Dennis Krämer im Interview: „Sportverbände können intersexuelle Personen nicht länger ausschließen“

03.11.2020

Der Sport kennt nur zwei Kategorien: Mann und Frau. Bei intersexuellen Menschen stoßen diese Kategorien jedoch an ihre Grenzen, sagt Dennis Krämer.

Caster Semenya ist eine der schnellsten Frauen der Welt. Doch seit Jahren muss die südafrikanische Mittelstreckenläuferin dafür kämpfen, auch als diese schnelle Frau gesehen zu werden. Denn während Semenya bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin 2009 ihre erste Goldmedaille in Empfang nahm, begann in der Sportwelt eine Diskussion über ihre Weiblichkeit.

In der Leichtathletik gibt es seit 2011 einen Grenzwert für Testosteron, der festlegt, ob Athlet*innen im Frauenwettbewerb starten dürfen. Caster Semenya, deren Testosteronwert über dieser Grenze liegt, klagte erst am Internationalen Sportgerichtshof und legte dann Berufung am Schweizer Bundesgerichtshof ein. Beides mal verlor sie, zuletzt im September 2020. Sie darf aktuell nicht mehr bei in der Mitteldistanz der Frauen antreten.

Der Fall von Caster Semenya steht exemplarisch für den vieler intersexueller Athlet*innen, also Menschen, die weibliche und männliche Körpermerkmale aufweisen. Sie stellen die Sportwelt vor eine schwierige Debatte, in der es um fairen Wettbewerb und Ethik geht. Was macht eine Frau zur Frau? Und wer darf das entscheiden?

Der Sozialwissenschaftler Dennis Krämer arbeitet am Institut für Medizinische Ethik der Ruhr-Universität Bochum. Im April veröffentlichte er das Buch „Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken“. Er sagt: Wie wir Geschlecht definieren und feststellen, hat sich über die letzten Jahrzehnte maßgeblich verändert.