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Forscherforum menschliche Siedlungen



Bochum, 10.07.1998
Nr. 149

Bochumer Wissenschaftler zum Vize-Präsidenten gewählt
Revitalisierung der Städte durch Innovationspartnerschaften
Weltweites Forscherforum über menschliche Siedlungen gegründet


Innovationspartnerschaften zur Revitalisierung unserer Städte haben
240 Wissenschaftler aus 71 Ländern empfohlen, die am 8. Juli 1998 an
historischer Stätte, im Genfer Palast der Nationen, das "Forscherforum
über menschliche Siedlungen" gegründet haben. Das Forscherforum
arbeitet eng mit verschiedenen Behörden der Vereinten Nationen, der
Weltbank, der Europäischen Union und bilateralen
Entwicklungshilfeorganisationen zusammen. Zum Präsidenten wurde der
Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Dakar
(Senegal), Prof. Moustafa Kassé, gewählt; die Vizepräsidenten sind die
Architekturprofessorin Martha Schteingart aus Mexico-City und Dr.
Volker Eichener, Geschäftsführer des Instituts für Wohnungswesen,
Immobilienwirtschaft, Stadt- und Re-gionalentwicklung (InWIS) an der
Ruhr-Universität Bochum (RUB).

Im Teufelskreis von wachsendem Sozialaufwand und sinkendem
Steueraufkommen

Seit 12.000 Jahren, als in Kleinasien die ersten Städte gegründet
wurden, sind die Städte die Zentren der Zivilisation - der
wirtschaftlichen, der politischen und der kulturellen Entwicklung.
Noch nie ist die Urbanisierung so rasch vorangeschritten wie im 20.
Jahrhundert. Heute lebt erstmals in der Geschichte der Menschheit
weltweit mehr als die Hälfte der Menschen in Städten. Auf dem
Höhepunkt ihres Erfolgs angekommen, ist die Stadt jedoch gefährdet.
Überall auf der Welt konzentrieren sich in den Städten Probleme von
Armut, Arbeitslosigkeit, Zerfall von Familien, Vandalismus und
Kriminalität, während die einkommensstärkeren Bevölkerungsschichten
die Städte verlassen und in die Vororte ziehen. Für die Kernstädte
ergibt sich ein Teufelskreis aus wachsendem Sozialaufwand und
sinkendem Steueraufkommen.

Soziale Kontrolle bricht zusammen

Besonders problematisch ist die Ghettobildung, die sich in vielen
Innenstädten, zunehmend aber auch in den Hochhaussiedlungen an den
Stadträndern abzeichnet. Hier finden sich auch in deutschen Städten
hohe Konzentrationen von Einwanderern, aber auch von sozial schwachen
einheimischen Bevölkerungsgruppen. Überschreitet die Konzentration von
Problemgruppen einen bestimmten Anteil, ziehen andere Bewohner aus,
und die Wohnungsämter weisen weitere Problemfamilien ein. An einem
bestimmten Punkt bricht die soziale Kontrolle der Nachbarschaft
zusammen; arbeitslose Jugendliche bilden Banden, Kinder werden
kriminell, und Gruppen von Neonazis bilden sich, um gegen die
Ausländer Front zu machen. Die Krimi-na-litätsstatistik, die einen
besonders hohen Anstieg der Kinder- und Jugendkriminalität
verzeichnet, ist nur eines der Alarmzeichen, daß uns auch in
Deutschland eine "Amerikanisierung der Verhältnisse" droht.

UNO-Habitat-Agenda als Leitlinie

Die Forscher, die sich aus allen Kontinenten zu ihrer Genfer Konferenz
zusammenfanden, stellten eine Konvergenz der Probleme, aber auch eine
Konvergenz der Lösungsansätze fest. Sie haben sich zum Ziel gesetzt,
weltweit nach vorbildlichen Lösungsmodellen zu forschen und in der
Politikberatung aktiv zu werden. Leitlinie ist dabei die
Habitat-Agenda, die von der Konferenz der Vereinten Nationen über
menschliche Siedlungen vor zwei Jahren in Istanbul verabschiedet
worden ist.

Innovationspartnerschaften gefordert

Den Schlüssel zur Lösung der städtischen Probleme sehen die Forscher
in Innovationspartnerschaften, die von staatlichen Behörden, den
Kommunen, Nichtregierungsorganisationen und privatwirtschaftlichen
Unternehmen eingegangen werden. So berichtete Dr. Eichener etwa von
erfolgreichen Partnerschaften aus Hamburger Problemsiedlungen, wo
Wohnungsunternehmen zusammen mit städtischen Behörden,
Kirchengemeinden, Sportvereinen und anderen Partnern
Nachbarschaftsvereine gegründet haben, die Sozialarbeiter
beschäftigen, Jugendarbeit anbieten und Beschäftigungspro-jekte
betreiben. Besonderer Wert wird dabei auf die Aktivierung von
Selbst-hilfepotentialen in der Nachbarschaft gelegt, etwa durch
gemeinsame Aktionen zur Wohnumfeldverbesserung. Die Deutschen können
wiederum von den nordamerikanischen Erfolgen bei der
Kriminalitätsbekämpfung lernen. Unter der Überschrift "community
policing" wird dort Polizeiarbeit mit Sozialarbeit verknüpft, um die
sozialen Ursachen von Kriminalität anzugehen. Auch in den USA werden
in den Problemquartieren Nachbarschaftsorga-nisationen gegründet, um
Selbsthilfe und soziale Kontrolle anzuregen.

Kommunen stehlen sich aus der Verantwortung

Gefordert ist aber auch die Wohnungspolitik. Durch auslaufende
Bindungen wird sich der Bestand an belegungsgebundenen Sozialwohnungen
in den nächsten zehn Jahren halbieren. Gleichzeitig haben die
Wohnungsämter immer mehr Problemgruppen zu versorgen, so daß eine
zunehmende Konzentration auf bestimmte Wohnungsbestände
vorprogrammiert ist. Zugleich stehlen sich die Kommunen aus ihrer
Verantwortung, indem sie ihre kommunalen Wohnungsunternehmen
verkaufen, um die Haushalte vorübergehend zu sanieren. Diese
Entwicklung halten die Forscher für bedenklich.

Problemgruppen anders versorgen

Sie empfehlen stattdessen, auch den nicht belegungsgebundenen
Wohnungs-bestand stärker zur Versorgung von Problemgruppen
heranzuziehen, etwa indem die Stadt Kooperationsvereinbarungen mit den
Vermietern abschließt und die Übernahme von etwaigen Mietausfällen und
Instand-setzungskosten garantiert. Dies erfordert, daß
Sozialhilfemittel vom Wohnungsamt zur Prävention von Wohnungslosigkeit
eingesetzt werden dürfen, wie dies etwa in Köln mit großem Erfolg
praktiziert wird.

Geist der Kooperation zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand
notwendig

Vizepräsident Dr. Eichener: "Wenn der Sozialstaat finanziell
überfordert ist und seine Leistungsfähigkeit einbüßt, müssen wir
Partnerschaften bilden, um vorhandene Ressourcen zusammenzuführen und
neue Ressourcen zu mobilisieren. Dazu werden einerseits intelligente
Organisationsmodelle benötigt, andererseits aber auch ein Geist der
Kooperation, um zu einer Verständigung zwischen verschiedenen Behörden
und zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft zu kommen."

Forum: Nahtstelle von Wissenschaft und Praxis

Solche Modelle aufzuspüren, systematisch auszuwerten und für die
Praxis aufzubereiten, hat sich das Forscherforum zum Ziel gesetzt.
Damit wäre das Forscherforum über menschliche Siedlungen das erste
internationale Forschungsnetzwerk im Bereich Wohnungswesen und
Stadtentwicklung, das nicht rein akademisch orientiert ist, sondern an
der Nahtstelle von Wissenschaft und Praxis arbeitet. Die Politik hat
die Aktivitäten des Netzwerks bereits anerkennend begrüßt. Der
stellvertretende Generalsekretär der Vereinten Nationen und Direktor
der Weltentwicklungsorganisation UNDP (United Nations Development
Program), Wally N'Dow, bezeichnete das Forscherforum in seiner
Begrüßungsansprache als eine "wundervolle Initiative".

Weitere Informationen

Dr. Volker Eichener, InWIS / Institut für Wohnungswesen,
Immobilien-wirt-schaft, Stadt- und Regionalentwicklung GmbH an der
Ruhr-Universität Bochum, Springorumallee 20, 44795 Bochum, Tel.
0234/9447-700, Fax: 0234/9447-777, email: INWIS@t-online.de (InWIS)





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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

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http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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