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(00360) 11.12.2000 15:16

Atlas zur religiösen Geographie liefert genaue Daten


Bochum, 11.12.2000
Nr. 357

Zahlen entkräften alte Mythen
Atlas zur religiösen Geographie liefert genaue Daten
RUBIN 2/00: Einzigartiges statistisches Material


Die abnehmende Teilnahme an kirchlichen Riten ist kein neues
Phänomen, sondern ein Trend, der schon vor 250 Jahren
einsetzte – und das ist nur eine der Erkenntnisse des
Historikers Prof. Dr. Lucian Hölscher (Neuere Geschichte).
Für den „Datenatlas zur religiösen Geographie im
protestantischen Deutschland“ sammelt er seit über zehn
Jahren Daten zur evangelischen Kirche, die bis ins 19.
Jahrhundert zurückreichen. Mit Mythen über die „gute alte
Zeit“ kirchlicher Frömmigkeit und die Neuheit der
gegenwärtigen Kirchenkrise räumt er auf. Über die Ergebnisse
dieser Forschungen berichtet das aktuelle RUBIN 2/2000 -
Wissenschaftsmagazin der RUB.

Abbildung im Internet

Zu dieser Presseinformation gibt es eine weiter unten eine
Abbildung, die heruntergeladen werden kann.

3.000 Seiten einzigartige Information

Schon um 1800 hatte die Teilnahme an Gottesdiensten und
Abendmahl in großen deutschen Städten ein Ausmaß erreicht,
das heutzutage kaum unterschritten wird. Belegt wird dieser
Befund durch einen weltweit einzigartigen Bestand
statistischer Daten, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts von
kirchlichen und staatlichen Behörden zusammengetragen worden
ist, um die religiösen Bedürfnisse und Gewohnheiten ihrer
Mitglieder zu erfassen und zu beeinflussen. Anhand
zahlreicher Statistiken, Diagramme und Karten haben die
Bochumer Historiker dieses Material nun auf knapp 3000
Seiten ausgewertet, so dass erstmals ein Einblick in das
religiöse Verhalten der protestantischen Bevölkerung
zwischen 1820 und 1940 möglich ist.

Deutliches Nord-Südgefälle

Interessant ist hierbei z. B. die Erkenntnis, dass es ebenso
wie im katholischen Frankreich in Deutschland ein deutliches
Nord-Süd-Gefälle der Religiosität gab: Gegenüber dem Süden
und Mitteldeutschland waren die an Nord- und Ostsee
grenzenden Regionen schon immer weniger christlich geprägt –
wahrscheinlich aufgrund der späteren und weniger intensiven
Christianisierung. Anzeichen hierfür sind die Dichte
kirchlicher Gebäude und die Häufigkeit und Regelmäßigkeit
der Teilnahme an kirchlichen Versammlungen.

Deutsche Teilung vorweggenommen

Über die wichtige Umbruchsperiode der Industrialisierung
gibt der Atlas auch Aufschluss. Um 1910 zeichnet sich in
Regionen von der Lüneburger Heide über Hessen bis in den
bayrischen Wald eine hohe Abendmahlbeteiligungen ab. Im
weiten Teilen West- und Mitteldeutschlands hatten
Industrialisierung und Wanderbewegungen das traditionelle
kirchliche Leben jedoch so weit unterhöhlt, dass es etwa im
rheinisch-westfälischen Industrieraum und in Thüringen und
Sachsen weiten Raum für alternative weltanschauliche
Angebote gab. Besonders auffällig ist der harte Wechsel von
hoher zu niedriger Beteiligung an der hessisch-thüringischen
Grenze (s. Grafik). Er wirkt wie eine Vorwegnahme der
deutschen Teilung 1945 – dies legt die Vermutung nahe, dass
der quantitative Niedergang der protestantischen Kirche in
der DDR mentalitätsgeschichtlich nicht als Folge der
sozialistischen Machtergreifung zu werten ist, sondern dem
Sozialismus möglicherweise erst Tür und Tor in den Köpfen
der Menschen geöffnet hat.
RUBIN 2/00 erschienen


Den vollständigen Beitrag lesen Sie in RUBIN 2/00, wo Sie
außerdem folgende Themen finden: Sich selbst vis-à-vis: Was
Elstern wahrnehmen; Wenn der Whisky ins Glas rieselt – na
dann prost!; Netzwerksicherheit – (k)ein Thema für
Sozialwissenschaftler; Den alten Hüttenleuten auf die Finger
geschaut; Antibiotikaresistenz: „Fünf vor zwölf“ für neue
Strategien. RUBIN ist bei der Pressestelle (UV 3/368) für 5
DM erhältlich und steht im Internet:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/rubin/rubin.htm.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Lucian Hölscher, Fakultät für
Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität, 44780 Bochum,
Tel. 0234/32-24691, Fax: 0234/32-14-540, Email:
lucian.hoelscher@ruhr-uni-bochum.de


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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