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(00330) 13.11.2002 13:53

Schicksal Bochumer Juristen nach 1933: Buch zur Ausstellung "Anwalt ohne Recht"


Bochum, 13.11.2002
Nr. 331


Zeit ohne Recht
Schicksal Bochumer Juristen jüdischer Herkunft nach 1933
Buch zur Ausstellung „Anwalt ohne Recht“


Mindestens sechs der 1933 in Bochum zugelassenen
Rechtsanwälte wurden in Vernichtungslagern ermordet. Zwölf
von ihnen gelang es, mit ihren Familien zu fliehen, einer
überlebte im Untergrund. Nach mehrjähriger akribischer
Forschung gibt der Bochumer Anwalt- und Notarverein eine
facettenreiche Textsammlung „Zeit ohne Recht – Justiz in
Bochum nach 1933“ heraus und schildert erstmalig das
Schicksal der Bochumer Rechtsanwälte und Richter jüdischer
Herkunft während und nach der NS-Zeit. Das Buch geht zurück
auf die Wanderausstellung „Anwalt ohne Recht – Schicksale
jüdischer Rechtsanwälte in Deutschland nach 1933“, die 2001
im Bochumer Landgericht zu sehen war. Der Bochumer Teil der
Ausstellung ist dort nach wie vor zu sehen.

Schicksale in der Fremde

Was erwartete die jüdischen Flüchtlinge im fremden Land?
Welche Spuren hat die erzwungene Flucht bei ihnen und ihren
Familien hinterlassen? Womit verdienten die einstigen
Vorsteher erfolgreicher Anwaltskanzleien ihren
Lebensunterhalt? Wie wurden sie mit ihren Problemen fertig?
Die Berichte zu den Überlebenden des Holocaust enden zumeist
mit ihrer geglückten Flucht bzw. mit der Befreiung aus den
Konzentrationslagern. Über ihr Leben danach ist bis jetzt
wenig bekannt. Dr. Hubert Schneider, RUB-Historiker und
Vorsitzender des Vereins „Erinnern für die Zukunft e. V.“,
spürte dem Schicksal der jüdischen Anwälte aus Bochum nach.
So z. B. Oskar Koppel. Koppel, seit 1919 am Amts- und
Landgericht in Bochum als Rechtsanwalt zugelassen, wurde
1933 kurzfristig verhaftet. Am 07. Juni 1933 sprach das
NS-Regime ein endgültiges Berufsverbot gegen ihn aus, obwohl
er 1914 und 1915 Kriegsfreiwilliger war. Oskar Koppel
emigrierte schon 1934 mit seiner Frau Else und seiner
Tochter Lore in die USA. In Washington D. C. arbeitete er
zunächst als Buchhalter und Lehrer für Fremdsprachen. 1935
trat er aufgrund seiner Spezialisierung auf Industrierecht
in den Dienst der Regierung der Vereinigten Staaten und
fertigte u. a. Studien über Industriekontrollen im Ausland
an. Während der Nürnberger Prozesse arbeitete er in
Deutschland im Stab des Chefanklägers. Oskar Koppel starb im
Jahr 1947 in Washington D. C.

„Entjudung“ auch in Bochum

Wie überall in Deutschland wurden auch in der damaligen
Gauhauptstadt Bochum zahlreiche Juristen aus ihren
Lebenszusammenhängen gerissen. Im Frühjahr 1933 waren 22 der
insgesamt 128 Rechtsanwälte Juden. Sie galten „nur noch als
Juden“, und nicht mehr als Kollegen oder Rechtsvertreter.
Einige wenige waren als „Konsulenten“ zugelassen. Diese
bekamen nur einen Teil ihrer Gehälter (10 bis 70 %), der
Rest floss in eine Ausgleichskasse des Justizministeriums,
aus der die ausgeschiedenen jüdischen Rechtsanwälte versorgt
wurden, die im ersten Weltkrieg „Frontkämpfer“ gewesen waren
oder einen Sohn bzw. Vater verloren hatten. Die
„Konsulenten“ durften ausschließlich Juden vertreten, ihre
Zulassung wurde nur monatlich erteilt. Vor Gericht durften
sie keine Robe, und ab September 1941 mussten sie den
Judenstern tragen. Vor Verhandlungsbeginn hatten sie an den
Richtertisch zu treten und zu erklären: „Ich bin Jude, ich
lege meine Judenkarte hiermit vor“. Sie waren verpflichtet,
auf Praxisschildern, Briefbögen oder Ankündigungen
ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass sie nur Juden beraten
und vertreten.

Dauerausstellung im Landgericht Bochum

Die Autoren, unter ihnen die beiden RUB-Historiker Prof. Dr.
Norbert Frei und Andrea Löw, ergründeten und dokumentierten
eine große Anzahl an Schicksalen von jüdischen Juristen aus
jener Zeit in Bochum. Sie lassen mit ihrem Buch eine „Zeit
ohne Recht“ aufleben, in der die damalige politische Führung
die Unabhängigkeit der Gerichte aushebelte und die Justiz
als Waffe im Kampf gegen politisch, ideologisch oder
religiös diskriminierte Bevölkerungsgruppen missbrauchte.
Der Bochumer Teil der Ausstellung ist nach wie vor als
Dauerausstellung im Landgericht Bochum zu sehen.

Weitere Informationen

Dr. Hubert Schneider, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für
Geschichtswissenschaft, Universitätsstr. 150, 44780 Bochum,
Tel.: 0234/32-22537; E-Mail:
Hubert.Schneider@ruhr-uni-bochum.de; Internet:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/geschichte/Historicum/

Titelaufnahme

Bochumer Anwalt- und Notarverein (Hrsg.): Zeit ohne Recht.
Justiz in Bochum nach 1933. Dokumentation einer Ausstellung.
Druck- und Verlagshaus Bitter, Recklinghausen 2002; 175
Seiten; kartoniert; 10,15 Euro (ISBN 3-933480-13-2)


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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