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Publikation: 100 Jahre Kino in China



Bochum, 30.01.1997
Nr. 27

Seit die Bilder im Reich der Mitte laufen lernten
,Schattenbilder" zwischen Kunst und Propaganda 
Chinesisches Kino von den Anfaengen bis zur Gegenwart


Einen detaillierten UEberblick ueber die Entwicklungen des
chinesischen Kinos von den Anfaengen bis zur Gegenwart gibt das
kuerzlich erschienene Buch ,Schattenbilder" des Bochumer Sinologen
Dr. Stefan Kramer. 

Kino - aktive Begleiter und Opfer der Geschichte

Im Vordergrund der von Prof. Dr. Helmut Martin (Sprache und
Literatur Chinas, Fakultaet fuer Ostasienwissenschaften der RUB)
betreuten Dissertation von Dr. Kramer stehen die engen Verbindungen
zwischen dem Filmmedium und den historischen und gesellschaftlichen
Bedingungen, unter denen die Einzelprodukte entstanden sind. Dabei
stellt sich heraus, dass der Film in seiner jeweiligen
kuenstlerischen bzw. propagandistischen Stilisierung sowohl ein
lebendiger Dokumentarist der Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert als
auch deren aktiver Begleiter und zeitweiliges Opfer ist. In den
Werken der Filmemacher aus der Fuenften Generation, von denen
insbesondere die auf Festivals ausgezeichneten und international
bekannt gewordenen Filme eingehend untersucht werden, spiegeln sich -
jeweils demonstrativ am Beispiel des Schicksals von Individuen, die
in China nach wie vor nur in ihrer sozialen Funktion eine Bedeutung
haben - die historischen und geistesgeschichtlichen Entwicklungen
Chinas genauso wider wie seine Probleme und Erfolge beim
Transformationsprozess von der traditionellen Gesellschaft zu einem
modernen Staat.

100 Jahre - vom Feudalismus zur Moderne

Das chinesische Kino blickt auf eine einhundertjaehrige Geschichte
zurueck. Nach seiner Einfuehrung vor chinesischem Publikum im Jahre
1896 durch Kameraleute der franzoesischen Filmpioniere Louis und
Auguste Lumière wurde der Film zu einem bedeutenden Dokumentaristen
und Begleiter der wechselhaften Entwicklung Chinas von einem feudal
regierten, semi-kolonial besetzten Land ueber die buergerliche
Befreiung und die anschliessende kommunistische Ideologisierung bis
hin zum rasanten Modernisierungsprozess der achtziger und neunziger
Jahre.

Im Spektrum chinesischer Kuenste

In den ersten Jahrzehnten seiner Entwicklung wurde das Medium
inhaltlich und formal durch die Pionierarbeit seiner technischen
Nutzbarmachung und die Suche nach einem Platz im Spektrum der
traditionellen chinesischen Kuenste bestimmt. Eine nennenswerte
Filmindustrie konnte sich allerdings erst mit den Aktivitaeten
europaeischer und insbesondere amerikanischer Produzenten und
Distribuenten entwickeln. Diese entdeckten die geoeffneten
chinesischen Grossstaedte wie Shanghai, Peking, Kanton als Markt
fuer ihre Leinwandprodukte, und machten gleichzeitig die exotischen
Landschaften und Staedte im Reich der Mitte zum Hintergrund
unzaehliger Filme, mit denen sie der Welle der Chinoiserie in der
westlichen Welt anschauliches Material lieferten.

Waffe gegen koloniale Fremdbestimmung

Seit den spaeten zwanziger Jahren begannen sich die politischen und
gesellschaftlichen Veraenderungen infolge der Vierte-Mai-Bewegung
1919 auf den Film auszuwirken. Liberale und linksgerichtete
politische Aktivisten und Kuenstler knuepften an die vielfaeltige
'Vierte-Mai-Litertur' an und schufen innovative Filmgenres mit
sozialen und nationalen Motiven. So entwickelte sich der Film zu
einer Waffe im Kampf gegen koloniale Fremdbestimmung und soziale
Ungerechtigkeit. Das Kino unabhaengiger Filmkuenstler wie Cai
Chusheng, Fei Mu, Zheng Junli, Shi Dongshan, Wu Yonggang Sun Yu oder
Yuan Muzhi konnte in den dreissiger und vierziger Jahren durch seine
kuenstlerische Qualitaet und seine soziopolitische Bedeutung im
Wandlungsprozess die weltweite Aufmerksamkeit erreichen und den
chinesischen Film erstmals in die internationalen Filmgeschichten
bringen.

Mao und die Massenherrschaft

Die Massenwirksamkeit des Films entdeckten auch die Kommunisten fuer
sich, die 1949 die Macht in China uebernahmen und das Kino wie alle
anderen Kuenste auf seine didaktische Funktion im Klassenkampf
reduzierten. Unter der totalitaeren Herrschaft Maos wurde der Film
sowohl aus dem wirtschaftlichen Prozess wie auch aus seiner
kuenstlerischen Bestimmung 'befreit'. Bis in die siebziger Jahre
entstanden Tausende Filmwerke, die dem stalinistischen Sowjetkino
nacheiferten und dabei das einzige Ziel der Sicherung von Maos
Herrschaft und der Verbreitung seiner Ideologie verfolgten.

Den und die kommerzielle Vielfalt

Erst in der Reformperiode, die Deng Xiaoping in den achtziger Jahren
einleitete und dem Film durch seine erneute marktwirtschaftliche
Ausrichtung auch seine - kommerzielle - Vielfalt zurueck verlieh,
ergaben sich wieder allmaehlich Nischen fuer freies kuenstlerisches
Schaffen, die immer mehr Kuenstler ausnutzten, um ueber den Film die
erlebte Vergangenheit aufzuarbeiten und die eigene Weltsicht
kuenstlerisch kundzutun. Dabei entstanden vielfaeltige filmische
Formen die sowohl auf die eigenen Kunsttraditionen wie die
Landschaftsmalerei, das klassische chinesische Drama und
insbesondere die literarischen Konventionen zurueckgriffen, um diesen
zu neuem Glanz zu verhelfen, als auch westliche Filmansaetze wie
insbesondere das Realismusmodell des franzoesischen Filmtheoretikers
André Bazin zur Grundlage ihrer Werke machten. 

Zwischen Nostalgie und Bruch mit den Konverntionen

AEltere Regisseure wie Xie Jin, Xie Fei oder Wu Tianming
produzierten eine Vielzahl romantischer Melodramen, die angesichts
der Schrecken der juengsten Vergangenheit wie der unabsehbaren
Entwicklungen der Gegenwart nostalgisch auf eine imaginaere
Vergangenheit zurueckblicken und die Traditionen in sentimentalen
Bildern heraufbeschwoeren. Auf der anderen Seite wagten die juengeren
Filmemacher aus der Fuenften Generation, darunter die beruehmten
Regisseure Chen Kaige, Huang Jianxin, Tian Zhuangzhuang und Zhang
Yimou, konsequent den Bruch mit allen formalen und inhaltlichen
Konventionen, unter denen der Film in China sich bis dahin nicht
angemessen hatte weiterentwickeln koennen. Sie schufen eine subtile
Filmsprache, ueber die sie - in Metaphorik und Symbolen
verschluesselt - ihre Kritik an Geschichte und Gegenwart parabolisch
zum Ausdruck brachten und darueber hinaus nach realistischen
Loesungsmoeglichkeiten fuer die Zukunft suchten. Indem sie in ihren
opulenten Filmallegorien fuer eine Neudefinierung von Kultur und
gesellschaftlicher Identitaet plaedierten, folgten sie der
literarischen Stroemung der 'Suche nach den Wurzeln' und schufen
zugleich Vorbilder fuer aehnliche Entwicklungen des Filmwesens in
Taiwan und Hongkong. 

Besonderheiten in Taiwan und Honkong

In der Republik China auf Taiwan und der - noch - britischen
Kronkolonie Hongkong rezipieren Filmemacher wie Hou Hsiao-hsien,
Edward Yang, Ang Lee, Ann Hui, Yim Ho oder Wong Kar-wai ihre
Gesellschaft ebenfalls zusehends kritisch und haben dabei Filme
geschaffen, in denen sich die chinesischen Traditionen und die
Verbundenheit mit dem Mutterland genauso erkennen lassen wie die
unterschiedlichen Entwicklungen, die sie in einhundert Jahren
politischer Trennung von China durchgemacht haben. Erst seit wenigen
Jahren zeichnen sich in allen drei chinesischen Filmlaendern neue
Entwicklungen ab. Kuenstler der juengsten Generation haben sich
thematisch und formal von der Vergangenheit und Kulturkritik ab- und
den konkreten Bedingungen des Modernisierungsprozesses zugewendet
und dabei die Form des urbanen Realismus geschaffen, der sich eher am
Vorbild des Film Noir oder des italienischen Neorealismus orientiert
als an chinesischen Kunsttraditionen oder philosophischen Modellen.

Titelaufnahme

Stefan Kramer, ,Schattenbilder. Filmgeschichte Chinas und die
Avantgarde der achtziger und neunziger Jahre". Diss., edition cathay
Bd. 23, Projekt Verlag, Dortmund 1996. 44 DM (ISBN 3-928861-68-9)






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Mit freundlichen Gruessen 

Dr. Josef Koenig 
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum 
- Pressestelle - 
44780 Bochum 
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
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