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(00191) 07.07.2000 14:40

RUBIN 1/2000: Wie Geschichte die Gegenwart bestimmt


Bochum, 07.07.2000 
Nr. 188

RUBIN 1/2000: Wie Geschichte die Gegenwart bestimmt
Eine lange Geschichte: Die Deutschen und ihre
NS-Vergangenheit
Überlebende des Völkermords in Armenien berichten


Auch über 50 Jahre nach Kriegsende ist die NS-Vergangenheit
in Deutschland präsent: Zahlreiche Fernsehbeiträge und
Kinofilme widmen sich dem Thema, und die Diskussion um die
Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter nimmt kein Ende. Die
verschiedenen Ansätze zur Bewältigung dieser Geschichte von
1949 bis heute haben RUB-Historiker um Prof. Dr. Norbert
Frei (Neuere und neueste Geschichte) unter die Lupe
genommen. Um die Vergangenheit geht es auch beim Projekt des
Instituts für Diaspora- und Genozidforschung (Dr. Mihran
Dabag, Dipl.-Soz. Kristin Platt): Anhand von Interviews mit
Überlebenden des Völkermords an den Armeniern 1915/16
versuchen sie herauszufinden, wie diese Erfahrung das
spätere Leben dieser Menschen beeinflusst: Das Trauma ist
Alltag. Über beide Themen und viele mehr berichtet RUBIN
1/2000 - Wissenschaftsmagazin der RUB, das soeben erschienen
ist.

"Vergangenheitsbewältigung": Deutsche wollten einen
Schlussstrich ziehen

Wie sollen die Deutschen umgehen mit ihrer NS-Vergangenheit?
An dieser Frage scheiden sich die Geister: Wo die einen in
der anfänglichen Verdrängung dieser Geschichte eine zweite
"Kollektivschuld" sehen, glauben die anderen an eine
produktive Kraft in dieser Verdrängung. Tatsache ist, dass
bis in die 60er Jahre ein großes Schweigen herrschte: Statt
einer normativen Abgrenzung von den Taten der NS-Herrschaft
wurde eine Politik der Bewältigung der frühen Bewältigung
betrieben - man versuchte die Folgen der Säuberungsaktionen
der Alliierten rückgängig zu machen. Ende 1949 wurden
sämtliche Straftaten amnestiert, die vor dem 15. September
dieses Jahres begangen worden waren und mit bis zu sechs
Monaten Haft bestraft werden konnten. Außer den
nichtpolitischen Straftätern der Schwarzmarktzeit betraf das
natürlich auch nicht verjährte NS-Verbrechen. Ende 1950
wurde die Entnazifizierung "liquidiert" - eine Art
Schlussstrichdenken brach sich Bahn und führte zu einer
Begnadigung von Kriegsverbrechern und zu einer
Wiedereinstellung von Beamten besonders in der Justiz. Die
Bereitschaft, NS-Strafsachen überhaupt noch zu ahnden, sank
auf Null. 

"Vergangenheitsbewältigung": Verdrängung provoziert
Gegenkräfte

Von einer Produktivität der Verdrängung kann man also nur
dann sprechen, wenn man die Entwicklung über längere Zeit
und mit Sinn für Dialektik betrachtet: Ein solch skandalöser
Umgang mit der Vergangenheit musste Gegenkräfte auf den Plan
rufen, die Anfang der 60er Jahre zum politischen
Generationenkonflikt und schließlich zu den Ereignissen von
1968 führten. Die Vergangenheitspolitik der 50er Jahre wurde
abgelöst durch eine Phase, die vom Begriff der
"unbewältigten Vergangenheit" geprägt war und zwanzig Jahre
dauerte. Am Ende der Flut von Skandalen und Enthüllungen
steht nun die Frage nach der Bewahrung der Erinnerung: Was
muss erhalten bleiben, damit die Geschichte als warnende
Botschaft in die Zukunft weist?

"Überlebende des Völkesmordes": Reden über das Leben mit dem
Trauma

Die Erinnerung ist es auch, die den Alltag der Überlebenden
des Völkermords an den Armeniern bestimmt. Die meisten
Überlebenden waren zum Zeitpunkt des Verbrechens zwischen
zwei und neun Jahre alt - ihre Wunden bleiben bis ins hohe
Alter spürbar. Die Bochumer Forscher befragten die
Betroffenen, die zwischen 80 und 100 Jahren alt sind, in
Frankreich, Italien, den Niederlanden, Deutschland, Belgien
und Österreich. Die Fragen sollten zu längeren Erzählungen
anregen. Um auch die Gestik der Befragten, die häufig
Unsagbares ausdrückt, in die Forschung miteinbeziehen zu
können, zeichneten die Wissenschaftler die Interviews auf
Video und Tonträger auf. Häufig stießen sie zuerst auf
Erstaunen: "Sie wollen wirklich mein Leben hören?" wurden
sie ungläubig gefragt, denn bisher hatten sie geschwiegen.
Dann aber wagten sie die Reise in die Vergangenheit - gerade
die Genauigkeit ihrer Schilderungen verblüffte die
Interviewer. 

"Überlebende des Völkesmordes": Die Unsicherheit bleibt

Die Auswertung der Aufzeichnungen zeigte trotz der großen
Unterschiede zwischen den befragten Personen eine
erstaunliche Ähnlichkeit ihrer Orientierungen: Viele
versuchten, ihre Kindheit vor dem Genozid als verlorenes
Paradies darzustellen, für viele waren die einstigen
Lebensziele der Eltern bedeutend für die eigene Wertung.
Allen Erzählungen war eine nicht näher bestimmte Sehnsucht,
Unerfülltheit und Unzufriedenheit gemeinsam. Die Forscher
erkannten deutlich den Einfluss von armenischer
Geschichtsüberlieferung als Muster der Erzählungen wieder.
Außerdem erkannten sie, dass die Folgen einer
Traumatisierung auf das folgende Leben vom Alter der
betroffenen Person abhängt: Menschen, die beim Völkermord
unter drei Jahre alt waren, bildeten z. B. häufig
charakterneurotische Persönlichkeiten aus. 

RUBIN 1/2000 erschienen

Die vollständigen Beiträge lesen Sie bitte in RUBIN 1/2000,
wo Sie außerdem folgende Artikel finden: Überleben ohne
Amputation, Schlaganfall, schnell und sicher diagnostiziert,
Bilder im Recht und Bilder vom Recht, Der "Doppelpass":
verfassungswidrig?, Mini-Kreisverkehr: "Eine runde Sache",
Bis das Getriebe kracht: Statistik ersetzt teure Tests.
RUBIN ist bei der Pressestelle der Ruhr-Universität Bochum
für 5 DM erhältlich, und im Internet:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/rubin/rubin.htm

Weitere Informationen

Prof. Dr. Norbert Frei, Fakultät für Geschichtswissenschaft
der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-22540, Fax:
0234/32-14-351

Dr. Mihran Dabag, Kristin Platt, Institut für Diaspora- und
Genozidforschung der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel.
0234/32-29700/-29701, Fax: 0234/32-14-770


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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