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(00318) 08.12.1999 13:58

Armut in NRW - immer größere soziale Spaltung


Bochum, 08.12.1999
Nr. 308

Armut in NRW - immer größere soziale Spaltung
Neue Studie zu Umfang und Struktur des Armutspotentials
Erstmals Nutzung amtlicher Mikrodaten für die
Sozialforschung


Neuland beschreitet die von ZEFIR (Zentrum für
interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung der RUB, Prof. Dr.
Peter Strohmeier) erstellte und vom MASSKS (Ministerium für
Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport NRW)
finanzierte Studie "Armut in Nordrhein-Westfalen. Umfang und
Struktur des Ar-mutspotentials": Erstmals haben die
Wissenschaftler nicht nur wie bisher Umfragedatensätze
ausgewertet, sondern auch erst seit kurzem zugängliche
Individualdaten amtlicher Statistiken genutzt. Das Ergebnis
gibt Aufschluss über die Lage und die Ursachen der Armut in
NRW und gingen jetzt in den "Sozialbericht 98" der
Landesregierung ein. Die am schlimmsten betroffenen Gruppen
sind immer noch die alten: Kinder, Frauen, Alte, Ausländer,
Alleinerziehende und Großfamilien. 

Studie und Schaubild im www

Schaubilder und Statistiken sind in der Studie, die im
Internet heruntergeladen werden kann,
vorhanden(http://www.ruhr-uni-bochum.de/zefir/). Eine
exemplarisches Schaubild finden Sie auch unter:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressemitteilungen (siehe
heutiges Datum)

Kombinierte Daten sind zahlreich und aktuell

In bisherigen Studien zur finanziellen Lage der Bevölkerung
wurden Umfragedatensätze, z. B. das SOEP (SozioOekonomisches
Panel), als repräsentative Quellen benutzt. Nachteil dieser
Quellen ist aber, dass sie aufgrund von kleinen Fallzahlen
häufig zu wenige Informationen für sozialstrukturell oder
regional differenzierte Analysen liefern. Die neue Studie
umgeht dieses Problem durch die Kombination von
Umfragedatensätzen mit anonymisierten Daten aus amtlichen
Beständen, z. B. dem Mikrozensus und der
Sozialhilfestatistik. Bei diesem Vorgehen zeigte sich, wie
auch ohne großen Aufwand die Nutzbarkeit dieser Quellen noch
verbessert werden könnte. Die großen Vorteile der amtlichen
Statistiken sind ihre großen Fallzahlen und die Aktualität
der Angaben. Moderne Computertechnik ermöglichte den
Forschern, die Datenflut von mehreren Millionen Datensätzen
auszuwerten. Diese neue Art von Studien, in denen Umfrage-
und Amtsdatensätze kombiniert werden, bieten sich durch ihre
große Genauigkeit besonders für die politische
Problemdiagnose und zur Wirkungskontrolle politischer
Intervention an.

Kinderarmut ist Familienarmut

Zum Teil bestätigt die neue Untersuchung die Ergebnisse
älterer Studien. Unverändert ist z. B., dass (Langzeit-)
Arbeitslosigkeit Armut bedingt, dass Kinder von Armut
besonders stark betroffen sind, und dass junge
alleinerziehende Mütter eine der ärmsten Gruppen sind. Eine
neue Erkenntnis findet sich in dem Aspekt der Kumulation
benachteiligter Lebensformen und Lebenslagen: Hier stellt
sich eine immer stärkere soziale Spaltung unserer
Gesellschaft heraus. Soziale Bindungen, wie der
traditionelle Familienzusammenhalt oder die
Nachbarschaftshilfe, nehmen immer mehr ab. So sind z.B.
alleinerziehende Mütter oft isoliert und können daher nicht
auf die Hilfe anderer bei der Kinderbetreuung bauen. Die
Armut der Kinder, die seit einiger Zeit großes öffentliches
Aufsehen erregt, fusst auf der Misere der Familien, bzw. der
"Restfamilien", die nach einer Trennung oder Scheidung
übrigbleiben. Hier ist die staatliche Familienpolitik
gefordert: Familie und Beruf sind kaum zu vereinbaren.
Kinder- und Erziehungsgeld reichen offenbar nicht für ein
Auskommen junger Familien. Alleinerziehende Mütter haben es
besonders schwer: Auch ihnen mangelt es schon in den ersten
Lebensmonaten des Kindes an Geld. Einrichtungen zur
Betreuung kleiner Kinder gibt es kaum. Wenn das Kind alt
genug ist, im Kindergarten betreut zu werden, scheitert dies
oft an den Öffnungszeiten. Diese Situation ist seit den
achtziger Jahren unverändert: 40 Prozent aller Kleinkinder
berufstätiger Mütter in NRW werden von den Großeltern
versorgt. Hier sind Kommunen und der Arbeitgeber zunehmend
gefordert.

Auflösung traditioneller Formen der Solidarität

Am in den siebziger Jahren viel diskutierten Problem der
Altersarmut hat sich nichts geändert, und auch Ausländer
gehören nach wie vor zu den benachteiligten Gruppen,
insbesondere diejenigen, in deren Kultur noch traditionelle
Familienmodelle gelebt werden, wo z. B. Kinderreichtum und
Einverdienerhaushalte die Regel sind. Insgesamt werten die
Wissenschaftler die Ergebnisse der Studie als ein Anzeichen
für die Auflösung traditioneller Formen der Solidarität wie
Familie, Ehe und Nachbarschaft. Außerdem ist eine Tendenz
zur regionalen Polarisierung der Armut und sozialen
Ungleichheit festzustellen: Großstädtische Regionen - allen
voran das Ruhrgebiet - haben erheblich höhere Armutsquoten
als ländliche Räume.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Peter Strohmeier, ZEFIR, 44780 Bochum, Tel.
0234/32-23706, Fax: 0234/32-14-468, Internet:
www.ruhr-uni-bochum.de/zefir/


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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