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RUB-Untersuchung ueber muendliche Abschlusspruefungen



Bochum, 20.10.1998
Nr. 223

"Der Prüfer ist nicht der König"
RUB-Untersuchung über mündliche Abschlußprüfungen
Krisen und Abhängigkeiten in einer besonderen Situation


Soeben als Buch erschienen ist "Der Prüfer ist nicht der König -
Mündliche Abschlußprüfungen in der Hochschule" von Dr. Dorothee Meer.
Mit dieser Arbeit liegt erstmals eine umfangreiche empirische
Untersuchung der mündlichen Prüfungssituation vor, die deren konkrete
Abläufe, Abhängigkeiten und Krisen beleuchtet. Ein zentrales Ergebnis
der Dissertation: Mündliche Abschlußprüfungen in der Hochschule
stellen an Studierende und Prüfer besondere Anforderungen. Die Gesetze
und Regeln der Hochschule verlangen von den Beteiligten ein
spezifisches Rollenverhalten, das durchaus widersprüchlich ist zu
ihren übrigen hochschulischen Erfahrungen. 20 Prüfungsgespräche

Zwischen 1991 und 1995 hat Dr. Meer für ihre Dissertation ((Betreuer:
Prof. Dr. Wolfgang Boettcher, Germanistisches Institut, Fakultät für
Philologie der RUB) 20 Prüfungsgespräche in
gesellschaftswissenschaftlichen Fächern aufgenommen und transkribiert.
Die Auswertung der Abschriften verfolgt eine doppelte Zielsetzung: In
einem ersten Schritt geht es um die Entwicklung eines analytischen
Modells, das dazu geeignet ist, die Bandbreite und Grenzen der
Handlungsspielräume von Prüfer und Prüfling zu ermitteln. Die
Ergebnisse dieser Beobachtungen sind anschließend die Grundlage für
weiterführende hochschuldidaktische Überlegungen, die sich an den
tatsächlichen institutionellen und kommunikativen Möglichkeiten der
beteiligten Personen orientieren.

Weder Willkür noch freier Wille

Ausgangspunkt der empirischen Untersuchung ist ein von Foucault
modifizierter Machtbegriff; Machtverhältnisse sind demnach kein
einfacher Mechanismus aus Macht und Unterdrückung. Vielmehr stellt
Foucault heraus, daß auch die Handlungen der "Mächtigen" nicht ihrem
freien Willen unterliegen und Ausdruck individueller Willkür sind,
sondern durch ihre jeweilige institutionelle Position vorstrukturiert
werden. Für die Institution Hochschule heißt das: In Anwesenheit
weiterer Kollegen, etwa Prüfungsvorsitzende und Protokollanten, können
sich Prüfende nur anhand überzeugender Leistungen ihrer Kandidatinnen
und Kandidaten auch als "gute" Lehrende präsentieren. Diese
Gegenabhängigkeit wirkt sich durchgängig auf das Gesprächsverhalten
aus: So üben sich Hierarchiehöhere zumeist in Zurückhaltung und
demonstrativem Wohlwollen, während Prüfungskandidaten möglichst
unaufgefordert aktiv werden. Dies jedoch widerspricht ihrem Verhalten
im Hochschulalltag, wo Dozenten im Mittelpunkt von Veranstaltungen
stehen und Studierende, zumindest in den großen Fächern deutscher
Universitäten, eher unbeobachtet in der Masse untergehen.

Krisenmanagement

Damit begeben sich Studierende in eine Situation, die sie im Laufe
ihres Studiums selten bis nie trainiert haben und deren Anforderungen
sie oft nicht kennen; Krisen sind vorprogrammiert. Unter dem Druck der
Benotung und der Gegenabhängigkeit der Prüfer von den Leistungen ihrer
Kandidaten können sie kaum ohne Imageverletzungen beider Beteiligten
bewältigt werden. Basierend auf diesen Beobachtungen leitet Dr. Meer
konkrete Veränderungs- und Betreuungsvorschläge ab, mit dem
didaktischen Ziel, Krisen in mündlichen Prüfungen möglichst von
vornherein zu vermeiden. Dabei hilft eine bessere Betreuung
Studierender bereits während des Hauptstudiums, um neben den
fachlichen auch die interaktionellen Anforderungen der
Prüfungssituation zu vermitteln. Darüber hinaus entwirft Dr. Meer in
ihrer Dissertation konkrete kommunikative Strategien für beide Seiten:
Krisen lassen sich verhindern, wenn z.B. Prüfende ihr eigenes Wissen
nur dort einsetzen, wo es unbedingt notwendig ist, wenn sie
Eigeninitiativen der Kandidaten unterstützen und konfrontative
Passagen im Gespräch mit kooperativen abwechseln - wer durchgängig den
"advocatus diaboli" spielt, belastet Prüfungskandidaten zusätzlich und
kann so das eigene Image schädigen. Ebenso tragen anhaltende Monologe
der Prüfer bei Wissensdefiziten der Kandidaten kaum zur Rettung der
Situation bei; in diesem Fall ist eher eine Senkung der Anforderungen
oder eine Verlagerung des Gesprächs-Fokus hilfreich.

Wissen und konkrete Abläufe

Mit ihrer Dissertation leistet Dr. Meer einen Beitrag, das bisher
mangelnde Wissen um die konkreten Abläufe und Abhängigkeiten in
mündlichen Prüfungen auf empirischer Grundlage zu erweitern. Die
Untersuchung dieser besonderen Gesprächssituation zeigt als Tenor, daß
die Handlungsmöglichkeiten der beteiligten Personen an den Grenzen der
jeweiligen Institution enden. An der Hochschule werden diese sowohl
durch die Standards wissenschaftlichen Sprechens und Denkens als auch
durch die jeweils unterschiedlichen Formen des eigenen Imageschutzes
markiert.

Titelaufnahme

Dr. Dorothee Meer: "Der Prüfer ist nicht der König - Mündliche
Abschlußprüfungen in der Hochschule", Max Niemeyer Verlag, Tübingen
1998, ISBN 3-484-31202-5, ISSN 0344-6778 (DM 108,-).

Weitere Information

Dr. Dorothee Meer, Joachimstr. 19, 44789 Bochum, Tel. 0234/3251020

Prof. Dr. Wolfgang Boettcher, Fakultät für Philologie, Lehrstuhl für
Didaktik der Linguistik, Tel.: 0234/700-5835, Fax: 0234/7094-254



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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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