[ vorherige ] [ nächste ] [ Übersicht nach Zeit ][ alphabetische Übersicht ]

(00233) 13.08.2001 13:25

Kindesmisshandlung in der DDR: ein verleugnetes Problem


Bochum, 13.08.2001
Nr. 232

Kindesmisshandlung in der DDR
RUB-Studie erforscht ein verleugnetes Problem
Von autoritären und totalitären Erziehungsleitbildern

Einem Problem, das es gar nicht geben durfte, widmet sich
Dr. Sabine Gries in ihrer Dissertation „Kindesmisshandlung
in der DDR. Kinder unter dem Einfluss
tradtionell-autoritärer und totalitärer
Erziehungsleitbilder“ (Fakultät für Sozialwissenschaft,
Betreuer: Prof. Dr. Dieter Voigt). Sie stellt fest: Mit dem
Bild des „neuen sozialistischen Menschen“ ist
Kindesmisshandlung durch die Familie oder gar den Staat
nicht zu vereinbaren. Obwohl es das Problem in der DDR gab,
war seine wissenschaftliche Erforschung unmöglich.

Interne Studien sehen nur medizinische Aspekte

Wenn Wissenschaftler in der DDR überhaupt über
Kindesmisshandlung forschten – was selten vorkam – dann
suchten sie die Ursachen für das Problem stets im
Fehlverhalten des einzelnen Täters: „Interne Untersuchungen
beschäftigten sich fast ausschließlich mit dem medizinischen
Aspekt des Problems“, stellt Sabine Gries fest. Fachleute
waren schnell bereit, eine solche Tat als Ausdruck einer
bösartigen oder wenigstens gestörten Persönlichkeit zu
sehen, sie galt als „typisch bürgerliches“ Delikt.
Gesellschaftliche Aspekte und Ursachen für diese Straftaten
blieben in den Studien außen vor; ebenso eine eventuelle
Misshandlung von Kindern durch den Staat, die auch
seelischer Art sein kann. „Der Kinderschutz in der DDR
befand sich auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts“, so Gries,
„man überführte und bestrafte die Täter, trennte sie von
ihren Kindern und kontrollierte in Verdachtsfällen.“
„Harmlose“ Misshandlungsformen tauchen in den Untersuchungen
erst gar nicht auf.

Staat schützt Kinder vor Erziehung ihrer Eltern

Der Grund für diesen Umgang der DDR-Gesellschaft mit dem
Problem Kindesmisshandlung liegt zum Teil in ihrer
Ideologie: Den Vorgaben nach gab es in einem sozialistischen
Staat weder einen Nährboden noch Entfaltungsmöglichkeiten
für kinderfeindliches Verhalten. Die Sozialisation von
Kindern sollte der Theorie zufolge Aufgabe staatlicher
Institutionen sein; der Staat sollte die Kinder vor ihren
Eltern beschützen. So wollte man sozialistische
Persönlichkeiten mit einer humanistischen Grundhaltung
erziehen – und wie sollten daraus misshandelnde Eltern
entstehen? Deren Verhalten blieb grundsätzlich
unverständlich. Theorie und Praxis klafften hier natürlich
auseinander, denn staatliche Institutionen konnten die
Erziehung im Elternhaus bestenfalls begleiten, sie aber
nicht ersetzen.

Kinder als Stasispitzel

Überdies trat der Staat auch selbst als Kindesmisshandler
auf: Um die Kinder von klein auf für die eigenen Interessen
und den eigenen Machterhalt nutzen zu können, banden
staatliche Institutionen sie eng in das ideologische System
ein. Dazu gehörte auch, sie zum Hass auf sämtliche
tatsächlichen und imaginären Gegner und Feinde der eigenen
Ideologie zu erziehen. So dienten Kinder z. B. als Spitzel
des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und gewöhnten
sich früh ein System, das Andersdenkende überwacht und
ausspäht. „Die sozialistische Handlungsmaxime brach zwar mit
den „bürgerlichen“ Traditionen, stand aber in der
verschwiegenen Tradition totalitärer Gesellschaften wie z.
B. des NS-Regimes“, erklärt Sabine Gries,
„Kindesmisshandlung in der DDR – auch seelische durch den
Staat – spielte sich in einer unbekannten und unerforschten
Welt ab. Sie war aber trotzdem von erschreckender und
alltäglicher Realität mit noch weitgehend unerforschten
Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft.“

Weitere Informationen

Dr. Sabine Gries, Honeickenstraße 11, 44869 Bochum, Tel.
02327/50626, Fax: 02323/164572


--
RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB

Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB



zurück zur Übersicht nach Zeit | alphabetisch