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(00057) 02.03.2001 14:05

RUB widerspricht der Liquidierung ihrer theologischen Fakultäten


Bochum, 02.03.2001
Nr. 58

Gegen eine theologiefreie Zone Ruhrgebiet
Wichtiger Beitrag zur Kulturellen Identität
RUB widerspricht der Liquidierung ihrer theologischen
Fakultäten


„Das Ruhrgebiet darf nicht zu einer theologiefreien Zone
verkümmern!“; bekräftigte Rektor Prof. Dr. Dietmar Petzina
eine gemeinsame Resolution der beiden theologischen
Fakultäten der Ruhr-Universität Bochum, und er fügte hinzu:
„Mit diesem Vorschlag widerspricht der Expertenrat sich
selbst. Wie kann er der RUB das Prädikat ‚Volluniversität’
zugestehen und gleichzeitig die Theologien abschaffen
wollen?“ Bekanntlich hat der Expertenrat unter Vorsitz von
Prof. Dr. Uwe Erichsen in einem Gutachten für die
Landesregierung NRW die Abschaffung der theologischen
Fakultäten in Bochum vorgeschlagen. Was dieser Kahlschlag
für das Ruhrgebiet bedeuten würde, erläutern gemeinsam die
Dekane der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Prof. Dr.
Franz-Heinrich Beyer, und der Katholisch-Theologischen
Fakultät, Prof. Dr. Heinrich J. F. Reinhardt, wie folgt:
Das Salz in der Suppe

„Die Ruhr-Universität Bochum hat seit ihrer Gründung der
Bevölkerung in einer ursprünglich bildungspolitisch
stiefmütterlich behandelten Region den Zugang zu einer in
Forschung und Lehre voll ausgebauten Universität
ermöglicht. Auf diesem Wege ist die Ruhr-Universität zu
einem Mittelpunkt der Wissenschaftslandschaft des
Ruhrgebiets geworden. Die theologischen Fakultäten sind  -
wie an sämtlichen anderen Volluniversitäten – von Anfang an
und bis heute auf vielfache Weise in das Gefüge der
Ruhr-Universität eingebunden: Sie sind das Salz in der Suppe
der Volluniversität. Historisch gesehen sind alle
Kulturwissenschaften eng mit den Theologien verknüpft, z.T.
sogar aus ihnen herausgewachsen. Die theologischen
Fakultäten erhalten, reflektieren und vermitteln einen
wichtigen Teil des kulturellen Gedächtnisses unserer
Gesellschaft, und sie bringen diesen Bestand in den
aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs
ein.

Voll vernetzt in Wissenschaft, Forschung und Lehre

In beiden theologischen Fakultäten der RUB sind von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte
Graduiertenkollegs und sie betreiben gemeinsam vom Land
unterstützte und mit einem Universitätspreis ausgezeichnete
Projekte der Frauenforschung. Die katholisch-theologische
Fakultät hat ein in das Vollprogramm der Universität
aufgenommenes Studium Generale initiiert und koordiniert.
Beide Fakultäten sind eingebunden in die interdisziplinär
angelegten neuen Studiengänge BA und MA. Viele
Forschungsschwerpunkte der Fakultäten, so die Erforschung
der Antike und christlicher Archäologie, Sozialgeschichte
der Konfessionen im Ruhrgebiet,  wissenschaftliche
Begleitung und Reflexion des christlich-jüdischen Dialogs,
Medizin-, Bio- und Pflegeethik in Krankenhäusern der Region,
ein Projekt zu religiösen Topographie des Ruhrgebiets am
ökumenischen Institut sind interdisziplinär mit anderen
Fächern und Fakultäten eng vernetzt.

Orientierungen für die Menschen notwendig

Eine Liquidierung der beiden theologischen Fakultäten würde
diese Forschungs- und Lehrschwerpunkte in der
Ruhr-Universität Bochum außerordentlich gefährden. Der
Abschied vom  Konzept der Volluniversität würde sich dabei
genau zu einem Zeitpunkt vollziehen, in dem in den
Kulturwissenschaften vor dem Hintergrund der intensivierten
multikulturellen Vergesellschaftung die Bedeutung religiös
geprägter  Deutungsmuster für die Ausbildung individueller
und kollektiver Identitäten stärker ins Bewusstsein gerückt
ist. Zentrale Aufgabe der Theologien aber ist es, in diesem
Prozess den Menschen Orientierungen zu bieten.

Geschichte des Ruhrgebiets von den Konfessionen geprägt

Diese Aufgaben stellen sich insbesondere im Ruhrgebiet. Die
Schließung der theologischen Fakultäten würde nicht nur den
Abschied von der Volluniversität in Bochum signalisieren,
sondern zugleich den Rückzug der Theologie aus der
Wissenschaftslandschaft des bevölkerungsreichsten
Ballungsraums Nordwesteuropas. Dies wäre umso
unverständlicher, als heute unbestritten ist, dass gerade
die Geschichte des Ruhrgebiets – im Unterschied zu anderen
industrialisierten Regionen Deutschlands – sehr stark von
den Konfessionen geprägt wurde, nachdem sie bei der
explosionsartigen Zuwanderung im 19. Jahrhundert eine
Integrationsleistung vollbracht hatten, die zu den
bemerkenswertesten Erscheinungen  der deutschen
Sozialgeschichte gezählt worden ist und bis heute eine
starke Mitprägung der politischen Kultur bewirkt.


Christliche Diaspora im Multi-Kulti-Land?

Heute befindet sich das Ruhrgebiet in einem neuerlichen
Strukturwandel. Die Ausbildung multikultureller Lebensformen
im Ruhrgebiet, die in Deutschland ihresgleichen sucht, wirft
Probleme auf, bei denen der Verzicht auf Theologische
Fakultäten geradezu als kontraproduktiv bezeichnet werden
muss, da hier religiöse Identitäten eines Großteils der
Bevölkerung reflektiert und Berufe ausgebildet werden, die
später in Seelsorge oder Schule wichtige Integrationsarbeit
leisten. Vor allem aber würde es befremdlich anmuten, in der
weitgefächerten und beeindruckenden Wissenschaftslandschaft
einer Wirtschaftsregion von internationalem Rang die
einzigen universitären Institutionen dieser Region zu
beseitigen, die die  Ressourcen der christlichen
Konfessionen zu Fragen der Wirtschafts-, aber ebenso der
Bio- und Medizinethik in den allgemeinen Diskurs der
Wissenschaften und in die entsprechende Ausbildung
einzubringen vermögen. Der spezifische Beitrag der
theologischen Fakultäten liegt in ihren
kulturhermeneutischen und ethischen Kompetenzen, die für
eine Volluniversität unverzichtbar sind.

Die theologischen Fakultäten begrüßen deshalb die Erklärung
des Rektorates der Ruhr-Universität Bochum, dass die
Existenz der Fakultäten nicht zur Disposition steht.“





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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
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