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(00311) 03.11.2000 14:21

RUB verurteilt Demoaufruf der Tierrechsinitiative


Bochum, 03.11.2000
Nr. 309

RUB verurteilt Demoaufruf der Tierrechsinitiative
Verletzung der Privatsphäre nicht hinnehmbar
Tierversuche notwendig und ordnungsgemäß genehmigt


Die Ruhr-Universität Bochum verurteilt aufs Schärfste den
Versuch der Tierrechtsinitative, durch einen Aufruf zur
Demonstration am 4.11.2000 am Wohnort und vor dem Haus des
Bochumer Neurobiologen Prof. Dr. Klaus-Peter Hoffmann,
diesen einzuschüchtern und seine Privatsphäre zu verletzen.
Ebenso verurteilt sie die bereits erfolgte Verteilung von
Flugbättern, mit denen die Tierrechtsinitiative vor einigen
Tagen versucht hat, den Bochumer Wissenschaftler in seiner
unmittelbaren Nachbarschaft zu diffamieren. Solche Eingriffe
in die Privatsphäre, die bereits bei Hirnforschern in
Bremen, Frankfurt und München erfolgt sind, können nicht
hingenommen werden. Gleichzeitig versichert die RUB, dass
alle Tierversuche von Bochumer Wissenschaftlern rechtens,
notwendig und ordnungsgemäß durch die dafür zuständigen
Behörden überwacht werden.

Fakultät zu Diskussionen stets bereit

Die Fakultät für Biologie der RUB hat in einem
Fakultätsbeschluss am 24.10.2000 die angekündigte
Demonstration als „unannehmbare Provokation“ verurteilt.
Gleichzeitig versicherte sie, dass sie jederzeit bereit sei,
mit Tierschützern zu diskutieren. Sowohl die Hochschullehrer
als auch die Tutoren werden in den Anfängerübungen mit den
Studierenden das Gespräch Thema „Tierversuche“ initiieren.

Hoffmann: „Tierversuche notwendig“

Prof. Klaus-Peter Hoffmann versichert, dass seine
Tierversuche weder unethisch, noch aus methodischen Gründen
wertlos oder aus medizinischen Gründen zu verbieten seien.
Seine vollständige Erklärung lautet:

„Ethisch vertretbar“

„1. These: “Versuche an Affen sind unethisch”. Die von uns
durchgeführten Experimente, wie auch die Experimente der
anderen angeführten Gruppen, die an Affen, aber auch an
anderen Vertebraten arbeiten, sind grundsätzlich im Rahmen
des Tierschutzgesetzes erlaubt.  Nach unserer
augenblicklichen Rechtslage werden unethische Experimente
nicht genehmigt. Darüber hinaus halten wir die von uns
durchgeführten Experimente für ethisch vertretbar, weil wir
dadurch mehr Wissen schaffen, das die Gesellschaft nutzen
kann, um Mitmenschen zu helfen. Wir sind uns sehr wohl
bewusst, dass wir eine Güterabwägung durchführen, in der wir
4-6 Versuchstiere pro Forschungsinstitut pro Jahr gegen das
Unverständnis über die Vorgänge des Lebens und das Leid in
der menschlichen Bevölkerung  durch Erkrankungen des
Nervensystems setzen. Wir halten es darüber hinaus für
vertretbar, die Experimente an wachen, trainierten Affen
durchzuführen, da wir so nur in Kooperation mit dem
Versuchstier und damit kontrollierbar schmerz- und angstfrei
Experimente durchführen können. Gerade diese experimentelle
Vorgehensweise in Kooperation mit dem Versuchstier schließt
die Vorwürfe, dass die Versuchstiere gequält werden, aus.
Wir entscheiden uns gegen das “nichts über das Gehirn wissen
wollen” aber für das ”mit Wissen verantwortlich handeln”.

Tierversuche dienen medizinischem Fortschritt

2. These: “Versuche an Affen sind aus methodischen Gründen
zu verbieten”. Hier wird das Argument wiederholt, die
Ergebnisse aus Tierversuchen seien nicht auf den Menschen
übertragbar. Zur Unterstützung dieser Aussage werden
Einzelbeispiele gegeben. Dem kann entgegengehalten werden,
dass eine Vielzahl von Tierversuchen, zu Ergebnissen geführt
haben, die sich zum direkten Nutzen für den Menschen haben
umsetzen lassen (Frühbehandlung von Sehfehlern, Parkinson
(l-dopa, Läsions- und Stimulationstechnik),
Neurochirurgische Eingriffe, Epilepsiebehandlung,
Rehabilitation von Schlaganfall- und Unfallpatienten).
Keiner kann erwarten, dass das individuelle Experiment heute
zu einer direkten Anwendung morgen führt. Die direkte und
kurzfristige Umsetzung von Forschungsergebnissen kann nicht
einziges Ziel wissenschaftlichen Arbeitens sein. Eine
Vielzahl von segensreichen Entwicklungen gehen auf
Experimente zurück, die diese Bedeutung bei der Durchführung
noch nicht erkennen liessen. Es geht bei den
wissenschaftlichen Untersuchungen mit Hilfe von Tieren
darum, Erkenntnisse zu gewinnen, die hilfreich für das
Verständnis und damit zum Schutz der komplexen Zusammenhänge
des Leben auf der Erde und dabei auch für die Lebensqualität
des Menschen eingesetzt werden können. Eine direkte
Vorhersage, welchen Nutzen das einzelne Experiment bringen
kann, ist nur selten möglich.

„Minderung von Leid bei Menschen mit verletzten Gehirnen“

3. These: “Versuche an Affen sind aus medizinischen Gründen
zu verbieten”. Es ist ungeheuerlich, wenn hier die
Behauptung aufgestellt wird, dass die Menschen trotz
medizinischer Behandlung immer kränker werden. Es ist
unbestritten, dass die Lebenserwartung auch durch eine
Vielzahl  von auf Tierversuchen beruhenden Erkenntnissen in
diesem Jahrhundert drastisch gestiegen ist (Impfungen,
verbesserte chirurgische Methoden, medikamentöse
Versorgung). Wer erwartet nicht, dass er als heute Lebender
wenigstens sein achzigstes Lebensjahr erreicht. Mit der
Zunahme der Lebenserwartung, die durch medizinische
Fortschritte im körperlichen Bereich erzielt wurde, wird uns
jedoch mehr und mehr der Alterungsprozess des Gehirns
bewusst. Das Gehirn ist das wichtigste noch unerforschte
Organ unseres Körpers. Die hohe Lebenserwartung wird nur mit
der entsprechenden Lebensqualität verbunden sein, wenn wir
mehr wissen über die normalen Funktionen des Gehirns und
darüber, wie diese aufrecht zu erhalten sind. Dieses sind
Fragen, die durch tierversuchsfreie Methoden nicht zu
beantworten sind. Zellkulturen sehen, fühlen und agieren
nicht und es ist hier die Gegenfrage zu stellen, was
alternative Methoden in Hinblick auf
Informationsverarbeitung und deren Störung im Gehirn bisher
erbracht haben. Ein intaktes Nervensystem mit Sensoren und
Effektoren ist nicht durch ein Zellkultursystem zu ersetzen.
Die Neurowissenschaften haben mit großer Verantwortung
grundlegende Vorgänge des Nervensystems an adäquaten
Tiermodellen untersucht. Erst nachdem alle anderen Methoden
ausgeschöpft wurden, wird nunmehr verantwortungsvoll auch an
höheren Tieren die Funktionsweise des Gehirns untersucht. Es
ist unsere Überzeugung, dass die Ergebnisse zur Minderung
des Leids bei Menschen mit verletzten oder alternden
Gehirnen führen werden.“



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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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