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Intentionalität

Man kann nicht denken, ohne an irgendetwas zu denken. Man kann nicht wünschen, ohne sich irgendetwas zu wünschen, und man kann nicht hoffen, ohne auf irgendetwas zu hoffen. Der philosophische Terminus für die Fähigkeit des menschlichen Geistes, sich auf Gegenstände und Sachverhalte in der Welt zu richten, lautet Intentionalität. Paradigmatische intentionale Zustände sind Überzeugungen und Wünsche: Man kann davon überzeugt sein, dass es gerade draußen schneit und sich weiße Weihnachen wünschen. Aber die Gegenstände, auf die sich der Geist richtet, müssen nicht einmal existieren, denn man kann auch Sherlock Holmes bewundern oder glauben, dass Elvis noch lebt oder der Nikolaus Geschenke bringt. Da offenbar kein natürliches physisches Phänomen, ein Stein etwa, derart von etwas anderem handelt, gilt es als zentrales philosophisches Problem aufzuzeigen, wie diese menschlichen Leistungen in die physikalische Natur passen. Aber keiner der zahlreichen bisherigen Versuche von Philosophen, eine umfassende Theorie der Intentionalität zu formulieren, konnte bisher restlos überzeugen.

Eines der Ziele dieser Nachwuchsgruppe besteht darin, im Rahmen eines Paradigmenwechsels durch eine Differenzierung unterschiedlicher Manifestationen von Intentionalität eine solche Theorie zu entwickeln. Eine zentrale Arbeitshypothese lautet, dass Intentionalität ein Merkmal ganzer Lebewesen ist, nicht bloß eine Eigenschaft geistiger Vorstellungen. Wir nehmen nicht nur auf gedankliche Weise Bezug auf die Wirklichkeit. Die genuin geistige Intentionalität beruht auf grundlegenderen biologischen und sensomotorischen Formen der Bezugnahme. Neueste entwicklungspsychologische Studien, die zeigen, wie Menschen im Säuglings- und Kindesalter die dafür erforderlichen Fähigkeiten ausbilden und anwenden, untermauern diese Hypothese. Weitere Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen der visuellen Wahrnehmung und sozialen Interaktion werden herangezogen, um die Mechanismen aufzuzeigen, die diesen Fähigkeiten zugrunde liegen.

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Vom Greifen zum Begreifen

Intentionales Gerichtetsein beginnt bereits mit simplen zielgerichteten Greifbewegungen nach Gegenständen. Es erreicht eine erste Komplexitätsstufe in Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit, wenn z.B. Mutter und Kind beide auf denselben Gegenstand gerichtet sind. Solche triadischen Beziehungen sind für die kognitive Entwicklung von einschneidender Bedeutung. Der im zweiten Lebensjahr zunehmende Einsatz der Einbildungskraft erlaubt es dem heranwachsenden Menschen zudem, sich gedanklich auf Gegenstände auch in deren Abwesenheit zu richten. Erst später schreiben Kinder auch anderen Personen explizit Überzeugungen, Absichten und Wünsche als Ursachen ihrer Handlungen zu. Schließlich gibt es auch Formen kollektiver Intentionalität, die sich in koordinierten und kooperativen Verhaltensweisen aufgrund von gemeinsamen Absichten wie z.B. im Mannschaftssport oder auch in einer Großküche niederschlagen.
 

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Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Intersubjektivität

Inwiefern Bewusstsein und Selbstbewusstsein in seinen unterschiedlichen Variationen für diese Formen von Intentionalität in je verschiedener Weise entscheidend sind, gilt es aufzuzeigen. Gerade das komplexe Verhältnis von Selbst und Anderem in der sozialen Kognition soll in diesem Forschungsprojekt näher untersucht werden. Dabei erweisen sich verkörperte Praktiken der nonverbalen Kommunikation wie Gesten, Gesichtsausdrücke und andere Körperbewegungen als zentral. Der Rahmen des Projekts wird somit durch die Begriffe Intentionalität, Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Verkörperung und Intersubjektivität abgesteckt, die in ihren komplexen Beziehungen zueinander untersucht werden sollen.
 

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Dissertationsprojekt Anne-Sophie Brüggen:
Natur und Begriff der Einbildungskraft

Die Einbildungskraft bzw. Imagination ist für den Menschen von zentraler Bedeutung. Klassisch wird sie als Fähigkeit bezeichnet, einen Gegenstand auch in seiner Abwesenheit vorzustellen. Dadurch ist sie von der Wahrnehmung unterschieden, die intentional auf anwesende existierende Gegenstände abzielt. Die Funktion der Einbildungskraft lässt sich nur schwer bestimmen. Denn sie spielt offenbar in einer Vielzahl von Kontexten eine tragende Rolle, angefangen bei der ästhetischen Betrachtung über geistige bildliche Vorstellungen sowie Traum- und Erinnerungsbilder bis hin zur Repräsentation von Möglichkeiten und kontrafaktischen Situationen in Gedankenexperimenten. Diesem weiten Anwendungsspektrum der Einbildungskraft steht die relativ geringe Anzahl eigenständiger systematischer philosophischer Abhandlungen gegenüber.

Ausgehend von paradigmatischen Fällen von Imagination soll untersucht werden, welche Formen und Funktionen der Einbildungskraft (imagination) unterschieden werden müssen und wie man Vorstellungen (imaginings) diese von anderen mentalen Zuständen wie Wahrnehmungen und Überzeugungen abgrenzen kann. Dies geht einher mit der Untersuchung, ob wir überhaupt berechtigt sind, bei der Einbildungskraft von einer einheitlichen Fähigkeit zu sprechen oder ob hier ein Name für ganz unterschiedliche Phänomene gebraucht wird, die nicht durch ein zentrales Merkmal geeint sind.

Dieses Projekt befasst sich somit mit einem zentralen Thema an der Schnittstelle von Philosophie des Geistes, kognitiver Psychologie und Erkenntnistheorie. Natur und Skopus der Einbildungskraft sollen ebenso genauer bestimmt werden wie ihre Funktion und Intentionalität.
 

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Dissertationsprojekt Santiago Arango Muñoz:
Metacognition in human and non-human animals

Dieses Projekt aus dem Kontext des Themas Intentionalität, Selbstbewusstsein und soziale Interaktion befasst sich mit der Fähigkeit der Metakognition. Diese kann in erster Annäherung als ‚Denken über Denken’ beschrieben werden. Zu alltäglichen Beispiele für Metakognition gehören: das Gefühl zu haben, sich an etwas erinnern zu können, einen Namen oder eine Telefonnummer etwa, oder diese vergessen zu haben; die Fähigkeit, seine eigenen mentalen Leistungen einschätzen und auf dieser Basis Lernstrategien ergreifen oder wechseln zu können; die Fähigkeit, beurteilen zu können, ob man bestimmte geistige Problemstellungen gut oder schlecht zu lösen imstande ist.

Was genau ist Metakognition? Was sind die kognitiven und biologischen Voraussetzungen dieser Fähigkeit? Welche Wesen sind der Metakognition fähig? Welchen epistemischen Status haben metakognitive Beurteilungen?

Zwei konkurrierende Theorien dominieren die Debatten über Metakognition: Der ersten zufolge ist es eine metarepräsentationale Fähigkeit der Selbstzuschreibung mentaler Zustände. Der zweiten zufolge besteht das Wesen der Metakognition eher in der Bewertung und Kontrolle kognitiver Prozesse mittels ihrer mentalen Simulation. Eine zentrale Arbeitshypothese des Projekts lautet, dass diese beiden Theorien zwei unterschiedliche Ebenen der Metakognition beschreiben und somit miteinander versöhnt werden können. Daher soll ein Zwei-Stufen-Modell entwickelt werden, das eine Kontrollebene so genannter epistemischer Gefühle von einer Beurteilungsebene unterscheidet, auf der mittels Begriffen und Theorien explizite Selbstbewertungen vorgenommen werden.

Epistemische Gefühle sind in erster Linie phänomenal bewusste Erlebnisse mit spezifischem intentionalem Gehalt, die auf vorreflexiver Stufe unser Verhalten beeinflussen. Da sie keine anspruchsvolle Form von Selbstbewusstsein voraussetzen, mögen auch nichtmenschliche Tiere über diese Gefühle verfügen und einer basalen mentalen Selbsteinschätzung fähig sein. In der Regel beruht die Selbsteinschätzung beim Menschen jedoch auf der Verwendung von Begriffen und vor dem Hintergrund eines reflexiven Selbstbewusstseins, das auch den Besitz eines Begriffes des Selbst sowie eine Theorie des Geistes voraussetzt. Insofern mag diese zweite Stufe der Metakognition dem Menschen vorbehalten bleiben.

In diesem Forschungsprojekt soll die komplexe Fähigkeit der Metakognition in all ihren Dimensionen untersucht werden – auch und insbesondere unter Einbeziehung von Erkenntnissen aus Psychologie und Neurowissenschaften zu mentalen Fähigkeiten bei Mensch und Tier.
 

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