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RUB-ZEFIR erforscht "elitenfreiezone" Ruhrgebiet



Bochum, 02.12.1998
Nr. 270

Wie Industriekapitäne verschwinden ...
ZEFIR erforscht "elitenfreiezone" Ruhrgebiet
Von der Weltwirtschaftskrise zur sozial-liberalen Ära


Die Spuren von Wirtschaftseliten im Ruhrgebiet verfolgt seit kurzem
das Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung (ZEFIR) der
RUB.  In einem von der Fritz Thyssen-Stiftung geförderten und auf
zweieinhalb Jahre angelegten For-schungsprojekt untersuchen die
Bochumer Wissenschaflter dabei u. a. die Hypothese vom Ruhrgebiet als
einer "elitenfreien" Zone.  Dieses Projekt ist Teil einer umfassenden
Untersuchung der Geschichte der Oberschichten des Ruhrgebiets im 20.
Jahrhundet. Geleitet wird das von Dr. Stefan Unger bearbeitete Projekt
von Hochschuldozent Dr. Werner Plumpe.  Die Professoren Dr. Dietmar
Petzina, Dr. Klaus Tenfelde und Dr. Bernd Faulenbach begleiten
wissenschaftlich das Projekt.

Eliten von der Forschung lange vernachlässigt

Lange Zeit gehörten Untersuchungen zu Eliten zu den stiefmütterlich
behandelten Bereichen der sozialhistorischen Forschung. Als sogar
"bemerkenswert unbefriedigend" bezeichnen die Forscher den
Kenntnisstand über die einst mächtige und machtbewußte wirtschaftliche
Führungsgruppe des rheinisch-westfälischen Industriegebiets. Dabei
mangelt es nicht an einzelbiographischen Studien aus der
montanindustriellen Wirtschaft. Allerdings vermissen sie Studien, die
etwas über das Sozialprofil dieser Schicht aussagen. Zugespitzt
formuliert: Das Wissen über die Bergarbeiter ist heute größer als das
über die Bergwerksdirektoren, weil seit den siebziger Jahren die
gesellschaftlichen Unterschichten zu den Modethemen der
sozialhistorischen Forschung gehören.

Ruhrgebiet - eine "elitenfreie Zone"

Das heutige Ruhrgebiet bildet eine "elitenfreie Zone", ist die
Arbeitshypothese der Bochumer Forscher.  Sie bestreiten zwar nicht die
Existenz einer wirtschaftlichen Führungsschicht  - eines abgrenzbaren
Personenkreises, der mit ökonomischen Leistungsfunktionen betraut ist
-, doch in der öffentlichen Rede und wissenschaftlichen Diskussion
taucht im Ruhrgebiet der Begriff der "Elite" nicht auf.  Der Grund
könnte sein, daß unter dem Nationalsozialismus die traditionellen
regionalen Wirtschaftseliten, die durch ein ausgeprägtes
Machtbewußtsein und ihren Führungsanspruch charakterisiert waren,
sozial, kulturell und aus dem öffentlichem Raum zurückgedrängt wurden.
Dieser Prozeß ebnete frühere Mobilitätsbarrieren ein und löste
traditionelle soziale Funktionseliten ab; ein Prozeß, der sich in
später der Bundesrepublik mit der Entflechtung der Industrie, der
Montankrise, der Gründung der Ruhrkohle AG, "Sozialdemokratisierung"
des Reviers und der Montanmitbestimmung beschleunigt fortsetzte

Von der zweiten Reihe in den Chefsessel

Vergleichsweise nicht-elitär war daher die soziale Herkunft der
westdeutschen Wirtschaftselite, die nach dem Krieg an die
Führungsspitze gelang und Ende der sechziger Jahre abtrat. Der größte
Teil dieser Gruppe hatte während des Dritten Reichs sein Studium, den
Eintritt in das Berufsleben und seine ersten Karriereschritte
durchlaufen. Der große Arbeitskräftebedarf und die
Mobilitätsstrukturen des Nationalsozialismus begünstigten, daß die
potentiellen Führungskräfte jener Jahre einer breiteren sozialen Basis
als der im Kaiserreich und der Weimarer Republik entstammten. Im
Ruhrgebiet wurde der Einzug dieser Gruppe nach dem Krieg besonders
begünstigt, da viele Spitzenstellen frei wurden und Nachfolger gesucht
wurden, die durch ihre Tätigkeit unter dem nationalsozialistischen
Regime nicht allzu kompromittiert waren.

Im Ruhrgebiet ging man andere Wege

Diese deutschen Sonderbedingungen der Karriere- und
Rekrutierungsmuster für die neue Führungsschicht gingen gleichzeitig
mit einem  weithin nicht existenten, öffentlichen Sprechen über Eliten
einher, was zu einem tiefgreifendem Einschnitt in der Öffentlichkeit
im Ruhrgebiet führte. Die für das Ruhrgebiet lange Zeit so typischen
"Industriekapitäne" und "Generaldirektoren" mit einem steten
konservativ und autoritär geprägten Stil traten nicht mehr auf. Dieser
Stil, der bei der neuen Führungsriege verzweifelt gesucht wurde,
beschleunigte damit das weitgehende Abtreten der wirtschaftlichen
Oberschicht aus dem öffentlichen Raum.

Von den Medien und dem öffentlichen Sprechen über Eliten

Diesen Prozeß verfolgen die Bochumer Historiker als Teil eines
umfassenderen Forschungsdesigns zur Geschichte der Wirtschaftselite
des Ruhrgebiets im 20. Jahrhundert. Sie behandeln schwerpunktmäßig die
Zeit  zwischen den Jahren 1930 und 1970. Die Untersuchung entsteht vor
dem Hintergrund und in der Auseinandersetzung mit veränderten
politischen Bedingungen, sozialen Verhältnissen ökonomischen
Strukturen in der Gesellschaft. Dabei stehen drei Aspekte im Zentrum
der Untersuchung: die Entwicklung von Medien, die Formen der
Selbstdarstellung der Führungsschicht und die Fremdwahrnehmung der
Gruppe in der Öffentlichkeit. Mittelfristige Änderungen in der
strukturellen Zusammensetzung dieser sozialen Gruppe Beachtung sollen
dabei auch untersucht werden.

Weitere Informationen

Dr. Stefan Unger, Ruhr-Universität Bochum, Zentrum für
interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung (ZEFIR), HZO 32,
Universitätsstr. 150, 44780 Bochum, Tel.: 0234/700-4675, Fax.:
0234/7094-253



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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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