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(00352) 22.11.2002 14:16

RUB-Dissertation über das begehrte Gut Organ: Geschenk oder Ware?


Bochum, 22.11.2002
Nr. 352


Das begehrte Gut Organ: Geschenk oder Ware
Finanzielle Entschädigung für Organspender
RUB-Dissertation zur Organlebendspende


Die Ressource Organ ist ebenso knapp wie begehrt. Allein im
Jahr 2000 warteten in Deutschland ca. 12.000 Menschen auf
eine neue Niere. Wege aus diesem Dilemma durch Lebendspenden
zeigt Dr. Corinna Iris Schutzeichel  in ihrer im LIT Verlag
erschienenen Dissertation „Geschenk oder Ware? Das begehrte
Gut Organ. Nierentransplantation in einem hochregulierten
Markt“ (Betreuer: Prof. Dr. Hans-Martin Sass, Zentrum für
Medizinische Ethik an der RUB). Die Autorin fordert, das
derzeit gültige Transplantationsgesetz zu erweitern - wenn
man nicht Tausende von Nierenpatienten allein in Deutschland
einer Chance auf eine Steigerung ihrer Lebensqualität und
ein längeres Überleben berauben will. Einen Schwerpunkt der
Arbeit bildet die immer noch tabuisierte Diskussion um
finanzielle Anreize für Organlebendspender.

Lebendspenden von Nieren

Lebend gespendet werden können u. a. Blut, Knochenmark,
Leberlappen bzw. Teile der Leber oder die Nieren. Die
Lebendspende von Nieren ist in vielen
Transplantationszentren mittlerweile zum Routine-Verfahren
gereift, ihre Zahl ist von knapp 15 Prozent im Jahr 1998 auf
immerhin 16,3 Prozent im Jahr 2001 angewachsen. Das
bundesdeutsche Transplantationsgesetz schränkt allerdings
den Kreis der möglichen Spender sehr stark ein. Eine Spende
ist nur erlaubt, wenn zum Zeitpunkt der Organentnahme kein
geeignetes Organ eines Verstorbenen zur Verfügung steht
(Subsidiaritätsprinzip). Zum anderen darf eine Lebendspende
nur erfolgen von Verwandten ersten oder zweiten Grades,
Ehegatten, Verlobten oder Personen, die dem Organempfänger
persönlich besonders verbunden sind, also beispielsweise
Lebenspartnern.

Limitierter Spenderkreis

Schutzeichel plädiert hingegen für die Abschaffung der
Subsidiaritätsregel und für eine Erweiterung des Kreises
potenzieller Organlebendspender. Anders als in Deutschland
ist in den meisten Staaten Europas der Spenderkreis nicht
mehr pauschal gesetzlich limitiert. Damit könne der Kreis
potenzieller Spender erweitert werden um altruistische
nichtverwandte Spender sowie Spender, die eine Entschädigung
erhalten, und Überkreuz-Lebendspender. Dies sind zwei
Spender-Empfänger-Paare, die untereinander die Spenderorgane
austauschen, wenn eine direkte Spende etwa aufgrund einer
Blutgruppenunverträglichkeit medizinisch nicht möglich ist.

Entschädigungsmodell einführen

Die Autorin analysiert die internationale und deutsche
medizinische, ethische und rechtliche Literatur zur
Transplantation und diskutiert unterschiedliche ethische
Modelle bei der Transplantation unter Lebenden. So fordert
sie u. a., in Deutschland ein Entschädigungsmodell
einzuführen,  d. h. dem Spender die Kosten zurück zu
erstatten, die ihm infolge der Spende entstanden sind. Dem
gegenüber würde bei einem Anreizmodell der Spender für sein
Organ eine Art Aufwandsentschädigung und Schmerzensgeld
erhalten.

Unabhängige Kontrolle

Beim Entschädigungsmodell sollten die Organspenden von einer
unabhängigen Institution kontrolliert und von einer breit
angelegten Untersuchung begleitet werden. Die Anreize für
den Spender könnten bei einem positiven Ergebnis sukzessive
erweitert werden. Denkbar seien beispielsweise eine
kostenfreie Krankenversicherung oder ein geringerer
Einkommensteuersatz. Grundvoraussetzung hierfür sei, dass
die Belohnung des Spenders von einer staatlichen Einrichtung
kontrolliert werde und von der Krankenkasse des
Organempfängers - und keinesfalls von dem Organempfänger
selbst - übernommen werde. Der nötige finanzielle Spielraum
sei bei den Krankenkassen vorhanden, da sich eine
Nierentransplantation im Vergleich zur Dialyse meistens nach
spätestens zweieinhalb Jahren amortisiert hat.
Selbstverständlich müssten auch weiterhin die Organempfänger
unabhängig von ihren finanziellen Verhältnissen Zugang zur
Warteliste haben.

Organhandel die Existenzgrundlage entziehen

Es gibt mehrere Argumente, so die Autorin, die aus ethischer
Sicht für das Belohnungsmodell sprechen. Zum einen erfülle
der belohnte Spender das Prinzip der Wohltätigkeit, das er
gegenüber dem Empfänger des Organs aktiv ausübt.  Zum
anderen sei bei einem belohnten Spender stärker noch als bei
manchen Lebendspenden unter Verwandten der freiwillige
Entschluss des Spenders gewährleistet. Durch das
Belohnungsmodell könne langfristig sogar dem kommerziellen,
ausbeuterischen Organhandel die Existenzgrundlage entzogen
werden. Innerhalb eines hochregulierten Marktes, in dem der
Spender durch Kontrollmechanismen des Staates geschützt
werde, seien belohnte Lebendspenden zu begrüßen. Denn damit
verbunden wäre „ein Prozess der Stärkung des
Selbstbestimmungsrechts des mündigen Bürgers ohne ihn
vollkommen dem Schutz staatlich-gesetzgeberischen
Paternalismus zu entziehen“.

Weitere Informationen

Dr. Corinna Iris Schutzeichel, E-mail:
corinna.schutzeichel@cityweb.de

Titelaufnahme

Corinna Iris Schutzeichel: Geschenk oder Ware? Das begehrte
Gut Organ. Nierentransplantation in einem hochregulierten
Markt (Ethik in der Praxis / Practical Ethics : Studien /
Studies; 11; Hg.: Hans-Martin Sass). Münster: LIT Verlag
2002 (ISBN 3-8258-6350-6), 29,80 Euro

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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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