[ vorherige ] [ nächste ] [ Übersicht nach Zeit ][ alphabetische Übersicht ]

(00063) 26.02.2002 13:36

Untersucht: Machtbalance der Geschlechter und Modernisierung auf einer Pazifikinsel


Bochum, 26.02.2002
Nr. 63


Von Frauen, Machtbalance und Modernisierung
Das andere Geschlechterverhältnis auf der Pazifikinsel Palau

RUB Studie: Veränderung von Macht im Geschlechterverhältnis


Wie entwickeln sich patriarchale Machtverhältnisse in
sozialen Wandlungs- und Modernisierungsprozessen? Dieser
viel diskutierten Frage der Geschlechterforschung ist Dr.
Claudia Lauterbach in ihrer Dissertation „Von Frauen,
Machtbalance und Modernisierung – Das etwas andere
Geschlechterverhältnis auf der Pazifikinsel Palau“ (Fakultät
für Sozialwissenschaften der RUB, Betreuerin Prof. Dr. Ilse
Lenz) nachgegangen. Ihre Arbeit, die jetzt im Verlag Leske
und Budrich erschienen ist, beweist: Erst die Einflüsse von
Kolonisierung und Modernisierung haben die Machtbalance
zwischen Frauen und Männern auf der Insel ins Wanken
gebracht.

Früher: Balance der Geschlechter

„Die vormoderne Gesellschaft von Palau war eine
geschlechterbalancierte Gesellschaft“, stellt Claudia
Lauterbach nach ihrer Rekonstruktion anhand älterer
Forschungsberichte und neuerer Literaturquellen fest. Frauen
und Männer waren unterschiedlich, aber gleichwertig in
Entscheidungen des sozialen, ökonomischen, kulturellen und
politischen Lebens einbezogen. Frauen erwarben durch
Tauschgeschäfte Geld und Güter und hatten daher eine hohe
ökonomische Bedeutung. Ihre Rolle wurde balanciert durch
eine politische Führungs- und Repräsentationsfunktion
ranghoher männlicher Oberhäupter. Weibliche Oberhäupter
hatten wiederum das Wahl- und Absetzungsrecht gegenüber den
männlichen.

Später: Einflüsse der Modernisierung

Palau gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zum Hoheitsgebiet
von Spanien, das die Inseln an Deutschland verkaufte. Zu
Beginn des Ersten Weltkrieges bekam Japan das Mandat über
die palauanischen Inseln und verlor sie nach dem Zweiten
Weltkrieg an die USA, unter deren Treuhandschaft Palau bis
zum Jahre 1993 stand. Seit 1994 ist Palau ein unabhängiger
Inselstaat. Die Geschichte der Kolonisierung und
Modernisierung in Palau zeigt eindrucksvoll den sozialen
Wandel und die Veränderung des Geschlechterverhältnisses in
der kleinen Inselgesellschaft. Die Patriarchalisierung
entwickelte sich u.a. durch das Verbot weiblichen
Gelderwerbs durch sexuelle Dienste, durch Abtreibungsverbot
und neue Kleinfamilienformen. Weitere Faktoren waren die
Einführung der Lohnarbeit für Männer, der Einsatz von
männlichen Führungspersonen und die Zentralisierung von
politischen Entscheidungsstrukturen.

Heute: Politische Macht gehört den Männern

Die stärkste Verschiebung in der früheren Machtbalance
zwischen den Geschlechtern ist bei politischen
Entscheidungen spürbar: Das Gleichgewicht zwischen Frauen
und Männern ist im modernen politischen Staat einer
eindeutigen Dominanz von Männern gewichen. Nur wenige
palau-anische Frauen haben hohe politische Ämter. Die
Grenzen direkter politischer Einflussnahme von Frauen zeigte
sich im vergeblichen Kampf einer Gruppe ranghoher älterer
Frauen um den Erhalt des atomwaffenfreien Status in der
palauanischen Verfassung, der auch internationales Aufsehen
erregte.

Über 40 Interviews

Über 40 Interviews zeigen, wie palauanische Frauen heute auf
Veränderungen im Geschlechterverhältnis durch moderne
Wirtschafts- und Staatsstrukturen, sich wandelnde
Familienformen und Geschlechterrollen reagieren. Trotz einer
Patriarchalisierung, so wird in den Interviews mit
pa-lauanischen Frauen und Männern deutlich, ermöglichen
strukturelle Voraussetzungen, dass Frauen Machtfelder auch
in Modernisierungsprozes-sen behaupten oder sogar ausweiten
können. So öffnete ihre hohe ökonomische Bedeutung Frauen
den Zugang zu guter Bildung und Berufstätigkeit, die über
entlohnte Hilfen im Haushalt abgesichert ist. Die
Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen ist gering, und
immer noch wird innerhalb der Familien die reproduktive
Arbeit von Frauen entlohnt, ebenso die eheliche Sexualität.
Die ökonomisch bedeutende Rolle von palauani-schen Frauen
zeigt sich auch darin, dass sie als Ehefrauen den Lohn der
Männer und das Familieneinkommen verwalten.

Differenziertes Bild einer nicht-westlichen Gesellschaft

Das Buch hilft beim Verständnis von Prozessen der
Patriarchalisierung und zeichnet ein differenziertes Bild
der Inselgesellschaft von Palau, indem es die
Interpretationen palauanischer Frauen ernst nimmt, sie aber
auch kritisch hinterfragt. Nicht zuletzt ermöglicht das Buch
die Begegnung mit Frauen, für die weibliche Stärke und
Partizipation selbstverständlich sind und die sich deshalb
in den Prozess der Modernisierung einschalten.

Titelaufnahme

Claudia Lauterbach: Von Frauen, Machtbalance und
Modernisierung – Das etwas andere Geschlechterverhältnis auf
der Pazifikinsel Palau. Reihe Geschlecht und Gesellschaft,
Hg. Ilse Lenz, Michiko Mae, Sigrid Metz-Göckel, Ursula
Müller, Mechthild Oechsle, Marlene Stein-Hilbers.
Leske+Budrich, Opladen 2001, ISBN 3-8100-3011-2

Weitere Informationen

Dr. Claudia Lauterbach, Am Messehaus 4, 90489 Nürnberg,
Tel.0911/5307709; Fax 0911/5307713, Email:
claudia.lauterbach@web.de


--
RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB

Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB



zurück zur Übersicht nach Zeit | alphabetisch