nicht in dem selben Maß mit und zwang so die Mitarbeiter zur Formulierung einer Satzung, die formal einigermaßen durchgearbeitet war und schließlich auch von der Max-Planck-Gesellschaft akzeptiert wurde: davon wird später noch zu berichten sein.

Projekte der Weizsäcker-Abteilung

Die bei der Gründung des Instituts mitgebrachten Arbeiten, die oben aufgezählt sind, waren sehr bald abgeschlossen. Die Mitarbeiter (Afheldt, Reich, Sonntag) der „K&K“-Studie waren zunächst erschöpft und sahen sich nicht in der Lage, gleich an den entsetzlichen Themen der Kriegsfolgen weiterzuarbeiten. Nach einiger Zeit gab es daher unter den Weizsäcker zugeordneten Mitarbeitern folgende Projekte:

1. Umwelt und Wachstum (Meyer-Abich, Afheldt, Reich, Sonntag, Bonhoeffer; teilweise Drieschner).

Zunächst hatten sich Meyer-Abich und Reich mit „Friedensforschung“ beschäftigt, konnten sich da aber auf kein gemeinsames Programm einigen. In der Anfangsphase wurde außerdem ein Projekt „Urbanistik“ diskutiert, das auch die damals im Bewußtsein der Öffentlichkeit brennenden Umweltprobleme angehen sollte, speziell in den Fragen der Stadtplanung und Stadtentwicklung, mit vor allem durch den Autoverkehr verursachten Problemen. Bei detaillierterer Diskussion stellte sich allerdings sehr schnell heraus, daß man dafür ein empirisch arbeitendes Institut brauchen würde, mit sehr verzweigten Untersuchungsgebieten, und daß ein solches Projekt den Rahmen der für unser Institut möglichen Arbeiten sehr bald sprengen würde. Das Umweltprojekt war dann vor allem ökonomisch orientiert. Zur eigenen Weiterbildung lasen wir gemeinsam zunächst das Lehrbuch von Samuelson, dann Marx' „Kapital“ – wir haben uns tatsächlich, mit vielen Diskussionen und gegenseitiger Unterstützung, durch alle drei Bände durchgebissen. – Zu Beginn der Projektarbeit stand Afheldts These, daß das angebliche Wachstum des Bruttosozialprodukts eigentlich eine Täuschung sei; denn diese Zahl würde die gesamten Aufwendungen messen, die im Wirtschaftsprozeß gemacht würden, und enthielte daher auch alle Aufwendungen, die zur Beseitigung von Schäden notwendig seien – also etwa Aufwendungen für Verkehrsopfer, für Gesundheitsdienst bei Krankheiten, die durch Schadstoffe oder Lärm verursacht seien, Umbau von Städten in „autogerechte“, was eigentlich eine Verschlechterung sei. – Die Gruppe hat später selbst gemeint, daß diese These sich mit Zahlen nicht belegen ließe (eine Selbsterkenntnis, die Weizsäcker zu großer Bewunderung nötigte).

Meyer-Abich bekam sehr bald einen Ruf in den Gründungssenat der Universität Essen. Er ist mit seinen Arbeiten – Publikationen, Organisation und Regierungsberatung, zeitweise sogar verantwortlicher Tätigkeit in der Politik – den ursprünglichen Intentionen des Umweltprojekts am nächsten geblieben. Afheldt wandte sich wieder seinem ursprünglichen Arbeitsgebiet Strategie und Außenpolitik zu, Bonhoeffer übernahm andere Aufgaben im Institut. So waren es vor allem Reich und Sonntag, – später kamen Hans Werner Holub und Verena Melin dazu –, die dann gemeinsam in Fortsetzung dieses Projekts eine „Arbeits- und Konsumrechnung“ entwickelten, die den Wohlstand besser messen sollte als die bisher übliche volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Die übliche volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, mit dem Ergebnis einer einzigen Zahl für das Bruttosozialprodukt, mißt vor allem den Erfolg der Unternehmen. Die Staatstätigkeit wird nur nebenbei, die Tätigkeit der privaten Haushalte gar nicht berücksichtigt. Die von der Arbeitsgruppe vorgeschlagene Arbeits- und Konsumrechnung sollte dagegen den Fortschritt des Wohlstands im privaten Haushalt, mit seiner Erhaltung und Verbesserung der Arbeitskraft messen.[10] – Der Blick dieser Gruppe auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, der damals sehr exotisch wirkte, ist heute ein ganz etablierter Teil der volkswirtschaftlichen Forschung.

2. Entwicklung und Unterentwicklung (Kreye, Heinrichs, Fröbel). Diese Gruppe hatte sich schon in der Forschungsstelle der VDW mit der „Welternährungskrise“[11] beschäftigt. Die Gruppe hat diese Arbeit relativ konsequent und eher unabhängig vom übrigen Institut weiterverfolgt. Sie vertrat unter anderem die These, daß die „Entwicklungsländer“ am besten dran wären, wenn sie vom Weltmarkt getrennt ihre Entwicklung allein betreiben könnten – fasziniert, wie zu dieser Zeit sehr viele, vom chinesischen Modell.[12] Insbesondere vertraten sie die These, daß sich zwischen den Industrieländern und Entwicklungsländern das Verhältnis wiederhole, das zu Beginn des Kapitalismus zwischen Kapitalisten und Proletariat bestanden hat; die internationale Arbeitsteilung bedeute eine Ausbeutung der proletarisierten unterentwickelten Länder durch die Industrieländer.

Faktisch bestand die Arbeit der Gruppe vor allem darin, Berichte über einzelne Unternehmen zu sammeln und auszuwerten, die in unterentwickelten Ländern produzierten, vor allem in freien Produktionszonen in Asien. Die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse, untermauert mit viel Faktenmaterial,[13] hat auch in der Fachwelt große Anerkennung gefunden – auch wenn die Fachleute mit den strukturellen Thesen der Gruppe nicht übereinstimmten.

Die Gruppe hat sehr stark mit Gewerkschaftsstellen zusammengearbeitet, auch mit der ILO in Genf. Nach der Schließung des Instituts ist die Arbeit der Gruppe noch fünf Jahre lang von der Max-Planck-Gesellschaft weiterfinanziert worden, danach hielt die Gruppe sich mit Auftragsarbeiten und Spenden über Wasser. Sie bildete damit für 30 Jahre ein stabiles Team – eine Lebensdauer, die selbst bei staatlicher Finanzierung ungewöhnlich wäre. So betrachtet, ist für diese Gruppe die Zeit im Max-Planck-Institut nur eine Durchgangsphase gewesen.

3. Alternativen in der Wissenschaft – Aus der Gruppe, die Weizsäcker wissenschaftspolitisch beraten sollte (Böhme, van den Daele, Krohn; später Rainer Hohlfeld, Wolf Schäfer, Tilman Spengler), ist sehr bald eine eigenständige Forschungsgruppe geworden. Der Impetus der Gruppe kam, nach dem Vorbild von Edgar Zilsel und Thomas S. Kuhn,[14] aus dem Versuch, Wissenschaftsgeschichte nicht als eine Siegergeschichte der Theorien, die sich schließlich durchgesetzt haben, zu schreiben, sondern unter einem soziologischen oder sozialpsychologischen Gesichtspunkt als die Geschichte widerstreitender Ideen, Schulbildungen und Machtkämpfe, deren Gang nicht so sehr aus dem Inhalt der Theorien wie aus dem sozialen Gefüge verständlich wird, in dem die Theoretiker leben. Außerdem erregte die Gruppe Aufsehen durch die aus ihren Untersuchungen entwickelte These von der „Finalisierung der Wissenschaft“, die These nämlich, daß die Wissenschaft zunehmend gesellschaftlich gesteuert würde und nicht aus innerer Notwendigkeit, und entsprechend von den Interessen gesellschaftlicher Gruppen außerhalb der Wissenschaft bestimmt sei. Diese relativ stark formulierte These trug der Gruppe den wütenden Protest vieler Kollegen ein, aber auch entsprechenden Ruhm in der Zunft. In München fand eigens ein Kongreß zu diesem Thema statt – was ja in der Welt der Wissenschaft schließlich das Normale ist; nicht normal war allerdings, daß zu diesem Kongreß Befürworter der Theorie überhaupt nicht eingeladen wurden, nicht einmal Mitglieder der Starnberger Gruppe, die die These von der Finalisierung der Wissenschaft aufgebracht hatte.

Den Ertrag ihrer Arbeit veröffentlichte die Gruppe im ersten Band einer Reihe „Starnberger Studien“[15], die durch Habermas' Vermittlung im Rahmen der Edition Suhrkamp zustande gekommen war, und die in drei weiteren Bänden die Forschungserträge anderer Gruppen veröffentlichte. Einen Teil ihrer wissenschaftshistorischen Studien hatten Böhme, van den Daele und Krohn schon ein Jahr vorher unter dem Titel „Experimentelle Philosophie“[16] publiziert.

Weizsäcker persönlich ist sehr wohl als wissenschaftlicher Berater der Bundesregierung aktiv geworden. Er war von 1969 bis 1974 Vorsitzender des Verwaltungsrats des Deutschen Entwicklungsdienstes, 1974-1977 Vorsitzender des „Beratenden Ausschusses für Forschung und Technologie“ (BAFT) unter dem Minister Matthöfer, und in der Debatte über die Kernenergie 1979 Vorsitzender des „Gorleben-Hearings“ über die Endlagerung von „Atommüll“. Unmittelbare Hilfe hatte er beim BAFT seit 1974 vor allem von Klaus Gottstein, der von seinem Amt als Wissenschaftsattaché an der deutschen Botschaft in Washington an das MPI überwechselte.

4. Strategie und Außenpolitik – Afheldt wandte sich doch sehr bald wieder seinem eigentlichen Arbeitsgebiet zu, der Verteidigungspolitik; auch Sonntag schwenkte nach einiger Zeit wieder auf dieses Thema ein, allerdings sehr bald nicht mehr im Rahmen des Instituts. Für Afheldt war die Zusammenarbeit mit Militärs von entscheidender Bedeutung, vor allem mit Leuten, die von der offiziellen Linie abweichende strategische Auffassungen vertraten. Insbesondere entwickelte Afheldt aus der gemeinsamen Betrachtung von Strategie und Außenpolitik eine Linie, die später „defensive Verteidigung“ genannt wurde – eigentlich ein Pleonasmus, der aber wohl notwendig wurde, weil der Begriff „Verteidigung“ schönfärberisch für alles verwendet wurde, was mit militärischer Gewalt zu tun hatte, etwa „Vorwärts-Verteidigung“ als neues Wort für Angriff.

Afheldts Grundüberlegung war folgende: Das Wettrüsten entsteht in der heutigen Situation nicht dadurch, daß primär eine Macht das Gebiet der anderen erobern will und daher stärker sein muß als die andere, sondern daraus, daß beide Mächte befürchten, sie könnten schwächer sein als der andere und deshalb einem Angriff des Gegners nichts entgegenzusetzen haben. Da auch bei noch so guter Spionage niemals die Stärke des Gegners in allen Details bekannt ist, und da jeder sich auch schon wegen der Ungewißheit der möglichen Kriegsverläufe eine gewisse Sicherheitsmarge verschaffen will, scheint das Wettrüsten unvermeidlich. Solche Überlegungen waren schon maßgebend für die „K&K“-Studie[17]. Die Modellrechnungen dieser Studie hatten immer auch psychologische Momente berücksichtigt: Wie würde wohl der Gegner auf diese oder jene eigene Aktion reagieren, welche eigenen Aktionen könnten, unter Berücksichtigung der psychologischen Situation des Gegners, den Krieg wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich machen, ihn eskalieren oder de-eskalieren. Dieses psychologische Argument ist ja schon strukturell mit dem Begriff der Abschreckung verbunden.

Nach Afheldts Überlegungen müßte das Wettrüsten aber nicht sein, wenn es Arten der Rüstung gibt, die sich nach ihrer Struktur prinzipiell nicht zum Angriff eignen, wohl aber zur Verteidigung. Wenn mein Gegner deutlich sichtbar zwar zur Verteidigung des eigenen Territoriums in der Lage ist, aber nach der Struktur seiner Rüstung überhaupt nicht imstande wäre, auf mein Territorium vorzudringen, dann entfällt wenigstens teilweise die Notwendigkeit großer Verteidigungsanstrengungen. Eine ungewöhnlich starke Rüstung, die sich auch für den Angriff eignen würde, wäre dagegen sichtbar auf die Eroberung des gegnerischen Gebiets gezielt, und würde dementsprechend auch in der öffentlichen Meinung verurteilt werden. – Eine Rüstung, die sich nur für die Defensive, nicht aber für den Angriff eignet, ist mit der Bezeichnung „defensive Verteidigung“ gemeint.

Der Vorschlag für eine derartige Strategie läßt sich politisch nur dadurch stark machen, daß man einigermaßen konkret durchdiskutiert, wie eine solche Verteidigungsanstrengung aussehen kann. Afheldt war dazu auf die Mithilfe von Militärexperten angewiesen. Er fand dafür zunächst zwei Mitstreiter im Ausland, nämlich den französischen Militärtheoretiker Guy Brossollet und den Armeekommandanten des österreichischen Bundesheeres General Emil Spannocchi, die beide ähnliche Vorschläge vertraten. Aus der Zusammenarbeit dieser beiden mit Afheldt und Weizsäcker ist ein Bücher-Trio entstanden, das im Jahre 1976 im Hanser Verlag erschien.[18]

Gleichzeitig stand Afheldt in ständigem Diskussionkontakt mit aktiven und vor allem nicht mehr aktiven Militärs der Bundeswehr. Einige Zeit war auch Alfred Mechtersheimer als Gast ständig am Institut, der gerade wegen seiner von der offiziellen Linie abweichenden Vorstellungen seine militärische Karriere aufgegeben hatte und aus der Bundeswehr ausgeschieden war – später gründete er ein eigenes Institut und wurde bekannt als Bundestagsabgeordneter der Grünen. Afheldt gründete dann eine neue Arbeitsgruppe, die auch nach der Schließung des Max-Planck-Instituts in Zusammenarbeit mit Weizsäcker sehr aktiv war, bis zu Afheldts Pensionierung im Jahre 1989.

Weizsäcker meinte gelegentlich, daß die Arbeit auf dem Gebiet von Strategie und Außenpolitik wohl die wichtigste Leistung des Instituts gewesen sei. Das mag mit daran liegen, daß Weizsäcker stets die Probleme im Gefolge der Kernwaffen als die gefährlichsten und entscheidenden angesehen hat, es lag aber sicher auch daran, daß Afheldt in jahrzehntelanger Arbeit einer der wenigen wirklichen Experten auf dem Gebiet geworden war und gleichzeitig in seiner unkonventionellen und kreativen Denkweise, gerade in der Zusammenarbeit mit Weizsäcker, neue und wirklich überzeugende Gedanken entwickelte, an denen auch Militärfachleute der ganzen westlichen Welt nicht einfach vorbei konnten.

Wohl auch für Afheldt, vor allem aber für Weizsäcker waren diese strategisch-politischen Überlegungen ein Gegenstand ungeheurer Frustrationen und schließlich von Verzweiflung, wie Weizsäcker es gelegentlich auch in seinen Publikationen schildert.[19] Weizsäcker empfand, daß er die Gefahren für die Weiterexistenz der Menschheit besonders deutlich sah, daß er auch – als einer derjenigen, die an der Entwicklung der Theorie entscheidend beteiligt waren – eine besondere Verantwortung dafür hatte, daß es ihm aber trotz ungeheurer Anstrengungen nicht gelang, andere ausreichend von der Notwendigkeit zu handeln zu überzeugen. Darin lag sicher ein Hauptmotiv für die Gründung des Instituts, er schrieb und redete unablässig unter diesem Druck, schließlich baute er fast demonstrativ in seinem Garten am Haus einen auch für einen Atomkrieg in gewissem Maß tauglichen Bunker – für sich und seine Familie, wie er sagte. Ab 1985 hat er sich dann beinahe hauptberuflich für das geplante „Friedenskonzil“ engagiert, als Wanderprediger in Sachen Frieden, wie er es gelegentlich scherzhaft bezeichnete. – Ich habe diese Tätigkeit als den Griff des in der Verzweiflung Ertrinkenden nach dem Strohhalm empfunden.

Die Situation hat sich nach 1989 entscheidend gewandelt. Die Konfrontation der beiden großen Machtblöcke gibt es nicht mehr, mit ihr ist aber auch die Berechenbarkeit und damit die Nützlichkeit strategisch ausgeklügelter Modelle verschwunden. Es ist sehr fraglich, ob die Situation, daß sich Atomwaffen in der Hand vieler Räuberbanden befinden, hoffnungsvoller ist als die Konfrontation, die bis 1989 bestand.

Eher am Rande der Tätigkeit dieser Gruppe war die Arbeit von Michail Voslensky angesiedelt: Er kam zunächst als Gastwissenschaftler mit offiziellem Auftrag der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion. Daß er in dieser Rolle am Institut war, hatte zur Folge, daß in regelmäßigen Abständen Schreiben der Bundesregierung eintrafen, die vor dem Spion Voslensky warnten. Wir kannten uns inzwischen so gut, daß wir ihn direkt auf diese Frage ansprechen konnten. Er sagte, daß er natürlich, wie jeder andere Sowjetbürger im Ausland, „Berichte“ schriebe; er habe schließlich noch eine Tante in Rußland, die keine Schwierigkeiten bekommen sollte. - Unser amerikanischer Kollege am Institut, Hans Zucker, meinte dazu, wir sollten uns doch glücklich schätzen, daß auf diese Weise wenigstens in Moskau unsere Erzeugnisse gründlich gelesen würden!

Voslensky hat sehr bald eine heftige Liebe zur Politik der CSU entdeckt. Frucht seines mehrjährigen Aufenthalts am Institut war sein Buch „Nomenklatura“[20] über die Herrschende Klasse in der Sowjetunion, das ein Welterfolg wurde. In die Sowjetunion konnte er nicht mehr zurück, aber die deutsche Staatsangehörigkeit konnte er auch nicht so leicht erwerben. Auf Bruno Kreiskys Fürsprache bekam er dann die österreichische Staatsangehörigkeit.

Physik und Philosophie

Weizsäckers Herzensanliegen ist schon seit den 50er Jahren die Weiterentwicklung seiner Gedanken zu einer fundamentalen Physik. Die „Physikergruppe“ (Castell, Drieschner, Drühl; später Görnitz, einige Diplomanden und Doktoranden von Castell) führte im Institut ein relativ isoliertes Leben, was wohl schon inhaltlich wegen der mathematischen Vertracktheit unvermeidlich war, was sich aber auch noch in der räumlichen Trennung vom übrigen Institut niederschlug. Ich selber habe mich relativ intensiv außerhalb der Physiker-Arbeit am Leben des Instituts beteiligt, zeitweise in der Umweltgruppe, eine Zeit lang als persönlicher Referent von Weizsäcker und einige Zeit als Mitglied des Institutsrats. Castell hat sich vor allem in der letzten Zeit des Instituts im Betriebsrat engagiert.

Die Arbeit an den Grundlagen der Physik zu schildern, ist hier nicht der Ort. An sich war die Physikergruppe ja als Teil des philosophischen „Kerns“ des Instituts gedacht, der vor allem für die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Institut verantwortlich sein sollte. Außer der Physikergruppe gehörten zu den Philosophen einige Einzelarbeiter, die an größeren Werken saßen, eine Zeit lang war Ernst Tugendhat in der Abteilung Habermas Mitarbeiter des Instituts. Die schon erwähnten philosophischen Kolloquien waren eine außerordentlich interessante Dreingabe zur praktischen Arbeit im Institut, Weizsäcker hat von der persönlichen Zusammenarbeit mit den einzelnen philosophisch tätigen und interessierten Mitarbeitern sicher auch noch am meisten profitiert. Die Rolle als philosophischer Katalysator und Koordinator der Institutsarbeit hat diese Gruppe, die nicht einmal untereinander als Gruppe zusammengearbeitet hat, nicht erfüllen können. Wahrscheinlich liegt das daran, daß sich die Philosophie – und dementsprechend auch die Philosophen – noch weniger als andere zur interdisziplinären Zusammenarbeit eignet.

Interdisziplinarität

Die Projekte am Institut waren so angelegt, daß praktische Probleme im Zusammenwirken verschiedener Wissenschaften bearbeitet werden sollten. Für den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Projekten sollte dann vor allem die philosophische „Kern“-Gruppe sorgen. Für beides war interdisziplinäre Zusammenarbeit gefragt, wie sie auch sonst sehr viel propagiert aber sehr selten ausgeübt wird.

Wie ungeheuer schwierig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist, ist mir erst bei diesen Versuchen konkret klar geworden. Selbst eng benachbarte Wissenschaften verwenden ja, wie die Analysen der Theorie-Reduktion in der Wissenschaftstheorie der letzten Jahrzehnte deutlich gezeigt hat, eine je ganz eigene Begrifflichkeit und dementsprechend verschiedene Sprachen, zwischen denen eine Übersetzung nicht ohne weiteres möglich ist. Erst recht gilt das natürlich für weiter entfernte Wissenschaften, wie z.B. zwischen Physik und Ökonomie oder gar zwischen einer Naturwissenschaft und einer der traditionellen Geisteswissenschaften. Interessanterweise werden dabei die Verständigungsschwierigkeiten gar nicht auf Anhieb klar, denn oft verwenden beide Seiten dieselben Worte und merken erst nach längerer Diskussion, daß sie mit demselben Wort ganz verschiedene Dinge bezeichnen.

Wenn also Fachleute verschiedener Disziplinen ernsthaft miteinander arbeiten wollen, braucht das von beiden Seiten eine ungeheure Anstrengung; es bedeutet, daß sich jeder auf ein intensives Studium des anderen Faches für einige Zeit einlassen muß. Das ist normalerweise im Alltagsbetrieb der Wissenschaft gar nicht möglich. Es wäre vielleicht an dem neu gegründeten Institut in gewissem Maß möglich gewesen, wenn alle Beteiligten bereit gewesen wären, sich unabhängig von weiteren Rücksichten darauf einzulassen. Dazu waren aber die meisten weder Willens noch in der Lage, denn es war abzusehen, daß vor allem die Jüngeren ihre Karriere woanders als gerade in diesem Institut würden fortsetzen müssen, und daß sie dazu nur Chancen haben würden, wenn sie sich auf dem Arbeitsgebiet ihrer „Zunft“ profilierten und nicht allzuviel „Allotria“ trieben. So war zwar theoretisch eine interdisziplinäre Arbeit denkbar, aber unter den konkreten Umständen doch faktisch unmöglich.

Nach der ersten Zeit der intensiven Programmdiskussion, die durch ihren chaotischen Charakter ungeheuer strapaziös war und schon deswegen nicht lange dauern konnte, etablierten sich die einzelnen Arbeitsgruppen, die ich oben beschrieben habe. Je mehr sie sich auf eine einheitliche Wissenschaft als Grundlage stützen konnten, desto stabiler war der Gruppen-Zusammenhalt im Inneren und die Abschottung der Gruppe nach Außen. Die Umweltgruppe, in der am ehesten interdisziplinäre Arbeit gefordert gewesen wäre, hatte deswegen auch am wenigsten internen Zusammenhalt und wirkliche Kooperation und am meisten Fluktuation der Mitarbeiter. Man muß wohl resümieren, daß die interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht gelungen ist oder doch jedenfalls sehr weit hinter dem Geplanten und Erwarteten zurückblieb.

Erweiterungspläne

Schon bei der Berufung von Habermas hatte die Max-Planck-Gesellschaft die Erwartung ausgedrückt, daß noch ein dritter Direktor berufen würde, dessen Arbeit mehr empirisch ausgerichtet sei. Weizsäcker und später auch Habermas dachten vor allem an einen empirisch arbeitenden Ökonomen. Das Problem war dabei natürlich von vornherein, daß ein Wissenschaftler mit empirischen Arbeiten einen viel größeren Apparat brauchen würde, als dieses Institut ihm bieten konnte. So hat Weizsäcker, nach Absagen von Kissinger und Dahrendorf, weitere bekannte große Leute auf diesem Gebiet gar nicht erst nach einer Mitarbeit gefragt. Alle anderen Versuche, von Habermas und Weizsäcker als geeignet angesehene Leute zu berufen, zerschlugen sich, und das ganze Berufungsprojekt wurde schließlich dadurch beendet, daß sich in der Max-Planck-Gesellschaft die Meinung durchsetzte, daß es für Weizsäcker keinen geeigneten Nachfolger geben würde und daß man deswegen auch keinen dritten Direktor mehr für das Institut würde berufen wollen.

Vielleicht wäre es bei einer realistischen und zielstrebigen gemeinsamen Politik möglich gewesen, einen ökonomischen Direktor zu bekommen und mit seiner Hilfe das Institut am Leben zu erhalten. Aber auch dann wäre sicher die Weizsäckersche Abteilung aufgelöst worden, so wie es ja faktisch geschehen ist, obwohl zunächst die Abteilung Habermas weiterbestehen sollte. – Die einzige Mitwirkung eines etablierten Ökonomen bestand darin, daß Winfried Vogt, der in Regensburg lehrte, extern die Leitung des ökonomischen Projekts von Habermas übernahm.

Ein ähnliches Schicksal wie der dritte Direktor erlitten die Neubaupläne für das Institut. Schon mit der Ankunft von Habermas war das ursprünglich angemietete Gebäude in Starnberg zu klein geworden, nach einigen Jahren war das Institut schließlich auf ein halbes Dutzend Gebäude im Stadtgebiet von Starnberg verteilt und es lag nahe, einen Neubau für die gemeinsame Unterbringung zu planen. Die Münchner Rückversicherung, über ihren Vorstandsvorsitzenden Jannott eng mit der Max-Planck-Gesellschaft verbunden, besaß eine große Wiese nicht weit vom Bahnhof Starnberg. Darauf gab es zwar kein Baurecht, aber für ein wissenschaftliches Institut würde sich das wohl schaffen lassen, zum Wohl und Ruhm der Stadt. Längere Zeit wurde intensiv geplant, in Zusammenarbeit mit der Bauabteilung der Max-Planck-Gesellschaft, und mit der Stadt über das Baurecht verhandelt. Als die Pläne dann aber einigermaßen konkret dastanden, wurde die Finanzierung „höheren Orts“ abgelehnt. Gerüchtweise verlautete, daß die Münchner Rück die Institutsarbeit inhaltlich nicht billigte; es war auch die Rede davon, daß Franz-Josef Strauß sich dagegen gewendet habe. - Die Münchner Rück hat ihre Wiese anschließend an einen Bauträger verkauft, der eine Wohnsiedlung daraufgestellt hat.

Mitbestimmung

Max-Planck-Institute werden, nach den Vorstellungen der Max-Planck-Gesellschaft, um einen in seiner Wissenschaft erfahrenen verdienten Direktor herum errichtet und dienen ihm als Arbeitsinstrument. Die Verfassung eines Max-Planck-Instituts ist demgemäß die einer Monarchie, allenfalls gelockert durch den liberalen Geist des Monarchen im Interesse einer gemeinsamen Wahrheitssuche.

Unser Institut war politisch weitgehend bestimmt von Ideen der 68er Jahre. Daraus folgte, daß unmöglich das Institut im traditionellen Stil von einem Direktor oder den Direktoren gemeinsam geleitet werden konnte, und die Mitarbeiter sich nach den Beschlüssen dieser Direktoren zu richten haben würden. Weizsäcker war sich seiner überragenden Stellung, auch was die Macht im Institut betrifft, sicher genug, und auch seinem Temperament nach dazu geneigt, alle möglichen Mitbestimmungsexperimente nicht nur selbst mitzumachen, sondern auch der Max-Planck-Gesellschaft gegenüber zu vertreten und zu decken. Da wir, die jüngeren Mitarbeiter, entschlossen waren, nicht nur die Wissenschaft sondern auch die Verwaltung der Macht auf ganz neue Füße zu stellen, begann dieses Experiment damit, daß jeder alles machte – wie oben schon geschildert. Es gehört zu den großen Erlebnissen und Erfahrungen aus diesem Institut, daß wir wirklich einen sonst kaum vorstellbaren Freiraum hatten, alles Mögliche – wenn auch spielerisch – durchzuprobieren, so daß wir mit den Folgen unmittelbar konfrontiert wurden.

Nach einigen Wochen des kompletten Chaos der Institutsleitung durch alle war es klar, daß einzelne Leute für einzelne Aufgaben zuständig sein mußten. Dazu wurden die verschiedensten Ämter erfunden und – selbstverständlich rotierend – besetzt; aber auch das erwies sich als nicht praktikabel. Außerdem erschien es natürlich wichtig, die errungenen Mitbestimmungskompetenzen auch formal festzuschreiben, etwa in einer neuen Satzung für das Institut, die auch von den Gremien der Max-Planck-Gesellschaft verabschiedet wäre und als Muster für andere Institute dienen könnte. Für eine solche Institutssatzung war aber durch die Satzung der Max-Planck-Gesellschaft ein Rahmen gezogen, wie er faktisch auch an unserem Institut bestand: Die letzte Verantwortung hatten immer die Direktoren, denen das Institut von der Max-Planck-Gesellschaft sozusagen anvertraut war.

In diesem Rahmen wurde nun eine Institutssatzung entwickelt. Darin sollte zunächst das Plenum aller Mitarbeiter die Befugnis zu Grundsatzentscheidungen haben. In der endgültigen Fassung blieb aber das Plenum allenfalls als Verzierung übrig, Grundsatzentscheidungen über das wissenschaftliche Programm wurden in der Wissenschaftlerkonferenz getroffen – bei Vetorecht der Direktoren. Für das laufende Geschäft der Institutsleitung war ein Institutsrat eingerichtet, bestehend aus den beiden Direktoren und zwei gewählten Institutsmitarbeitern. Auch im Institutsrat hatten die Direktoren ein Vetorecht, aber mit der Verpflichtung, ein eventuelles Veto ausdrücklich auszusprechen und zu begründen.

Die Sitzungen der Wissenschaftlerkonferenz waren, solange es etwas zu entscheiden gab, langwierig, anstrengend und eher unangenehm – es wurde sichtlich hinter einer Nebelwand aus scheinbar sachlichen Argumenten um Positionen und Finanzen gekämpft. Als später die Gruppen einigermaßen etabliert waren und es klar wurde, daß keiner dem anderen würde dreinreden können, wurden die einzelnen Gruppenberichte zunehmend sachlich intensiv und auch interessant diskutiert.

Die Arbeit des Institutsrats war, wohl auch wegen seiner Kleinheit, effektiv und vernünftig. Die wöchentlichen Sitzungen entlasteten die Direktoren von der sonst üblichen Verwaltungsarbeit und gaben die Möglichkeit, die laufenden Entscheidungen kompetent vorzubereiten und ihre Ausführung zu kontrollieren. In meinen Unterlagen aus der Zeit finden sich immer neue Ergänzungen zur Geschäftsordnung oder Beschlüsse über Verfahrensweisen, die sich im Stil von ursprünglich eher Manifesten eines Revolutionstribunals immer mehr ministeriellen Runderlassen annähern. Verwaltung funktioniert so, und die Geschichte des Instituts gab eine ausgezeichnete Gelegenheit, am Modell im Kleinen diese Entwicklung zu erfahren.

Einen Zug an dieser Mitbestimmung haben wir damals nicht sehr stark wahrgenommen, er ist mir aber später sehr bewußt geworden: das immer noch spielerische Element. Auch im Text der Institutssatzung erscheint ja – wenn auch eher versteckt und durch die Erfordernis eines begründeten Vetos formal erschwert – die letzte Verantwortung der Direktoren. Die Satzung spiegelt hier eine Tatsache wider, die auch faktisch die Entscheidungen sehr stark bestimmt hat: Das Institut war von Anfang an, auch von den Befürwortern in der Max-Planck-Gesellschaft, als eine Möglichkeit für Weizsäcker und später auch für Habermas gedacht, die Arbeiten zu machen, die sie für richtig hielten. Dazu konnten sie auch Leute beschäftigen, wie sie es für richtig hielten. Deren spezielle Eigenheiten hat man dann teils wohlwollend, teils deutlich mißbilligend eben in Kauf genommen. Alles, was Institutsmitarbeiter unternommen haben, sei es in den Fragen der Mitbestimmung, sei es in der Wissenschaft, konnte nur unter dem großen Schirm geschehen, den Weizsäcker und Habermas darüber aufspannten.

Diese Tatsache wurde in der täglichen Arbeit eher beiseite geschoben und in den Äußerungen versteckt, aber faktisch hat sie doch, wie man nachträglich sehen kann, die Arbeit sehr stark geprägt. In allem, was wir machten und überlegten, gab es für die Verantwortung noch ein letztes Auffangnetz, auch wenn es nur die Veto-Möglichkeit der Direktoren war; voll verantwortlich war doch keiner der jüngeren Mitarbeiter. Das ist nun freilich generell an staatlichen oder para-staatlichen Institutionen so; das schlimmste, was dort passieren kann, ist eine Rüge vom Rechnungshof – während jemand, der wirklich verantwortlich wirtschaftet, im schlimmsten Fall dabei sein Vermögen verliert. – Aber in diesem Institut gab es doch noch vor dieser allgemeinen Beschränkung der Verantwortlichkeit die sehr viel spürbarere durch die Verantwortung der Direktoren. Da sich dies als Konstante während der ganzen Zeit des Instituts durchhielt, war es von daher nur konsequent, daß das Institut mit dem Weggang der Direktoren wieder aufgelöst wurde.

Auflösung

Das Institut ist in verschiedener Hinsicht gescheitert. Der sichtbarste Punkt ist der, daß es aufgelöst wurde, sobald die Max-Planck-Gesellschaft die Möglichkeit dazu hatte. Der genauere Hergang war so: Schon einige Jahre vor der Emeritierung Weizsäckers, als sich kein dritter Direktor fand, stellte der Senat der Max-Planck-Gesellschaft fest, daß ein geeigneter Nachfolger für Weizsäcker nicht mehr zu finden sein würde und daß deswegen die unter seiner Leitung stehende Abteilung mit seiner Emeritierung aufgelöst werden würde.

In der Öffentlichkeit ist dieser Beschluß so empfunden worden, daß die Max-Planck-Gesellschaft eine unbequeme und politisch mißliebige Gruppe zum Schweigen bringen wollte. Das ist, soweit die Gefühle der Senatoren beteiligt sind, sicher nicht ganz falsch: Den Wissenschaftlern aus anderen Max-Planck-Instituten war schon die Arbeitsweise des Starnberger Instituts höchst suspekt: keine nachprüfbaren Fakten, keine Theorien, die irgendwie nachvollziehbar getestet werden konnten – eigentlich war das in ihren Augen gar nicht wirklich Wissenschaft, was da getrieben wurde. Dazu noch das befremdliche Benehmen dieser Nach-68er: schlampige Kleidung, chaotische Planungen, unmögliches Auftreten. Daß dann auch noch die politischen Ansichten aus dem Institut praktisch allen Senatoren der Max-Planck-Gesellschaft höchst zuwider waren, ist nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Innerhalb des Instituts war Weizsäcker ja ein extrem Rechter, einziger und typischer Vertreter des Establishments; in den Gremien der Max-Planck-Gesellschaft hingegen wirkte er ausgesprochen links; ein bißchen angesteckt war er natürlich auch von der zum Teil durchaus berechtigten Systemkritik aus dem Institut – abgesehen von den ihm ganz natürlichen Vorbehalten gegenüber allem Bestehenden.

Das Institut war also den meisten, die über sein weiteres Schicksal zu entscheiden hatten, ganz verständlicherweise unsympathisch, und sie werden über die Entscheidung froh gewesen sein. Andererseits ist es auch aus anderen Gründen plausibel, daß die Entscheidung eigentlich nicht anders fallen konnte:

Auf die Abhängigkeit des Instituts von der Person Weizsäckers (jedenfalls seiner Abteilung) hatte ich schon hingewiesen. Das liegt in der Struktur der Max-Planck-Institute begründet, und wenn sich ein Institut außerdem noch auf einem so ausgefallenen Feld bewegt wie das Starnberger, dann ist schon von daher die Fortsetzung der Arbeiten unter einem neuen Direktor nicht zu erwarten.

Das Scheitern liegt aber tiefer, und jeder der Mitarbeiter einschließlich Weizsäcker hat das Scheitern in einem tieferen Sinn sehr stark empfunden. Die ursprünglich gestellte Aufgabe, nämlich in interdisziplinärer Zusammenarbeit Lösungen für die großen durch die Wissenschaft und Technik verursachten Probleme vorzuschlagen, und das im Zusammenhang mit den großen philosophischen Fragen, diese Aufgabe ist nicht erfüllt worden. Sie konnte wohl nicht erfüllt werden, weil so etwas einfach zu schwer ist. Man wird also das Scheitern schon da ansetzen müssen, wo überhaupt ein solcher Plan ernsthaft erwogen wurde bzw. wo er nicht ausdrücklich durch einen anderen ersetzt wurde. Es ist bezeichnend, daß der Erfolg der Arbeit am ehesten da lag, wo die Beteiligten ihre Ansprüche sehr bald auf ein viel bescheideneres Programm zurückschraubten, etwa in der Gruppe „Entwicklung und Unterentwicklung“, soweit ihr Ziel nur noch war, empirische Erhebungen über das Faktum der internationalen Arbeitsteilung anzustellen, oder bei der Gruppe „Alternative Wissenschaft“, die schließlich nicht mehr wollte, als einen ordentlichen Beitrag zur laufenden wissenschaftshistorischen Diskussion zu leisten.

Gescheitert ist aber auch in gewisser Weise jeder einzelne Mitarbeiter, und dieses Scheiten bestimmt sehr stark den Wert der Institutsjahre in jeder individuellen Biographie. Jeder hatte nämlich durch das Institut die Möglichkeit, genau das zu machen, was er für richtig hielt, mit den Mitteln, die er für notwendig hielt. Die Möglichkeiten waren praktisch unbegrenzt: Jeder konnte reisen, Kongresse besuchen, selber Kongresse veranstalten, Hilfspersonal beschäftigen, Literatur beschaffen; die Arbeitsatmosphäre war angenehm und ruhig, Kontakte aller Art innerhalb und außerhalb des Instituts wurden erleichtert – kein gigantischer Apparat, aber doch so, daß keiner mehr die Möglichkeit hatte, seine mangelnde Produktivität auf die Ungunst der Umstände zu schieben. Daß ich trotzdem nun nichts wesentlich Besseres produzierte als vorher, daß nun trotzdem nicht ein Geniestreich dem anderen folgte, das mußte erst einmal verkraftet werden. Das hatte auch Weizsäcker beobachtet, daß keinem, der an dem Institut Wissenschaft machte, eine tiefe persönliche Krise erspart blieb.

Die Erfahrungen in diesem Institut waren andererseits für jeden Mitarbeiter zweifellos ungeheuer wertvoll. Von mir jedenfalls kann ich sagen – und ich glaube, daß es auch den anderen, die lang genug dort gearbeitet haben, ähnlich ergeht –, daß die Jahre in diesem Institut mein weiteres Leben sehr stark geprägt haben, einerseits durch die Erfahrung des Arbeitens unter optimalen Bedingungen, einschließlich der damit verbundenen Krise, andererseits durch die Erkenntnis, sowohl inhaltlich von der Institutsarbeit her wie auch unmittelbar im Institutsalltag, daß die meisten Probleme rational, etwa mit Hilfe von Wissenschaft, gar nicht lösbar sind: Es läuft sowohl im Weltmaßstab wie im Maßstab eines solchen kleinen Instituts doch vor allem auf Fragen wie die hinaus, ob ich mich durchsetzen kann, ob meine Wünsche erfüllt werden, wie weit ich mich gegen Angriffe anderer schützen kann, wie weit ich anderen vertrauen kann – letztendlich, wenn man es auf einen Nenner bringen will, auf Probleme des Mißtrauens bzw. der Macht. Diese Erkenntnis hätte man, so schier und unmittelbar, wohl nirgends sonst gewinnen können.

Nachdem die Schließung der Weizsäcker-Abteilung endgültig feststand, wollte Habermas die Verantwortung für die Arbeit der verbliebenen Mitarbeiter – mit unbefristeten Verträgen – nicht allein übernehmen. Daher entschloß er sich schon sehr bald, sein Amt ebenfalls niederzulegen und wieder als Professor an die Universität zurückzukehren. Damit war praktisch das gesamte Institut aufgelöst, wenn auch einige (vor allem die nicht-wissenschaftlichen) Mitarbeiter in ein neues Max-Planck-Institut übergingen, das noch heute in München arbeitet. Aber die spezifische Geschichte des Starnberger Instituts war damit zu Ende.

Die Mitarbeiter, die aufgrund des Schließungsbeschlusses das Institut verlassen mußten, wurden von der Max-Planck-Gesellschaft traditionsgemäß großzügig abgefunden – im Fall dieses Instituts vielleicht noch etwas großzügiger, weil die Mitarbeiter ihre überdurchschnittliche Verwaltungserfahrung nutzen konnten. Die meisten Mitarbeiter erhielten die Möglichkeit, nach der endgültigen Schließung des Instituts noch fünf Jahre lang ihr Gehalt weiter von der Max-Planck-Gesellschaft zu beziehen, wenn sie sich in dieser Zeit an einem anderen Institut einarbeiteten mit der Aussicht, von dem betreffenden Institut als Mitarbeiter übernommen zu werden.

Die Gruppe „Entwicklung und Unterentwicklung“ gründete ein privates Forschungsinstitut, dessen Etat ebenfalls fünf Jahre lang von der Max-Planck-Gesellschaft getragen wurde, und das noch lange Zeit durch Aufträge und Spenden finanziert wurde. Die Gruppe „Strategie und Außenpolitik“ arbeitete unter der Leitung von Horst Afheldt mit überwiegend neuen Mitarbeitern noch weiter bis zu Afheldts Pensionierung im Jahr 1989; Weizsäcker hatte nach seiner Emeritierung sein Büro in unmittelbarem Zusammenhang mit dieser Gruppe und arbeitete auch weiterhin eng mit Afheldt zusammen. In einem Resümee der Institutsarbeit meinte Weizsäcker einmal, inhaltlich sei das wohl die wichtigste Leistung des Instituts gewesen, daß es Afheldt in Zusammenarbeit mit ihm die günstigsten möglichen Arbeitsbedingungen gewährt habe.

Äußerlich ist das Institut also gescheitert, ebenso ist es gescheitert, wenn man es an seinen eigenen ursprünglichen Ansprüchen mißt. Nach Maßstäben, wie man sie an wissenschaftliche Institutionen normalerweise anlegen würde, kann man es aber durchaus als erfolgreich ansehen. Es sind ansehnliche Publikationen in dem Institut entstanden, es ist trotz des anfänglichen Chaos sehr fleißig gearbeitet worden, und die Gunst der Arbeitsbedingungen und die Möglichkeiten des Zusammenarbeitens haben, auch wenn sie die anfänglichen Erwartungen nicht erfüllen konnten, doch dafür gesorgt, daß keine der entstandenen Publikationen langweilig oder seicht geworden ist. Dazu hat das Institut alle Mitarbeiter entscheidend und positiv für ihre weitere Tätigkeit geprägt, so daß ich nicht zögern würde, die Bilanz des Instituts trotz berechtigter Kritik als positiv anzusehen. – Sein Ende ist nicht auf einen plötzlichen Coup seiner Gegner aus politischen Gründen zurückzuführen, es war von vornherein vorauszusehen, wohl sogar unausweichlich. Wäre das Institut nicht von außen beendet worden, so wäre es doch in der Art, wie ich es hier beschrieben habe, ungefähr um dieselbe Zeit von selbst zu Ende gewesen; es hätte wohl nur als eine Art von interessantem Konglomerat verschiedener konventioneller Arbeitsgruppen weiter existieren können. So gesehen war die Beendigung von außen sogar eher ein Glücksfall: sie ermöglichte die Entstehung einer heroischen Legende.

 

 



[1]        Abgedruckt in: Der Garten des Menschlichen, München (Hanser) 1977, S.553-597.

[2]        C.v.Weizsäcker (Hg.): Kriegsfolgen und Kriegsverhütung, München (Hanser) 1971.

[3]        Vereinigung deutscher Wissenschaftler (Hg.): Welternährungskrise oder ist eine Hungerkatastrophe unausweichlich?, Hamburg (Rowohlt) 1968, rororo aktuell.

[4] Kahn, Herman ; Wiener, Anthony J.: Ihr werdet es erleben. Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahre 2000. Mit e. Nachw. von Daniel Bell. Aus d. Engl. übertr. von Klaus Feldmann. Wien (Molden) 1967

 

[5]        Georg Picht: Prognose, Utopie, Planung. Stuttgart (Klett) 1967; abgedruckt in ders.: Wahrheit, Vernunft, Verantwortung. Stuttgart (Klett) 1969, S. 373-407. – C.F.v.Weizsäcker: Über die Kunst der Prognose. Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Privatdruck 1968. abgedruckt in ders.: Der ungesicherte Friede. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1969, S. 57-76.

[6]        C.F.v.Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen. München (Hanser) 1977 (Taschenbuchausgabe: Fischer-tb 6543)

[7]        SZ-Interview 1970

[8]        Arbeitsbericht Juni 1970 an die MPG.

[9]        „Erforschung der Lebensbedingungen“. In: C.F.v.Weizsäcker, Der bedrohte Friede. München (Hanser) 1981; S. 472 ff

[10]       Utz-Peter Reich, Philipp Sonntag, Hans-Werner Holub. Arbeits- und Komsumrechnung. Köln (Bund) 1977

[11]       Vereinigung deutscher Wissenschaftler/Jürgen Heinrichs, Hrsg.: Welternährungskrise – oder – ist eine Hungerkatastrophe unausweichlich? rororo aktuell 1147. Reinbek (Rowohlt) 1968. Außerdem Jürgen Heinrichs: Hunger und Zukunft. Göttingen (Vandenhoeck und Ruprecht) 1969.

[12]       Jan Myrdal: Bericht aus einem chinesischen Dorf. dtv 591. München 1969.

[13]       Folker Fröbel / Jürgen Heinrichs / Otto Kreye: Neue internationale Arbeitsteilung. rororo aktuell 4185. Reinbek (Rowohlt) 1977.

[14]       Edgar Zilsel (hrsg. von W.Krohn): Die sozialen Ursprünge der neuzeitlichen Wissenschaft. Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1976. – Thomas S.Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1967

[15]       Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Rainer Hohlfeld, Wolfgang Krohn, Wolf Schäfer, Tilman Spengler: Die gesellschaftliche Orientierung des wissenschaftlichen Fortschritts. Starnberger Studien 1. Edition Suhrkamp 177. Frankfurt/M. 1978.

[16]       Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Wolfgang Krohn: Experimentelle Philosophie – Ursprünge autonomer Wissenschaftsentwicklung. stw 207. Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1977.

[17]       C.F.v.Weizsäcker (Hrsg.): Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. München (Hanser) 1971

[18]       C.F.v.Weizsäcker: Wege in der Gefahr / Horst Afheldt: Verteidigung und Frieden, Politik mit militärischen Mitteln / Guy Brossollet und Emil Spannocchi: Verteidigung ohne Schlacht. Alle: München (Hanser) 1976

[19]       Vgl. die 'Selbstdarstellung'. In: C.F.v.Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen. München (Hanser) 1977, S.572ff.

[20] Michael Voslensky: Nomenklatura. Die herrschende Klasse der Sowjetunion [Aus d. Russ. von Elisabeth Neuhoff. Die Übertr. d. Gedichte besorgte d. Autor] Wien (Molden) 1980