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Ruhrgebiet - Starkes Stueck NRW



Bochum, 30.08.1996
Nr. 155

Ein starkes Stueck!
Politik im Ruhrgebiet zwischen 1946 und 1996
Historiker und Sozialwissenschaftler ueber den Wandel im Revier


Puenktlich zum 50. Geburtstag Nordrhein-Westfalens veroeffentlichten
Wissenschaftler der RUB eine Textsammlung ,Das Ruhrgebiet - Ein
starkes Stueck Nordrhein-Westfalen". Sie gibt einen UEberblick ueber
Politik im Ruhrgebiet von der Landesgruendung bis heute. 23 Autoren
aus der Region berichten ueber alte und neue soziale Milieus
zwischen Duisburg und Unna, politische Eliten und wirtschaftliche
Verlierer, aber auch ueber den Umweltschutz der fruehen Jahre und
die Kulturpolitik im Wandel der Zeiten. Herausgegeber der fast 600
Seiten sind Dr. Rainer Bovermann (Politische Wissenschaft, Fakultaet
fuer Sozialwissenschaft der RUB), Dr. Stefan Goch und Dr.
Heinz-Juergen Priamus (beide: Institut fuer Stadtgeschichte,
Gelsenkirchen und Lehrbeauftrage an der RUB).

,Ruhrfrage" im Zentrum der NRW-Gruendung

Den Alliierten war nach dem Zweiten Weltkrieg klar, dass dem
Ruhrgebiet mit seinen Grundstoffindustrien beim Wiederaufbau Europas
eine wichtige Rolle zukommen wuerde. Bei der Gruendung des Landes
NRW ging es vor allem um die ,Ruhrfrage", welche Rolle dieses
bedeutende Industriegebiet kuenftig spielen sollte. Neben den
rheinischen Bezirken Aachen und Koeln wurden im neuen Bundesland
alle Regierungsbezirke der ehemaligen preussischen Provinzen
Rheinland (Duesseldorf) und Westfalen (Muenster, Arnsberg, Detmold -
neugeschaffen aus Minden und Lippe ) zusammengefasst, die ins
Ruhrgebiet hineinreichen. Nach der Landesgruendung und den
Kommunalwahlen im Oktober 1946 konnte die erste Landesregierung und
die Gemeinden 1947 wieder selbstaendig aktiv werden. 

Vom ,Bindestrichland"  zum neuen sozialen Gebilde

Zahlreiche deutsche Politiker, Verwaltungsbeamte und Wissenschaftler
kritisierten damals die Entscheidung fuer ein ,Bindestrichland" ohne
historische Traditionen. Fritz Henssler, Vorsitzender des schon
damals gewichtigen SPD-Bezirks Westliches Westfalen, bezeichnete
Nordrhein Westfalen als ,ein uns aufgezwungenes Gebilde". UEberhaupt
war die SPD der Meinung, es sei ein Land entstanden, in dem die CDU
strukturell eine Mehrheit haben wuerde. Tatsaechlich konnte die SPD
erst 1966 die Dominanz der CDU brechen. Entscheidend dafuer war die
sogenannte ,Sozialdemokratisierung" des Ruhrgebietes in den 1950er
Jahren, der dann Wahlerfolge der SPD im Land folgten. Diese
Veraenderungen der ,politischen Landschaft" im
bevoelkerungsreichsten Bundesland wiederum waren die Grundlage fuer
die 1969 gebildete sozialliberale Koalition in Bonn.

Parteiengeschichten und die Signalwirkung auf Bonn/Berlin

In den Beitraegen zur Geschichte der Parteien im Ruhrgebiet arbeiten
die Autoren - mit Blick auf heutige Konstellationen - die
entscheidenen Wendepunkte heraus. Der Zustand der
sozialdemokratischen Partei im Ruhrgebiet laesst Rueckschluesse auf
die Gesamtbefindlichkeit der SPD in der Bundesrepublik zu. Die
Geschichte der CDU im Revier ist bisher noch nicht zusammenhaengend
analysiert worden, deshalb gibt es einige Forschungsdefizite
aufzuarbeiten. Die Veraenderungen im Parteiensystem dokumentiert das
schwierige und schlechte Verhaeltnis zwischen SPD und Gruenen.
Themen und Zielsetzungen der Gruenen kollidieren mit dem gewachsenen
Politikverstaendnis der SPD-Parteibasis im Revier, so dass kuenftige
Entscheidungen ueber Zusammenarbeit und Koalitionen zwischen Gruenen
und SPD im Ruhrgebiet vermutlich Signalcharakter fuer die
bundesweite Entwicklung haben werden.

Vom ,Bergarbeitermilieu" bis neuer Kultur

Unter ,Kontinuitaeten und Brueche" sind drei Beitraege ueber den
Wandel der ehemals bestimmenden Milieus des Ruhrgebietes -
Bergarbeiter, Katholiken und sozialistische Arbeiterbewegung -
zusammengefasst. ,Institutionelle Rahmenbedingungen" ist die
Klammer, mit der Beitraege ueber die Kommunalverfassung, den
Kommunalverband, das junge Ruhrbistum und die ,Mitbestimmung als
Institution" thematisch zusammengefasst sind. Weitere
Themenkomplexe, mit denen das Buch eine gelungene Struktur erhaelt,
sind ,Verbaende" und ,Eliten" sowie ,Wahlen und politische Kultur".

AEnderungen in Sozialraeumen

Der letzte Bereich - ,Politikfelder" - besticht aus aktueller
Perspektive: Klaus-Peter Strohmeier und Volker Kersting berichten
ueber das laufenden Projekt ,Sozialraum Ruhrgebiet". Die
Veraenderungen der Staedte durch Armut und die damit
zusammenhaengenden Phaenomene werden unter verschiedenen
Fragestellungen auf der Grundlage empirischer Daten analysiert.
Allein dass mehr als ein Drittel (37%) der Sozialhilfeempfaenger
Nordrhein-Westfalens im Ruhrgebiet lebt und dort vor allem in den
Staedten (25%), zeigt auf, wie sich das Leben veraendert hat und
weiter veraendern wird. Frueher konnten die gewachsenen Strukturen
einer proletarischen Wohnkultur in typischen Zechen- und
Werkskolonien des Ruhrgebietes Verelendungstendenzen zumindest ein
Stueck abschwaechen. Heute, wo sich eine neue Art von Urbanitaet
herausgebildet hat und familiaere und nachbarschaftliche
Solidaritaet laengst nicht mehr selbstverstaendlich sind, entstehen
neue kleinraeumige Sozialstrukturen, die den veraenderten
Bedingungen entsprechen. Der Charakter der Staedte und Stadtteile
veraendert sich in zunehmenden Masse. 

Der Weg zum ,Blauen Himmel ueber der Ruhr"

In Bayern oder Hamburg glauben vermutlich immer noch einige
Unverbesserliche, dass an Ruhr und Emscher die Briketts nur so durch
die Luft fliegen. Der Strukturwandel, die Stillegung von Zechen und
Kokereien und die Aufgabe von Eisen- und Stahlproduktionen haben
zwar keinen neuen Luftkurort geschaffen, aber die Umweltbelastung
weist im Vergleich zu anderen urbanen Zentren Europas wohl kaum noch
Besonderheiten auf. Wie sensibel die Menschen im Ruhrgebiet aber
bereits in den fuenfziger und sechziger Jahren auf die damals
wirklich extremen Emissionen reagierten, beschreibt Rainer Weichelt.
So titelte im Januar 1957 der Duisburger Generalanzeiger ,Gebt uns
reine Luft!". In Duisburg und anderen Staedten der Emscherzone
kaempften damals Buergerinitiativen um strengere technische Auflagen
fuer die Betriebe und wurden dabei oftmals von engagierten AErzten
unterstuetzt. 

,Wir-Gefuehl" im Ruhrgebiet

Ob es ueberhaupt ein Regionalbewusstsein der Menschen im Ruhrgebiet
gibt, darueber wird seit langem gestritten. Die Herausgeber bejahen
diese Frage, obwohl das Ruhrgebiet historisch betrachtet einen
geographisch-raeumlichen Teilausschnitt aus zwei groesseren, weitaus
aelteren Regionen, dem Rheinland und Westfalen bildet. Das
,Wir-Gefuehl" der Menschen im Ruhrgebiet ist zwar schwer zu fassen,
aber es koennen einige Indizien dafuer genannt werden. Eines davon
ist der Faktor Migration, die wieder oder immer noch laufende
Zuwanderung von Menschen aus unterschiedlichen Lebensraeumen ins
Ruhrgebiet. In der Vergangenheit hat dies zu einer Identitaet
gefuehrt, die vielleicht in erster Linie ausserhalb des Ruhrgebietes
wahrgenommen wird.

Titelaufnahme

Rainer Bovermann, Stefan Goch, Heinz-Juergen Priamus (Hg.). Das
Ruhrgebiet - Ein starkes Stueck Nordrhein-Westfalen. Politik in der
Region 1946-1996. Klartext Verlag Essen 1996. ISBN 3-88474-524-7.,
DM 48,-

Weitere Informationen

Dr. Rainer Bovermann, Ruhr-Universitaet Bochum, Fakultaet fuer
Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft I , 44780 Bochum, Tel.:
(02343) 700-2978 oder -2976, Fax.: (0234) 7094-508.



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Mit freundlichen Gruessen 

Dr. Josef Koenig 
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum 
- Pressestelle - 
44780 Bochum 
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@rz.ruhr-uni-bochum.de 

Schauen Sie doch bei uns mal rein: 
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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