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Lost Cities – die verlassenen Lehmziegelsiedlungen des Zentraloman: Zwischen Verklärung und Vernachlässigung

Viele Städte im Zentraloman weisen in ihrem Zentrum  seit den 1970er Jahren im Zuge von Modernisierungsprozessen verlassene Lehmziegelsiedlungen, sogenannte harat auf. In jüngerer Zeit stehen diese ehemaligen Wohnquartiere im Zentrum konfliktiver Deutungsprozesse. Wissenschaftler und nationale Institutionen warnen vor dem Verfall dieses einzigartigen kulturellen Erbes; die lokale Bevölkerung hat an einer aktiven Nutzung eher geringes Interesse, will die Siedlungen aber auch nicht aufgeben. Die verlassenen Siedlungen sind damit zwar bauliche Vergangenheit, ragen aber deutlich wahrnehmbar und zugleich umstritten in Gegenwart und Zukunft.

Vor diesem Hintergrund zielt das Forschungsprojekt darauf ab, in einer interdisziplinären Forschergruppe bestehend aus Archäologie (Dr. Stephanie Döpper, Goethe-Universität Frankfurt, Kultursoziologie (PD Dr. Thomas Schmidt-Lux, Universität Leipzig) und Islamwissenschaft (Dr. Birgit Mershen, Ruhr-Universität Bochum) die soziale Relevanz der verlassenen Lehmziegelsiedlungen verstehbar zu machen. Hierfür soll die materielle Kultur, die Akteure und Praktiken und die Deutungen und Codierungen der verlassenen Siedlungen untersucht werden. Methodisch wird dies über Kartierungen der Siedlungen mit Artefaktsammlung, ethnografische Studien, Oral History sowie wissenssoziologische Diskursanalysen bearbeitet.

Das Forschungsvorhaben wurde für die Dauer von drei Jahren von der Gerda Henkel Stiftung im Rahmen des "Lost Cities" - Programmes gefördert.

Ansprechpartnerin für den islamwissenschaftlichen Projektteil: Birgit Mershen

Der islamwissenschaftliche Projektteil beschäftigt sich insbesondere mit der siedlungsübergreifenden Analyse bereits dokumentierter harat,  Siedlungsgefüge, Morphologie, sozialer Struktur und örtlich verankerten soziokulturellen Institutionen. Der Frage nach der historischen Entwicklung der Siedlungsquartiere und ihrem allmählichem Verfall, bzw. teilweiser Erhaltung, Restaurierung oder Umnutzung, seit dem ausgehenden 20sten Jahrhundert wird mithilfe der Auswertung historischer Foto- und Satellitenaufnahmen sowie durch Ortsbegehungen nachgegangen. Durch die Untersuchung staatlicher Strategien und Maßnahmen, kommunaler oder privater Projekte und Umnutzungsvorhaben soll einserseits die Bedeutung der ehemaligen Wohnquartiere für die nationale oder regionale Identität omanischer Bürger erforscht werden und andererseits sich wandelnde denkmalpflegerische Ansätze im Umgang mit dieser Art Kulturerbe, aber auch die aktuelle Entdeckung ihres Umnutzungspotenzials durch private Eigner untersucht werden.

Publikationen

  • Birgit Mershen and Soumyen Bandyopadhyay “Falaj Communities in Oman – Techno-socio-economic complex, legal aspects and ethnohistorical observations from Birkat al-Mawz, al-Ḩamrā’ and Misfāt al-‘Abriyīn”. In Sharon Smith (ed.) Water in Faith, Faith in Water. Journal of Material Cultures in the Muslim World 3.1 (2022), Brill.
  • Birgit Mershen, Stephanie Döpper, Irini Biezeveld, Thomas Schmidt-Lux und Josephine Kanditt,
  • “Harat al Hamra: The Journey from an Oasis Town to a ‘Heritage Village’" (zur Publikation angenommen), Journal of Arabian Studies.
  • Irini Biezeveld, Josephine Kanditt, Birgit Mershen, Thomas Schmidt-Lux & Stephanie Döpper (zur Publikation angenommen), “Transforming the Rural and Urban Landscape of Central Oman: The Development of Mudbrick City Quarters during the 20th Century”, Proceedings of the conference “VII AACCP Cities in Evolution. Diachronic Transformations of Urban and Rural Settlements”