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(00288) 22.11.1999 12:48

RUB-Historiker untersucht die Aufnahme junger Zuwanderer


Bochum, 22.11.1999
Nr. 279

Der schwere Weg zur Integration
Flüchtlinge vor dem Bau der Mauer
RUB-Historiker untersucht die Aufnahme junger Zuwanderer


Als Arbeitskräfte waren sie willkommen, als Bürger blieben
sie lange am Rand der Gesellschaft: Etwa eine Million
Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren flüchteten
zwischen 1945 und 1961 aus der Sowjetischen Besatzungszone
(SBZ)  und der DDR in den "goldenen Westen" Deutschlands.
Politische, wirtschaftliche,  aber auch persönliche Gründe
trieben sie aus dem SED-Zwangsregime in die vermeintliche
Freiheit und bessere Zukunft. Doch ihre Integration in die
westliche Gesellschaft ging nur sehr langsam voran. Dies ist
ein zentrales Ergebnis von Dr. Frank Hoffmann in seiner
Dissertation "Junge Zuwanderer in Westdeutschland" (betreut
von Prof. Dr. Dietmar Petzina, Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte, Fakultät für Geschichtswissenschaft
der RUB, derzeit: Rektor der RUB). In seinem umfangreichen
Werk folgt der Bochumer Wissenschaftler
Flüchtlingsschicksalen und analysiert, warum Integration und
Neuanfang nur teilweise geglückt sind.

Aufnahme ohne Integration

Vor dem Neuanfang stand die Rechtfertigung: Ohne Zeugnis
gegen ihre ehemalige Heimat abzulegen und sich für den
Westen auszusprechen - oft vor Geheimdienstmitarbeitern -,
bekamen die Flüchtling erst gar keine Chance auf
Unterstützung. In Notaufnahmelagern in Hessen oder
Niedersachsen fanden sie eine erste Unterkunft. Ihr Alltag
war dort durch geregelte Weck- und Essenszeiten sowie
Programme zur Freizeitgestaltung festgelegt und ähnelte
stark einem Leben im Heim. Hier blieben sie meistens unter
sich und wussten selten, was mit ihnen geschehen wird. Auch
die westdeutschen Behörden standen vor großen Problemen bei
der Aufnahme; einige Klarheit brachte 1950 das
Notaufnahmegesetz. Erst in den Jahren 1953 und 1956 wurden
gezielte Programme mit Eingliederungshilfen für junge
Zuwanderer geschaffen.  

Flüchtlinge als Arbeitskraft

In einer Zeit, in der die männliche Bevölkerung durch den
Krieg dezimiert war, erkannten die Behörden sehr schnell den
Nutzen dieser Jugendlichen für den deutschen Arbeitsmarkt.
Sie standen ihm zur Verfügung und waren flexibel einsetzbar
.So waren Jugendlichen als Arbeitskräfte zwar willkommen,
ihre sozialen Bedürfnisse blieben indessen oft auf der
Strecke. Nach dem Aufenthalt in den Durchgangslagern wurden
die Zuwanderer verteilt, vor allem nach Nordrhein-Westfalen
und Baden-Würtemberg, wo Arbeitskräfte gebraucht wurden. Die
Entscheidungen fällten Verteilungskommissionen. Auf
vorhandene Berufsausbildung nahmen die Behörden keine
besondere Rücksicht. Bedarf an Arbeitern bestand z.B. im
Bergbau und in der Landwirtschaft, die auch gute
Unterbringungsmöglichkeiten boten und die Jugendlichen in
der Regel ohne lange Einarbeitungszeit einsetzen konnten. 

Als Hilfsarbeiter mit einem kleinen Taschengeld abgespeist

"Unterbringung, Verpflegung, Arbeit und Bezahlung
entsprechen nicht meinen Erwartungen..." - diese
Unzufriedenheit teilten viele Flüchtlinge. Mit der ihnen
zugeteilten Arbeit waren sie häufig unzufrieden, zumal sie
als Hilfsarbeiter mit einem nur geringen Taschengeld
abgespeist wurden, in manchen Fällen nur 7,- DM pro Woche.
Ähnlich erging es den Frauen, die etwas mehr als die Hälfte
der jugendlichen Zuwanderer ausmachten. Auch sie mussten
meistens die ihnen zugewiesenen Stellen  - oft als
Hilfskräfte in Haushalten - annehmen. Wenn sie im Westen Fuß
fassen wollten, hatten sie keine andere Wahl.

"Als Menschen halb verdächtigt, halb geduldet"

"Ich bin bestimmt ein eisiger Hund, aber selbst ein Hund
verwildert, wenn er keine Heimat hat". Als weitaus schlimmer
entpuppten sich zudem die Probleme der gesellschaftlichen
Integration. Den Westdeutschen waren die Flüchtlinge aus dem
Osten oftmals suspekt. Die einen hielten sie für
Wirtschaftsmigranten oder "Abenteurer", andere hatten
Vorbehalte, weil jene durch ein sozialistisches System
geprägt waren. So wurden die Jugendlichen oft als
Kommunisten diffamiert, wenn sie den Westen kritisierten. So
verdrängten Gefühle von Heimatlosigkeit und Isolation
schnell die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die
gesellschaftliche Integration ließ auf sich warten. 

Hilfe kam von freien Jugendverbänden

Freie Jugendverbände waren zunächst die einzigen
Institutionen, die den Zuwanderern Hilfen boten. Sie setzten
sich für die Bedürfnisse der jungen Menschen ein und
vertraten ihre Rechte. Erst ganz allmählich verstärkten die
Behörden die Programme zur sozialen und gesellschaftlichen
Integration. Doch der Weg in die Integration - heraus aus
einem von Behörden, Wohnheimen und Arbeitgebern
kontrollierten Leben - war noch lang.

Titelaufnahme

Frank Hoffmann: Junge Zuwanderer in Westdeutschland:
Struktur, Aufnahme und Integration junger Flüchtlinge aus
der SBZ und der DDR in Westdeutschland (1945-1961). Peter
Lang Verlag, Frankfurt am Main, Berlin, Bern 1999;
(Schriften zur Europa- und Deutschlandforschung, Bd. 7) ISBN
3-631-33936-4

Weitere Informationen

Dr. Frank Hoffmann, Ruhr-Universität Bochum, Institut für
Deutschlandfor-schung, 44780 Bochum, Tel.: 0234/32-27863,
Fax: 0234/32-14587


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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