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(00323) 15.11.2000 15:24

Gewalthaltige Computerspiele machen aggressiv


Bochum, 15.11.2000
Nr. 321

Auf die Eltern-Kind-Bindung kommt es an
Gewalthaltige Computerspiele machen aggressiv
RUB-Studie mit 280 Kindern in Bochum


Gewalthaltige Computerspiele machen Kinder aggressiv – unter
bestimmten Bedingungen. Das ist das zentrale Ergebnis einer
Studie mit 280 Kindern von Dr. Clemens Trudewind und Dr.
Rita Steckel (Arbeitsgruppe für Motivations- und
Emotionspsychologie, Fakultät für Psychologie der RUB). Bei
den untersuchten 8- bis 14-Jährigen zeigte sich deutlich,
dass das Einfühlungsvermögen (Empathie) für Mitleid
erregende Bilder unterschiedlich ausgeprägt ist - je nach
Bindungssicherheit der Kinder zu den Eltern und je nach
Inhalt eines zuvor gespielten Computerspiels.

Aufwendige Studie

Von Oktober 1998 bis Mai 1999 haben die Wissenschaftler die
Daten von 280 Kindern zwischen 8 und 14 Jahren in einem sehr
aufwendigen Forschungsdesign erhoben. An zwei Bochumer
Grundschulen und einer Gesamtschule wurden insgesamt 153
Jungen und 127 Mädchen befragt, in einem Versuchsraum einem
von drei unterschiedlichen Spielen zugewiesen (ein
gewaltfreies Spiel, ein leistungsthematisches
„Problemlösespiel“ und ein Kampfspiel) und anschließend mit
einem Bildersatz konfrontiert, der 96 positive und negative,
belastende Bilder enthielt. Mit einer Elektrode am
Zeigefinger sowie einer Videokamera zeichneten die Forscher
die Reaktionen der Kinder auf diesen Bildersatz auf.

Reduzierte Mitleidfähigkeit

Gemessen wurde so die Desensibilisierung der Kinder für
Mitleid erregende Bilder, z. B. Menschen oder Tiere in Not,
und zwar sowohl durch die Anzahl und Dauer der Betrachtung
belastender Bilder als auch durch ihre physiologischen und
mimischen Reaktionen. Die Kinder konnten selbst entscheiden,
wie viele der Bilder sie sich wie lange ansehen wollten. Mit
dem Resultat, dass z. B. die Kinder nach dem Kampfspiel sich
freiwillig mehr belastende Bilder anschauten als nach den
anderen beiden Spielen. Die Ergebnisse offenbaren aber auch
einen eindeutigen Zusammenhang mit ihrer familiären Bindung:
„Kinder mit sicherer Eltern-Kind-Bindung zeigten eine
geringere emotionale Abstumpfung nach dem Gewaltspiel als
unsicher gebundene Kinder“, lautet eine der wichtigen
Erkenntnisse aus der Studie. Die Wissenschaftler konnten für
die Jungen die emotionale Abstumpfung auch in der mimischen
Reaktion nachweisen – diejenigen z. B., die Gewaltspiele
eher negativ bewerten, zeigten nach einem solchen Spiel
geringere Anzeichen emotionaler Betroffenheit in der Mimik.

Langfristige Abstumpfung

Etwa 15 Prozent der Unterschiede in der generellen
Empathiefähigkeit, die bei den Kindern mit einem eigenen
Test erfasst wurde, können die Forscher auf Variablen
zurückführen, die direkt mit dem Umgang mit Computerspielen
zu tun haben. Gewalthaltige Spiele sollen daher nicht
verharmlost werden, im Gegenteil: Intensive
Gewaltspielerfahrung führe dauerhaft zu einer Abschwächung
der Empathiebereitschaft im Sinne einer emotionalen
Abstumpfung, so die Bochumer Wissenschaftler. Dies
beeinträchtige auch langfristig den wichtigsten Hemmfaktor
für aggressives Verhalten.

Verantwortung der Eltern

Wie wichtig es ist, dass sich die Eltern am kindlichen
Computerspiel beteiligen, wurde in dieser Studie ebenfalls
deutlich. Wie wenig die Eltern hingegen Einblick in die Welt
der Computerspiele haben, zeigen zwei Sachverhalte: 23,8
Prozent der Mütter und 16,6 Prozent der Väter kennen nach
Angaben der Kinder keines der Computerspiele, andererseits
spielen 86,5 Prozent der Mütter und 70,7 Prozent der Väter
nie oder nur sehr selten mit ihren Kindern am Computer.
Daraus ergibt sich nach Ansicht der Wissenschaftler ein
Missstand, der in der aktuellen wie dauerhaften Diskussion
über gewalthaltige Spiele kaum Berücksichtigung findet: „Die
Möglichkeit, im gemeinsamen Spiel auf die Auswahl der
Spiele, das Spielverhalten und die kognitive und emotionale
Auseinandersetzung mit den Spielinhalten Einfluss zu nehmen,
wird von der Mehrzahl der Eltern unserer Stichprobe
offensichtlich nicht genutzt.“

Weitere Informationen

Dr. Clemens Trudewind, Arbeitsgruppe für Motivations- und
Emotionspsychologie, Fakultät für Psychologie der RUB, GAFO
04/609, Tel.: 0234/32-22450, Fax: 0234/32-14376, eMail:
clemens.trudewind@ruhr-uni-bochum.de

Dr. Rita Steckel, Tel.: 0234/32-24629, eMail:
rita.steckel@ruhr-uni-bochum.de





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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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