Forschung

 

Laufende Forschungsschwerpunkte am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der RUB

 

1. Gottesdienst zwischen Norm und Rezeption

 

Dass zwischen liturgischer Norm und praktischer Rezeption ein Unterschied besteht, ist hermeneutisch geklärt, im Einzelnen aber noch wenig konkretisiert. Für die Erforschung rücken neue Quellengattungen in den Blick: Romane, Tagebücher, Biografien oder andere beschreibende und reflektierende Texte. Der besondere Wert solcher Schriften liegt darin, dass sie Perspektiven eröffnen, die in keinem liturgischen Buch vorgegeben werden können. Sie zeigen, dass ein Gottesdienst nicht einfach von idealen Ordnungssystemen bestimmt ist, sondern sich je neu realisiert und den von Kultur und Frömmigkeit geprägten Bedingungen einer bestimmten Zeit unterworfen ist. Eine Forschung, die von der Rezeption ausgeht, legt kulturelle Leitmotive, subjektive Motivationen und Spiritualitäten sowie spezifische theologische und rituelle Akzentsetzungen offen. Sie fragt: In welchen Aneignungsprozessen steht das gottesdienstliche Handeln? Welche theologischen und geistlichen Schwerpunkte scheinen auf? Welchen Einzelbausteinen wird Aufmerksamkeit geschenkt, welche theologischen Konzepte sind leitend, welche Rolle spielt der Gottesdienstraum?

Neuere Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Uchenna Aba, The Reception of the Second Vatican Council's Liturgical Reforms in Nigeria (Nsukka Diocese) (Ästhetik – Theologie – Liturgik 64), Wien u. a. 2016
  • Stefan Böntert, Gottesdienst im ökumenischen Gespräch. Leitlinien und Suchbewegungen der katholischen Liturgie im 20. Jahrhundert, in: Wilhelm Damberg/Uta Gause/Isolde Karle/Thomas Söding (Hg.), Gottes Wort in der Geschichte. Reformation und Reform in der Kirche, Freiburg/Br. 2015, 212–224
  • Stefan Böntert, Normativität und Freiheit im Gottesdienst. Versuch einer Verhältnisbestimmung im Kontext der Gegenwart, in: Markus Knapp/Thomas Söding (Hg.), Glaube in Gemeinschaft. Autorität und Rezeption in der Kirche, Freiburg/Br. 2014, 150–162
  • Stefan Böntert, Katholischer Kirchenbau zwischen theologischem Anspruch und gesellschaftlichem Wandel. Raumkonzepte in der Liturgiereform nach dem II. Vatikanum, in: Frank Bösch/Lucian Hölscher (Hg.), Jenseits der Kirche. Die Öffnung religiöser Räume seit den 1950er Jahren, Göttingen 2013, 29–58

 

2. Editionsprojekt "Eucharistietexte"

Projektleitung: Prof. em. Dr. Irmgard Pahl

Das Projekt setzt ein größeres Vorhaben der Autorin Irmgard Pahl fort. Ziel ist es, die Eucharistie- bzw. die Abendmahlsliturgie der westlichen Kirchen in einer gemeinsamen Edition zusammenzuführen. Sie sind deshalb von Interesse, weil sich in ihnen die Wahrheits- und Geltungsansprüche der einzelnen Kirchen verdichten und die Frage nach der Identität konfessioneller Prägungen beantworten. Jeder liturgische Text wird mit einer kommentierenden Einführung versehen, durch die seine Entstehung, theologischen Konzepte und prägenden kulturellen Kontexte erhellt werden. So wird ein direkter Blick auf die Konvergenzen bzw. Divergenzen möglich, sowohl aus praktischer als auch aus wissenschaftlicher Sicht. Das Vorhaben erhebt die Texte der Abendmahlspraxis mit ihren Wurzeln und Dynamiken, erhellt die spezifischen theologischen und kulturellen Konzepte und will für die Weiterarbeit in Wissenschaft und Praxis unverzichtbares Quellenmaterial zur Verfügung stellen. Die einzelnen Beiträge werden in Kooperation mit ausgewiesenen Fachleuten aus den verschiedenen Kirchen in aller Welt erarbeitet. Das Projekt knüpft an die bereits publizierten Editionsbände an, die die Abendmahlsliturgie der christlichen Kirchen von der frühchristlichen Zeit über die Reformation bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts enthalten. Es schließt die noch bestehende Lücke bis in die Gegenwart, sodass nach Abschluss eine vollständige Edition von der Alten Kirche bis ins 21. Jahrhundert vorliegt.

Bereits erschienene Veröffentlichungen aus dieser Reihe:

  • Irmgard Pahl (Hg.), Coena Domini II. Die Abendmahlsliturgie der Reformationskirchen vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, Freiburg/Schw. 2005
  • Irmgard Pahl (Hg.), Coena Domini I. Die Abendmahlsliturgie der Reformationskirchen im 16./17. Jahrhundert, Freiburg/Schw. 1983
  • Anton Hänggi / Irmgard Pahl (Hgg.), Prex Eucharistica. Textus e variis liturgiis antiquioribus selecti, Freiburg/Schw. 1968. – 31998 curaverunt Albert Gerhards/ Heinzgerd Brakmann

 

3. Liturgie und Spiritualität

 

Die Feier der Liturgie und die gelebte Spiritualität greifen tief ineinander. Die Weisen, wie Menschen ihrer Beziehung zu Gott Ausdruck verleihen, können sehr unterschiedlich sein und sich in einer Vielzahl von Ritualen und Zeichen widerspiegeln. Mit der Pluralisierung der Lebens- und Glaubenskonzepte ist das Spektrum weiter gewachsen. Die Liturgiewissenschaft steht vor der Aufgabe, die verschiedenen Spiritualitäten zu reflektieren, sie auf ihre theologischen Linien hin zu beleuchten und sie, ausgehend von der Liturgie, kritisch zu befragen. Zu bedenken bleibt, dass Spiritualität nicht in der Liturgie aufgeht, sondern sich, wenn sie glaubwürdig sein will, auf alle Lebensbereiche beziehen muss. Mit H. B. Meyer können Spiritualität und Liturgie als "koextensiv" bezeichnet werden. Die Forschungsarbeit widmet sich der Frage nach den Wechselwirkungen von Spiritualitätskonzepten und liturgischen Vollzügen. Eine besondere Berücksichtigung findet neben den theologischen Gesichtspunkten die Vernetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Prozessen.

Neuere Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Stefan Böntert, "Du hast uns geschaffen, doch wir kennen dich kaum". Gottesdienst feiern im Angesicht des Zweifels [erscheint demnächst]
  • Stefan Böntert, Das "Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie" von 2001. Eine kritische Relecture vor aktuellem Hintergrund, in: Liturgisches Jahrbuch 65 (2015), 3–26
  • Stefan Böntert, "Bis du kommst in Herrlichkeit". Annäherungen an die trost- und hoffnungsstiftende Dimension der Liturgie, in: Christof Breitsameter (Hg.), Hoffnung auf Vollendung. Christliche Eschatologie im Kontext der Weltreligionen (Theologie im Kontakt 19), Berlin-Münster 2012, 127–154
  • Stefan Böntert (Hg.), Objektive Feier und subjektiver Glaube? Beiträge zum Verhältnis von Liturgie und Spiritualität (Studien zur Pastoralliturgie 32), Regensburg 2011
  • Stefan Böntert, Ein Ausdruck des Staunens – Ein Ausdruck des Menschseins. Anbetung als Grundhaltung im Glauben. Poczucie zachwytu – miarą poczucia bycia człowiekiem. Adoracja jako zasadnicza postawa w wierze, in: Studia Pastoralne 6 (2010), 203-216

 

4. Gottesdienst und kirchlicher Strukturwandel der Gegenwart

 

Die gesellschaftliche Differenzierung führt dazu, dass Bräuche und Strukturen kirchlichen Lebens ihr Monopol als übergreifender Sinnhorizont verloren haben. Heute bilden sie einen Teilbereich, der neben anderen existiert. Dieser Wandel verlangt nach Neuorientierung, was nicht zuletzt auch die gottesdienstliche Praxis betrifft. Die Kirche steht vor der Aufgabe, sich mit ihrer gewachsenen Liturgie, aber auch mit neuen Zeichen und Ritualen als vitaler Akteur und Gesprächspartner in die pluralistische Gesellschaft einzubringen. Dass es dabei um mehr als um die Verlebendigung der Kernformen geht, stellt die zentrale Herausforderung dar. Die Liturgiewissenschaft reflektiert den Stellenwert gottesdienstlichen Handelns im pluralistischen Kontext. Die Anfragen der zeitgenössischen Kultur müssen so aufgegriffen werden, dass sich aus dem Evangelium Möglichkeiten der Lebensdeutung und –gestaltung eröffnen. Hauptaufgabe wird es sein, erfahrbare, identitätsstiftende und glaubensstärkende Feierformen zu schaffen, die an der Schwelle von Tradition und Zeitgenossenschaft die Botschaft des Glaubens ins Spiel bringen.

Neuere Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Stefan Böntert, Quelle und Gipfel des kirchlichen Lebens. Zur Rolle des Gottesdienstes für eine Gemeindepastoral der Zukunft, in: Philipp Müller/Silke Lechtenböhmer (Hg.), Gemeinde – wohin?, Mainz 2016, 41–63
  • Stefan Böntert, "Ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen". Einige theologische und liturgische Brennpunkte der Eucharistiefeier in Zeiten des Umbruchs, in: ders. (Hg.), Gemeinschaft im Danken. Grundfragen der Eucharistiefeier im ökumenischen Gespräch (Studien zur Pastoralliturgie 40), Regensburg 2015, 304–325
  • Stefan Böntert, Nur ein Wortgottesdienst? Zur notwendigen Stärkung nichteucharistischer Feiern in Zeiten des Wandels, in: Martin Kirschner / Joachim Schmiedl (Hg.), Liturgia. Die Feier des Glaubens zwischen Mysterium und Inkulturation (Kirche im Dialog 2), Freiburg/Br. 2014, 142–159
  • Stefan Böntert, Bildschirm statt Kirchenbank? Neue Herausforderungen für Gottesdienstübertragungen in den Medien, in: Wie heute Gott feiern. Herder-Korrespondenz Spezial 1/2013, 45–49

 

5. Transformation von religiöser Symbolik und Liturgie im 19. Jahrhundert

 

Als ein öffentliches Geschehen steht ein Gottesdienst immer in Verbindung mit seiner Kultur und Zeit. Gelebter und gefeierter Glaube hat mit Gegebenem, mit Erfahrung und Rezeption zu tun. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert haben religiöse Symbole und Liturgie umfassende Transformationen durchlaufen. Die Fachdebatten führen kein einheitliches Bild einer sich organisch entwickelnden Geschichte vor Augen, sondern zeigen vielschichtige Prozesse. Die Kirchen bemühten sich in dieser Epoche um Antworten auf die Veränderungen. Reformen, aber auch eine intensive Auseinandersetzung mit Tradition und Theologie beherrschten das Bild. Die Anstrengungen vereint, dass sie auf die Herausforderungen für den Glaubens und die Kirche Antworten zu geben versuchten. Sie bezeugen die Alltagsrelevanz religiösen Denkens, wie es situativ umgesetzt wurde und die Lebenswirklichkeit prägte. Besonders aufschlussreich sind das späte Kaiserreich und der erste Weltkrieg. Welche Rolle spielten Liturgie und Volksfrömmigkeit in den Auseinandersetzungen mit der zeitgenössischen Kultur? Welche Funktion fiel ihnen in den Prozessen der Neuorientierung zu? Wie wirkten soziokulturelle Entwicklungen auf Deutung und Gestalt des Gottesdienstes zurück?

Neuere Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Stefan Böntert, "Den Wogen des Unglaubens steht er fest und ruhig gegenüber". Priesterbilder des 19. Jahrhunderts im Spiegel von Primizpredigten, in: Kim de Wildt/Benedikt Kranemann/Andreas Odenthal (Hg.), Zwischen-Raum Gottesdienst. Beiträge zu einer multiperspektivischen Liturgiewissenschaft (Praktische Theologie heute 144), Stuttgart 2016, 42–55
  • Jutta Gisevius, "Den Gläubigen sollen diese Schätze nicht verschlossen bleiben", Liturgische Bildung im Spiegel von Gebetbüchern des 19. Jahrhunderts, Bochum 2016. Vgl. http://hss-opus.ub.ruhr-uni-bochum.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/4910
  • Stefan Böntert, Friedlicher Kreuzzug und fromme Pilger. Liturgiehistorische Studien zur Heilig-Land-Wallfahrt im Spiegel deutschsprachiger Pilgerberichte des späten 19. Jahrhunderts (Liturgia Condenda 27), Leuven – Paris – Walpole/MA 2013

 

6. Predigtpraxis in den USA zwischen Liturgie und Kultur

 

Wer als europäischer Beobachter an Gottesdiensten in den USA teilnimmt, ist oft überrascht, welche Vitalität und Lebensnähe die Predigten ausstrahlen. Mit ihrer Dynamik reißen die Prediger die Zuhörer in einer Weise mit, die in der Gottesdienstgeschichte der meisten Länder Europas weitgehend unbekannt war und bis heute in der Praxis nur wenig verbreitet ist. Das Projekt will aus europäischer Perspektive die liturgischen, theologischen und kulturellen Charakteristika der Predigt in ausgewählten Kirchen in den USA untersuchen und daraufhin befragen, wie sie die Praxis in Europa inspirieren kann. Diese internationale/interkontinentale Perspektive bewegt sich auf den Feldern der Homiletik und der Liturgiewissenschaft und will beide Seiten miteinander verbinden. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der katholischen Kirche, allerdings bilden die Wechselwirkungen zwischen den Konfessionen einen wesentlichen Bestandteil des Projektes.

Bisherige Veröffentlichungen:

  • Stefan Böntert, Making the homily matter. Die Erneuerung der Predigt in den USA nach dem II. Vatikanum, in: Andreas Henkelmann/Graciela Sonntag (Hg.), Zeiten der pastoralen Wende? Studien zur Rezeption des Zweiten Vatikanums – Deutschland und die USA im Vergleich, Münster 2015, 77–109
  • Stefan Böntert, Überzeugend, inhaltsreich und mitreißend. Beobachtungen in den USA zur Predigt im Gottesdienst, in: Andreas Redtenbacher (Hg.), Liturgie lernen und leben – zwischen Tradition und Innovation. Pius Parsch Symposion 2014 (Pius Parsch Studien 12), Freiburg/Br. 2015, 180–199

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