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(00003) 03.01.2002 14:51

Fairplay vor Gericht: RUB-Forscher befragt Schöffen


Bochum, 03.01.2002
Nr. 4


Fairplay vor Gericht: Bürger fürs Allgemeinwohl
RUB-Forscher befragt Schöffen
Studie zu "Fairness und Legitimität"


"Die Fairness ist eine robuste gesellschaftliche Norm", 
stellt Dr. Stefan Machura (Juristische Fakultät der RUB, 
Lehrstuhl für Rechtssoziologie und Rechtsphilosophie, Prof. 
Dr. Klaus F. Röhl) in seiner Habilitationsschrift "Fairness 
und Legitimität" fest. Seine Befragung von über 500 Schöffen 
aus Frankfurt und Bochum zeigt deutlich, dass Bürger 
durchaus im Interesse Dritter auch auf Fairness achten. Und 
das selbst dann, wenn diese die Regeln der Gesellschaft 
missachtet haben und straffällig geworden sind. Die Studie 
ist jetzt im Buchhandel erhältlich.

Wer fair behandelt wird, kann sinnvoller mitwirken

Schöffen haben als Laienrichter unter dem Vorsitz eines 
Berufsrichters über Schuld und Strafe für Angeklagte 
mitzuentscheiden. "Sie dienen der demokratischen Kontrolle 
der Strafrechtsprechung - insbesondere auch der Fairness 
gegenüber den Angeklagten", erläutert Stefan Machura. Er hat 
nun untersucht, inwieweit das Erleben und das Engagement der 
Schöffen davon abhängt, ob sie von den Berufsrichtern 
ihrerseits fair und als gleichberechtigte Mitwirkende 
behandelt werden, ob sie zu gerechten Urteilen beitragen und 
ob sie die Angeklagten fair behandelt sehen wollen. Für 
seine Habilitationsschrift hat er die Schöffen an den 
Amtsgerichten Bochum und Frankfurt am Main befragt. Alle 
erhielten einen teilstandardisierten Fragebogen, zusätzlich 
führte er persönliche leitfadengestützte Interviews mit 51 
Bochumer Schöffen. Die gewonnenen Informationen wertete er 
u.a. mit statistischen Verfahren aus.

Bürger entscheiden nicht nur aus eigenem Interesse

Seine Ergebnisse zeigen deutlich, dass es den Schöffen sehr 
wohl auf Gerechtigkeit und Fairness ankommt. Die Studie 
weist nach, wie Bürger als Schöffen nicht im Eigeninteresse 
sondern im Interesse Dritter (bzw. im allgemeinen Interesse) 
tätig sein können. "Es gibt einen gesellschaftlich 
verbindlichen Wert der Fairness, den die Schöffen auch auf 
die Angeklagten angewandt sehen wollen", so Machura. Und das 
obwohl sie die meisten von ihnen für schuldig befinden und 
verurteilen. Also ist Fairness als soziale Norm relativ 
robust, sie gilt selbst für diejenigen, die grundlegende 
Werte der Gesellschaft gebrochen haben. "Das Schöffengericht 
ist eine Arbeitsgruppe, die recht wohl verglichen werden 
kann mit ähnlichen Konstellationen in Betrieben oder anderen 
Organisationen, in denen Professionelle und Nichtfachleute 
kooperieren sollen", stellt Machura fest. Für diesen weiten 
Bereich erlaubt die Schöffenstudie Folgerungen darüber, 
welches Verhalten der Autoritäten oder Professionellen als 
fair oder unfair wahrgenommen wird. Auch die Konsequenzen 
daraus sind über die Gerichte hinaus aufschlussreich: Die 
Schöffen konnten dann besser mitwirken, wenn sie sich von 
den vorsitzenden Richtern gleichberechtigt behandelt 
fühlten. Die Bereitschaft, noch einmal Schöffe zu sein, hing 
mit der erlebten Fairness zusammen.

Schöffen schließen vom Richter aufs System

Insbesondere von der persönlichen Fairness des vorsitzenden 
Berufsrichters schließen Schöffen auf die Fairness des 
Justizsystems insgesamt. Als soziale Kriterien für 
"Fairness" gelten z.B. soziale Anerkennung als 
vollberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft, Gelegenheit, 
seine Meinung einbringen zu können und Unvoreingenommenheit. 
Wo Berufsrichter diese Kriterien verletzen, oder wo sie als 
"ungerecht" angesehene Strafen befürworten, lösen sie die 
Gegenwehr der Schöffen aus.

Lang vermisster Überblick

Die zentrale Bedeutung von Fairness als eine der wichtigsten 
Eigenschaften der Struktur sozialer Institutionen, von 
Verfahren und des Verhaltens von Autoritäten ist 
vergleichsweise selten thematisiert worden. Die 
Habilitationsschrift bietet einen lange vermissten Überblick 
über soziologische und sozialpsychologische Forschungen zu 
Fairness und zeigt, wie Fairness für das Erleben und Handeln 
in sozialen Situationen entscheidend wird. Die Arbeit knüpft 
an Theorien der retributiven Gerechtigkeit und der Fairness 
an. Über die empirischen Ergebnisse eigener Forschung hinaus 
enthält das Buch auch einen internationalen Vergleich der 
Laienpartizipation an der Rechtsprechung. Für den Vergleich 
mit deutschen Schöffen werden insbesondere die englischen 
Friedensrichter und die amerikanische Criminal Jury 
herangezogen.

Titelaufnahme

Machura, Stefan: Fairness und Legitimität. Nomos 
Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2001, ISBN 3789070726

Weitere Informationen

Dr. Stefan Machura, Juristische Fakultät der 
Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-26868, 
Fax: 0234732-14327, Email: 
stefan.machura@jura-ruhr-uni-bochum.de


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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