RUB » Romanisches Seminar » Zeitleiste

Karl Maurer: Seminarchronik

Nach der Denkschrift des Gründungsausschusses "Empfehlungen zum Ausbau der Ruhr- Universität Bochum" vom Dezember 1962 waren "[f]ür die Romanistik [...] ein Linguist und zwei Literaturhistoriker vorgesehen, um die romanischen Sprachen und Literaturen möglichst lückenlos zu umfassen" (S. 28). Dieser Ansatz erwies sich bald als zu knapp bemessen, so dass das Fach erst nach der Bewilligung eines vierten, nunmehr ausschließlich linguistisch ausgerichteten Lehrstuhls vollständig vertreten war.

Als erster wurde, noch in der vorbereitenden Aufbauphase, der Münchener Privatdozent Eberhard Müller-Bochat (ernannt zum 1.4.1964) berufen, der bis zum Beginn der Lehrveranstaltungen an der Ruhr-Universität im WS 1965/66 als Gastprofessor an der Universität Bonn wirkte und dort in angemieteten Räumen den Aufbau der Institutsbibliothek forcierte. Ihm gelang es, als zweiten romanistischen Lehrstuhlinhaber den dortigen Ordinarius Karl Maurer zu gewinnen, der bis zur Einrichtung des vierten Lehrstuhls auch kommissarisch die Verantwortung für die sprachwissenschaftliche Forschung und Lehre übernahm (er wechselte zum 1.10.1965 nach Bochum). Auf den dritten, speziell mit iberoromanistischem und mediävistischem Schwerpunkt ausgewiesenen Lehrstuhl wurde zum Sommersemester 1966 die frisch habilitierte Bonner Privatdozentin Ilse Nolting-Hauff berufen, auf den neu bewilligten vierten Lehrstuhl zum Sommersemester 1969 der Bonner wissenschaftliche Assistent Udo Ludwig Figge.

Angesichts der Vielfalt der zu berücksichtigenden romanischen Idiome und Kulturen (darunter die Lehramtsfächer Französisch, Italienisch und Spanisch) bedurfte es besonderer Anstrengungen, um zum Beginn des Lehrbetriebs eine genügend große Zahl von geeigneten Lektorinnen und Lektoren auszuwählen und zu verpflichten. Im ersten, noch provisorisch erstellten Vorlesungsverzeichnis für das WS 1965/1966 wimmelten noch die Nennungen mit N.N., das gedruckte Vorlesungsverzeichnis für das SS 1968 führt nicht weniger als zehn Namen auf, darunter einen zweiten Lektor für Spanisch unter Berücksichtigung der sprachlichen Verhältnisse Lateinamerikas, einen Lektor für "Romanistik", d.h. für die kleineren Romanismen, einen (hochqualifizierten) Lektor für Rumänisch und einen Lektor für Altfranzösisch, der die reiche mittelalterliche Literatur Frankreichs erschließen sollte. Eine der drei Lektorenstellen für Französisch (von denen eine zeitweise von der Antenne culturelle in Essen finanziert wurde) konnte auf Dauer mit einer französischen Agrégée de Lettres classiques besetzt werden, die auch ergänzende Kurse in Latein für Romanisten anbot.

Da die Zahl der Romanistik-Studierenden weit über den Annahmen des Gründungsausschusses lag (er war von "etwa 10.000 Studenten" für die ganze Ruhr- Universität ausgegangen!), wurden dem Romanischen Seminar vom Haushaltsjahr 1971 an insgesamt drei Stellen eines Wissenschaftlichen Rats und Professors (ohne Personal- und Sachausstattung) zugeteilt, die hausintern besetzt wurden mit

  1. Pierre Christophorov, bis dahin außerplanmäßiger Professor für "Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft",
  2. Georg Rudolf Lind, bis dahin Lektor für Portugiesisch und seit WS 1970/71 auch Privatdozent für "Romanische Philologie",
  3. Herwig Krenn, seit dem WS 1971/72 Privatdozent für "Romanische Philologie".

Die 1968er Studentenbewegung ging auch am Bochumer Romanischen Seminar nicht spurlos vorüber. Gleichzeitig mit der Verabschiedung der neuen Verfassung der Ruhr-Universität Ende des Sommersemesters 1969 wurde ein halbparitätischer Institutsrat aus Lehrenden und Lernenden eingesetzt, der alle Personal- und Lehrentscheidungen vorbesprach, der indessen aufgrund seiner Zusammensetzung im Ergebnis nur beratende Funktion haben konnte. Im SS 1969 traten auch die ersten personellen Verluste ein. Eberhard Müller-Bochat, der das Institut von Anfang an aufgebaut hatte, wechselte mit seinen Mitarbeitern an die Universität Köln; auf die vakante Stelle wurde zum 1.4.1969 der Konstanzer Privatdozent Karlheinz Stierle berufen, der der Ruhr-Universität trotz mehrerer auswärtiger Angebote fast 20 Jahre lang bis zu seiner Rückkehr nach Konstanz zum SS 1988 treu blieb. Helmut Keßler, früherer Oberassistent an der Berliner Humboldt-Universität, der Karl Maurer von Bonn nach Bochum gefolgt war, starb am 24.4.1969 kurz vor Abschluss seiner Habilitation im Alter von nur 36 Jahren.

Einen gewissen Aderlass bedeutete auch die Errichtung des Seminars für Sprachlehrforschung, durch die ein gewichtiger Teil der Ausbildung in den romanistischen Lehramtsfächern aus dem Romanischen Seminar abwanderte. Das Romanische Seminar war federführend mit der Vorbereitung der Partnerschaft mit der neugegründeten Universität Orléans-Tours (seit 1967) befasst. In den ersten Jahren bestand auch ein Austausch von Gastprofessoren mit der Universität Fortaleza, der nach dem Wechsel von Herrn Müller- Bochat nach Köln nicht weitergeführt wurde. Das Rumänische, das nicht mit einer eigenen Hochschullehrerstelle etatisiert war, wurde seit dem WS 1969/1970 im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft „Balkanologie“ weiter ausgebaut, an der neben dem Romanischen Seminar auch das Sprachwissenschaftliche Institut und das Seminar für Slawistik beteiligt war. Nach dem Tode des ersten Stelleninhabers, des ausgewiesenen Volkskundlers Octavian Buhociu im Jahre 1978, konnten auf der Basis des Lektorats nacheinander zwei hochrangige rumänische Sprach- und Literaturwissenschaftler, Cicerone Poghirc (WS 1979/1980 – WS 1992/1993) und Florin Manolescu (SS 1993 – SS 2008), mit dem Status von Honorarprofessoren gewonnen werden.

Das nächste größere Revirement erfolgte Mitte der siebziger Jahre. Auf die durch das altersbedingte Ausscheiden von Pierre Christophorov frei werdende Stelle eines Wissenschaftlichen Rats und Professors wurde zum WS 1974/75 der Konstanzer Privatdozent Hans Ulrich Gumbrecht berufen, der aber zunächst nur zum Dozenten und apl. Professor ernannt werden konnte, bis er am 15.06.1975 das 27. Lebensjahr vollendet hatte. Nach dem Weggang von Ilse Nolting-Hauff an die Münchener Ludwig-Maximilians-Universität wechselte er zum SS 1976 auf den hispanistisch-mediävistisch ausgerichteten Lehrstuhl; an seine Statt trat vom SS 1977 an der im Habilitationsverfahren stehende Bonner wissenschaftliche Assistent K. Alfons Knauth. Auch die zweite literaturwissenschaftlich ausgerichtete Stelle der gleichen Kategorie wurde durch die Berufung von Georg Rudolf Lind auf einen Lehrstuhl an der Universität Graz zum WS 1975/76 vakant; auf sie wurde zum 1.3.1966 der bisherige Dozent Joachim Schulze berufen, der sich am 30.01.1974 im Hause habilitiert hatte.

Nachdem Hans Ulrich Gumbrecht noch eine Berufung auf einen Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California in Berkeley ausgeschlagen hatte, wechselte er zum SS 1983 an die Gesamthochschule Siegen, die ihm aufgrund ihres besonderen Status wesentlich bessere Arbeitsbedingungen bieten konnte. Auf ihn folgte zum SS 1984 der Bamberger Wissenschaftliche Rat und Professor Manfred Tietz, der die iberoromanischen Sektion des Seminars mit Nachdruck ausbaute und namentlich für regelmäßige Veranstaltungen im Bereich des Katalanischen sorgte. Vor dem Weggang von Karlheinz Stierle habilitierte sich zum 24.06.1987 sein Schüler, Dieter Ingenschay, der daraufhin in eine Dozentenstelle eingewiesen wurde und die Zeit bis zur Ernennung des Nachfolgers Rudolf Behrens, bis dahin Privatdozent an der Universität Würzburg, zum Sommersemester 1989 mit überbrücken konnte; er selbst folgte zum WS 1990/91 einem Ruf an das Iberoamerikanische Institut der Freien Universität Berlin. Zum Ende des SS 1991 wurde Karl Maurer emeritiert, nachdem er die mit Rücksicht auf den wissenschaftlichen Nachwuchs neu eingeführte Altersgrenze von 65 Jahren erreicht hatte; die Professur konnte aber erst zum Sommersemester 1995 mit dem Tübinger Privatdozenten Franz Lebsanft wieder besetzt werden.

Karl Maurer