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(00021) 26.01.1999 15:25

"Endstation Größenwahn" - Studie über Stadtsanierung


Bochum, 26.01.1999
Nr. 22

"Endstation Größenwahn" - Stadtsanierung Essen-Steele
Ausgezeichnete Studie im Klartext-Verlag erschienen
RUB-Student sichtete umfangreiches Quellenmaterial


Wiederaufbau, Nachkriegsstädtebau und Sanierung von Altstädten - ein
Themenkomplex, mit dem sich Historiker bislang oberflächlich und
stiefmütterlich beschäftigt haben. Um dieses Manko zu beheben, hat das
"Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher" im Jahre 1997 anläßlich
des dritten Wettbewerbs zur Ruhrgebietsgeschichte Sonderpreise für
Arbeiten ausgelobt, die sich mit solchen weißen Flecken
auseinandersetzen. Der Beitrag des RUB-Geschichtsstudenten Tim
Schanetzky "Stadtsanierung Essen-Steele: Geschichte einer
Fehlleistung" erhielt einen dieser mit 2.000 DM dotierten Preise. In
leicht überarbeiteter Form erschien die Arbeit unter dem Titel
"Endstation Größenwahn" unlängst im Essener Klartext-Verlag. Nach
ausgiebiger Beschäftigung mit einer Fülle an Quellen rollt Schanetzky
darin die stadtplanerischen Verfehlungen noch einmal komplett auf -
und zwar nicht aus offizieller (Verwaltungs-)Sicht, sondern aus der
Perspektive der betroffenen Bürger.

Gegenüberlieferung

Während seiner Recherchen zur Geschichte und Sanierung der
Arbeitersiedlung Ofenbank in Essen-Horst knüpfte Tim Schanetzky auch
Kontakt zu den "Steeler Pohlbürgern", die über eine umfangreiche
Quellensammlung zur Steeler Geschichte verfügen. Darunter befinden
sich mehrere Regalmeter, die ausschließlich im Zusammenhang mit der
Steeler Sanierung der späten sech-ziger und frühen siebziger Jahre
stehen. Der besondere Wert dieser Sammlung besteht darin, daß hier
eine fast vollständige Gegenüberlieferung zur Verwaltungsüberlieferung
aus Sicht der Steeler Bevölkerung vorliegt. Fragen der
Bürgerbeteiligung am Sanierungskonzept, der Sanierungsrezep-tion sowie
der Wege und Strukturen der Einflußnahme konnte Schanetzky somit in
seiner Arbeit nachgehen.

Stelle: ein Beispiel

Die Quellen ermöglichten es, die Geschichte eines konkreten
Sanierungsfalls lückenlos zu dokumentieren. Essen-Steele steht
beispielhaft für die in Deutschland allgegenwärtige Stadtsanierung in
Form von Flächensanierung in der Nachkriegszeit - ein
stadtplanerisches Leitbild, das sich erst in den siebziger Jahren
radikal wandelte. Umso mehr verwundert daher, daß das Thema bisher
kaum von Historikern bearbeitet wurde. Immerhin sind Stadtsanierungen
stets mit großen Investionsvolumina, Umsiedlungsaktionen und daraus
resultierenden sozialen Belastungen sowie mit der entsprechenden
kommunalpolitischen Legitimation verbunden gewesen. Schanetzkys Arbeit
versteht sich somit auch als erster Schritt zu einer verstärkten
Auseinandersetzung mit einem zeitgeistlichen Phänomen, dessen
Auswirkungen noch heute deutlich sichtbar sind - das Thema ist
aktueller denn je.

Kein menschliches Maß

Insgesamt erforderte die Stadtsanierung in Steele Investitionen von
etwa einer Milliarde Mark. Aus der Perspektive des Historikers
untersucht die Arbeit vor allem die Frage, wie es möglich war, daß ein
Projekt dieser Größenordnung - mit all seinen negativen Folgen - zu
seiner Zeit beinah hundertprozentig konsensfähig war. Gut 50 Prozent
der 1965 in Steele vorhandenen Bausubstanz fielen der Sanierung zum
Opfer, Kaufhausneubauten, ein überdimensionales Verkehrssystem und
Hochhäuser mit bis zu 21 Stockwerken traten an ihre Stelle. Das
menschliche Maß ging fast überall verloren.

Ernüchternde Ergebnisse

Gerade angesichts der heute radikal veränderten Planungskonzepte
untersucht die Arbeit den Sanierungsanlaß, die Planungsmethoden und
Sanie-rungsdurchführung sowie den öffentlichen Umgang mit dem Konzept.
Die Ergebnisse der Studie sind ernüchternd. Vermeintliche
Einflußfaktoren wie Zeitgeist, der damalige Modernitätsbegriff oder
Anforderungen des wachsenden Autoverkehrs können die Flächensanierung
nur teilweise erklären. Den Abbruch einer historischen Altstadt
bedingte vielmehr das Zusammenspiel folgender Faktoren: Entwertung
traditioneller baulicher Strukturen, auf Modernität fixierte
planerische Leitbilder, eine auf großräumige Abbruchsanie-rung
zielende Planungskultur, eine überforderte und öffentlichkeitsscheue
Planungsbürokratie und Kommunalpolitik sowie vitale wirtschaftliche
Interessen großer Investoren des Einzelhandels und des Wohnungsbaus.

Die Lehren aus der Sanierung

Die Arbeit zeigt deutlich, daß dieses Flächensanierungskonzept die
Ursachen für sein Scheitern von Beginn an in sich barg. Die sozialen
Belastungen waren zu hoch, die Projekte überdimensioniert sowie extrem
kosten- und zeitintensiv. Bereits während seiner Durchführung in den
siebziger Jahren war das Konzept nicht mehr mit dem fachlichen
Kenntnisstand der Stadtplanung vereinbar. Verdrängungsmechanismen
setzten ein: Eine kritische Sicht der Sanierung war weder im Sinne von
Verwaltung und Politik, die von eigenen Fehlern ablenken wollten, noch
von den Steeler Interessenvertretern gewünscht - zumal besonders der
Einzelhandel auf ein positives Image des Stadtteils fixiert war.

Diskussion in Gang setzen

Ein wesentliches Ziel der Arbeit ist daher auch, diese Mauer des
Schweigens zu durchbrechen und endlich eine Diskussion über
Fehlentwicklungen und -entscheidungen der Vergangenheit in Gang zu
setzen. Es gilt, danach zu fragen, ob wesentliche Merkmale der
damaligen Planungskultur nicht in die Gegenwart hineinreichen. So ist
etwa der Einfluß von Investoren auf die Bau-leitplanung bis heute eher
noch gewachsen. Und auch die Entwertung denk-malwürdiger Bausubstanz
ist nach wie vor ein Problem: beispielsweise gilt die Architektur der
fünfziger Jahre bislang kaum als erhaltenswert.

Titelaufnahme

Tim Schanetzky: "Endstation Größenwahn. Die Geschichte der
Stadtsanierung in Essen-Steele." 252 Seiten, 29,80 DM,
Klartext-Verlag, Essen 1998

Weitere Informationen
Tim Schanetzky, Blumenthalstraße 5, 45138 Essen, Tel.: 0201/483130



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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

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