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(00124) 01.06.1999 15:35

RUB-Neurologen entdecken optische "Gedächtnisspur" im Gehirn


Sperrfrist: Mittwoch, 2. Juni 1999, 18 Uhr

Bochum, 01.06.1999
Nr. 118

Optische "Gedächtnisspur" im Gehirn entdeckt
Unsichtbares wird nach "Enthemmung" wieder sichtbar
RUB-Neurophysiologen spüren neues Seh-Phänomen auf


Ein neues Phänomen des Sehens haben Wissenschaftler des
Sonderforschungsbereiches "Neuroviosion" (SFB 509) an
Ruhr-Universität Bochum entdeckt: eine "Gedächtnisspur"
etwas zuvor Gesehenen, die unbemerkt im Gehirn länger
überdauert und erst nach einer "Enthemmung" wieder sichtbar
wird. Die Ergebnisse des australischen Gastwissenschaftlers
Dr.  Trichur R. Vidyasagar (Austra-lian National University)
gemeinsam mit Dipl. Biol. Peter Buzas, Dr. Zoltan Fe-renc
Kisvarday und Prof. Dr. Ulf T. Eysel (Abteilung
Neurophysiologie, Medizinische Fakultät der RUB) erscheinen
in der berühmten Wissenschaftszeitschrift "NATURE" am 3.
Juni 1999 unter dem Titel: "Release from inhibition reveals
the visual past" (etwa: "Beendigung von Hemmung offenbart
die visuelle Vergangenheit").
Viele Sekunden unbemerkt

Bei der Entdeckung handelt sich um ein neuartiges optisches
Nachbild, das nicht wie üblich eine direkte Beziehung zum
zuvor Gesehenen hat, sondern von früher Gesehenem herrührt.
Eine optische "Gedächtnisspur" überdauert das Gesehene für
viele Sekunden unbemerkt im Gehirn und wird erst durch eine
"Enthemmung" nach einem anderen Sehreiz sichtbar.

Einfaches Experiment

Grundlage der Entdeckung dieser visuellen Gedächtnisspur ist
ein psychophysisches Experiment. Solche Experimente
ermöglichen Einblicke in die Funktionsweise des menschlichen
Gehirns, ohne daß Elektroden, Röntgen-, Kernspin- oder
andere große Geräte eingesetzt werden müssen. Das Experiment
wird einfach von menschlichen Beobachtern ausgeführt: Auf
einem Computermonitor werden Bilder dargeboten, und danach
werden auf dem leeren Schirm Nachbilder beobachtet, die ganz
allein im Gehirn als Folge des zuvor Gesehenen entstanden
sind.

Speichen: links herum - rechts herum

Der Versuch verläuft so: Ein Muster von Schwarzen und weißen
Speichen dreht sich mehrere Sekunden langsam nach rechts und
anschließend nach links um das Zentrum, danach folgt der
leere Schirm, dann bewegt sich wiederum für einige Sekunden
ein Muster aus abwechselnd weißen und schwarzen Ringen
langsam aus dem Zentrum nach außen und anschließend nach
innen, danach folgt wieder der leere Schirm und die
Reizfolge beginnt aufs Neue mit dem Speichenmuster. Die
überraschende Beobachtung ist nun, daß nach den Ringen ein
Nachbild der Speichen und nach den Speichen (ab der zweiten
Präsentation) die Ringe auf dem tatsächlich leeren Schirm
sichtbar sind - und das bis zu einer halben Minute nachdem
das entsprechende Muster wirklich zuletzt gesehen wurde. 

Der "Kreuzorientierungshemmung" auf der Spur

Diese Beobachtung läßt sich dadurch erklären, daß für
längere Zeit nach dem Seheindruck eine normalerweise
unsichtbare Spur des Bildes im Gehirn verbleibt, die in
diesem Experiment durch das Beenden eines gekreuzt
orientierten Bildes (die Speichen und Ringe stehen an jedem
Ort des Bildes jeweils senkrecht zueinander) wahrnehmbar
wird. Die wissenschaftliche Erklärung erfolgt über eine
Hemmung durch die gekreuzte Orientierung, bei deren Wegfall
durch die plötzliche Enthemmung die Gedächtnisspur verstärkt
und damit für einige Sekunden wieder wahrnehmbar wird. Diese
"Kreuzorientierungshemmung" wird seit vielen Jahren wird
seit vielen Jahren von der Gruppe um Prof. Eysel in der
Abteilung für Neurophysiologie der Medizinischen Fakultät
der RUB wissenschaftlich untersucht.

Ungelöste Rätsel

Die Herkunft und Bedeutung der vorübergehenden
Gedächtnisspur bleiben vorerst ungelöste Rätsel. Allgemein
bahnende Prozesse an den beteiligten Synapsen (den
Kontakstellen zwischen Nervenzellen) könnten zugrunde liegen
und zum Beispiel eine Basis für die schnelle
Wieder-Wahrnehmung fortbestehender Konturen nach einer
Augenbewegung bilden.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Ulf Eysel, Ruhr-Universität Bochum, Medizinische
Fakultät, Abteilung Neurophysiologie, , 44780 Bochum, Tel:
0234/700-3849, Fax: 0234/7094-192, email:
eysel@neurop.ruhr-uni-bochum.de




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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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