Die deutsche Luft-
und Raumfahrtindustrie hat in ihrer bald einhundertjährigen
Geschichte Erfahrungen nicht nur technologischer, sondern auch organisatorischer
und unternehmerischer Art gesammelt und verinnerlicht; Erfahrungen, die
derzeit in einer europäischen Branche aufgehen. Sie bereichern das
Potential der europäischen Luft- und Raumfahrt; sie können aber
auch eine Quelle von erheblichen Friktionen darstellen. Wie die Geschichte
vieler Unternehmensfusionen der letzten Zeit zeigt, ist die Integration
unterschiedlicher Unternehmenskulturen mit großen Risiken behaftet.
Gerade in der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie muß
dabei auf nationale "Geschichten" Rücksicht genommen werden, um Gefahren
zu vermeiden.

Doch dazu ist die Kenntnis
der Geschichte notwendig. Im aktuellen Tagesgeschäft und in Strategiedebatten
werden historische Erfahrungen zwar eingebracht, aber nur selektiv und
gefärbt verarbeitet und nicht systematisch reflektiert. Gerade die
Unternehmensgeschichte leidet chronisch darunter, daß historische
Prägungen unvollständig und bisweilen falsch wiedergegeben werden.
Angesichts unterschiedlicher nationaler Innovationsstile, Leitbilder von
Produktivität und Werkstattorganisation, differierender Formen der
Organisation von Management und abweichenden Stilen von Elitenbildung und
Elitenwechsel ist die wirtschafts- und unternehmenshistorische Analyse
der eigenen, "nationalen" Geschichte eine unverzichtbare Voraussetzung
für den Erfolg der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie innerhalb
der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie. Ein wissenschaftlich
systematisiertes Verständnis der eigenen Geschichte öffnet den
Verantwortlichen nicht nur den Blick für die historisch gewachsenen
Voraussetzungen ihres Handelns, sie bietet ihnen zugleich Handlungsalternativen.
Erst dann sind geschichtlich erlernte nationale Produktions-, Organisations-
und Innovationsstile in europäischen Unternehmen nutzbar zu machen.

Die Geschichte der deutschen
Luft- und Raumfahrtindustrie nach 1945 ist nur in ersten Ansätzen
systematisch erforscht. Gerade die materiellen Voraussetzungen für
ihre zukünftige professionelle, wissenschaftliche Bearbeitung drohen
zu erodieren. Es besteht die Gefahr, dass wir in nicht allzuferner Zeit
besser über die Luftfahrt der zwölfjährigen nationalsozialistischen
Ära und über das gescheiterte DDR-Luftfahrt-Projekt informiert
sind als über die mittlerweile mehr als 50 Jahre bundesdeutscher Luft-
und Raumfahrtgeschichte. Damit dies nicht eintritt, muss schnell etwas
geschehen.

Ein erster Schritt dazu ist
die Einrichtung der
Forschungsstelle zur Geschichte
der Deutschen Luft- und Raumfahrtfahrtindustrie seit 1945.
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