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(00265) 04.10.2000 14:27

"Bioethik als Tabu?" - Erster Band neuer Reihe erscheint


Bochum, 04.10.2000 
Nr. 263

Bioethik zwischen Redefreiheit und -verbot
Von der (Un-)Diskutierbarkeit moralischer Standpunkte
"Bioethik als Tabu?" - Erster Band neuer Reihe erscheint


Dürfen Redner ihre Ansichten zu brisanten Fragen der
Bioethik, wie Sterbehilfe, Pränataldiagnostik und selektive
Abtreibung öffentlich kundtun, oder verletzen sie mit ihren
Äußerungen schon die Rechte anderer? Nicht um die Sachfragen
der Bioethik an sich geht es in "Bioethik als Tabu?" (Hg.
von Dieter Birnbacher), dem ersten Band einer neuen Reihe
"Ethik in der Praxis/Practical Ethics. Kontroversen" (Hg.
von Hans-Martin Sass, RUB-Institut für Philolosphie und
Georgetown-University, Washington, USA), sondern um das
Reden darüber. Das Recht auf freie Meinungsäußerung steht
den Befürchtungen gegenüber, was diese Diskussion anrichten
könnte: Tritt sie eine Lawine des moralischen Verfalls los?

Grundsätzliche Diskussion und Reichweite der Redefreiheit

Klare Antworten auf Fragen der Bioethik fehlen: Dürfen Ärzte
aktive Sterbehilfe leisten? Wenn ja, unter welchen
Umständen? Soll etwa ein Fetus oder ein Embryo abgetrieben
werden, bei dem eine schwere Behinderung noch im Mutterleib
diagnostiziert wird, sollen die Eltern hier über Leben oder
Tod selbst entscheiden können? Aber nicht nur die
Beantwortung dieser Fragen stellt die Experten vor ein
Problem, sondern darüber hinaus auch die Diskussion an sich:
Gegner der Bioethik haben in der Vergangenheit häufiger
Vortragsveranstaltungen und Seminare gesprengt oder durch
ihren vehementen Protest die Äußerung kontroverser
Standpunkte verhindert. Im Oktober 1998 richteten sie sich
gegen den Mainzer Rechtsphilosophen Norbert Hoerster und
verhinderten seinen Vortrag in Göttingen. Diese Aktionen
waren Stein des Anstoßes einer grundsätzlichen Diskussion
über die Reichweite der Rede- und Diskussionsfreiheit in der
Bioethik. 

Unvereinbare Positionen stehen sich gegenüber

Der nun erschienene Band versammelt in fünf Aufsätzen, dem
Redemanuskript Hoersters von 1998 und Schriften von
Behindertenorganisationen verschiedene Stellungnahmen zu
diesem Problem. Sie beschäftigen sich mit der Frage,
inwieweit das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung durch
die Grundrechte anderer eingeschränkt wird - z. B. durch die
Rechte derer, die sich durch die in der Diskussion
geäußerten Meinungen nicht nur gekränkt, sondern in ihren
elementaren Rechten bedroht sehen. Menschen mit Behinderung
sehen etwa durch Befürworter der Früheuthanasie ihr Recht
auf Leben in Gefahr - wäre die Rechtslage seit längerem
tatsächlich so, wie es die Redner fordern, wären womöglich
einige von ihnen nicht mehr am Leben. Zwei unvereinbare
Positionen stehen sich gegenüber: Einerseits ist die freie
Äußerung und Diskussion von Meinungen Grundlage des
demokratischen Gemeinwesens, andererseits steht die Äußerung
moralischer Meinungen nicht außerhalb der Moral. Äußerungen,
die Schaden anrichten, sollten nicht gemacht werden dürfen;
was aber ist "Schaden" in diesem Sinn? Und wenn
Meinungsäußerung zu brisanten Themen ohne Verletzungen der
Gefühle anderer nicht denkbar ist, wie viel Verletzung muss
dann in Kauf genommen werden? Der Band möchte hier die
Grenzen der öffentlichen Diskutierbarkeit ausloten.

Neue Reihe schafft mündige Bürger

Die vom Bochumer Philosophen Hans-Martin Sass herausgegebene
Reihe "Ethik in der Praxis" will Fragen der Technik- und
Wertfolgenabschätzung aus dem rein akademischen Diskurs
stärker in die öffentliche Diskussion einbringen. Einen
Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit Akzeptanz und 
Risiken modernen biomedizinischen Forschung und
Entwicklungen in der Humanmedizin: Hierzu gehören etwa die
Gentherapie, Patientenmündigkeit und -verantwortung und
Ethik in Krankenhaus, Seniorenheim und Psychiatrie. 

Weitere Informationen

Dr. Arnd T. May, Zentrum für medizinische Ethik der
Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-22749, Fax:
0234/32-14-598/088, Email: med.ethics@ruhr-uni-bochum.de,
Internet: http://www.ruhr-uni-bochum.de/zme

Titelaufnahme

Dieter Birnbacher (Hg.): Bioethik als Tabu? Darf in der
Ethik über alles diskutiert werden? Mit Beiträgen von Dieter
Birnbacher, Günther Patzig, Anselm Müller, Carmen Kaminsky
und Michael Wunder. (=Ethik in der Praxis/Practical Ethics.
Kontroversen Bd.1, Hg. von Hans Martin Sass), Münster,
LIT-Verlag 2000, ISBN 3-8258-4985-6



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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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