[ vorherige ] [ nächste ] [ Übersicht nach Zeit ][ alphabetische Übersicht ]

(00164) 15.06.2000 15:20

RUB-Studie zum Sakramentskult des Spätmittelalters


Bochum, 15.06.2000
Nr. 161

"Gemalte Kunsttheorie" in Altarbildern
RUB-Studie zum Sakramentskult des Spätmittelalters
Neue Ansätze zum altniederländischen Realismus


Die Verehrung von Brot und Wein als der Leib und das Blut
Christi ist im 15. Jahrhundert im nordalpinen Raum zu großer
Popularität aufgestiegen. Ihre Einflüsse auf die Bildmuster
und das Bildverständnis dieser Zeit hat Dr. Heike Schlie in
ihrer Dissertation "Das Bild im Sakramentskult des
Spätmittelalters", die am kunstgeschichtlichen Institut der
RUB entstand, untersucht. Sie betrachtete die Bilder
erstmals unter einem rezeptionsästhetischen Gesichtspunkt in
ihrer Funktion im religiösen Leben, ohne dabei künstlerische
und kunsttheoretische Fragen zu vernachlässigen. Für ihre
Arbeit wurde sie mit einem der "Preise an Studierende 1999"
der Ruhr-Universität ausgezeichnet.

Die "wahre Substanz" der Hostie

Eine Konsequenz des im 15. Jahrhundert populär werdenden
Kults der Verehrung der Reliquien, die in der Messe
gewandelt wurden, zeigt sich in den Bildprogrammen der
Sakramentsretabel. Zu zahlreichen Anlässen wie
Sakramentsmessen, Andachten und Prozessionen, wurde die
Hostie in einem Schaugefäß auf dem Altar ausgestellt und
verehrt. Die Bilder der Sakramentsretabel ersetzten die
fehlende Anschaulichkeit der Hostie als Leib; in ihnen
sollte die "wahre Substanz" der Hostie, die dem Glauben nach
identisch mit dem Leib Christi ist, dargestellt sein - eine
neue Aufgabe, die die Künstler vor die Herausforderung
stellte, eine adäquate Ikonologie zu entwickeln. Die
altniederländischen Maler halfen sich mit Darstellungen der
Kindheitsgeschichte Christi, der Kreuzabnahme und der
Beweinungen oder Anbetungen, um das Mysterium zu
veranschaulichen. Dabei wandten sie verschiedene Techniken
an, etwa die bildliche Angleichung des Sarkophags der
Grablegung an einen Altar. Die Bilder hatten gerade
außerhalb der Messe eine wichtige didaktische Funktion, da
der in der Messe sorgfältig inszenierte Moment der Wandlung
entfällt, und außerdem immer wieder Zweifel an der Wandlung
aufkeimten. 

Bilder als Beispiel und Erinnerungshilfe

Gerade die Anbetungsszenen erfreuten sich deshalb so großer
Beliebtheit, weil sie als Exemplum dienten: So wie die
Personen im Bild Christus verehren, sollen die Gläubigen die
Hostie verehren. Auch in anderen Zusammenhängen, etwa in
Predigten und Mysterienspielen, konnte Dr. Heike Schlie
diese Funktion nachweisen. Diese strukturelle Überlagerung
verschiedener Medien ergibt sich einerseits aus der
traditionellen Bildhaftigkeit von Liturgie und Predigten,
und andererseits aus der Ausweitung der rhetorischen
Instrumentalisierung der Bilder im 15. Jahrhundert. Diese
Überblendung hatte auch Einfluss auf Bildfindung und
-verständnis in anderen Zusammenhängen: So setzte sich die
am Altar entwickelte Ikonographie in den Bereich der
privaten Andachtsbilder fort, die häufig wie kleine
Ausschnitte aus großen Altarbildern wirken. Diese Bilder
halfen den Gläubigen, sich jederzeit an die Erfahrung
Christi in der Messe zu erinnern und die private Meditation
an den öffentlichen Kult rückzubinden. 

Neue kritische Fragen zu alten Untersuchungen

Neue Fragen warf die Arbeit um die Bewertung des sogenannten
altniederländischen Realismus auf: Die kritische
wissenschaftliche Aufarbeitung der Kontroverse um den
"Realismus" hinterfragt z. B. die Bedingtheit der
Stellungnahmen innerhalb der Diskussion, die sich zum Teil
als die Symptome eines Methodenstreits herausstellten. Die
Charakterisierung des Realismus als pure Verweltlichung des
Bildes resultiert z. B. auch aus einer Überlebensfrage für
die Methode der Stilkritik in den 50er Jahren. Als neues
Argument führt Heike Schlie daher den Begriff des
"sakramentalen Realismus" ein, der der Überblendung von
Bild, Heilsgeschichte und Liturgie entspringt. Die Auflösung
der Bildgrenze, eine Durchdringung von Bild- und Realraum
ist hier der wesentliche Aspekt.

Ungeschriebene kunsttheoretische Diskussion

Die Arbeit belegt außerdem, dass es im 15. Jahrhundert im
nordalpinen Raum entgegen der herkömmlichen Auffassung der
Forschung einen kunsttheoretischen Diskurs gegeben haben
muss: Er ist zwar nicht in schriftlicher Form überliefert,
drückt sich aber in den Bildern selbst aus. Die Neuzeit
erweist sich im Zusammenhang der "Gemalten Kunsttheorie"
aber nicht nur als das Ergebnis der Renaissance, die sich
auf eine von christlich-religiösen Belangen freie Kunst
zurückbesinnen wollte, sondern die neuen Konzepte sind eng
mit der mittelalterlichen Funktionalisierung der Bilder und
einer mittelalterlichen Ästhetik verbunden. Insbesondere die
altniederländische Malerei ist weniger von einem
Epochenschnitt als vielmehr von einem Spannungsfeld zwischen
verschiedenen Traditionen und einer künstlerischen und
zugleich religiösen Neuorientierung bestimmt.

Weitere Informationen

Dr. Heike Schlie, Theo Neubauer-Str. 11, 07743 Jena, Tel.
03641/440927


-- 
RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB

Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB - RUB

zurück zur Übersicht nach Zeit | alphabetisch