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Wasserwirtschaft in W(w)uesten-Laendern



Bochum, 14.10.1997
Nr. 190

Eindrucksvolle Auslandserfahrung für Studenten
GTZ fördert Wasserwirtschafts-Projekt an der Ruhr-Uni
Diplomarbeiten im Fachverbund von Bauingenieuren und Soziologen


Sechs eindrucksvolle Wochen erlebten drei Bochumer Studenten in
Nahost: Unterstützt von Arabisch-Dolmetschern und der Landessitte
gemäß gekleidet (was vor allem die Studentinnen angeht) befragten die
jungen Wissenschaftler  im Auftrag der GTZ (Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit) städtische Bewohner im  Jemen, in Ägypten
und in Jordanien zur Wasserwirtschaft. Die Bauingenieurstudenten
Sabine Brinkmann und Stefan Hoffmann sowie die Soziologiestudentin
Sylvia Schweitzer hatten den Auftrag, die Sozialverträglichkeit von
Tarifen in der Wasserver- und Entsorgung zu untersuchen. Ihre
Ergebnisse verarbeiteten sie in Berichten für die GTZ und  in ihren
Diplomarbeiten. Das Projekt wurde fächerübergreifend betreut, bei den
Bauingenieuren von Prof. Dr.-Ing. Hermann Orth
(Siedlungswasserwirtschaft und Umwelttechnik) und bei den
Sozialwissenschaftlern von Prof. Dr. Jürgen Wolff (Soziologie der
Entwicklungsländer).

Teueres Wasser für Alexandria

Ökologiebewußte Einwohner eines westlichen Industrielandes wären
entsetzt: Betriebe der Seifen-und Phosphatindustrie, der Eisen-,
Kohle- und Zementindustrie, Zuckerraffinerien und Pestizidfabriken
leiten ihre Abwässer ungeklärt in den Nil. Für Alexandria, das an der
Mündung des Nils liegt, bedeutet dies, daß seine einzige
Trinkwasserquelle ungenießbar ist. Alexandrias Behörden ließen
deshalb teure Trinkwasserkanäle bauen, die schon weit flußaufwärts
`besseres' Wasser abzweigen. Wie Sabine Brinkmann in ihrer
Diplomarbeit erklärt, konnte der Staat vor allem mit reichlicher
Entwicklungshilfe ein befriedigendes Versorgungsnetz aufbauen. Und
doch ist der Wasserpreis  hoch. Fast  4 %  seines Einkommens gibt der
durchschnittliche Verbraucher fürs Trinkwasser aus. Maximal  3 %
hält die Weltbank noch für vertretbar. Zum Vergleich: Die
`wasserreichen' Deutschen müssen nur  1 %  aufbringen. Sicher ließen
sich mit weiterer Entwicklungshilfe auch die Wasserverluste im Netz
und damit auch die Tarife senken. Sabine Brinkmann fragt sich
allerdings, auch angesichts einer respektablen Investruine, ob die
Hilfe nicht besser etwa in Sana'a im Jemen ausgegeben würde, wo sich
70 %  der Bevölkerung noch  mit Wasser aus dem Tankwagen versorgen
muß.

Mangelhafte Abwasserreinigung in Jordanien

Geringe Niederschläge in weiten Teilen von Jordanien, starke
Ressourcenknappheit und ein hohes Bevölkerungswachstum gebieten es,
schon gebrauchtes Wasser möglichst wiederzuverwerten. Etwa  90 % der
behandelten Abwässer werden deshalb in der Landwirtschaft oder in
der Industrie wieder eingesetzt. Doch die Abwasserbehandlung in
Amman hat ihre Tücken: Täglich liefern 1.200 Saugwagen den
Faulschlamm aus privaten und industriellen Gruben in der
Abwasservorbehandlungsanlage an. Schlecht funktionierende Sandfänge
und Auslastungen von mehr als der doppelten Kapazität lassen nicht
nur das Problem zum Himmel stinken, sondern  verringern auch
drastisch die Qualität des  -  wiederzuverwendenden  -  Abwassers.
Ein weiteres Problem sind die Niederschläge, die durch illegale
Grundstücks- und Dachentwässerungen in die Kanalisation eindringen:
Bei Regenwetter werden die Straßen überschwemmt von Abwässern, deren
Rückstände auch gesundheitlich bedenklich sind.  Wie Stephan
Hoffmann in seiner Diplomarbeit erläutert sind die Belastungen für
die Abwasserentsorgung der einkommensschwachen Familien am größten.
Absolut gesehen liegen sie in Jordanien jedoch auf niedrigem Niveau.
Und was die Zufriedenheit mit der Wasserentsorgung angeht, so hat
auch hier alles zwei Seiten: Ein Hausbesitzer beklagte sich, daß mit
dem Wegfall seiner Sickergrube auch sein Zitronenbaum einging ...


Faustrecht im Jemen

Der Jemen steht vor einer dramatischen Wasserknappheit. Da
Oberflächenwasser kaum vorhanden ist, greifen die Jemeniten fast
ausschließlich auf Grundwasser zurück. Weil das Grundwasser jedoch
bis zu 400 % übergenutzt wird, sinkt der Grundwasserspiegel jährlich
um 5 bis 10 m. Bei gleichbleibender Ausbeutung werden die Vorräte im
Sana'a Becken daher in 15 Jahren erschöpft sein. Wie Sylvia
Schweitzer in ihrer Diplomarbeit erklärt, ist die bisherige
Wassertarifpolitik an dem Dilemma nicht unschuldig: Preiswerte
Tarife für die Landwirtschaft, die  93 % des Wassers verbraucht,
laden dort nicht zum Sparen ein. Eine korrupte und
ineffizienteVerwaltung, fehlende oder funktionslose Wasserzähler und
enorme Wasserverluste durch undichte Leitungen bewirken, daß nur  40
% der produzierten Wassermenge auch tatsächlich bezahlt wird. Während
die einkommensschwachen Haushalte meist zahlen, gelingt es den
Bessergestellten in einigen Fällen, sich durch bewaffnetes Personal
der Gebühreneintreibung  zu widersetzen. Die jemenitische Regierung
fühlt sich denn auch, mit einem Blick auf das Wahlvolk, der
Sozialverträglichkeit der Tarife verpflichtet. So hebt sie die Tarife
nicht auf ein kostendeckendes Niveau an. Gleichzeitg sieht sie sich
aber auch einem Zielkonflikt vieler Entwicklungsländer ausgesetzt:
Die sozialverträgliche Hilfe für untere Einkommensschichten regt auch
diese nicht zum Wassersparen an.

Weitere Informationen

Zum Projekt ,Untersuchungen zur Sozialverträglichkeit von Tarifen in
der Wasserversorgungswirtschaft in Entwicklungsländern am Beispiel
von: Jemen, Jordanien (Amman) und Ägypten (Alexandria)" bei der
Fakultät für Bauingenieurwesen über Prof. Dr.-Ing. Hermann Orth, Tel.
0234 / 700-5891  und bei der Fakultät für Sozialwissenschaft über
Prof. Dr. Jürgen Wolff, Tel. 0234 / 700-5411.


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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