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(00259) 18.09.2002 11:07

Texte und Netze: Nachwuchsgruppe erforscht islamische Bildungsnetzwerke


Bochum, 18.09.2002
Nr. 260


Texte und Netze
Islamischen Bildungsnetzwerken auf der Spur
VW-Stiftung fördert Nachwuchsgruppe an der RUB


Konkurrenz und Konflikte, Verbindungen und Verflechtungen
unterschiedlicher islamischer Gruppen untersucht die
Nachwuchsgruppe "Islamische Bildungsnetzwerke" an der
Ruhr-Universität Bochum (Institut für Orientalistik),
gefördert von der VolkswagenStiftung. Neun junge
Islamwissenschaftler unter Leitung von Dr. Michael Kemper
forschen in Indien und im Nordkaukasus, in Syrien und dem
Jemen, in der Türkei und in Zentralasien. Sie beleuchten
zahlreiche Themen, z. B. Bildungsoasen in der südarabischen
Wüste, ein weit verzweigtes Netz türkischer Schulen in
Deutschland und Albanien sowie islamische Missionierungen in
Japan.

Kein Exotenfach mehr

Seit die Welt zusammenwächst – Stichwort „Globalisierung“ –
und insbesondere seit dem 11. September 2001 ist die
Islamwissenschaft kein Exotenfach mehr. Forscher tragen dazu
bei, den Islam zu verstehen: Der Islam ist kein großer,
einheitlicher Monolith, der dem Westen bedrohlich
gegenübersteht. Islamische Strömungen und Gruppen stehen
untereinander im ständigen Diskurs und oft auch in
Konkurrenz und Konflikt. Im Islam gibt es keine Kirche, die
Dogmen verbindlich festlegen könnte. Was als Islam zu
verstehen ist, muss stets neu debattiert und ausgehandelt
werden. Daher finden sich heute zahlreiche
Islaminterpretationen, die aus unterschiedlichen
Bildungstraditionen stammen und auch neue Bildungsstrukturen
und -inhalte hervorbringen.

Nah und fern

So schreibt etwa Bekim Agai seine Dissertation über
hochmoderne türkische Schulen in Deutschland und Albanien:
Sie bieten überhaupt keine religiöse Bildung an, doch
orientieren sich die Lehrer und viele der Schüler an der
religiösen Ethik eines türkischen Predigers, der einen
modernen, weltoffenen Islam vertritt und auch den
interreligiösen Diskurs sucht. Wie sehr der Islam zum
Bestandteil unserer europäischen Identitäten geworden ist,
zeigt ebenso die entstehende Arbeit von Armina Omerika. Sie
forscht über die muslimische Intellektuellenbewegung der
"Jung-Muslime", die im 20. Jahrhundert entscheidend zur
gegenwärtigen, kulturell definierten Identität
Bosnien-Herzegovinas beigetragen hat. Um die Geschichte der
bosnischen "Jung-Muslime" zu rekonstruieren, besucht und
befragt sie Zeitzeugen in Deutschland, Österreich und
Bosnien und studiert ihre Schriften.

Zentren und Randzonen

Allen Gruppenmitgliedern gemein ist, dass sie Diskurse
rekonstruieren und Beziehungsnetzwerke aufdecken. Schon
immer standen Islamgelehrte aus den verschiedenen Regionen
der Welt miteinander im Kontakt, und seit dem 18.
Jahrhundert sind diese Debatten in zahlreichen Quellen in
arabischer, persischer und türkischer Sprache besonders gut
dokumentiert. Islamische Denker brachten Bewegungen in Gang,
von denen einige sich schnell auch über mehrere Länder oder
gar Kontinente ausdehnten, während andere ihre Macht eher
lokal entfalteten. Auf diesem Wechselspiel von Lokalem und
Transnationalem, von Zentren und Randzonen der islamischen
Welt liegt ein Hauptaugenmerk der Bochumer Forscher.

Jenseits von Romantik und Terrorismus

Während sie die Texte mit den klassischen Werkzeugen der
orientalischen Philologie entschlüsseln, untersuchen sie die
Beziehungen zwischen den Gelehrten und ihren Anhängern
mithilfe der ethnologischen Netzwerkanalyse. "Hieraus sollen
einige Modelle erarbeitet werden, die sich in all diesen
Regionen - ob in der Arabischen Wüste oder im Ruhrgebiet -
gewinnbringend anwenden lassen", sagt Dr. Michael Kemper.
Die Islamwissenschaft reiße dabei einige weitverbreitete
Denkschranken ein und zeige viele neue Wege des
Kulturkontakts auf: "Wir stehen vor der Herausforderung,
jenseits aller Romantik, aber auch nicht nur im Schatten des
11. September, die reiche Geschichte der Muslime auch in
unserem Lande zur Kenntnis und ihre Belange - vor allem auch
im Bildungsbereich - ernst zu nehmen."

Weitere Informationen

Dr. Michael Kemper, Nachwuchsgruppe "Islamische
Bildungsnetzwerke im lokalen und transnationalen Kontext
(18. - 20. Jh.)", Fakultät für Philologie, Institut für
Orientalistik, Tel. 0234/32-26234, Fax: 0234/32-14671,
E-Mail: Michael.Kemper@ruhr-uni-bochum.de


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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