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Dichtung und Interpretation



Bochum, 07.07.1997
Nr. 136

,Was will uns der Dichter damit sagen?"
Interpretation: Zuviel oder zuwenig an Wissenschaft?
RUB-Philosoph mit Publikation über ,Kritik der Interpretation"


Generationen von Schülern - und vor ihnen ihre Lehrer als sie noch
Schüler waren - wurden mit der Frage gequält ,Was will uns der Dichter
damit sagen?" Manchem wurde mit ihr der Spaß an der Literatur
vermiest. Was aber leistet Interpretation? Gibt es sie überhaupt?
Welche Traditionen und ,Feindbilder" liegen ihr zugrunde? Ordnung in
diese unübersichtliche Situation bringt erstmals die unlängst
publizierte Dissertation des Bochumer Philosophen Dr. Axel von Spree
,Kritik der Interpretation". 

Die Frage nach dem "tieferen Sinn"

Nicht nur in der Schule, auch bei den Germanisten an der Universität
steht das Interpretieren literarischer Texte nach wie vor im
Mittelpunkt des Interesses. Immer noch müssen Schüler Fragen nach
der ,eigentlichen Bedeutung" oder dem ,tieferen Sinn" von Gedichten,
Theaterstücken und Romanen beantworten, und immer noch arbeiten
Literaturwissenschaftler an der theoretischen und methodischen
Fundierung von interpretativen Verfahren, mit denen Antworten auf
solche Fragen gefunden werden sollen. Zwar wurden diese Verfahren
durchaus weiter entwickelt - die bei vielen Schülern so gefürchtete
Frage ,Was will uns der Dichter damit sagen?" ist heute nur noch
selten zu hören -, das eigentliche Anliegen, die Interpretation
literarischer Texte, blieb aber unverändert. 

"Rache des Intellekts an der Kunst"?

Dabei wird die Interpretation schon seit den frühen sechziger Jahren
massiv kritisiert und in ihrem zentralen Stellenwert für die
Literaturwissenschaft in Frage gestellt. Susan Sontag bezeichnete die
Interpretation schon 1964 als ,Rache des Intellekts an der Kunst",
die 68er-Generation sah in ihr den repressiven Ausdruck des
bürgerlichen Bildungsideals, und Hans Magnus Enzensberger rief zur
Befreiung der Schüler von der ,Zwangsarbeit der
Gedichtinterpretation" auf. In den siebziger und achtziger Jahren
traten dann auch umfangreiche literaturtheoretische Programme, wie
z.B. die Empirische Literaturwissenschaft, auf den Plan, die die
gängige Praxis der Interpretation als unwissenschaftlich oder
erkenntnistheoretisch naiv ablehnten und durch andere,
wissenschaftlich anspruchsvollere Verfahren ersetzen wollten. 

"Privatvergnügen von Germanisten"oder wahre Interpretation

Mit diesem literaturwissenschaftlich zentralen Problem der
Interpretation sowie vor allem mit der Forderung nach ihrer
Abschaffung befaßt sich die Dissertation Kritik der Interpretation
von Dr. Axel Spree, die von Prof. Dr. Werner Strube (Institut für
Philosophie der RUB) und Prof. Dr. Gerhard Plumpe (Germanistisches
Institut der RUB) betreut wurde. Spree geht von der bemerkenswerten
Tatsache aus, daß die Interpretation mit ganz unterschiedlichen
Begründungen kritisiert wurde: Für die einen, z.B. für Susan Sontag,
stellt sie den Versuch dar, sich der Kunst, die sich per
definitionem jedem wissenschaftlichen Zugriff entziehe, allein mit
wissenschaftlichen Mitteln zu nähern; die Interpretation ist demnach
durch ein ,Zuviel an Wissenschaft" gekennzeichnet. Für andere, z.B.
für die Empirische Literaturwissenschaft, ist die Interpretation gar
kein wissenschaftliches Verfahren, sondern ein bloß
subjektivistisches oder gar irrationalistisches Privatvergnügen der
Germanisten; die Interpretation leidet demnach im Gegenteil unter
einem ,Zuwenig an Wissenschaft". Wieder andere, z.B. die
Poststrukturalisten und Dekonstruktivisten, stellen den Anspruch der
Literaturwissenschaft, richtige oder gar wahre Interpretationen
anfertigen zu können, grundsätzlich in Frage und behaupten, es gebe
überhaupt nur falsche Interpretationen. 

Interpretation oder Textanalyse

Die Sache wird noch komplizierter durch das häufig übersehene Faktum,
daß es so etwas wie ,die" Interpretation eigentlich gar nicht gibt.
Auch unter interpretationskonservativen Literaturwissenschaftlern
herrscht ja keineswegs Einigkeit darüber, was genau unter diesem
Begriff zu verstehen ist, welche methodischen Schritte in einer
Textinterpretation zu tun sind, und mittels welcher Kriterien eine
Abgrenzung der Interpretation von anderen Verfahren
literaturwissenschaftlicher Textarbeit - etwa der Textanalyse -
vorgenommen werden kann. Zwar gibt es eine große Zahl von
Interpretationstheorien, jedoch widersprechen sich diese nicht selten
gerade in den zentralen Punkten; auch hat sich bisher keine dieser
Theorien gegenüber allen anderen durchzusetzen vermocht. Die
unterschiedlichen interpretationskritischen Ansätze sind denn auch an
verschiedenen Aspekten der Interpretation interessiert, oder anders
gesagt: sie wählen zum Gegenstand ihrer Kritik verschiedene
Feindbilder. Man kann sich vorstellen, daß die Kommunikation zwischen
interpretationskonservativen und interpretationskritischen Autoren
durch diese Unübersichtlichkeit erheblich erschwert, ja unmöglich
gemacht wird.

Von der ästhetischen zur erkenntnistheoretischen Fundierung

Sprees Arbeit versucht nun erstmalig, Ordnung in diese
unübersichtliche Situation zu bringen. Mit den Mitteln der
analytischen Philosophie werden drei Formen der
Interpretationskritik unterschieden und anhand der jeweiligen
Prämissen, der Argumentationsweise und der angebotenen Alternativen
zur Interpretation analysiert. Dabei zeigt sich, daß es auch so
etwas wie ,die" Kritik der Interpretation strenggenommen nicht gibt.
Man muß zumindest unterscheiden zwischen einer ,ästhetisch
fundierten Interpretationskritik" (für die das ästhetische Erlebnis
des Kunstwerks und nicht dessen Interpretation im Vordergrund
steht), einer ,wissenschaftstheoretisch fundierten
Interpretationskritik" (in der die Interpretation als
wissenschaftlich ungenügendes Verfahren kritisiert wird), und einer
,erkenntnistheoretisch fundierten Interpretationskritik" (in der
Interpretation als das vergebliche Bemühen um die Offenlegung des
einen wahren Textsinns angesehen wird). Aufgrund dieser Situation
kann eine pauschale Antwort auf die Frage, ob man denn nun
interpretieren solle oder nicht, nicht gegeben werden. In Sprees
Arbeit wird deshalb der Vorschlag gemacht, diese durchaus
unterschiedlichen und bisweilen sogar einander widersprechenden
Positionen nicht über einen Kamm zu scheren und pauschal zu
verdammen, sondern sich ,differentialistisch" auf die verschiedenen
Argumentationen einzulassen, um so zu einer gerechteren Bewertung
der interpretationskritischen Ansätze zu gelangen. Nur dann nämlich,
wenn der Blick nicht von vornherein durch die Annahme eindeutiger
und allgemeingültiger Auffassungen von ,Interpretation" und
,Interpretationskritik" verstellt ist, wird eine fruchtbare
Auseinandersetzung zwischen interpretationskritischen und
interpretationskonservativen Ansätzen überhaupt erst möglich. 

Prämierte Arbeit

Die Arbeit wurde durch ein Promotionsstipendium im Rahmen der
Graduiertenförderung des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert und
1995 mit dem Wilhelm-Hollenberg-Preis der RUB ausgezeichnet. Axel von


Titelaufnahme:

Spree: Kritik der Interpretation. Analytische Untersuchungen zu
interpretationskritischen Literaturtheorien (Explicatio: Analytische
Studien zu Literatur und Literaturwissenschaft, hrsg. von Harald
Fricke und Gottfried Gabriel), Paderborn/München/Wien/Zürich:
Schöningh 1995.



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Mit freundlichen Gruessen 

Dr. Josef Koenig 
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum 
- Pressestelle - 
44780 Bochum 
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de 

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